Antike (Geschichte)

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Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt

Wer eine gut lesbare Geschichte über Wien sucht, ist mit Sachslehners Buch gut beraten. Nicht nur deckt er das gesamte Spektrum der Entwicklung von der geologischen Vorgeschichte bis in die Gegenwart ab, sondern beschreibt es auch in einem angenehm lesbaren Stil. Es ist ebenfalls erfrischend, dass gegen Ende immer wieder seine Empörung durchklingt, wenn es um den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus in Österreich geht.

Gegliedert ist das Buch in neunzehn chronologische Kapitel, die immer wieder mit passenden „Themenkästen“ unterbrochen werden. Sie enthalten Exkurse, Auszüge aus Quellen über Wien, und für Besucher besonders hilfreich: Hinweise auf noch vorhandene Gebäude aus der jeweiligen Epoche. Als fundierten Einstieg in die Geschichte Wiens sehr empfehlenswert.

Johannes Sachslehner: Wien. Eine Geschichte der Stadt (Pichler)

Sueton: Lives of the twelve Caesars

Suetons Geschichtswerk ist das einzige (fast) komplett überlieferte Werk des römischen Autors. Das mag mit der großen Popularität des Buches noch zu seinen Lebzeiten zusammenhängen. Was heute noch für hohe Einschaltquoten sorgt, nämlich Sex & Crime, sowie Klatsch über Prominenz, funktionierte bereits damals gut: Suetons zwölf Kaiser-Biographien sind voll davon. Je schlüpfriger, desto besser. Das liest sich stellenweise immer noch sehr unterhaltsam. Trotz dieses boulevardesken Einschlags ist Sueton eine der wichtigsten Geschichtsquellen über die Kaiserzeit. Für einige Protagonisten wie Caligula ist er sogar die Hauptquelle. Notwendig ist jedenfalls durchgehend eine sehr quellenkritische Lektüre. So fällt etwa schnell auf, dass Sueton bei Konflikten zwischen Kaisern und dem Senat sich fast immer auf die Seite des Senats stellt. Ich ließ mir die Biographien als Hörbuch vorlesen, wozu sie ganz vorzüglich geeignet sind.

Sueton: Lives of the twelve Caesars (als Hörbuch)

Norman Hammond: The Maya

Diese Einführung in die Archäologie, Geschichte und Kultur der Maya ist eines der Bücher, welche ich als Vorbereitung für meine Mexiko/Guatemala-Studienreise las. Hammond ist selbst britischer Archäologe mit einschlägiger Mesoamerikaerfahrung und dadurch bestens qualifiziert für diese Aufgabe. The Maya ist eine der populäreren Bücher zum Thema, weshalb es auch in einer schönen bibliophilen Ausgabe der Folio Society zu haben ist, welche ich las. „Populär“ heißt aber in diesem Fall nicht, dass Hammond hier Kompromisse macht. Einige der Kapitel gleiten immer wieder ins Spezialistenhafte ab, was in meinen Augen freilich kein Schaden ist.

„Solide“ ist das Wort, welches mir bei der Beurteilung der Studie am meisten in den Sinn kommt. Nicht, weil ich den Inhalt als Experte selbst beurteilen könnte, sondern was die traditionelle Konzeption angeht. So gibt es erwartungsgemäß Kapitel über geschichtliche Epochen, Subsistence and Settlement, Politics and Kingship oder Architecture and Art, um nur einige zu nennen.

Wer sich für die Maya interessiert, kann damit nichts falsch machen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass das Buch bereits 1988 (leicht ergänzt 1994) publiziert wurde. Die Mayaforschung in den letzten zwanzig Jahren brachte eine Vielzahl neuer Ergebnisse, die hier naturgemäß alle fehlen.

Norman Hammond: The Maya (Folio Society)

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt

Mein Faible für englischsprachige kunsthistorische Bücher bestätigt sich einmal mehr: Gay Robins ausführlicher Überblick über die altägyptische Kunst ist hervorragend lesbar, obwohl sie oft ins Detail geht. Nach einer ausführlichen Einführung – Understanding ancient Egyptian art – geht sie chronologisch vor. Gay fängt mit der frühen dynastischen Epoche an und endet einige Jahrtausende später bei den Ptolemäern. Die vielen Abbildungen sind jeweils ausführlich erläutert. Zu den Klischees der Kunstgeschichtsschreibung gehört, dass die altägyptische Kunst ästhetisch immer völlig stabil geblieben sei. Es stimmt auch, dass man sie selbst als Laie sofort erkennt, auch wenn die Artefakte 3000 Jahre auseinander liegen. Trotzdem gab es – im größeren ästhetischen Rahmen – jede Menge Veränderungen. Das kann man anhand Gays Vorgehensweise ausgezeichnet nachvollziehen, weil sie immer wieder dieselben Themen (Grabbauten, Skulpturen…) in den unterschiedlichen Phasen behandelt. Bisher das beste Buch über ägyptische Kunst, das ich in Händen hielt.

