Ungarn

László Krasznahorkai: Satanstango

Üblicherweise verweigere ich aufgrund schlechter Erfahrung Literaturverfilmungen. In diesem Fall ist es nun umgekehrt: Bela Tarrs Film hat mich so begeistert, dass ich unbedingt den Roman lesen wollte, der dem Streifen zugrunde liegt.

Die erste Überraschung bei der Lektüre: Das Buch ist narrativ deutlich klarer als der Film. Während auf dem Bildschirm einige Fragezeichen zur Handlung stehen bleiben, ist der Text auf dieser grundsätzlichen Ebene nicht ambivalent. Man weiß genau, was die Figuren machen und was ihre oberflächliche Motivation ist. Der grandios-versoffene Doktor etwa ist kein Polizeispitzel, was ich beim Sehen des Films annahm, sondern er schreibt „nur“ Tagebücher über seine Umgebung.

Krasznahorkai beschreibt die wenigen Bewohner einer sich auflösenden, völlig heruntergekommenen Kolchosesiedlung. Sucht man filmische Analogien, so sind diese Figuren eine gelungene Kombination aus Ulrich-Seidl- und Aki-Kaurismäki-Figuren. Kurz: Menschliche Abgründe tun sich auf. Der Höhepunkt (besser: Tiefpunkt) des Romans ist, wie im Film, das Kapitel, wo ein zurückgebliebenes Kind erst seine Katze zu Tode foltert, um sich danach selbst mit Rattengift zu töten. Krasznahorkai kennt offenbar Kafkas Strafkolonie.

Weitere Abgründe tun sich auf, wenn man das Buch analog abstrakt zu Kafkas Werken versteht, denn offensichtlich stehen diese traurigen Gestalten nicht nur für sich selbst, sondern für den Zustand der Welt, in der wir leben. Egal, ob man das Buch wörtlich oder im übertragenen Sinne liest: Es ist ein misanthropes, illusionsloses und düsteres Buch. Damit ein willkommener Kontrapunkt zur alltäglichen Heuchelei in fast allen Medien.

László Krasznahorkai: Satanstango (Ammann)

Béla Tarr: Sátántangó (1994)

Wer die Filme des Aki Kaurismäki für deprimierend oder jene des Ingmar Bergman für trostlos hält, den wird Sátántangó überraschen. Gegen dessen düstere Stimmung wirken die beiden Genannten fast wie Anfänger. Mehr als sieben Stunden dauert dieses deprimierende Werk in schwarz-weiß. Eine heruntergekommene ungarische Kolchose mit noch heruntergekommeneren ehemaligen Bewirtschaftern soll verkauft werden. Schon die erste lange Kamerafahrt zeigt den Ort als unschönes Schlammloch und die schäbigen Häuser.

Der Film wird in Kapiteln erzählt, die teils sehr artifiziell angelegt sind. Die Kameraeinstellungen sind oft so eigenwillig, dass sich eine Reflexion über die Form aufdrängt. Die Sprache der Bauern ist oft vulgär, die Stimme des Erzählers oft poetisch-literarisch. Der Handlung ist durch verschobene Zeitebenen nicht ohne weiteres zu folgen. Nach einiger Zeit taucht die charismatische Erlöserfigur Irimiás auf, der den paar Bewohnern ein tolles neues Leben auf einer Musterfarm verspricht und sie wie ein neuer Moses aus ihrer Kolchose führt. Nicht, ohne ihnen vorher ihr Geld abzunehmen, versteht sich.

Als zusätzliche Ebene kommt noch das Spitzeltum dazu. Offenbar arbeitete Irimiás für die Polizei. Auch der Doktor der Kolchose, eine furiose Alkoholikerfigur, schreibt brav seine völlig belanglosen Spionageberichte.

Béla Tarr wurde für seinen Film vom gleichnamigen Roman László Krasznahorkais inspiriert, den ich nun natürlich lesen werde.

Insgesamt eines meiner nachhaltigsten Filmerlebnisse überhaupt, obwohl ich mir Sátántangó in drei Teilen ansah. Ein vielschichtiges, dystopisches Meisterwerk erster Ordnung.

Satantango (DVD)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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