Wilhelm Raabe: Meister Autor oder die Geschichten vom versunkenen Garten

Die neue Werkausgabe der Werke Wilhelm Raabes schreitet voran. Meister Autor ist eines seiner schon zu Lebzeiten wenig gelesenen Werke und auch die Forschung darüber ist – der Literaturliste in dem Band nach – überschaubar. Angesichts der aktuellen ungenierten Rückkehr des Imperialismus des 19. Jahrhunderts im 21. ist der kleine Roman aber aktueller denn je. Es gibt einiges an impliziter und expliziter Kritik am Kolonialismus in dem Text. Außerdem thematisiert Raabe die rasante Modernisierung der Städte und der Infrastruktur mit allen ihren Nachteilen. Von abzureißenden „romantischen“ Wohnhäusern für eine neue „Prioritätenstraße“ bis hin zu einem katastrophalen Eisenbahnunfall, der einem sympathischen Protagonisten des Romans nach viel Leiden schließlich das Leben kostet.

Der Titel Meister Autor ist selbstverständlich eine von Raabes polyvalenten Spielereien. Einerseits bezeichnet er den Modernisierungsverlierer Meister Kunemund, der zwar nicht im Mittelpunkt der Handlung steht, aber doch für zentrale Motive des Romans sorgt. Andererseits ist es natürlich auch eine naseweiser Hinweis auf Raabes literarische Kompetenz. Die stellt er hier primär dadurch zur Schau, dass er die erzählerische Raffinesse eher versteckt. Man muss schon sorgfältig lesen, um die doppelten Böden zu entdecken.

Ein Beispiel von vielen: Er lässt sich nicht auf die damals so beliebte Dichotomie Dorf – Stadt ein. Das Dorf wird nicht romantisiert der „bösen“ Stadt gegenübergestellt. So passiert eine der Grausamkeiten des Romans, das Mobbing einer alten Frau, explizit auf dem Dorf. Dafür gibt es in der Stadt auch viel positive Mitmenschlichkeit.

Die Kolonialismuskritik sorgt für den Haupttreiber der Handlung. Der „kleine“ Bruder des Meister Autor vererbt einer Förstertochter ein großes Kolonialvermögen und Raabe nimmt das als Aufhänger, dezent die nicht nur positiven psychischen Auswirkungen plötzlichen Reichtums zu beschreiben. Schließlich gibt es, soweit ich sehe, einen der wenigen prominenten schwarzen Figuren in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, einen Vorläufer von Musils Soliman im Mann ohne Eigenschaften, nämlich den Ceretto Meyer, der als schwarzer Bremer vorgestellt wird, einem Konzept also, mit dem sich heute noch viele schwer tun. Seine unschönen Erlebnisse als Sklave und Zirkusattraktion werden mehrmals angesprochen, und die damaligen rassistischen Stereotype werden nicht ausgespart. Das liest sich heute freilich alles eher unangenehm, da viel (aus heutiger Sicht!) rassistische Sprache verwendet wird. Ceretto wird jedenfalls ein besserer Freund des Ich-Erzählers als autochthone Figuren.

Wer nicht den kompletten Raabe lesen will, sollte besser mit Stopfkuchen beginnen, seinem Meisterwerk.

Wilhelm Raabe: Meister Autor oder die Geschichten vom versunkenen Garten

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