Dante-Übersetzungen

Ab und zu erhält man erfreulich informative E-Mails, kürzlich beispielsweise von Boris Kalies. Es folgt ein längeres Zitat von Boris:

Unter den Übersetzungen die ich miteinander verglichen habe hat mir die von Karl Vossler am besten gefallen.Sie hebt sich deutlich von den anderen ab. Ohne italienisch zu können vermute ich mal, dass es sich um eine etwas freiere Übersetzung handelt, die anderen haben gewisse Gemeinsamkeiten im Vokabular, die hier nicht zu finden sind. Vielleicht haben die anderen Übersetzer auch einfach nur voneinander abgeschrieben, wer weiß….

Was mir an Vossler vor allem gefällt ist die Verständlichkeit und die intensivere Bildsprache. Verständlich deswegen, weil es sich flüssig lesen läßt ohne an antiquierten Formulierungen hängenzubleiben, wie bei mehreren der anderen Kandidaten.Und Bildsprache, nun, ein kleiner Vergleich:

Vossler:
Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe,
da mich ein dunkler Wald umfing und ich,
verirrt, den rechten Weg nicht wiederfand.

Gmelin:
Grad in der Mitte unsrer Lebensreise
Befand ich mich in einem dunklen Walde,
Weil ich den rechten Weg verloren hatte.

Bei Gmelin sind das alles nur recht einfache Aussagen, während Vossler wesentlich mehr Information in einen Vers packt und damit die meinem ästhetischem Empfinden nach schöneren Bilder erzeugt.

Bei Ida und Walther Wartburg, bei mir abgeschlagen auf Platz 2, heißt es:
Wohl in der Mitte unsres Lebensweges
geriet ich tief in einen dunklen Wald,
so daß vom graden Pfad ich verirrte.

Das ist etwas besser als Gmelin, aber reicht keinesfalls an Vossler heran. Mit den anderen Übersetzungen verhält es sich ähnlich, als Negativbeispiel möchte ich nur noch Friedrich Freiherr von Falkenhausen anführen:

Mittwegs auf unsres Lebens Reise fand
In finstren Waldes Nacht ich mich verschlagen,
Weil mir die Spur von graden Wege schwand.

Die anderen Übersetzungen die ich mir angesehen habe, König Johann von Sachsen und Wilhelm Hertz, sind da irgendwo mitten drin, jedenfalls nicht herausragend. Die Vossler-Übersetzung fand ich am besten, noch dazu gibt es die in einer wunderschönen dreibändigen Ausgabe bei der WBG.

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(5. Januar 2013)

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