Weltgeschichte

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Herodot: Historien

Diese Notizen schrieb ich Ende 2001 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Buch I

In die “Historien” hineingelesen hatte ich schon mehrmals, zu einer Lektüre des Gesamtwerks kam es bis jetzt noch nie. Ein Versäumnis dem ich nun behutsam – also Buch für Buch – abhelfen will.

Die dtv-Ausgabe greift auf die Übersetzung von Walter Marg zurück. Ein Kommentar ist (leider!) nicht vorhanden, dafür eine ausgezeichnete umfangreiche Einführung von Detlev Fehling, der sich teilweise von traditionellen Positionen der Herodot-Forschung verabschiedet. Beispielsweise nimmt er Herodot nicht mehr vor seinen eigenen Fehlern in Schutz und betont die unhistorische Seite des Werks.

Meine von altphilologischen Kenntnissen (leider) ungetrübte Perspektive auf das Buch ist ähnlich: Ich lese es einerseits als Literatur, andererseits als zentrales Dokument in der Geschichte des abendländischen Denkens. Es gibt kaum ein Zeugnis, an dem man die sukzessive Emanzipation vom Mythos zugunsten des rationalen Denkens besser beobachten kann.

Schon im ersten Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, etwa wenn die mythische Entführung der Io nach Ägypten statt durch göttliche Intervention durch eine Entführung der Phönizier, notorischen Seefahrern, erklärt wird, die Io mit einem Schiff nach Ägypten bringen.

Es finden sich bereits philosophische Reflexionen, die an spätere antike ethische Betrachtungen erinnern, etwa wenn Solon folgendermaßen zitiert wird:

Denn viele Menschen, die gewaltig reich sind, sind unglücklich, vielen aber, die nur mäßig zu leben haben, geht es wohl. Nun hat, wer sehr reich ist, aber unglücklich, zweierlei voraus vor dem, dem es nur wohl geht, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen vieles.

Als Beispiel für eine frühe rationale Methode, die erstaunlich modern anmutet, sei noch der Orakeltest des Kroisos genannt. Dieser schickt Boten gleichzeitig zu verschiedenen Orakeln, läßt dort anfragen und dokumentieren, was bei ihm in hundert Tagen passieren wird, arrangiert zu diesem Zeitpunkt einen raffinierten Test, und vergleicht dann die Prophezeiungen. Als Sieger des Tests geht selbstverständlich das Orakel in Delphi hervor.

 

Buch II

Das zweite Buch handelt ausschließlich von Ägypten, was sich spätestens seit dem Englischen Patienten herumgesprochen haben dürfte. Herodot scheint sich also der überragenden Bedeutung der ägyptischen Kultur bewusst gewesen zu sein, weshalb ihn auch des öfteren beschäftigt, was die Hellenen von den Ägyptern übernommen haben. Inkonsistenzen in diversen mythologischen Überlieferungen spricht er offen an.
Wer sich für die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens interessiert, wird die Diskussion verschiedener Erklärungen der Nilschwemme aufschlussreich finden: Herodot gibt drei der gängigen Erklärungen wieder, aber “zwei von ihnen verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden, nur daß ich eben auf sie hinweisen möchte”. (S. 131)

Er verwirft alle drei und entwickelt eine eigene Erklärung des Phänomens, die nicht schlechter als viele wissenschaftliche Reflexionen des Aristoteles sind. Mythologische Erläuterungen weist er schon sehr routiniert zurück:

Wer aber vom Okeanos gesprochen hat, der führt seine Erzählung auf Unsichtbares zurück und hat keinen nachprüfbaren Schluß [!] zu bieten. Denn ich wenigstens kenne keinen wirklichen vorhandenen Strom Okeanos, sondern Homer oder einer der Dichter noch früherer Zeit, meine ich, ist auf diesen Namen gekommen und hat ihn in die Dichtung eingeführt.
[S. 132]

Apropos: Homer. Herodot hat auch zaghaft die Literaturgeschichtsschreibung begründet, macht er sich doch Gedanken über die Lebzeiten der Dichter:

Woher ein jeder der Götter aber seinen Ursprung hat, ob sie alle schon immer da waren und wie ihre Gestalten sind, das wußten sie nicht, bis eben und gestern erst sozusagen. Hesiod und Homer haben, wie ich meine, etwa vierhundert Jahre vor mir gelebt und nicht mehr. Und sie sind es, die den Hellenen Entstehung und Stammbaum der Götter geschaffen und den Göttern die Beinamen gegeben und ihre Ämter und Fertigkeiten gesondert und ihre Gestalten deutlich gemacht haben. Die Dichter aber, von denen man sagt, sie hätten vor diesen gelebt, haben, so meine ich jedenfalls, später gelebt. Und hiervon sagen das erste die Priesterinnen in Dodona, das zweite aber, von Hesiod und Homer, das sage ich.
[S. 151]

Es sei noch die unappetitlich detaillierte Beschreibung der verschiedenen Balsamierungstufen (je nach den finanziellen Möglichkeiten) erwähnt. Dass manche Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben, zeigen Herodots Bemühungen um den trojanischen Krieg. Er hatte ebenso starkes Interesse daran, wie es wirklich gewesen war, wie die sich beflegelnden Gelehrten heute.