Gay Robins: The Art of Ancient Egypt. (The British Museum Press)

Über die Relevanz von Herodot und Thukydides

Wer Herodots „Historien“ und Thukydides‘ „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ versteht, weiß wohl das Wichtigste, was es über die Natur des Menschen und des Krieges zu wissen gibt.

Ein sehr gutes Beispiel dafür liefert Robert Kaplan in The Atlantic. In seinem Essay The Art of Avoiding War beschreibt er hübsch, was die amerikanische Außenpolitik von den beiden grandiosen griechischen Geschichtsschreibern lernen kann:

The Scythians were nomadic horsemen who dominated a vast realm of the Pontic steppe north of the Black Sea, in present-day Ukraine and southern Russia, from the seventh century to the third century b.c. Unlike other ancient peoples who left not a trace, the Scythians continued to haunt and terrify long after they were gone. Herodotus recorded that they “ravaged the whole of Asia. They not only took tribute from each people, but also made raids and pillaged everything these peoples had.” Napoleon, on witnessing the Russians’ willingness to burn down their own capital rather than hand it over to his army, reputedly said: “They are Scythians!”

The more chilling moral for modern audiences involves not the Scythians’ cruelty, but rather their tactics against the invading Persian army of Darius, early in the sixth century b.c. As Darius’s infantry marched east near the Sea of Azov, hoping to meet the Scythian war bands in a decisive battle, the Scythians kept withdrawing into the immense reaches of their territory. Darius was perplexed, and sent the Scythian king, Idanthyrsus, a challenge: If you think yourself stronger, stand and fight; if not, submit.

Ausgrabungen auf Kreta

September 2014

Eine langjährige Lücke sollte diese Studienreise schließen: Ich hatte die minoischen Ausgrabungen auf Kreta bisher noch nicht besichtigt. Dieses Ziel erreiche in dieser Woche auf Kreta, allerdings nur unter verschärften Bedingungen. So hatten wir zwei Tage lang in der zweiten Septemberhälfte noch 38 Grad im Schatten, was das Stehen zwischen Steinen nicht angenehm macht. Gleichzeitig bin ich in sogenannten „besseren“ Badehotels untergebracht, einem kleinkinderreichen Ambiente, auf das ich keinen gesteigerten Wert lege. Ich bevorzuge immer zentrumsnahe Hotels in Städten. Auf meiner nächsten Europa-Studienreise (Andalusien im Oktober 2015) wird das auch wieder überwiegend der Fall sein.

Endlich stehe in Knossos, einer der berühmtesten antiken Ausgrabungen. Beeindruckend nicht zuletzt deshalb, weil es die – nach aktuellem Wissensstand – erste alte Stadt war, in der vielstöckig gebaut wurde. Das gab es in dieser Form vorher weder in Mesopotamien noch in Ägyten. Was Sir Arthur Evans daraus machte, ist mit guten Gründen umstritten: Er baute viele der Gebäude wieder auf und stößt damit noch heute die Authentizitätsfreunde unter den Archäologen vor den Kopf. Zu Recht muss man sagen, denn Teile der Stätte erinnern tatsächlich an ein archäologisches Disneyland. Die Farben leuchten, die Mauern stehen wie frisch gebaut. Den Touristen kommt das natürlich entgegen, können sie doch ihre Augen statt ihr Hirn benutzen, was im Urlaub ja deutlich bequemer ist.
Evans Interpretationen der Funde sind meist auch von der schlichteren Art: Ein großes Gebäude, das zu Beginn an jener Straße liegt, die vom Meer herführt, konnte für ihn etwa nur ein Zollhaus sein. Es störte ihn nicht, dass keinerlei Funde diese Hypothese stützen.

