Zu dem Buch schrieb ich bereits Ende Juli eine Notiz, die beim Umzug der Notizen leider verloren ging.
Blom will dem interessierten Lesepublikum ein wenig bekanntes Kapitel der Geistesgeschichte näher bringen: Die radikale Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als konzeptueller Ausgangspunkt eignet sich dafür bestens der Salon des kultivierten Baron d’Holbach in dem sich die unabhängigsten Geister dieser Zeit versammelten, allen voran Denis Diderot, dem die meiste Aufmerksamkeit Bloms gilt.
Warum wissen heute nur noch Fachleute von diesem Zirkel? Schuld daran ist die Rezeptionsgeschichte. Jean-Jacques Rousseau richtet einen Teil seiner paranoiden Energie auf den Baron und seine Freunde. Er startet einen furiosen publizistischen Rachefeldzug. David Hume bekam als Kollateralschaden später auch noch seine Prügel ab. Bis heute wirkt diese Propagandakampagne nach, weshalb sich Philipp Blom zum Ziel setzte hier aufklärend zu wirken. Bloms Buch ist damit auf zwei Ebenen aufklärerisch: Es beleuchtet eine im Dunkeln liegende Ecke der Philosophiegeschichte und schildert gleichzeitig deren Argumente mit so viel Verve, dass deren Aktualität sichtbar wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Religionsdummheiten weltweit wieder großen Schaden anrichten.
Aus akademischer Sicht kann man Blom natürlich mangelnde Objektivität und diverse Ungenauigkeiten vorwerfen, aber das geht an der Intention des Autors vorbei. Ziel des Buches war keine geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit, sondern ein parteiisches Portrait. So macht denn Blom keinen Hehl, wem seine Sympathie gehört. Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert. Man erfährt bei der Lektüre viel über das Frankreich der zweiten Jahrhunderthälfte.
Eines der spannendsten Sachbücher, die ich seit längerer Zeit las. Möge es viele Leser finden.
Philip Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Auflärung (Hanser)
Na, zwischen dem Zeugs, das Bloom verzapft (vgl. http://bonaventura.musagetes.de/2011/philipp-blom-boese-philosophen/) und einer „geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit“ liegen aber noch mehrere tausend Guttenberg.
Bloms Beitrag zur Verdunkelung der französischen Radikalaufklärung:
Als Beispiel, aus dem die ‚Machart‘ des Buches deutlich wird, das hier als „eines der spannendsten Sachbücher“ angepriesen wird, können die folgenden Ausführungen dienen.
Auf S. 202 seines Buches über die „Bösen Philosophen“ berichtet Blom von
einem Brief, den David Hume am 26. April 1764 an seinen Freund Hugh Blair schrieb. In ihm ist davon die Rede, dass in Holland ein Buch mit dem Titel De la nature herausgekommen sei, von dem Hume sagt: „Es ist umständlich geschrieben und in vielen Teilen eigenwillig, aber es enthält einige der gewagtesten Argumente, die gedruckt zu finden sind.“ Da das Buch ohne Verfasserangaben erschien, sagt Hume nicht über den Autor. Aber Blom hilft dem Leser auf die Sprünge und liefert den ‚exakten Titel‘ des Buches, „das den schottischen Philosophen so beeindruckt hatte“: es handele sich um das Système de la nature, dessen Autor d’Holbach
gewesen sei. Bloms Pech ist allerdings, dass das Système de la nature erst im Jahre 1770 erschien. Hätte Blom genauer recherchiert, dann hätte er herausfinden können, dass Hume von dem naturphilosophischen Hauptwerk De la nature von Jean-Baptiste-René Robinet spricht, dessen erster Band im Jahre 1761 anonym und dessen zweiter Band 1763 mit Nennung des Autors erschienen war. Zwei weitere Bände folgten 1766. Robinet war gemeinsam mit Jean Bernard Mérian für die Ausgabe der OEuvres philosophiques de M. D. Hume verantwortlich, die in den
Jahren 1758–1760 in Amsterdam erschien, vgl. hierzu Greig, J. Y. T. (ed.) (1932): The Letters of David Hume, vol. 1–2, Oxford, vol. I, p. 344f., wo die Identität des Autors geklärt wird. Greigs Edition der Briefe Humes wird auch in Bloms Literaturverzeichnis erwähnt. Aber die „Notiz“ zu Bloms Buch erklärt: „Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert“.
Was soll man nun von einem Autor halten, in dessen Buch d’Holbach neben Diderot die Hauptrolle spielt, der aber offenbar keine Ahnung hat, wann d’Holbachs Hauptwerk erschien.
Auch in einem anderen Buch zeigt sich Bloms skandalöse Arbeitsweise. In seinem Buch mit dem Titel „Die Welt aus den Angeln. Ein Geschichte der Kleinen Eiszeit 1570-1700“ bedankt sich Blom auf S. 263 bei dem Historiker Christian Pfister, einem schweizer Historiker, der sich intensiv mit Fragen der Klimageschichte auseiandergesetzt hat. Pfister hat Bloms rezensiert, er kommt zu folgendem Ergebnis: „it is hardly understandable why the publisher did not ask for an editing of the book by a qualified scientist before submitting it to the public. One reason may be that Blom’s fake data also include my person as a climate historian. He credits me for the support I should have provided him for his book though we never had any communication“ (https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25608).
Man sollte nur über Dinge schreiben, von denen man auch etwas versteht – das gilt sowohl für Blom wie für Köllerer.