 

Buch III und IV

Selten kommt es vor, dass ich während einer Lektüre die Ausgabe des Buches wechsle. Für die ersten beiden Bücher griff ich zur dtv-Ausgabe. Deren Übersetzung erscheint etwas frischer, allerdings entbehrt sie des Kommentars, weshalb ich mich letztendlich für die verstaubtere Kröner-Edition (Übersetzer: A. Horneffer) entschied.
Der Kommentar entspricht leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung, da er sich relativ häufig damit beschäftigt, Herodots Fehler zu entschuldigen. Ansonsten erhält man durchaus aufschlussreiche Hintergrundinformationen.

Im dritten Buch wird der Feldzug der Perser gegen Ägypten und die Aithioper geschildert. Man stößt auf erstaunlich moderne Ansichten, Kulturwissenschaftler, die ihr glaubt, kulturelle Toleranz sei eine postmoderne Errungenschaft: Merket auf :-)

Mir ist es ganz klar, daß Kambyses wahnsinnig war. Er hätte sonst die fremden Gottheiten und Gebräuche nicht verhöhnt. Denn wenn man an alle Völker der Erde die Aufforderung ergehen ließe, sich unter all den verschiedenen Sitten die vorzüglichsten auszuwählen, so würde jedes, nachdem es alle geprüft, die seinigen allen anderen vorziehen. So sehr ist jedes Volk überzeugt, daß seine Lebensformen die besten sind. Wie kann daher ein Mensch mit gesunden Sinnen über solche Dinge spotten!
[S. 198]

Für Herodot ist kulturelle Toleranz schlicht eine Frage des gesunden Menschenverstands, eine Botschaft, die nach knapp 2500 Jahren bei vielen immmer noch nicht angekommen ist…

Anthropologisch aufschlussreich sind die vielen beschriebenen Grausamkeiten. Ähnliches ist täglich in den Zeitungen zu lesen, so dass sich die unangenehme Frage aufdrängt, ob solche Vorkommnisse nicht eng mit dem Wesen des Menschen verknüpft sind:

Den getöteten Magern [einer an einer Verschwörung beteiligten Volksgruppe, einer klassischen „Minderheit“] schnitten sie die Köpfe ab, ließen ihre Verwundeten zurück, die zu entkräftet waren und auch den Palast schützen sollten, und eilten zu fünft mit den Köpfen der Mager schreiend und lärmend hinaus. Sie riefen die übrigen Perser, erklärten ihnen die Situation, zeigten die Köpfe, und töteten alle Mager, die sie finden konnten. Wäre nicht die Nacht hereingebrochen, so hätten sie keinen Mager am Leben gelassen.
[S. 217]

Grausamkeiten, wie sie auf dem Balkan oder in Algerien im letzten Jahrzehnt häufig vorkamen. Jared Diamond versucht in seinem lesenswerten Buch Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen dieses traurige Phänomen zu erklären (16. Kapitel).

Im vierten Buch beschreibt Herodot hauptsächlich den Kriegszug gegen die Skythen, einem Volk mit vielen aus griechischer Sicht eigenartigen Gewohnheiten. Wie immer gibt es viele interessante Exkurse, etwa über die ersten Versuche, Afrika zu umsegeln.

 

Buch V, VI und VII

Mit dem fünften Buch kommt Herodot eigentlich erst zur Sache: der griechischen Geschichte im engeren Sinn. Vorher war hauptsächlich von der persischen Historie die Rede, was mir aus zwei Gründen bemerkenswert erscheint:

Es zeugt erstens von einer ungewöhnlichen Abstraktionsfähigkeit, sich so ausführlich und “objektiv” mit einer anderen Kultur zu befassen.

Zweitens wird darin ein früher Sinn für erzählerische Strukturen und deren Wirkungen sichtbar, denn es läßt den abschließenden Sieg der Griechen natürlich desto glorreicher erscheinen, wenn man vorher den Gegner als eine gewaltige Großmacht kennen lernte.

