Aufmerksam werde ich auf das Buch, weil es die New York Times als eines der besten hundert Bücher des Jahres 2025 kategorisiert. Als jemand, der die Menschheit gerne als „bösartige Affenart“ bezeichnet, habe ich es mir natürlich gleich gekauft. Erwartet hatte ich eine anthropologische Abrechnung mit der Menschheit. Bekommen habe ich den langen Essay einer Primatologin, die viele Argumente und Belege dafür zusammenträgt, dass sich die Menschen im Vergleich mit anderen Tiergattungen völlig zu Unrecht einen herausgehobenen Platz einräumen. Samt ausführlicher (kultur-)historischer und ideologischer Herleitung dieser arroganten Weltanschauung. Erwähnt werden sollte noch, dass der Text viele autobiografische Elemente enthält. Das mag die Lesbarkeit und die gefühlte Authentizität des Buches fördern, ist aber für das Thema eigentlich überflüssig.
Webb zerlegt also systematisch den Anthropozentrismus zu dem sowohl die Weltreligionen als auch die Wissenschaft signifikante Beiträge leisteten. Vom christlichen „Macht euch die Erde untertan“ bis hin zu den Behavioristen, die in Tieren nur biologische Maschinen sahen statt Individuen mit eigenen Rechten. Nebenbei gibt es hier einige interessante Einblicke in den Wissenschaftsbetrieb.
Zusätzlich zu dieser historischen Perspektive bekommen wir viele konkrete Gegenbeispiele aus dem Tier- und Pflanzenreich präsentiert, welche die Sonderrolle unserer Affenart widerlegen. Schließlich bringt Webb diverse Gegenbeispiele für eine nicht-arroganten Weltanschauung, etwa bestimmter indigener Völker.
Soweit, so gut. Die zweckoptimistische Schlußfolgerungen der Autorin, dass man davon ableiten könne, es gäbe das Potenzial zu einer Verhaltens- und Einstellungsänderung, kann ich aufgrund meiner historischen Kenntnisse und persönlichen Erfahrungen aber nicht teilen. Es sieht ja im Gegenteil danach aus, dass die Menschheit immer schneller auf apokalyptische Verhältnisse zuläuft, weil vieles des Beschriebenen vermutlich „hardcoded“ ist. Wir bremsen nicht nur nicht. Wir beschleunigen noch.
Das Buch ist am besten, wenn Webb nahe an ihrem Fachgebiet bleibt und Tierbeispiele bringt. Je weiter sie sich davon weg bewegt, desto öfter stößt man auf bereits Bekanntes. Positiv formuliert versucht sie eine Synthese zum Thema. Negativ formuliert könnte man ihr mangelnde Originalität vorwerfen.
Christine Webb: The Arrogant Ape: The Myth of Human Exceptionalism and Why It Matters (Audible)