Céline: Reise ans Ende der Nacht

2025 ist ein gutes Jahr, um einen der großen Misanthropie-Klassiker der Weltliteratur zu lesen, dachte ich mir. Zumal die erste Lektüre Jahrzehnte zurück liegt, und ich mich nur noch sehr blass daran erinnere. Außerdem gibt es seit 2003 eine viel gelobte „unzensierte“ Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel. Ein weiterer guter Grund, da mein Französisch leider zu schlecht für das Original ist.

1932 erschienen wird Reise ans Ende der Nacht bis heute als einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts anerkannt und landet nach wie vor auf literaturgeschichtlichen „Bestenlisten“, und zwar trotz der Nazi-Nähe seines Autors und seinen antisemitischen Ausfällen. Während sich James Joyce‘ Ulysses durch maximale narrative und strukturelle Komplexität seinen Rang erarbeitete (zur Notiz), wählt Céline einen konträren ästhetischen Ansatz: Er verwendet so durchgehende französische „Gassensprache“ wie kein französischer Autor vor ihm. Nicht nur in Dialogen, sondern durchgehend auch in Beschreibungen. Damit hat er die Sprache der Gosse in die Weltliteratur gebracht, was einer der Gründe für seine literaturgeschichtliche Bedeutung ist. Auch strukturell ist der Roman vergleichsweise schlicht, besteht er doch aus wenig verknüpften inhaltlichen Episoden. Er wurde deshalb auch von einigen in die Schublade des pikaresken Episodenromans gesteckt. Die Inhalte sind allerdings starker Tobak und zeigen die Menschheit von ihrer schlechtesten Seite. Das beginnt mit den Erlebnissen des Ferdinand Bardamu während des Ersten Weltkriegs, geht dann weiter mit einer bitterbösen Episode im kolonialen Afrika, bis der Protagonist dann in den reichen USA landet und die amerikanische Gesellschaft mit spitzer Feder geiselt. Zurück in Frankreich arbeitet Ferdinand dann als Armenarzt und zeichnet auch hier ein Bild der ökonomischen und moralischen Verwahrlosung. Keine „edlen Armen“, wie man sie so gerne in sozialkritischer Literatur findet, weit und breit. Dafür jede Menge Gier, Geilheit und Bosheit sowie scharfe Beobachtungen, was Armut und Ungleichheit mit Menschen macht:

Der Arme hat auf dieser Welt zwei hauptsächliche Möglichkeiten zum Verrecken, entweder durch die völlige Gleichgültigkeit von seinesgleichen zu Friedenszeiten, oder durch die Mordlust derselben im Kriege.

Das Dasein entstellt einen und zerknautscht einem das Gesicht (…) Die Armen sind angeschissen. Das Elend ist riesig, es nimmt dein Gesicht her und wischt damit den Dreck der Welt auf wie mit einem Putzlumpen. Da bleibt was hängen.

Die geschilderten Erlebnisse sind alle autobiographisch inspiriert. Céline hat den Ersten Weltkrieg erlebt, war im kolonialen Afrika unterwegs und hat auch als Armenarzt gearbeitet.

Das Fazit meiner Lektüre ist zwiespältig. Die literaturgeschichtliche Bedeutung und die Rezeption des Romans nicht nur durch die Existentialisten, sondern auch durch die amerikanische Nachkriegsgeneration macht sie geistesgeschichtlich interessant. Der schonungslose Blick auf die Abgründe des menschlichen Charakters könnte im Jahr 2025 tatsächlich nicht treffender sein. Um das zu erkennen, reichen aber die Lektüre des ersten Viertels dieses langen Textes. Die fehlende strukturelle Komplexität und der Gossenjargon reicht nicht für die knapp 700 Seiten der deutschen Ausgabe. Da würde ich im Zweifelsfall immer das herausfordernde und abwechslungsreiche intellektuelle Abenteuer eines Ulysses vorziehen.

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