Hegel und die Sklaverei

…oder über die seltsamen Erklärungsansätze des Thomas Mießgang

(Literaturen 11/2001)

Es gibt einen intellektuellen Typus, der die einmal gelernten theoretischen Kategorien immer brav anwendet, egal wie unpassend oder anachronistisch sie bei nüchterner Betrachtung sind. Ist etwas erklärungsbedürftig, wird beispielsweise ein postmoderner Theoretiker aus seiner irrationalen Idylle gerissen und herbeizitiert. Darf es etwas Klassischeres sein, liegt auch Freud oder – wie in diesem Fall – Hegel nicht fern.

Mießgang schreibt eine Reportage über die ehemalige Sklaveninsel Gorée. Lobenswerterweise zitiert er einige wichtige Bücher zum Thema sowie den hier am 4. September empfohlenen Artikel von David Brion Davies. Doch sobald er das Vorgedachte verläßt und selbst zu denken anfängt, klingt das so:

Vielleicht kann man die Geschichte des internationalen Sklavenhandels als universalistische Großprojektion der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik verstehen: Wenn sich ein Muster in der Geschichte des Menschenraubs erkennen läßt, dann das eines unglücklichen, in sich entzweiten Bewusstseins, das sich nach der Synthetisierung sehnt. So [So?!; CK] entstanden gerade in jenen Nationen, deren Herren Millionen von Knechten produzieren, etwa in Großbritannien und den USA, Bewegungen, die die Sklaverei bekämpften und schließlich deren Abschaffung erzwingen konnten.

Um es mit Hegel zu sagen: es handelt sich um eine geschichtsteleologische Entwicklung hin zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein, „das sich seiner selbst als der Realität gewiß ist“, da es erkennt, „daß alle Wirklichkeit nichts anderes ist, als es.“ [S. 8]

So viel ontologischen Unsinn eines offenbar selbst sehr unglücklichen analytischen Bewusstseins, bedarf eigentlich keines Kommentars, ebensowenig die „Plattformen des Seins“ , die auf der armen Insel „aus Mangel an geografischer Ausdehnung übereinander geschichtet werden.“ (S. 10). Das sind die amüsanten Auswüchse einer intellektuellen Kultur, deren Vertreter bei komplexen Problemen immer sofort Hegel oder Freud einfallen, anstatt beispielsweise Frege oder Popper, von naturwissenschaftlichen Theorien ganz zu schweigen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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