Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste

Der letzte Roman der neuen Werkausgabe bei Wallstein, den ich noch nicht gelesen hatte. Wird also Zeit für Nachschub dort! Ursprünglich in zwölf Teilen 1885 in der Die Gartenlaube erschienen und ein Jahr später dann als Buch. Vergleichsweise kurz packt es unterschiedlichste Themen zusammen: Es ist ein Dorf-, Tourismus-, Seuchen- und Außenseiterroman. Raabe schafft es gleichzeitig, viel Handlung unterzubringen ohne aber einen klassischen Spannungsbogen zu verwenden. Es passiert viel, aber man bekommt bei der Lektüre den Eindruck, als ginge alles sehr gemächlich zu.

Ein Handlungstreiber ist der vorbestrafte Außenseiter Räkel, den das Harzer Bergdorf in eine Hütte außerhalb des Dorfes verbannte und dessen Frau am Flecktyphus stirbt. Er weigert sich einige Zeit, seine Gattin „ordentlich“ begraben zu lassen, was angesichts der Ansteckungsgefahr natürlich schnell geschehen sollte und die Behörden auf den Plan ruft. Der junge, nicht wohlgelittene Pfarrer dieses Bergdorfs und seine noch jüngere Schwester bekommen Besuch von einem wohlhabenden Studienkameraden, Baron und Professor, der letztlich erfolgreich Räkel rhetorisch umstimmt, sich dabei aber selbst ansteckt…

Selbstverständlich drängen sich einige Parallelen zur Coronazeit auf. Es gibt außerdem noch mehrere positiv gezeichnete Randfiguren, etwa den sozialdemokratischen Tischler (damals als politische Partei bekanntlich verboten), der beim Tischlern eines Sarges philosophisch wird oder eine verbitterte alte Pflegerin, die sich der Schwester des Pfarrers annimmt.

Kurz befürchtete ich ein happy ending, aber Raabe hat sich das zum Glück vom Verleger der Gartenlaube nicht einreden lassen, der mit einigen Änderungswünschen an ihn herantrat. Das Ende des gelungenen Romans ist traurig und offen.

Wilhelm Raabe: Unruhige Gäste. Ein Roman aus dem Säkulum (Wallstein)

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