Wenige Autoren haben mich als junger Mensch mehr geprägt als Heinrich Böll – sowie einige seiner Kollegen der Gruppe 47. Schon vor dem Abitur hatte ich jede publizierte Zeile von ihm gelesen. Später wurde mir seine Literatur dann, sagen wir, etwas zu bieder, und ich las ihn nur noch sporadisch.
Als Vorbereitung für die neue Theaterfassung am Burgtheater heute Abend ziehe ich also meine Werkausgabe aus dem Regal und beginne nach Jahrzehnten zum dritten Mal Die verlorene Ehre der Katharina Blum aus dem Jahr 1974 zu lesen. Die erste Überraschung: Bölls ironisch-distanzierter Berichtsstil liest sich ausgezeichnet und völlig unverstaubt. Keine Überraschung dagegen ist die Aktualität des Themas. Auch nach 50 Jahren kann unser Boulevarddreck immer noch Existenzen zerstören. Freilich geht das via Social Media heutzutage noch effektiver. Es stimmt jedenfalls nicht optimistisch, dass wir auch nach einem halben Jahrhundert immer noch kein wirksames Gegenmittel dafür haben.
Während ich mich an die Rachegeschichte noch gut erinnern konnte, hatte ich ein wichtiges Detail entweder vergessen oder es war mir bei den letzten Lektüren nicht aufgefallen. Böll, damals der prototypische alte weiße Mann, geht in der Erzählung sehr ausführlich und immer wieder auf das Thema sexuelle Belästigung ein. Katharina wird von Männern aller Art belästigt. Bei der Arbeit, in ihrem Privatleben. Nachdem sie dann von der ZEITUNG verleumdet wird, kommen noch die medial induzierten Belästigungen dazu. Obszöne anonyme Postkarten, obszöne anonyme Anrufe. Bis hin zu verklausulierten Vergewaltigungsdrohungen. Leider ist auch dieser Themenkomplex heute noch so aktuell wie vor 50 Jahren.
Insgesamt ist Thema und Struktur des Textes als bewusst intendiertes politisches Statement literarisch nicht sehr subtil umgesetzt, aber das entsprach der Absicht Bölls. Der distanzierte Ton sorgt allerdings für hinreichend Selbstironie, die wiederum eine passable Lesbarkeit garantiert.
Bin überrascht, wie gut mir der Text gefallen hat.