Thukydides

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Über die Relevanz von Herodot und Thukydides

Wer Herodots „Historien“ und Thukydides‘ „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ versteht, weiß wohl das Wichtigste, was es über die Natur des Menschen und des Krieges zu wissen gibt.

Ein sehr gutes Beispiel dafür liefert Robert Kaplan in The Atlantic. In seinem Essay The Art of Avoiding War beschreibt er hübsch, was die amerikanische Außenpolitik von den beiden grandiosen griechischen Geschichtsschreibern lernen kann:

The Scythians were nomadic horsemen who dominated a vast realm of the Pontic steppe north of the Black Sea, in present-day Ukraine and southern Russia, from the seventh century to the third century b.c. Unlike other ancient peoples who left not a trace, the Scythians continued to haunt and terrify long after they were gone. Herodotus recorded that they “ravaged the whole of Asia. They not only took tribute from each people, but also made raids and pillaged everything these peoples had.” Napoleon, on witnessing the Russians’ willingness to burn down their own capital rather than hand it over to his army, reputedly said: “They are Scythians!”

The more chilling moral for modern audiences involves not the Scythians’ cruelty, but rather their tactics against the invading Persian army of Darius, early in the sixth century b.c. As Darius’s infantry marched east near the Sea of Azov, hoping to meet the Scythian war bands in a decisive battle, the Scythians kept withdrawing into the immense reaches of their territory. Darius was perplexed, and sent the Scythian king, Idanthyrsus, a challenge: If you think yourself stronger, stand and fight; if not, submit.

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges

Diese Notizen schrieb ich Mitte 2002 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Man kann über den “Kanon” sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (…) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke.

Thukydides (ca. 460-404) ist ein besonders herausragendes Beispiel. Gerne wird er als Begründer der modernen Geschichtsschreibung tituliert, obwohl er eigentlich hauptsächlich seine Gegenwart beschrieb. Als Leser hatte er allerdings nicht in erster Linie seine Zeitgenossen im Auge:

Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag sie so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt.
[S. 36]

Die “Geschichte des Peloponnesischen Krieges” sollte nicht nur die tatsächlichen Ereignisse schildern, sondern auch die anthropologischen Fundamente dieser Auseinandersetzung freilegen. Die brillante Umsetzung dieses Vorsatzes ist sicher eine Ursache für den Erfolg des Buches.

Man braucht viel Phantasie, um sich den riesigen Umfang des Projekts vorzustellen. Zwar waren Herodots Historien in Athen bekannt, nach Thukydides’ methodischen Vorstellungen jedoch gänzlich unbrauchbar. Nicht einmal ein für die Geschichtsschreibung verwendbares einheitliches Kalendersystem gab es, die Städte in Hellas wandten diverse Notationen an (meist bezogen auf in der Vergangenheit amtierende Würdenträger). Thukydides behalf sich mit einer auch heute noch plausiblen Einteilung in Sommer und Winter. Die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Angaben konnte astronomisch bestätigt werden (er erwähnt mehrmals Sonnenfinsternisse).

Das Geschichtswerk füllt heute etwa 630 engbedruckte Seite, für antike Verhältnisse ein beachtlicher Umfang. Wie Thukydides im einzelnen seine Informationen zusammentrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Als wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit hatte er sicher viele Kontakte. 424 wurde zu einem der zehn Strategen gewählt, hatte jedoch kein Kriegsglück und wurde deshalb aus Athen verbannt. Verbannung bedeutete zwangsläufig, sich in (aus athenischer Perspektive) feindlichen Städten aufzuhalten zu müssen. Es ist naheliegend, dass diese gegnerische Sichtweise auf den Krieg zur erstaunlichen Objektivität seines Buches beitrug.
Eine Frage kann auch dieses Werk nicht beantworten, warum nämlich damals in Athen (bzw. Griechenland insgesamt) so viele Geistesleistungen (mehr oder weniger) ex nihilo erbracht wurden, aber das mag eine überflüssige Frage sein, profitieren wir doch heute noch davon.

