Ovid

Ovid: Metamorphosen

Man kann endlos über den Kanon der Weltliteratur streiten. Es gibt aber eine Reihe von Klassikern, deren überragender Status außer Zweifel steht: Homer, Dante und Shakespeare wären zu nennen, aber auch die Metamorphosen des Ovid. Wenn man sich bei dieser Kategorisierung nicht auf ästhetische Kriterien einlassen will, gibt es eine plausible Alternative: Den Einfluss auf die Kulturgeschichte.

Die Metamorphosen zählen mit der Bibel und den Epen Homers zu den meist rezipierten Werken der Antike. Bis in die Neuzeit hinein waren sie die wichtigste Quelle für mythologische Stoffe. Auffallend ist hier besonders die Wirkung über die Grenzen der Literatur hinaus. Egal, welche der großen europäischen Gemäldegalerien man besucht: Man wird jede Menge „Verbilderungen“ der Geschichten des Ovid finden. Deshalb kennen Kunsthistoriker das Werk oft besser als Literaturfreunde. Innerhalb der Literatur war die Sammlung ebenfalls höchst wirkmächtig. Shakespeare etwa kannte die Metamorphosen gut, sie waren eine seiner Hauptinspirationsquellen.

Ich las den Zyklus nun nach fünfzehn Jahren zum zweiten Mal und war noch faszinierter über Ovids überragende Erzählkunst als damals. Er ist ein Meister der Verknappung. Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass er so kurz und knapp wie ein moderner amerikanischer Erzähler schreibt. Die etwa 250 Geschichten werden meist aus minimalen Motiven und mit wenig Kontext entwickelt, entfalten aber trotzdem eine starke Wirkung. Auf der anderen Seite kann Ovid Ereignisse so packend und plastisch beschreiben als sei er ein niederländischer Maler. Man findet fulminante Schilderung quer durch den Zyklus. Das bezieht sich nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf Naturerlebnisse. Ein über mehrere Seiten ausgemalter Schiffsuntergang samt Meeresunwetter gehört zum Besten, was ich diesbezüglich las. Auch Kampfschilderungen sind oft von einem Detailreichtum, die jedem Splattermovie zur Ehre gereichten. Da tritt Hirn aus Augenhöhlen aus, und es zucken die Muskeln und Venen von lebendig Gehäuteten. Der Effekt auf den Leser ist frappant.

An dieser Stelle ein Wort zur Übersetzung durch Michael von Albrecht. Er findet einen exzellenten Mittelweg zwischen Genauigkeit und Ästhetik. Die oben beschriebenen Vorzüge kämen ohne von Albrechts Übersetzungskunst nicht so stark zu tragen. Generell bin ich ein großer Freund von Prosa-Übersetzungen. Antike Versmaße ins Deutsche zu übertragen wirkt meist sehr künstlich und führt zur Verwendung von „überflüssigen“ Wörtern, nur um das Metrum zu halten. Das verfälscht dann den Stil des Originals.

Die Bildsprache ist faszinierend. Die Metaphern sind ungemein geschickt gewählt und vermitteln einen informativen Eindruck in die kognitive Welt der Antike. Wer einen Sinn für einzelne Phrasen und Bilder hat, wird Ovid mit großer Freude lesen. Sieht man sich die Struktur der Metamorphosen an, stößt man ebenfalls auf viel Unerwartetes. Ovid verwendet nämlich bereits diverse „Rahmentechniken“ für seine Erzählungen. Oft erzählen sich die Figuren gegenseitig Geschichten, ein Setting, dass dann durch Boccaccios Decamerone mehr als tausend Jahre später berühmt werden sollte. Die Chronologie einer solchen Serie von Geschichten variiert oft. D.h. es gibt Geschichten, die plötzlich eingeschoben werden, um die Vorgeschichte zu erleuchten. Ovid betreibt bereits ein sehr modernes „Zeitmanagement“. Bei einzelnen Geschichten verwendet Ovid oft unterschiedliche „Register“. Eine Passage kann sehr verknappt erzählt, eine andere derselben Geschichte sehr detailliert und rhetorisch aufgeladen.

Ovids Rhetorikausbildung schlägt sich ebenfalls an verschiedenen Stellen explizit nieder. So gibt es immer wieder sehr wirkungsvolle Reden in einzelnen Erzählungen. Pathetische Liebes-Verwicklungen wären an erster Stelle zu nennen, aber auch zu unerwarteten Themen. So hält Pythagoras im fünfzehnten Buch ein höchst beeindruckendes Plädoyer für den Vegetarismus, an dem auch ein PETA-Aktivist heute noch seine Freude hätte.

Abschließend ein Wort zum Lesetempo: Die Metamorphosen liest man am besten langsam und ohne Zeitdruck. Satz für Satz, Geschichte um Geschichte. Ich ließ mir für diese Zweitlektüre mehrere Monate Zeit und habe dieses Leseprojekt sehr genossen.

Ovid: Metamorphosen (Reclam)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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