Durch eine sehr positive Rezension des The Economist auf die englische Übersetzung dieses chinesischen Bestsellers aufmerksam geworden, bestelle ich es gleich als Hörbuch. Die Möglichkeit, einen unverfälschten Einblick in das chinesische Prekariat zu bekommen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Genau das gelingt dem Buch auch hervorragend. Hu Anyan beschreibt seinen Arbeitsalltag in mehr als einem Dutzend unterschiedlichen Jobs in China. Pakete in Peking auszuliefern war also nur ein Teil davon. Er arbeitet auch in der Logistik von größeren Firmen oder für ein Fahrradgeschäft.
Wir erfahren viel über den Alltagsstress seiner Jobs, über unfaire Kollegen, problematische und faire Chefs, auch über Alltagskorruption. Er lässt uns auch ausführlich wissen, was sein Alltag psychisch und emotional mit ihm macht. Sein Interesse an Weltliteratur erwähnt er ebenfalls. Er liest Robert Musil, James Joyce und Franz Kafka. Es bleibt aber bei einer Aufzählung der Bücher. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit ihnen gibt es nicht.
Die literarische Qualität der Autobiographie ist überschaubar. Solide in der Ich-Perspektive in einem authentisch klingenden Stil geschrieben, soweit man das in der englischen Übersetzung beurteilen kann. Explizite Kritik am politischen System gibt es naturgemäß nicht, allerdings durchaus an der hirnlosen Konsummentalität seiner Mitmenschen. Das Ende ist für den westlichen Geschmack viel zu versöhnlich. Aber der Buchmarkt einer Diktatur erfordert sicher viele Kompromisse.
Hu Anyan: I Deliver Parcels in Beijing (Audible)