 

Thukydides starb, bevor er sein Werk in die von ihm gewünschte Form bringen konnte, weshalb man bei der Lektüre unschwer drei verschiedene Stufen feststellen kann:

1. Notizen, die mehr oder weniger noch Rohmaterial sind, eine Stoffsammlung zur späteren Verwendung.
2. Die Verarbeitung dieser Notizen zu einer Chronik.
3. Erzählerisch penibel gestaltete Episoden.

Das schadet der Lesbarkeit jedoch keineswegs. Warum fasziniert dieses Werk seit seiner Entstehung so viele Leser? Hauptgrund ist die Fülle des von Thukydides gebotenen, die sehr unterschiedliche Lesarten zulässt. Historisch erfährt man eine Unmenge an Details über eine der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Alle Geschichtsinteressierten (im weitesten Sinn) stoßen auf eine kaum zu erschöpfende Fundgrube an Material. Dieser Reichtum bietet selbstverständlich auch spezielleren Fächern (Ethnologie beispielsweise) genügend Stoff. Wer den Schwerpunkt lieber auf Schöngeistiges legt, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Viele Passagen sind von einer beeindruckenden erzählerischen Qualität, der Stoff jeweils höchst geschickt zu epischen Spannungsbögen angeordnet. Thukydides hat nicht nur das erste moderne Geschichtswerk geschrieben, er hob en passant auch die Erzählkunst auf eine neue Stufe. Ähnliches gilt für die zahlreichen Reden, die von einer ungewöhnlichen rhetorischen Brillanz zeugen.

Als wäre dies nicht alles bereits genug: In dem Buch tritt uns mit Thukydides ein glänzender Kopf entgegen, der sich eine eigene Meinung über seine Zeit und über die Menschen bildete. Aufgeklärt betrachtet er das Kriegsgeschehen seiner Landsleute und wird zunehmend pessimistischer. Die rationale Distanz zum Geschehen führt wie bei Euripides zu einem Menschenbild, das quer zur athenischen Selbtbeweihräucherung steht.

Die Größe der Leistungen Athens wird nicht verschwiegen, die unappetitlichen Seiten der berühmten Stadt spielen jedoch die Hauptrolle. Die arrogante, rücksichtslose Machtpolitik der Großmacht zeigt erstaunliche Analogien zur Gegenwart. Athenische Gesandte, die kleinere Städte zur Unterwerfung auffordern, verstecken sich meist nicht Scheinargumenten, sondern reden Tacheles, nicht nur mit den Meliern:

Wir allerdings gedenken unsrerseits nicht mit schönen Worten – etwa als Besieger der Perser seien wir zur Herrschaft berechtigt oder wir müßten erlittenes Unrecht jetzt vergelten – endlose und unglaubhafte Reden euch vorzutragen […] sondern das Mögliche sucht zu erreichen nach unser beider wahren Gedanken, da ihr so gut wißt wie wir, daß im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.

[…]

Wir glauben nämlich, vermutungsweis, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß alles Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen […]
[S. 433]

Soweit ich sehe ist das die erste explizite Formulierung der “sozialdarwinistischen” Idee in der abendländischen Geistesgeschichte. Frappierend im letzten Zitat besonders das “vermutungsweis”. Die Behauptung wird, bester skeptischer athenischer philosophischer Tradition gemäß, als Hypothese präsentiert, ein unglaublicher Zynismus.

Recht hatten sie aber zumindest, was die “ewige Geltung” dieses Gesetzes angeht. Die amerikanische Außenpolitik ist der des antiken Athen so ähnlich, dass man es kaum für möglich hält. Das einzige “Argument” der USA im Streit um den internationalen Strafgerichtshof war ja ebenfalls, dass sie sich das als einzige Supermacht nicht bieten lassen wollen. Das “vermutungsweise” sucht man allerdings vergeblich …

 

Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.

Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:

Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren […]

Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die “Gutmenschen“, und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:

Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben […]

Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.

Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:

Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?

Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:

Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss […]

Willkommen, Mytilene in der “axis of evil“. Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.

