Literaturpolitik

Es ist ein jahrhundertelanges Ritual, dass Schriftsteller sich abfällig über Literaturkritik(er) äußern. Wie wichtig ihnen gute Besprechungen entgegen aller Lippenbekenntnisse wirklich sind, zeigt ein Brief des jungen Thomas Mann, in dem er völlig ungeniert am 26.11. 1901 eine Buddenbrooks-Rezension bei seinem Freund Otto Grauthoff beauftragt:

Ein paar Winke noch, Buddenbrooks betreffend. Im Lootsen sowohl wie in den Neuesten betone, bitte, den deutschen Charakter des Buches. Als zwei echt deutsche Ingredienzen, die wenigsten sim II. Bande (der wohl überhaupt der bedeutendere sei) stark hervorträten, nenne Musik und Philosophie. Seine Meister, wenn schon von solchen die Rede sein müsse, habe der Verfasser freilich nicht in Deutschland. Für gewisse Partien des Buches sein Dickens, für andere seien die großen Russen zu nennen. Aber im ganzen Habitus (geistig, gesellschaftlich) und schon nach dem Gegenstande echt deutsch: schon im Verhältnis zwischen den Vätern und den Söhnen in den verschiedenen Generationen der Familie (Hanno zum Senator). Tadle ein wenig (wenn es Dir recht ist) die Hoffnungslosigkeit und Melancholie des Ausgangs. Eine gewisse nihilistische Neigung sei bei dem Verf. manchmal zu spüren. Aber das Positive und Starke an ihm sei sein Humor.

Der äußere Umfang sei etwas nicht ganz Bedeutungsloses, In der Zeit des „Überbrettls“ und der Fünf-Secunden-Lyrik sei es wenigstens ein Zeichen ungewöhnlicher künstlerischer Energie, ein solches Werk zu concipieren und zu Ende zu führen. Es sei dem Verf. gelungen, den epischen Ton vortrefflich festzuhalten. Die eminent epische Wirkung des Leitmotivs. Das Wagnerische in der Wirkung dieser wörtlichen Rückbeziehung über weite Strecken hin, im Wechsel der Generationen. Die Verbindung eines stark dramatischen Elementes mit dem epischen Dialog.

Damit genug! Mach Deine Sache recht gut und verschiebe sie nicht zu lange.

[Briefe I, S. 179f.]

Grauthoff hielt sich weitgehend an diese unbescheidenen Vorgaben, seine Rezension erschien in „Der Lotse“ (Jahrgang 2, 1902, S, 442ff).

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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