Zwei Tage später überrascht mit Górtis. Ich war so auf Knossos und Phaistos fixiert, dass ich mich vorher nicht damit beschäftigt hatte. Ein Fehler! Es handelt sich um die Reste einer Stadt, die ab der dorischen Zeit einflussreich wurde und mit einer außergewöhnlichen Inschrift aufwartet: Mit altgriechischen Rechtstexten, welche die Bewohner als Dekoration für ihr Theater verwendeten und die heute in dieser Form einzigartig sind. Das Odeíon selbst ist aus dem 1. Jahrhundert und ebenfalls ungewöhnlich gut erhalten. Die Überreste der Basilika Agios Títos kann ich wegen einer Restaurierung leider nicht besichtigen.

Die zweite berühmte minoische Ausgrabung auf Kreta ist Phaistos, hoch über der Messara-Ebene gelegen, was damals natürlich viel Sicherheit bot. Anders als Knossos gibt es hier erfreulicherweise keinen Archäologiekitsch zu sehen. Es gilt also die unterschiedlichen Schichten auseinanderzuhalten. Der erste Palast wurde 1900 vor unserer Zeitrechnung errichtet, fiel aber schon nach zweihundert Jahren einem Erdbeben zum Opfer. Ein noch umfangreicherer Neubau wurde versucht, konnte aber vor dem Untergang der minoischen Kultur gegen 1450 nicht mehr fertig gestellt werden. Wackelige Interpretationen gibt es aber auch hier, etwa zu einem Podest im Zentralhof, das zum damals bei der Jugend beliebten Stierspringen hätte dienen können.

Die Beliebtheit dieses Stierspringens ist durch Fresken belegt. Sie kann man im Archaölogischen Nationalmuseum in Heraklion bewundern. Dieses Museum ist nicht nur deshalb sehr sehenswert, weil die dort gezeigten minoische Stücke großen Seltenheitswert haben (z.B. der Diskos von Phaistos und die Schlangengöttin-Skulptur), sondern auch, weil es didaktisch und architektonisch sehr geschmackvoll gestaltet ist. Die minoischen Fresken, denen der zweite Stock des Hauses gewidmet ist, muss man gesehen haben.

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

Neues über den Parthenon

Der kritischen Rezension Mary Beards in The New York Review of Books nach, ist Joan Breton Connellys neues Buch The Parthenon Enigma nur bedingt überzeugend. Ich finde ihre These aber trotzdem interessant, versucht Connelly doch eine komplette Neuinterpretation der berühmten Elgin Marbles:

The pivot of her argument is a reinterpretation of the sculpted frieze that once circled the entire building above the colonnade. With its array of galloping horsemen, charioteers, offering-bearers, and sacrificial animals, this has usually been identified as a representation of the procession that took place at the regular religious festival of the Panathenaia, making its way to the Acropolis in celebration of the goddess Athena. Connelly rejects this, to argue instead that the subject of the frieze is a myth of early Athens. What we see, she claims, are the preliminaries to a human sacrifice, when the daughter of one of the legendary kings of the city, Erechtheus, is sacrificed to ensure Athenian victory over an invading army. The procession depicts the celebrations that honored the girl’s noble act of self-sacrifice. It is not, in other words, a human scene at all, but a moment drawn from myth, and—to modern eyes—a shocking one at that.

Connelly’s interpretation centers on the puzzling scene (now in the British Museum) originally aligned with the main entranceway of the temple, apparently the culmination of the procession. It shows an adult male figure exchanging a large piece of cloth with a child, who may be either a boy or a girl. The clearest diagnostic feature for the sex of the child is its bare buttock protruding from a loose robe—and a large amount of art-historical time and energy has been fruitlessly expended over the past decades in comparing this buttock to those of other girls and boys in classical art, with (unsurprisingly) no definitive answer.

Next to the man, and with her back to him, stands an adult woman, facing two girls who carry stools on their heads. The traditional reading of the frieze, which goes back to the famous study of James Stuart and Nicholas Revett in the late eighteenth century, connects this with the presentation of a newly woven robe (peplos) to Athena—the high point of special, grander Panathenaiac celebrations, which took place every four years. This would mean that we are seeing the child (boy or girl) handing over the new peplos to some male religious official (perhaps the archon basileus, or “King Archon”), while behind him a priestess receives from other young cult servants the stools—on which she and her male partner will later sit.

