Eines der besten historischen Bücher der letzten Zeit. Erstens ist es eine fachlich ausgesprochen kompetent geschriebene Darstellung über die spannende Epoche der Bronzezeit und ihren Zusammenbruch. Zweitens zeigt es mustergültig, wie und mit welchen Methoden man heutzutage Geschichte betreiben kann. Drittens ist es implizit und explizit unerwartet lehrreich für unsere Gegenwart.
Cline schafft den Spagat zwischen einem Sach- und Fachbuch exzellent. Der sensationsheischende Titel des Buchs passt so gar nicht zu dessen Stil. Er schreibt zugänglich, geht aber keine Kompromisse bei seinen Quellen und seiner Argumentation ein. Die ersten Kapitel beschreiben die Bronzezeit als blühende Zivilisation, und zwar immer anhand von konkreten archäologischen Beispielen. So werden Handelsrouten durch Funde in den diversen Städten und untergegangenen Handelsschiffen rekonstruiert. Diplomatische Beziehungen durch die überlieferte Korrespondenz usw. Das Ergebnis ist das Panorama einer bereits global vernetzten Welt mit komplexen Abhängigkeiten untereinander. Man ist in vieler Hinsicht aufeinander angewiesen. Bei Hungersnöten wird Getreide weit verschickt. Kupfer konnte nur durch die exportierten Rohstoffe aus Zypern hergestellt werden. Man fühlt sich an Taiwans Chip-Monopol unserer Zeit erinnert.
Hauptthema von 1177 B.C. ist aber eine Bestandsaufnahme zum Thema, warum die Bronzezeit untergegangen ist. Es ist nicht alles in 1177 B.C. passiert, hier fand aber die berühmte Schlacht Ramses III. gegen die Seevölker statt, weshalb es das passende symbolische Gewicht mitbringt. Der Kollaps erstreckte sich über viele Jahrzehnte. Düster wird es, wenn Cline den Untergang einer Stadt nach der nächsten anhand der archäologischen Befunde beschreibt, darunter die größten Metropolen der Zeit. Wie konnte es zu diesem Kollaps kommen?
Was mich zum Punkt der Methodologie bringt. Lange waren in der Alten Geschichte singuläre Ursachen gefragt. Gerne und oft wurden die „Seevölker“ für diesen Untergang verantwortlich gemacht oder eine riesige Naturkatastrophe von Erdbeben bis Tsunami. Cline geht nun diesen Faktoren ausführlich einzeln nach. Welche Belege gibt es dafür? Was spricht dagegen? Dürren, Erdbeben, Seuchen und selbstverständlich auch die Seevölker werden diskutiert. Im Zusammenhang mit letzteren gibt es inzwischen sogar erste DNA-Untersuchungen.
Clines Ergebnis ist nicht überraschend: Eine multikausale Kette sei notwendig, um den Kollaps zu erklären. Er greift dabei auf das Modell des system collapse zurück, welches er auch kurz beschreibt, und welches die Komplexität einer historischen Situation zweifellos besser abbildet als monokausale Erklärungsversuche. Denn je höher die Komplexität und Interdependenzen, desto höher immer die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Kaskadeneffekten.
Hier wären wir dann bei den sich ständig aufdrängenden Bezügen zur Gegenwart. Denn man kann den Untergang der Bronzezeit problemlos als Modell für unsere Zeit verstehen. Die Komplexität und die Interdependenzen zwischen Ländern, Kulturen und Kontinenten sind so hoch wie noch nie in der Geschichte der Menschheit, deshalb ist auch die Volatilität so hoch wie bisher noch nie. Die Corona-Pandemie hat uns ja erst kürzlich vor Augen geführt, wie schnell Lieferketten zusammenbrechen und welche Kaskaden an Schwierigkeiten vermeintlich kleine Unterbrechungen auslösen können.
Eric H. Cline: 1177 B.C. The Year Civilization Collapsed (Princeton University Press)