Der zitierenswerten Fundstücke gäbe es viele. Hervorzuheben ist jedenfalls das Volk der Trauser, die ihrem Leben völlig illusionslos gegenüberstehen:

Das Leben der Trauser ist im allgemeinem dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.
[S. 330]

Es finden sich erfrischende Seitenhiebe gegen die Monarchie: “Kleomenes, sein Sohn, war König, seiner Abkunft, nicht seiner Tüchtigkeit wegen.” (S. 343) zu denen folgendes Lob der Gleichheit passt:

Athen also wuchs.Die Gleichheit ist eben in jedem Betracht etwas Wertvolles und Schönes, denn als die Athener noch Tyrannen hatten, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen. Jetzt, wo sie von den Tyrannen befreit waren, standen sie weitaus als die Ersten da. Man sieht daraus, daß sie als Untertanen, wo sie für ihren Gebieter kämpften, absichtlich feige und träge waren, während sie jetzt, wo jeder für sich selber arbeitete, eifrig und tätig wurden.
[S. 359]

Manchmal vertraut Herodot ein abschließendes Urteil seinen Lesern an: “Das sind die Gründe, die beide Städte anführen. Jeder mag denen zustimmen, die ihn überzeugen.” (S. 346). Literarisches wird selten erwähnt, so hat diese Darstellung aus dem Athener Theaterleben einen gewissen Raritätenwert: “So dichtete Phrynichos ein Drama ‘Der Fall Milets’ und als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen.” (S. 387)

Ab und zu relativiert Herodot die “aufgeklärten” Passagen, indem er göttliche Kausalitäten anerkennt, etwa des Kleomenes’ Schicksal auf göttliche Rache zurückführt (S. 410/411), anstatt auf die Unfähigkeit des Spartanerkönigs.

 

Buch VIII und IX

Die letzten beiden Bücher des Werks sind die bekanntesten, beschreiben sie doch die Höhepunkte der Perserkriege und die Befreiung Ioniens. Der monomane Größenwahn des Xerxes’, der die gesamte bekannte Welt erobern will und eine gigantische Kriegsmaschinerie ins Feld führt, wirkt beklemmend paradigmatisch für den weiteren Geschichtsverlauf bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Ebenso typisch auf der anderen Seite der Freiheitsdrang nicht nur der Griechen, sondern auch viel kleinerer Völker und Städte. Das heute vielzitierte “Recht auf Selbstbestimmung” findet in den Historien als verbreitetes Bedürfnis seine ersten ausführlichen Beschreibungen, was auch aus anthropologischer Perspektive sehr erhellend ist.

Das langsame, genaue Lektüre der Historien war nicht nur historisch höchst aufschlussreich, sondern auch geistesgeschichtlich, anthropologisch, ethnographisch und literarisch.

 
Herodot: Historien (Kröner)

WBG bringt neue “Weltgeschichte”

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft kündigt die Veröffentlichung einer neuen Weltgeschichte an. Untertitel: „Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert.“ Sechs Bände sind geplant. Details dazu hier.

David Christian: Big History

Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Great Courses, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 „Lectures“ über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten.
Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind.
Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. „Big History“ stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese „Erzählung“ an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.

David Christian: Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity.
(Great Courses)

Bill Bryson

Eine kurze Geschichte von fast allem

Brysons Rundumschlag halte ich für ein sehr erstaunliches Buch, weshalb ich hier gerne auf die neue Besprechung von Marius Fränzel verweise.

Jacques Gernet: Die chinesische Welt

Insel Verlag (Amazon Partnerlink)

Diese Buch begleitete mich mit Pausen die letzten drei Monate. Gernet bewältigt mit diesem Sachbuch eine scheinbar unmögliche Aufgabe: Die Geschichte Chinas in einem Buch abzuhandeln. Zugegebenermaßen ist es ein langes Buch mit mehr als 700 engbedruckten Seiten. Wer jedoch die Vielfalt und den Stoffreichtum der chinesischen Geschichte kennt, wird diese Leistung zu würdigen wissen.

Das wäre freilich noch nicht ausreichend, um sich das Prädikat „brillant“ zu verdienen. Ein Grund für dieses Urteil ist auch die Art der Vermittlung. Klugerweise setzt Gernet wenig Vorwissen voraus. Er nimmt den Leser von Anfang an mit, ohne jedoch im schlechten Sinne populär zu werden. So weit ich das beurteilen kann, ist „Die chinesische Welt“ auf einem sehr soliden akademischen Fundament errichtet. Gernet vertritt durchaus eigenständige Thesen und weist auch immer wieder auf die Forschungslage hin.