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien

Die kleinen Bände der Wissen-Reihe von C.H. Beck sind ideale Reisebegleiter, fallen sie doch buchstäblich im Gepäck nicht ins Gewicht. Für meine Iranreise besorgte ich mir deshalb unter anderen den Band über das frühe Persien. Josef Wiesehöfer ist ein ausgesprochener Kenner des frühen Iran und schafft es, trotz des knappen Rahmens, viele interessante Informationen zu vermitteln. Positiv fällt vor allem Zweierlei ins Gewicht: Erstens gibt er zu Beginn eine ausführliche Beschreibung der Quellenlage. Zweitens findet er auch Platz, den Paradigmenwechsel in seinem Fach zu thematisieren. Jahrhundertelang wurden die Perser ja aus der Brille der Griechen wahrgenommen. Die Griechen haben nicht nur die berühmten Perserkriege gewonnen, sie haben auch die Meinung über die Perser über Jahrtausende bestimmt. Erst in den letzten Jahrzehnten versuchte die Forschung, die altpersische Geschichte aus Perspektive der Perser zu verstehen. Beispielsweise waren die Perser als erstes multikulturelles Imperium außergewöhnlich tolerant, nicht nur was Religionsausübung angeht. Eine sehr gute Einführung auf akademischem Niveau.

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (C.H. Beck Wissen)

Äthiopien – Eine Reise in die Vergangenheit

Publiziert in „Literatur und Kritik“ Mai 2014.

Oktober / November 2013

Einige Tage bin ich bereits in einem Geländewagen auf teils abseitigen Wegen im Hochland Äthiopiens unterwegs. Wenn ich an meine Ankunft in Addis Abeba zurückdenke, kann ich eigentlich nicht mit dem brandneuen Dreamliner der Ethiopian Airlines angekommen sein, sondern mit dem TARDIS des Dr. Who. Bei keiner meiner bisherigen Reisen hatte ich so sehr das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. In den meisten Ländern muss man geistige Energie aufbringen, um die archäologischen und historischen Monumente in eine lebendige Vergangenheit zu verwandeln. In Äthiopien überhebt einem der gelebte Alltag von diesem Aufwand.

Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, welchen Zeitpunkt in der Vergangenheit man ansetzt. Die Menschen fristen ihr Leben wie vor fünfhundert oder wie vor tausendfünfhundert Jahren: Fast alle arbeiten mit den primitivsten Mitteln in der Landwirtschaft. Von Ochsen gezogene Holzpflüge sah ich auch in anderen Ländern, aber in Äthiopien wird zusätzlich per Hand geerntet und mit archaischen Mitteln gedroschen. Wer Esel für den Transport des Geernteten besitzt, ist privilegiert. Ansonsten tragen Frauen, Kinder und manchmal auch Männer die Getreidebündel in waghalsigen Konstruktionen auf dem Kopf nach Hause. Kinder arbeiten von klein auf selbständig in der Landwirtschaft oder als Hirten. Nicht nur das Wie, auch das Was des Anbaus ist archaisch. Gesät wird wie seit vielen Jahrhunderten Teff. Diese Grasart wirkt im Gegensatz zum Weizen zart, und die Körner pro Halm sind schütter verteilt. Ohne Zweifel lieferte ein modernes Hochleistungsgetreide einen mehrfachen Ertrag. Aber die Äthiopier können sich ebenso wenig vorstellen, auf ihr traditionelles Fladenbrot Inschera zu verzichten wie die Wiener auf ihr Schnitzel. Während im sicheren Wien besorgte Helikopter-Eltern noch ihre Zwölfjährigen fürsorglich zur Schule bringen, hüten in der Provinz Tigre Fünfjährige bereits alleine kleine Herden. Kinderarbeit ist omnipräsent. Gingen sie zur Schule, würde so manches Dorf wirtschaftlich zugrunde gehen.
Fehlender Strom und das fehlendes Wasser sind ubiquitär. Ab und an sieht man moderne Brunnen, aber der überwiegende Teil des Wassers wird von traditionellen Wasserstellen geholt. Satellitenschüsseln sind, im Gegensatz zu vielen anderen armen Ländern, immer noch eine Seltenheit. In niedrigen Lagen sind drei Ernten pro Jahr möglich, in den höheren Regionen des Hochlands nur noch eine Ernte – bei weitem zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Das größte Elend sehe ich deshalb über 3000 Meter in der grandiosen Landschaft des Simien-Nationalparks. An den atemberaubenden Aussichten haben freilich nur wir Touristene eine Freude. Für die Dorfbewohner der Gegend muss es wirken als hätte sich die Geographie mit ihnen hier einen grausamen Scherz erlaubt.