 

Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:

[…] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen […]

Diodotos’ Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern

[…]

Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen – oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.

Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können …
Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:

Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.

Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).

Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.

 

Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches “Quasi-Gesetz”. Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der “Geschichte des Peloponnesischen Krieges” zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:

[…] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.

Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:

So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.

Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:

Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat […] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.

Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:

Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.

Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.

 

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (Marix)

Victor Davis Hanson: A War Like No Other

„How the Athenians and Spartans Fought the Peloponnesian War“. Random House (Amazon Partnerlink)

Mit Militärgeschichte im Speziellen habe ich mich bisher nie im Detail beschäftigt, und so war auch mein Interesse am antiken Griechenland und speziell an Thukydides ausschlaggebend, diese Studie von Hanson zu lesen. Nach der Lektüre steht fest: Die Beschäftigung mit Kriegsdetails kann sehr erhellend sein, wenn man sich für die Natur des Menschen interessiert. Liest man Hansons düsteres Buch über die brutale Art und Weise, wie Athener und Spartner sich gegenseitig umbrachten, bleibt vom klassisch humanistischen Ideal der Antike nichts mehr übrig.

Hanson vertritt die These, dass der Peloponnesische Krieg der erste prototypische Bürgerkrieg auf europäischen Boden war, in dem sämtliche Regeln für ein ziviles Zusammenleben außer Kraft gesetzt wurden. So gab es in der griechischen Gesellschaft nicht nur einen militärischen Ehrenkodex und Regeln für den Umgang mit Zivilisten, sondern bekanntlich auch zahlreiche religiöse Tabus. Im Laufe des Krieges galten diese kulturellen Übereinkünfte nicht mehr: Boten und „Diplomaten“ wurden ermordet, Zivilisten zu Zehntausenden hingerichtet und Leichen als Mittel der Erpressung eingesetzt. Wer Sophokles‘ „Medea“ kennt, weiß wie wichtig die Bestattung eines Leichnams für die Griechen war.

Hoplitenschlachten gab es vergleichsweise wenige, Terrorakte gegen die Zivilbevölkerung dagegen von beiden Seiten in kaum noch überschaubarem Ausmaß. Widerwärtig müssen die antiken Seeschlachten (und generell auch die Schifffahrt) auf Tiremen gewesen sein. Hanson legt einen besonderen Schwerpunkt auf diesen Aspekt. Diese gewaltigen Schlachten am Mittelmeer, wo quasi zwei Städte (mehrere zehntausend Soldaten und Ruderer) auf dem Wasser zusammenstießen, forderten eine enorme Zahl an Todesopfern.

Gleichzeitig blühte in Athen die Kultur. An einem Tag gab es Euripides im Theater, am anderen wurde in der Versammlung demokratisch beschlossen, die Bewohner einer eroberten Stadt zu töten. Wer sich dieses alltägliche Zusammenspiel von Hochkultur und Barbarei bewusst macht, wird weniger ratlos und ziemlich desillusioniert vor der „dunklen“ Seite der europäischen Geschichte stehen. Thukydides war der Meinung, die Menschen ändern sich vor allem in diesen Dingen nicht. Bis heute scheint er Recht zu haben.

Thukydides über den Irak-Krieg

(Siehe auch meine Reihe über die „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.)

During seven days that Eurymedon stayed with his sixty ships, the Corcyraeans were engaged in butchering those of their fellow citizens whom they regarded as their enemies: and although the crime imputed was that of attempting to put down the democracy, some were slain also for private hatred, others by their debtors because of the moneys owed to them. Death thus raged in every shape; and, as usually happens at such times, there was no length to which violence did not go; sons were killed by their fathers, and suppliants dragged from the altar or slain upon it; while some were even walled up in the temple of Dionysus and died there.