Es sei nur eine seiner (vielen) interessanten Thesen angeführt: Die Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts verdanke wesentlich mehr dem chinesischen Einfluss (es gab damals eine Menge Bücher über China) als das in der traditionellen Geistesgeschichtsschreibung anerkannt werde.

Das Buch ist didaktisch ausgezeichnet geliedert. Neben der chronologischen Vorgehensweise zielt Gernet immer vom Allgemeinen ins Spezielle. Er fängt mit einem einführenden Überblick an, und geht dann systematisch ins Detail. Dabei kommen klassische Themen wie Politik- und Wirtschaftsgeschichte nicht zu kurz, es wird aber auch ausdrücklicher Wert auf Wissenschaft, Technik, Kultur und Philosophie gelegt.

Wie man die Sache nun dreht und wendet: Es ist ein ausgezeichnetes Sachbuch. Dass es bereits 20 Jahre alt ist, schadet nichts, denn der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte von der Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Wer sich speziell für die Geschichte der Volksrepublik interessiert, käme etwas zu kurz und greift besser zusätzlich zu anderen Titeln.

Udo Sauter: Die 101 wichtigsten Personen der Weltgeschichte

C.H. Beck Wissen (Amazon Partnerlink)

Natürlich haftet derartigen Büchern etwas Unsinniges an und man könnte lange über die Auswahl streiten. Ich lese derartige Kleinigkeiten aber immer ganz gerne. Man frischt sein historisches Kurzzeitgedächtnis auf und ist passabel unterhalten. Für diesen Zweck ist es geeignet, nicht vorhandenes Geschichtswissen kann man sich damit nicht aneignen.

Jared Diamond: Collapse

Untertitel: How Societies choose to fall or succeed (Viking Hardcover oder Penguin Paperback – Amazon Partnerlinks)

Hunderte Menschen kamen im November in die Nationalbibliothek als Diamond dort sein Buch vorstellte (in einem fehlerfreien Deutsch übrigens). Viele scheinen jedoch nicht von ihrem plötzlich erwachten Interesse für Soziogeographie getrieben zu sein, sondern von fragwürdigeren Motiven. Das bemerkte man in der Fragestunde nach Diamonds Vortrag, wo sich Vulgärantiamerikanismus mit Xenophobie abwechselte.

„Guns, Germs and Steel“ („Arm und Reich“) war eines der spannendesten historischen Bücher der neunziger Jahre. Das lag nicht nur an dem Mut Diamonds, entgegen dem Trend zur Spezialisierung große Linien zu ziehen, sondern auch an seinem methodischen Ansatz: Die Problemen wurde mit einer Vielzahl naturwissenschaftlicher Methoden angepackt, was unter Historikern eine Seltenheit darstellt. Zu dem spannenden Thema, warum sich die Kulturen auf den Kontinenten so unterschiedlich entwickelt hatten, konnte man die Studie auch „wissenschaftstheoretisch“ lesen.

Grund genug also, sofort Diamonds neues Buch sofort zu lesen. Um es gleich vorweg zu sagen: Es hat nicht den Ausnahmerang seines Vorgängers. Trotzdem ist es ein außergewöhnlich lesenswertes Sachbuch. Der erste Teil fungiert als Einleitung und schildert die zahlreichen Umweltprobleme des vermeintlich so „natürlichen“ US Bundesstaates Montana. Daran schließen eine Reihe von historischen Fallstudien an, die sich mit untergegangenen Gesellschaften beschäftigen. Darunter die Ureinwohner der Osterinseln, die Maya und die Vikinger. Anhand eines Kriterienkatalogs werden die kausalen Faktoren für den Zusammenbruch dieser Kulturen analysiert.

Im dritten Abschnitt stehen aktuelle Beispiele im Mittelpunkt. Hier sticht vor allem das Kapitel über Ruanda heraus. Diamond sieht einen maßgeblichen Grund für den Genoizid in der Überbevölkerung des Landes. Die Ausführungen über China und Australien sind ebenfalls sehr instruktiv.

Der letzte Teil des Buches zieht die praktischen Lehren aus den geschilderten Fällen. Darunter die Notwendigkeit, Werte regelmäßig auf ihre „Gefährlichkeit“ hin zu überprüfen, was das Überleben einer Gesellschaft angeht.