Generell fällt es mir schwerer als auf meinen früheren Reisen, mich auf die Kultur und Geschichte des Landes zu konzentrieren. Das liegt nicht an den Reisestrapazen. Zweitausend Kilometer in knapp zwei Wochen im Geländewagen durch das Hochland zu fahren, heißt angesichts der oft desaströsen Straßenverhältnisse: Tagesetappen von mindestens zwölf Stunden. Auf der Fahrt werden wir aber permanent vom schwierigen Alltag der Äthiopier eingeholt. Selbst in entlegenen Gebieten bedeutet jeder Stopp: Kinder. Nach ein paar Minuten sind die Land Cruiser von kleinen Äthiopiern umringt. Manche sehen uns skeptisch, manche sehen uns neugierig und manche sehen uns verzweifelt an mit den paar Fetzen, die sie noch am Leib haben. Konkret helfen kann man nicht, man müsste mit einem Lastwagenkonvoi unterwegs sein, um die Nachfrage zu befriedigen. „Mister, give me pen / shirt“ ist der häufigste Wunsch. So schiebt sich das oft mit erstaunlicher Würde getragene Elend immer wieder vor intellektuelle Reflexionen.

Ein anderer Teil des Alltagslebens ist tief in der Vergangenheit verwurzelt: Die Religion. In der äthiopischen Geistesgeschichte gibt es nichts der europäischen Aufklärung vergleichbares, weshalb das christlich-religiöse Leben anmutet wie im europäischen Mittelalter. Vorab sei daran erinnert, dass die eigenständige äthiopisch-orthodoxe Kirche zu den ältesten überhaupt zählt und ihre theologische Eigenständigkeit seit dem Konzil von Calzedon (451) erfolgreich behauptet. Die Lehrmeinung ist monophysitisch, das heißt sie erkennt nur die göttliche Natur Christi an.
Auch die Religionspraxis hat eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen. So gibt es das Amt des Debtera. Üblicherweise ungeweiht, ist er für die Kirchenmusik zuständig. Die Ausbildung dafür dauert über dreißig Jahre, was alleine schon bemerkenswert ist. Ihr Gesang wird über Lautsprecher an die Gemeinde übertragen. Das erinnert ebenso an Muezzine wie die Art und der Duktus der Musik. Auf europäische Ohren wirkt diese Ästhetik sehr fremd, es gibt orientalische und indische Anleihen. Als alte Kirche findet man ebenfalls noch viele Anleihen beim Judentum, vom Schweinefleischverbot bis zu Beschneidungen.
Der Einfluss der Priester auf den Alltag der Menschen ist im Hochland Äthiopiens enorm: Es gibt unzählige Verhaltensregeln. Hundertachtzig Fastentage sind für Laien einzuhalten, zweihundertfünfzig für Priester. Dann ist es nicht nur verboten, Fleisch, Eier und Milchprodukte zu essen, sondern auch jeglicher Geschlechtsverkehr. Kleriker sind verehrte Respektspersonen. Ich sehe auf der Reise sogar gut ausgebildete, mehrsprachige Äthiopier, die sofort das Kreuz küssen, welches ihnen ein Priester hinhält. Die äthiopische Regierung erkennt inzwischen, dass die Feiertagsflut der Wirtschaft und dem Wohlstand abträglich ist, und versucht in den Dorfschulen zaghaft gegen den kirchlichen Einfluss anzulehren.
Wie der katholische Gott, benötigt auch der äthiopische Gott ständig Geld. Wenn ich als Reisender eine Kirche betrete, egal ob eine der legendären Felskirchen in Lalibela oder ein normales Gotteshaus, beginnt immer dasselbe Ritual: Der Priester stellt sich stolz in seinem Ornat zum Fotografieren auf, wofür er pro Fotografierenden 10 Birr (40 Cent) kassiert. Ein unwürdiges Schauspiel, das die Autoritäten inzwischen angeblich verboten haben.
Der hygienische Zustand dürfte in den mittelalterlichen europäischen Kirchen nicht anders gewesen sein: Oft ist es in den Gotteshäusern olfaktorisch herausfordernd und man fängt sich dort unweigerlich Flöhe ein.

