Archäologie

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Reise-Notizen West-Türkei (7): Milet, Didyma, Priene

Wer mit vorsokratischer Vorfreude die antiken Stätten Milets besichtigen will, wird enttäuscht. Der Geburtsort des abendländischen säkularen Denkens (Thales, Anaximander, Anaximenes, Hippodamus!) wurde bisher nicht ausgegraben. Das römische Milet dagegen wurde frei gelegt, darunter ein spektakuläres Theater.

In Didyma kann man die Überreste des bedeutendsten Orakels Kleinasiens besichtigen, welche die größte (und größenwahnsinnigste) griechische Tempelanlage beinhaltet (51x110m). Drei der zwanzig Meter hohen Säulen stehen noch und man frägt sich wie diese gewaltigen Gewichte damals bewegt worden sind, auch wenn man über die antike Bautechnik ganz passabel Bescheid weiß.

Die Ruinen Prienes zeichnen sich nicht nur durch deren reizvolle Lage oberhalb der Mäanderebene aus, sondern vor allem durch die unverfälschte griechische Bausubstanz. Zu sehen sind u.a. die Überreste eines kleinen Theaters, eines Athenatempels sowie von Wohnhäusern.

Reise-Notizen West-Türkei (5): Pergamon

Attalos I. machte Pergamon im dritten vorchristlichen Jahrhundert zu einem intellektuellen Zentrum. Die Reste der berühmten Bibliothek, damals eine ernsthafte „Konkurrenz“ zur Büchersammlung in Alexandria, sind auf dem Burgberg noch zu sehen. Den faszinierenden Zeusaltar kann man zwar nur im Berliner Pergamonmuseum bewundern, aber alleine den ursprünglichen Ort hoch über der Ebene zu sehen, wäre eine Reise wert. Die Ruinen auf dem Berg sind teilweise in einem sehr guten Zustand und geben einen guten Eindruck über die ursprüngliche Anlage der Stadt. Beeindruckend ebenfalls die Überreste römischer Ingenieurskunst, etwa die Hochdruck-Wasserleitung, welche die Stadt mit frischem Quellwasser versorgte. Blei war damals das einzige zu diesem Zweck geeignete Material, weshalb die Einwohner Pergamons an einer permanenten Bleivergiftung litten.

In der Ebene kann man noch das Asklepieion besichtigen, eine der renommiertesten zeitgenössischen Heilstätten. Entsprechend groß ist die Anlage. Nicht nur für Freunde der Medizingeschichte sehr sehenswert.

Römische und keltische Ausgrabungen

Archäologischer Park St. Magdalensberg 24.4.

Das Kärnter Freilichtmuseum liegt etwa 25km von Klagenfurt entfernt und lohnt durchaus einen Besuch. Zu sehen sind die Überreste einer Bergarbeitersiedlung. Zur Zeit der Römer und Kelten wurde dort erstklassiges Erz abgebaut und weiterverarbeitet.

Freigelegt wurden die Grundrisse einiger Häuser und Werkstätten, des Tempels und des „Vergnügungsgebäudes“ (Bad & Küche). In diversen Freilichtvitrinen ist Keramik und Werkzeug zu sehen. Die Keramik ist in einem vergleichsweise schlechten Zustand, herausragend ein kleiner Krug mit Verzierungen an dem man deutlich die unterschiedlichen kunsthandwerklichen Fähigkeiten zwischen Kelten und den südlichen Zivilisationen erkennen kann. Bemerkenswert ist auch die Mischarchitektur zwischen Römern und Kelten. Der Tempel bestand aus ungewöhnlich dicken Mauern und hatte eine für klassische römische Tempeln unübliche Raumeinteilung.

Das „Management“ des Bergwerks hat offenbar sehr schön gelebt. Leider erinnert dort nichts an die Minensklaven. In einer Mine zu arbeiten war, neben Galeere und Zirkus, das Übelste, was einem Sklaven passieren konnte. Die Lebenserwartung betrug oft nur noch wenige Jahre.

Reise-Notizen West-Türkei (3): Bursa, Troia

Bursa, eine Stadt mit bald zwei Millionen Einwohnern, zeichnet sich kulturhistorisch vor allem dadurch aus, dass sie die Osmanen zu ihrer ersten Hauptstadt machten. Während in Istanbul die großen Moscheen alle nach dem klassizistischen Stil erbaut sind, finden sich in Bursa frühosmanische Gotteshäuser, die erkennbar weniger von christlichen Kirchen beeinflusst sind, als die späteren Bauwerke. Sehr sehenswert sind außerdem die zahlreichen Sultansgräber. Sarkophage stehen in Türben (Grabbauten), die wie gestauchte Türme aussehen, und innen höchst unterschiedlich prächtig geschmückt sind. Bursa wirkt trotz der Größe vergleichsweise provinziell, aber vielleicht war an diesem Eindruck nur der Kontrast zum turbulenten Istanbul schuld.