Diese kurze Zusammenfassung wird dem Detailreichtum des Buches nicht gerecht. Der Autor greift auch immer wieder auf das Mittel der Reportage zurück. Man erfährt viel Neues aus dem Buch. Es ist strukturell aber weniger elegant als „Guns, Germs and Steel“. Die Analogien zwischen den historischen Fällen und der Gegenwart können manchmal nicht überzeugen (oder liegen ziemlich auf der Hand), da helfen auch die Argumente gegen die „Skeptiker“ nur bedingt, die Diamond am Ende seines Buches bringt. Die Lektüre lohnt sich unbedingt, man hofft, dass vor allem „Entscheidungsträger“ die Botschaft verstehen.

Bill Bryson: A Short History of Nearly Everything

15 CDs, Hörbuch bzw. Random House (Amazon Partnerlink)

Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine vollständige Lesung der ca. 600 Seiten des Buches: knapp 20 Stunden kann man sich in schönem britischen Englisch vorlesen lassen. Vom präpotenten (ironischen) Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Bryson hat ein im besten Sinn populäres Sachbuch über die Welt der Naturwissenschaften geschrieben, das gleichzeitig einen hohen Unterhaltungswert hat. Den Leser erwartet ein unglaublich breites Themenspektrum, weshalb man am Ende des Textes tatsächlich den Eindruck hat, der Titel sei nicht so falsch: Kosmologie, Astronomie, Chemie, Physik, Geologie, Paläontologie, Biologie werden behandelt, meist samit einer Reihe von „Nebenfächern“ dieser Hauptdisziplinen.

Dabei bevorzugt Bryson einen historischen Ansatz. Man erfährt etwa ziemlich genau, wie sich die Geologie und deren Theorien entwickelt haben oder wie der steinige Weg zur Abschätzung des Alters der Erde verlaufen ist, um nur zwei Beispiele aus Dutzenden zu nennen. Ich sehe zwei Zielgruppen als Leser: Zum einen Menschen mit wenig naturwissenschaftlichen Wissen, denen Bryson die Möglichkeit bietet, sich einführend mit den wichtigsten Themen und Theorien vertraut zu machen. In diesem Fall ist das Buch aufklärend im besten Sinn des Wortes. Zum anderen Menschen mit bereits ausgeprägten Kenntnissen, denen die Möglichkeit einer engagierten Wiederholung nebst vielen neuen Details (vor allem wissenschaftshistorischer Natur) geboten wird.

Was mich beim Anhören am meisten erstaunte: Brysons populärer Zugriff geht kaum auf Kosten der intellektuellen Qualität. Er schafft es im Gegenteil oft die richtigen skeptischen Fragen zu stellen. So wenn er ausführlich vor Augen führt, dass das sehr weit verbreitete Modell eines Atoms (Kern mit umkreisenden Elektronen) komplett falsch ist und trotzdem ständig überall abgedruckt wird (in Schulbüchern etwa). Ab und zu gleitet Bryson zu sehr ins Anekdotische ab, das sieht man ihm aber gerne nach.

Wer nicht mit akademischem Interesse im engeren Sinn an das Buch herangeht, wird viel Freude mit diesem erstaunlichen Sachbuch haben.

Hans-Joachim Braun: Die 101 wichtigsten Erfindungen

C.H. Beck Wissen (Amazon Partnerlink)

Ein informatives Buch für zwischendurch. Braun wählte die seiner Meinung nach wichtigstens 101 Erfindungen der Technikgeschichte aus und beschreibt sie kurz und prägnant. Praktisch auch die Literaturhinweise zu jedem Kapitel. Oft hätte man sich ausführlichere Abschnitte gewünscht. Die Auswahl der Einträge kann man bei solchen Büchern immer bekritteln. Allerdings hat Braun wirklich eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte vergessen: die Anästhesie. Die Bedeutung dieser medizinischen Errungenschaft steht in keinem Verhältnis etwa zum Herzschrittmacher, der einen Abschnitt erhalten hat.

Dietrich Schwanitz: Bildung. Die Geschichte Europas

3 CDs, Hörbuch

Angesichts der hohen Verkaufszahlen dieses Machwerks kam mir beim Anhören der drei Stunden regelmäßig das Gruseln. Im besten Fall reiht Schwanitz Klischees und Gemeinplätze aneinander und gibt eine Art historischen Märchenonkel, der über keinerlei kritische Reflexionsfähigkeiten verfügt. Es versteht sich, dass diese Vorgehensweise schon jeder Bildung Hohn spricht, besteht diese doch vor allem auch im qualifizierten Hinterfragen von angeblichen Selbstverständlichkeiten. Fehler finden sich eine ganze Menge, von Industriebetrieben im Mittelalter bis zu Platon, der die Metaphysik erfunden habe. Hochgradig peinlich der Abschnitt über den Holocaust, wo eine Linie zwischen dem angeblichen Gottesmord der Juden und den Genozid der Deutschen gezogen wird.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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