Machiavelli: Der Fürst

Es gibt Bücher, die man zu kennen glaubt, ohne sie gelesen zu haben. Machiavellismus ist ein gängiger Terminus für skrupellose Machtpolitik, „Der Fürst“ wird gemeinhin als Beleg dafür angeführt. Nun zeichnen sich Klischees dadurch aus, dass sie einen wahren Kern besitzen, und so findet man viele Belege, die diese Interpretation stützen.

Man stößt aber ebenfalls auf konträre Aussagen, in denen Machiavelli ein idealistisches Herrscherbild zeichnet, und Gerechtigkeit einfordert. Die Rezeptionssituation erinnert an Nietzsche: Differenzierte Lektüre ist gefragt, nicht auf willkürliche Zitatensammlung gestützte Pauschalurteile.

Beeindruckend ist Machiavellis Sprache. Präzise Beschreibungen, logische Argumentation und treffende Metaphorik zeichnen seinen Stil aus. Faszinierend ist die analytische Schärfe seiner Analyse, aufschlussreich die Beobachtungen über menschliches Verhalten.

Aus geistesgeschichtlicher Perspektive interessant ist seine zweckrationale Methode. Sie zeigt einerseits, dass der gebetsmühlenhafte Vorwurf, die moderne Zweckrationalität sei ein Ergebnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts historisch falsch ist. Man könnte im Gegenteil argumentieren, dass die Aufklärer dieser Epoche bereits aus früheren „Fehlern“ lernten und methodische Rationalität mit einem progressiven Wertekanon verbanden. Andererseits ist „Der Fürst“ ein weiterer Beleg dafür, dass es oft sinnvoll ist, bei der politisch-ethischen Bewertung die methodisch-formale Ebene analytisch von den inhaltlichen Thesen zu trennen: Rationale, durch historische und politische Beobachtungen gestützte Analyse war zu Lebzeiten Machiavellis ausgesprochen progressiv: Die Gegenreformation stand ebenso noch bevor wie die irrationalen Exzesse der Hexenverfolgung.

Machiavelli: Der Fürst (Kröner)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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