Baltimore

The Wire

Unter den 2200 Notizen hier gab es bisher bewusst keine einzige über eine TV Serie, da Populärkultur kein Thema ist. Einzige Ausnahme: Meine Empfehlung für Southpark, die aber nicht aus ästhetischen Gründen erfolgte. In den letzten Jahren sind allerdings eine Reihe von Produktionen entstanden, die erzählerisch beeindrucken und Nischen besetzen, die vorher von Romanen bedient worden sind.

Das beste Beispiel dafür ist The Wire, die das Genre auf eine ganz neue Niveaustufe hebt. Kopf hinter der Serie ist David Simon. In sechzig knapp einstündigen Folgen wird Baltimore aus diversen Blickwinkeln geschildert, mit Fokus auf die Drogenszene. Das Ergebnis ist ein packendes Portrait einer bis an den Hals in Problemen steckenden US-Großstadt. Am Ende ist man mit der Stadt so gut vertraut wie mit dem London des 19. Jahrhunderts nach der Lektüre eines Dickensromans.

Bleibt man bei literarischen Analogien, könnte man von einer naturalistischen Erzählweise sprechen. Im Mittelpunkt stehen die Slums von Baltimore als sozialer Brennpunkt, den David Simon aus der Perspektive der Beteiligten in Szene setzt. Als Rahmenhandlung dienen Polizeiermittlungen rund um diverse Abhöraktionen, was der Serie auch den Namen gibt. Zusätzlich wird in jeder Season ein sozialer Makrokosmos in den Mittelpunkt gerückt: die Docks, die Politik, die Schulen und die Presse.

Dieser schonungslose Naturalismus ist eine der Hauptqualitäten von The Wire und muss in die amerikanischen Fernsehlandschaft wie eine Bombe eingeschlagen haben. In der verlogen-prüden Welt der amerikanischen Unterhaltung, wo Sittenwächter böse Wörter so gerne auspiepsen, wird stundenlang Slumslang gesprochen. Beispielsweise ist die bevorzugte gegenseitige Anrede unter den schwarzen Jugendlichen „Nigger“, aber auch sonst wird ständig geflucht und beleidigt. Deshalb sollte man die Folgen unbedingt im Original ansehen, notfalls mit Untertitel. Wichtig dabei ist: Die Serie denunziert nicht! Sie ist das Gegenteil eines Sozialpornos. Einige der jungen Protagonisten werden mit großer Empathie portraitiert. Alles wird differenziert dargestellt, primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen gibt es kaum.

Eine weitere große Stärke: Genreregeln werden verletzt. In Kunst und Literatur sind diese Grenzverletzungen oft ein Zeichen für große Werke, so auch hier. Selbstverständlich setzt David Simon auf diversen Genres auf: Kriminalserie, Sozialdrama etc. Er durchbricht aber jedes Mal diese Konventionen, wenn es der Qualität des Erzählten dient. So verzichtet er bei vielen Handlungssträngen auf „happy endings“. Es ist keine Welt, wo die Guten immer gewinnen, und die Bösen immer verlieren. Nebenbei sei erwähnt, dass es unter den Drogendealern ebenso viele „Gute“ gibt, wie in der Polizei oder Politik „Böse“. The Wire zeigt die Wirklichkeit, wie sie ist, und macht keine Kompromisse, nur damit der Zuseher am Ende mit einem guten Gefühl vor der Glotze sitzt.

Schließlich ist die Erzählkunst hervorzuheben. Handlungsbögen über sechzig Stunden in dieser Qualität zu spannen, kenne ich bisher nur aus der Literatur. Der Ultrarealismus der Serie wird nämlich formal komplex erzählt. Es bedarf deshalb hoher Konzentration, der schnellen Abfolge der unterschiedlichen Handlungsstränge zu folgen. The Wire fordert, wie jedes anspruchsvolle Werk, den Zuseher heraus und erklärt ihn nicht prophylaktisch zum Idioten, wie das andere TV Produktionen so gerne tun. Die schauspielerische Leistung, speziell der jugendlichen Darsteller, ist tief beeindruckend.

Sollte es zukünftig mehr Serien in dieser Qualität geben, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte.

The Wire. Season 1-5 (DVD-Box)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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