Great Courses

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William E. Wallace: Genius of Michelangelo

In sechsunddreißig halbstündigen Vorlesungen versucht William E. Wallace seinen Zusehern, Leben und Werk des Michelangelo zu vermitteln. Wallace ist öffentlich kein Unbekannter. Neben mehreren Büchern produzierte der Michelangelo-Forscher auch Filme für die BBC über seinen Lieblingskünstler. Der Titel lässt eine unkritische Eloge erwarten, was aber nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wallace wirft einen durchaus kritischen Blick auf seinen Gegenstand und versucht immer wieder, hartnäckige Michelangelo-Mythen zu widerlegen. Er reflektiert auch die Forschung und die Quellen durchaus kritisch.

Obwohl ich die Vorlesungsreihe insgesamt für gelungen und sehenswert halte, habe ich doch einen Vorbehalt. Wallace spricht sehr ausführlich über viele Kunstwerke Michelangelos und hier ist mir seine methodische Herangehensweise oft zu hermeneutisch. Mehr Fakten und weniger subjektive Interpretation hätten mich besser angesprochen. Für Freunde der Renaissancekunst ist Genius of Michelangelo aber trotzdem eine Empfehlung.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo (Great Courses, Video, 18h)

Exzellente Einführung in die englische Geschichte

Regelmäßige Notizenleser kennen meine Wertschätzung für das Angebot der Great Courses. In den letzten Monaten hörte ich einerseits Jennifer Paxtons Vorlesung über das England des Mittelalters und sah mir die 48 Teile des großen Englandkurses von Rupert Buchholz an. Beide sind didaktische Referenz, was spannende Geschichtsvermittlung angeht, ohne sachlich Kompromisse einzugehen.

Jennifer Paxton: Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest (TTC Audio Lectures, 18h)

Rupert Bucholz: History of England from the Tudors to the Stuarts (TTC Video Lectures, 24h)

Empfehlungen: Great Courses – die besten Kurse

Letztes Update am 20.11. 2016

Die Great Courses habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Seit kurzem gibt es die Kurse auch als Video-Downloads. DVD-Bestellungen waren wegen Zollgebühren etc. bisher mühsam.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig „On Sale“ und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Notizen über einzelne Kurse finden sich hier.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
The Persian Empire
Greek and Persian Wars
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians
History of the Ancient World: A Global Perspective

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Story of Medieval England: From King Arthur to the Tudor Conquest
History of England from the Tudors to the Stuarts
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
Origins and Ideologies of the American Revolution
Living the French Revolution and the Age of Napoleon
History of the United States, 2nd Edition
History’s Greatest Voyages of Exploration
Maya to Aztec: Ancient Mesoamerica Revealed

Kunst:

How to Look at and Understand Great Art.
A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:


Your Deceptive Mind: A Scientific Guide to Critical Thinking Skills
Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology
Dark Matter, Dark Energy: The Dark Side of the Universe

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication
Exploring the Roots of Religion

Exzellente Einführung in die Antike

Wer sich für die Antike interessiert und des Englischen passabel mächtig ist, der wird kaum eine bessere allgemeine Einführung in die Antike finden als diese History of the Ancient World: A Global Perspective. Prof. Aldrete spannt in 48 je dreißig Minuten langen „Lectures“ einen weiten Bogen von den ersten Zivilisationen in Mesopotamien bis zur Zeit Karls des Großen. Naturgemäß kann er dabei nicht sehr ins Detail gehen und, wer sich bereits ein grundlegendes Wissen erarbeitet hat, wird kaum neue Fakten erfahren. Allerdings bezieht Aldrete auch China, Indien, Südamerika und Afrika mit ein, deren alte Geschichte uns weit weniger vertraut ist als die der Griechen und Römer.

Besonders spannend wird es, wenn Adrete Querbezüge zwischen den einzelnen Kulturen herstellt. Beispielsweise vergleicht er die zeitgenössische Geschichtsschreibung der alten Griechen mit der indischen und chinesischen. Oder er arbeitet die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Römischen Reich und dem chinesischen Han-Reich heraus, die gleichzeitig ihre jeweiligen Weltteile beherrschten.

Noch ein Hinweis zur Preispolitik der Great Courses: Einen Kurs nie zum Listenpreis kaufen, es gibt regelmäßig einen stark ermäßigten Preis.

Gregory S. Aldrete: History of the Ancient World: A Global Perspective (Teaching Company)

Exzellente Einführung in die Kunstgeschichte

Im deutschsprachigen Raum wird Kunstgeschichte ja gerne, wie auch andere Geisteswissenschaften, als Geheimwissenschaft betrieben. Man hält sich das normale Volk durch einen kunsthistorischen Jargon vom Leib, den auch Studenten erst nach einigen Semestern verstehen. Dass es auch ganz anders geht, zeigt diese brillante Einführung in die Kunstbetrachtung: How to Look at and Understand Great Art. Die Teaching Company preise ich hier ja bereits seit vielen Jahren an. Professor Sharon Latchaw Hirsh Ziel ist es, Museumsbesuchern die notwendigen Werkzeuge in die Hand zu geben, um Kunst aller Epochen würdigen zu können. Es wird keinerlei Vorwissen vorausgesetzt. Die Video-Vorlesung ist in zwei große Teile gegliedert: Im ersten wird man mit dem formalen Handwerkszeug der Künstler bekannt gemacht (Linien, Farben, Perspektive, Komposition, Drucktechniken etc.), im zweiten wird dieses Wissen dann chronologisch auf kunstgeschichtliche Epochen angewandt. Ich garantiere allen, die sich noch nicht systematisch mit Kunst beschäftigt haben, dass sie anschließend jedes Museum mit anderen Augen und deutlich mehr Erkenntnisgewinn betreten. Selbst ich, der ich seit vielen Jahren weltweit alle Museen unsicher mache, habe noch sehr davon profitiert.

