Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas

Kafka hasste seinen Vater und nahm zeitlebens seine Mahlzeiten mit der Familie ein. Er war höchst lärmempfindlich, klagte ständig eloquent darüber, und bewohnte viele Jahre lang ein Durchgangszimmer (!) in der elterlichen Wohnung, obwohl er sich dank seines Brotberufs jederzeit eine eigene ruhige Wohnung hätte leisten können. Oft fällt es schwer, Kafkas Verhalten verstehen.

Die Lebensgeschichte Kafkas zu schreiben, gehört sich zu den größeren Herausforderungen der Biographenzunft. Der in Berlin geborene und 1933 in die USA emigrierte Ernst Pawel wagte den Versuch und legte das Ergebnis 1984 vor: „The Nightmare of Reason. The Life of Franz Kafka“. Den Kennern sei es gleich gesagt: Neue Erkenntnisse sind in dem Buch nicht zu finden. Wer sich jedoch mit einer ausführlichen (500 eng bedruckte Seiten), in weiten Teilen soliden und gut lesbaren Biographie zufrieden gibt, wird nicht enttäuscht werden.

Der historische Kontext, der Freundeskreis, Prag (…) werden kompetent und prägnant beschrieben. Vergebens sucht man dagegen viele Klischees, etwa das des lebensfremden, blind durch das Leben stolpernden Dichters. Diese Einschätzung wird üblicherweise den Briefen und Tagebüchern entnommen, und Kafka hat sich selbst tatsächlich so beurteilt. Pawel stellt diesen zermürbenenden Selbstzweifeln eine objektive Sicht entgegen: Kafka leistete als Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt hervorragende Arbeit, bekam ausgezeichnete Zeugnisse, wurde regelmäßig befördert und mit immer wichtigeren Aufgaben betraut. Von praktischer Lebensunfähigkeit im Beruf also keine Spur.

Erfrischend auch Pawels mangelnde Ehrfurcht vor der akademischen Kafka Forschung. Abwegige Interpretation weist er zurück, hält sich lieber an das Werk als an von außen an den Text herangetragene Theorien. Allerdings geschieht dieses Zurückweisen mehr aus Instinkt denn als theoretischer Einsicht, was für das Buch insgesamt gilt. Die einzige Theorie, auf die Pawel (erfreulicherweise sehr selten) zurückgreift ist die Psychoanalyse, wenn es um Kafkas Familienkonstellation geht. Manchmal neigt Pawel auch zu wenig nachvollziehbaren Pauschalurteilen, was der Klappentext wohl mit dem Adjektiv „meinungsfreudig“ zu kaschieren versucht.

Fazit: „Das Leben Franz Kafkas“ ist ein gelungenes Beispiel für das angloamerikanische Genre der Biographie. Sie eignet sich nicht nur für Literaturinteressierte, die aus unbegreiflichen Gründen die Welt Kafkas noch nicht betreten haben, sondern lohnt die Lektüre auch für dezidierte Kafka-Leser.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie (rororo)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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