Meine Mitreisenden und ich nehmen diese Zustände freilich gerne in Kauf angesichts der grandiosen Architektur der äthiopischen Felskirchen. Im nach dem Kaiser Lalibela benannten Ort besichtige ich beide im 12./13. Jahrhundert errichteten Gruppen, die weltweit einzigartig sind und den Höhepunkt dieses Genres bilden. Die meisten sind buchstäblich mit einem enormen Aufwand und einer erstaunlichen Präzision direkt aus den Felsen herausgeschlagen. Immer wieder fühle ich mich an Petra erinnert, auch wenn ein direkter Vergleich mit den Nabatäerbauten unzulässig ist. Als ich das Labyrinth dieser Kirchen durchschreite muss ich unwillkürlich mich an die Hell- und Dunkelkontraste bei Caravaggio oder Rembrandt denken. Mir leuchtet auch die Legende ein, dass diese Bauwerke nur mit der Hilfe von Engeln aus den Felsen geschlagen werden konnten.
Faszinierend ist ebenso die äthiopische Kirchenmalerei. Die besten Beispiele dafür sind allerdings nicht in Lalibela zu finden. Wie beim religiösen Leben entwickelte sich bei der Dekoration ein völlig eigenständiger Stil. Als ich in der durchgehend bemalten Debre Berhan Selassie in Gondar stehe fühle ich mich vom Eindruck her an die wesentlich größere Sixtinische Kapelle erinnert. die visuelle Wirkung ist stark und das ikonographische Programm ist anspruchsvoll. So ist auf der Nordwand die äthiopische Marienlegende in fünfunddreißig Bildern dargestellt. Die Figuren treten plastisch hervor, was nicht zuletzt an deren überproportional großen Augen liegt, eines der wichtigsten Stilmerkmale. Diese finden sich ebenso in den zahlreichen illuminierten Handschriften, die es in jeder der bekannteren Kirchen gibt. Viele davon sind freilich aus dem 19. Jahrhundert und werden als spirituelle Alltagsgegenstände behandelt, anders als die Museumsstücke in europäischen Bibliotheken.
Auffallend ist die Explizität mit der Grausamkeit dargestellt wird, am liebsten anhand von Märtyrerszenen. Da wird verbrannt, gespießt und zerstückelt wie in Computerspielen für Erwachsene. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dies in erster Linie der Einschüchterung der Gläubigen dienen soll und das bis heute passabel funktioniert.

Selbst ein kursorischer Überblick über die kulturellen Höhepunkte, wäre unvollständig, ohne die vorchristliche Zeit zu erwähnen. Die antike Hauptstadt Axum ist ein besseres Dorf mit einer riesigen Kathedrale. Die Straßen und selbst der Hauptplatz sind ungeteert. Das Zentrum des Ortes teilen sich einträchtig die Tiere mit den Menschen. Mein erster Besuchspunkt ist selbstverständlich der berühmte Stelenpark, dessen Exemplare zu den größten je gebauten gehören und von den Axumiten als Schmuck für Gräber aufgerichtet worden sind. Die größte Stele ist 520 Tonnen schwer und umgestürzt, falls sie überhaupt je aufgerichtet werden konnte. Die moderne Kathedrale Maryam Sion ist ein Prachtbau, der in einem frappanten Kontrast zum Dreck des Hauptplatzes steht. Dort werde ich Zeuge einer Taufe und einer Hochzeit. Eine hübsch geschmückte Braut und einen hübsch herausgeputzten Bräutigam, die eine auffallende Gemeinsamkeit aufweisen: Beide machen eine todunglückliche Miene, während die anwesenden alten Menschen mit dem Arrangement sehr zufrieden zu sein scheinen.
Ein paar Schritte davon entfernt steht das größte Heiligtum des Landes: Der Bau in dem laut Überlieferung die Bundeslade und die Originaltafel des Moses mit den zehn Geboten aufbewahrt wird. Praktischerweise darf sie außer einem auf Lebenszeit ernannten Wächter niemand sehen.
Sehr beeindruckt bin ich einige Tage später auch von der alten Kaiserstadt Gondar. Die im 17. und 18. Jahrhundert sukzessive errichtete Palastanlage ist für afrikanische Verhältnisse exzellent erhalten und beeindruckt durch die kluge architektonische Anlage. So mancher europäische Palast aus dieser Zeit wirkt provinziell dagegen.

Im Flugzeug zurück nach Frankfurt denke ich dann vor allem an die Menschen in Äthiopien und das unverdiente Privileg, in Europa geboren worden zu sein.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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