Von den hohen Listenpreisen sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen. Jeder Kurs wird mehrmals pro Jahr radikal ermäßigt angeboten.

Sharon Latchaw Hirsh: How to Look at and Understand Great Art. 36 Lectures, 18 Stunden (Great Courses)

The Art of Reading

So lautet der Titel eines neuen Kurses der Great Courses. An bibliomanen Themen naturgemäß interessiert, hörte ich die 12h in den letzten beiden Wochen an. Mein Urteil ist zwiespältig. Wenn jemand gut Englisch kann und sich bisher kaum mit Fragen wie Erzählperspektive, Charaktere, Metafiktionalität etc. beschäftigte, bietet Prof. Timothy Spurgin einen passablen Einstieg an. Zwar hätte ich mir mehr formale Wissensvermittlung und weniger angewandte Hermeneutik gewünscht, aber das muss man wohl in Kauf nehmen.

Great Courses / Literaturkurse

Es ist bekannt, dass ich ein großer (großer!) Freund der Great Courses bin. Ich erinnere an meine entsprechende Empfehlung.

Leider (leider!) sind die Literaturkurse dort fast durch die Bank schlecht. Bisher habe ich mehrere Anläufe gemacht und war jedes Mal sehr enttäuscht. Jüngstes Beispiel ist Classic Novels: Meeting the Challenge of Great Literature von Prof. Arnold Weinstein. Es handelt sich bei jedem Roman um eine hermeneutische Nacherzählung des Inhalts samt diversen Assoziationen dazu. „Hermeneutik“ ist dafür wohl schon zu hoch gegriffen. Das war auch bei Books That Have Made History: Books That Can Change Your Life nicht anders.

Meiner Empfehlung muss ich also eine Warnung nachreichen. Diese bezieht sich aber ausschließlich auf die Kurse über Bücher.

David Christian: Big History

Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Great Courses, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 „Lectures“ über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten.
Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind.
Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. „Big History“ stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese „Erzählung“ an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.

David Christian: Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity.
(Great Courses)

Bart Ehrman: Misquoting Jesus

Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch „las“. Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Great Courses bekannt.

Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind.

Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen.

Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält.
Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele.

Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden…

Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden.

Bart Ehrman: Misquoting Jesus. The Story Behind Who Changed the Bible and Why

Empfehlungen: The Great Courses

Diese Entdeckung zähle ich zu meinen wichtigsten der letzten Jahre, gibt sie mir doch die Möglichkeit „nebenbei“ einer Menge interessanter Dinge anzuhören oder Bekanntes aufzufrischen. Wie extensiv ich das inzwischen machen, sieht man an meiner Lese- und Hörliste.

Die Great Courses (vorher: Teaching Company) bietet als Geschäftsmodell Vorlesungen zum Kauf bzw. Laden an. Dazu werden didaktisch begabte amerikanische Professoren gebeten, über ihre Spezialgebiete zu sprechen. Viele dieser Kurse sind achtzehn Stunden und länger und erreichen damit die Länge einer „echten“ Univeranstaltung.
Inzwischen gibt es Hunderte von Themen, über die man sich am besten auf der Webseite einen Überblick verschafft. Der Schwerpunkt liegt auf klassischem Bildungsgut, weshalb erfreulicherweise auch die Antike nicht zu kurz kommt. Man hat die Wahl zwischen Audio/MP3 und DVD Versionen. Meist reicht Audio aus, nur bei Themen wie Kunstgeschichte oder Anatomie sollte man naturgemäß nicht im Dunkeln tappen. Die regulären Preise sind sehr hoch, es wird aber jeder Kurs einmal pro Jahr zum „Sales Price“ angeboten und dadurch signifikant billiger.

Im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kollegen, sind angelsächsische Lehrende meist rhetorisch sehr begabt: Man hört ihnen gerne und mit Spannung zu. Ich höre diese Kurse meist nebenbei, auf dem Weg zur Arbeit, auf Reisen, bei diversen Routinetätigkeiten etwa, und komme so auf durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Tag.

Zu einigen der Lehrenden baut man regelrecht eine intellektuelle Beziehung auf. Brillant und geistreich ist etwa alles, was Robert Greenberg über Klassische Musik zu sagen hat. Bart Ehrman leuchtet gedankenreich und kritisch die Zeit des Neuen Testaments aus. Bob Brier ist ein erstklassiger Referent über das Alte Ägypten. Robert Hazen hat mit „Joy of Science“ eine beachtliche Einführung in naturwissenschaftliches Denken vorgelegt.

Bis auf wenige Ausnahmen („Buddhism“) sind mir bisher keine Kurse untergekommen, die nicht hörenswert gewesen wären. Wie so oft ist es sehr schade, dass es nichts Vergleichbares auf Deutsch gibt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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