In allen Reiseführern wird so ausgiebig von „Millionen enttäuschter Besucher“ berichtet, dass man erstaunt ist, wie viel dort noch zu sehen ist. Freilich schadet es nichts, einiges über die Grabungen zu wissen, und einen guten Archäologen als Erläuternden zu haben. Ist man an der kitschigen Reproduktion eines trojanischen Pferdes vorbei, das – Überraschung! – von Amerikanern gestiftet wurde, sieht man die beeindruckenden Überreste der Stadtmauer. Anschließend gibt es diverse Ausgrabungen aus den unterschiedlichen Schichten zu sehen, darunter auch Spektakuläres wie ein altes von Korfmann freigelegtes Haus.

Joachim Latacz: Troia und Homer

Nachdem ich in knapp drei Wochen selbst durch die Ruinen Troias spazieren werde, war der Anlass der Lektüre Reisevorbereitung. Latacz hat ein glänzendes Sachbuch geschrieben. Er zeichnet detailliert und kenntnisreich den aktuellen Stand der Troia- und Homerforschung nach und bezieht sich dabei ausführlich auf die sensationellen Ergebnisse der Grabungen Manfred Korfmanns seit 1988. Der Erkenntiswert dieses archäologischen Projekts stellt seit den Grabungen Schliemanns alle bisherigen Bemühungen in den Schatten. Vieles spricht dafür, dass es sich bei Trois im fraglischen Zeitraum (ca. 1200 AC) um eine mit dem Hethiterreich assozierte mächtige Handels- und Residenzstadt war.

Latacz Thesen: 1. Troia und der trojanische Krieg waren mit großer Wahrscheinlichkeit historisch. 2. Homers „Illias“ berichtet darüber und taugt (bei großer philologischer Umsicht, versteht sich) als Quelle für dieses historische Ereignis. Latacz Argumentation stützt sich auf eine Fülle von neuen Erkenntnissen aus verschiedenen Gebieten, nicht zuletzt der Hethitologie, und liest sich spannend wie ein Kriminalroman. Auch wenn es sich teilweise nur um Indizien handelt, die zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden, ergibt sich eine stimmige Theorie. Es wird sich zeigen, ob die Gegner dieser Theorie ähnlich valide Argumente vorweisen können. Unbedingt lesen!

Joachim Latacz: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels (Koehler & Amelang)

“Der neue Streit um Troia”

Der von Christoph Ulf herausgegebene Sammelband trägt den Untertitel „Eine Bilanz“ und soll Licht in die Debatte der letzten Jahre bringen.

Das neue Akropolis-Museum…

…in Athen hat erbitterte Debatten ausgelöst. BBC Korrespondent Richard Galpin berichtet ausführlich darüber.

Nationalmuseum Baghdad

Erste, vorsichtig optimistische Bestandaufnahmen finden sich in der Washington Post* sowie bei National Geographic.

* Addendum: Siehe auch die Washington Post im November 2005: Looted Iraqi Relics Slow To Surface

Anthropologische Differenzen

Die BBC berichtet über eine Debatte unter Anthropologen, die durch eine (angeblich) 400.000 Jahre alte Skulptur ausgelöst wurde.

Reise-Notizen Sizilien (5): Agrigent und Syracus

Info-Links für Agrigento und Syracus

Agrigent ist für den Graecophilen nach Selinunt ein weiterer Höhepunkt. Der seltsamerweise „Tal der Tempel“ genannte Ort – es handelt sich um eine Anhöhe – ist architektonisch ungemein interessant. Der Concordiatempel zählt zu den drei besterhaltenen dorischen Tempeln und gibt eine eindrückliche Vorstellung von dieser spezifischen Form der Ästhetik. Aus größerer Entfernung wirkt er quasi intakt (das Dach und die fehlenden Farben einmal ausgenommen). Eines der schönsten Bauwerke, die ich bisher sah.

Über Syracus muss man nicht viele Worte verlieren, aber es ist schon eigenartig, auf einem der Hügel über der Stadt zu stehen und auf die topologisch kaum veränderte Bucht zu blicken, in der am Ende des peloponnesischen Krieges die verhängnisvolle Seeschlacht stattfand, die den Untergang der Großmacht Athen einleitete. Bei Thukydides ist das brillant geschildert nachzulesen. Ansonsten gibt es noch ein leidlich gut erhaltenenes griechisches Theater zu sehen sowie eines der besten Museen Siziliens. Herausragend auch der Dom der Stadt: Ein Bauwerk, dass als griechischer Tempel begann, diverse Umbauten erlebte, und seit der Antike permanent genutzt wurde. Wer wollte nicht schon mal einen in eine Kirche umgebauten griechischen Tempel sehen? :-)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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