In peace there would have been neither the pretext nor the wish to make such an invitation; but in war, with an alliance always at the command of either faction for the hurt of their adversaries and their own corresponding advantage, opportunities for bringing in the foreigner were never wanting to the revolutionary parties. The sufferings which revolution entailed upon the cities were many and terrible, such as have occurred and always will occur, as long as the nature of mankind remains the same; though in a severer or milder form, and varying in their symptoms, according to the variety of the particular cases. In peace and prosperity, states and individuals have better sentiments, because they do not find themselves suddenly confronted with imperious necessities; but war takes away the easy supply of daily wants, and so proves a rough master, that brings most men’s characters to a level with their fortunes.

Revolution thus ran its course from city to city, and the places which it arrived at last, from having heard what had been done before, carried to a still greater excess the refinement of their inventions, as manifested in the cunning of their enterprises and the atrocity of their reprisals. Words had to change their ordinary meaning and to take that which was now given them. Reckless audacity came to be considered the courage of a loyal ally; prudent hesitation, specious cowardice; moderation was held to be a cloak for unmanliness; ability to see all sides of a question, inaptness to act on any. Frantic violence became the attribute of manliness; cautious plotting, a justifiable means of self-defence. The advocate of extreme measures was always trustworthy; his opponent a man to be suspected.

To succeed in a plot was to have a shrewd head, to divine a plot a still shrewder; but to try to provide against having to do either was to break up your party and to be afraid of your adversaries. In fine, to forestall an intending criminal, or to suggest the idea of a crime where it was wanting, was equally commended until even blood became a weaker tie than party, from the superior readiness of those united by the latter to dare everything without reserve; for such associations had not in view the blessings derivable from established institutions but were formed by ambition for their overthrow; and the confidence of their members in each other rested less on any religious sanction than upon complicity in crime.

The fair proposals of an adversary were met with jealous precautions by the stronger of the two, and not with a generous confidence. Revenge also was held of more account than self-preservation. Oaths of reconciliation, being only proffered on either side to meet an immediate difficulty, only held good so long as no other weapon was at hand; but when opportunity offered, he who first ventured to seize it and to take his enemy off his guard, thought this perfidious vengeance sweeter than an open one, since, considerations of safety apart, success by treachery won him the palm of superior intelligence. Indeed it is generally the case that men are readier to call rogues clever than simpletons honest, and are as ashamed of being the second as they are proud of being the first. The cause of all these evils was the lust for power arising from greed and ambition; and from these passions proceeded the violence of parties once engaged in contention.“

[The History of the Peloponnesian War; Chapter X] – Eines der klügsten Bücher, die ich kenne.

Thukydides und die Fahrt der Griechen nach Sizilien

Als Vorbereitung für die in einer Woche beginnende Sizilien-Studienreise las ich die Bücher VI bis VIII des „Peloponnesischen Krieges“ zum zweiten Mal*, die den Untergang eines riesigen griechischen Heeres bei Syrakus schildern und damit den Beginn des Endes der Großmacht Athen.

Ich kenne keinen antiken Autor, der so intelligente Prosa schreiben kann. Die Schilderung der Ereignisse ist präzise, geschickt auf Spannung hin konstruiert, im richtigen Maße abstrahierend und bewertend, kurzum ein literarisches Meisterwerk. Bedenkt man, dass Thukydides dieses Genre quasi erfunden hat, wird diese Leistung noch rätselhafter.

* Siehe auch meine Reihe über die „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Thukydides archiviert

Die fünf kleinen Beiträge, die in der letzten Zeit hier zu lesen waren, habe ich in eine Datei gesteckt [koellerer.de].

Hier die Einzelbeiträge:

  • Teil 1
  • Teil 2
  • Teil 3
  • Teil 4
  • Teil 5
  • Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (5)

    dtv Bibliothek der Antike

    Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches „Quasi-Gesetz“. Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
    Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:

    […] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.

    Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:

    So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.

    Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:

    Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat […] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.

    Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:

    Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.

    Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.

    Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (4)

    dtv Bibliothek der Antike

    Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:

    […] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen […]

    Diodotos‘ Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

    Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern

    […]

    Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen – oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.

    Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können …
    Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:

    Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.

    Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).

    Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.

    Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (3)

    dtv Bibliothek der Antike

    Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.

    Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:

    Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren […]

    Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die „Gutmenschen„, und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:

    Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben […]

    Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.

    Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:

    Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?

    Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:

    Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss […]

    Willkommen, Mytilene in der „axis of evil„. Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.

    Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (2)

    dtv Bibliothek der Antike

    Thukydides starb, bevor er sein Werk in die von ihm gewünschte Form bringen konnte, weshalb man bei der Lektüre unschwer drei verschiedene Stufen feststellen kann:

    1. Notizen, die mehr oder weniger noch Rohmaterial sind, eine Stoffsammlung zur späteren Verwendung.
    2. Die Verarbeitung dieser Notizen zu einer Chronik.
    3. Erzählerisch penibel gestaltete Episoden.

    Das schadet der Lesbarkeit jedoch keineswegs. Warum fasziniert dieses Werk seit seiner Entstehung so viele Leser? Hauptgrund ist die Fülle des von Thukydides gebotenen, die sehr unterschiedliche Lesarten zulässt. Historisch erfährt man eine Unmenge an Details über eine der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Alle Geschichtsinteressierten (im weitesten Sinn) stoßen auf eine kaum zu erschöpfende Fundgrube an Material. Dieser Reichtum bietet selbstverständlich auch spezielleren Fächern (Ethnologie beispielsweise) genügend Stoff. Wer den Schwerpunkt lieber auf Schöngeistiges legt, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Viele Passagen sind von einer beeindruckenden erzählerischen Qualität, der Stoff jeweils höchst geschickt zu epischen Spannungsbögen angeordnet. Thukydides hat nicht nur das erste moderne Geschichtswerk geschrieben, er hob en passant auch die Erzählkunst auf eine neue Stufe. Ähnliches gilt für die zahlreichen Reden, die von einer ungewöhnlichen rhetorischen Brillanz zeugen.

    Als wäre dies nicht alles bereits genug: In dem Buch tritt uns mit Thukydides ein glänzender Kopf entgegen, der sich eine eigene Meinung über seine Zeit und über die Menschen bildete. Aufgeklärt betrachtet er das Kriegsgeschehen seiner Landsleute und wird zunehmend pessimistischer. Die rationale Distanz zum Geschehen führt wie bei Euripides zu einem Menschenbild, das quer zur athenischen Selbtbeweihräucherung steht.

    Die Größe der Leistungen Athens wird nicht verschwiegen, die unappetitlichen Seiten der berühmten Stadt spielen jedoch die Hauptrolle. Die arrogante, rücksichtslose Machtpolitik der Großmacht zeigt erstaunliche Analogien zur Gegenwart. Athenische Gesandte, die kleinere Städte zur Unterwerfung auffordern, verstecken sich meist nicht Scheinargumenten, sondern reden Tacheles, nicht nur mit den Meliern:

    Wir allerdings gedenken unsrerseits nicht mit schönen Worten – etwa als Besieger der Perser seien wir zur Herrschaft berechtigt oder wir müßten erlittenes Unrecht jetzt vergelten – endlose und unglaubhafte Reden euch vorzutragen […] sondern das Mögliche sucht zu erreichen nach unser beider wahren Gedanken, da ihr so gut wißt wie wir, daß im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.

    […]

    Wir glauben nämlich, vermutungsweis, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß alles Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen […] [S. 433]

    Soweit ich sehe ist das die erste explizite Formulierung der „sozialdarwinistischen“ Idee in der abendländischen Geistesgeschichte. Frappierend im letzten Zitat besonders das „vermutungsweis“. Die Behauptung wird, bester skeptischer athenischer philosophischer Tradition gemäß, als Hypothese präsentiert, ein unglaublicher Zynismus.

    Recht hatten sie aber zumindest, was die „ewige Geltung“ dieses Gesetzes angeht. Die amerikanische Außenpolitik ist der des antiken Athen so ähnlich, dass man es kaum für möglich hält. Das einzige „Argument“ der USA im Streit um den internationalen Strafgerichtshof war ja ebenfalls, dass sie sich das als einzige Supermacht nicht bieten lassen wollen. Das „vermutungsweise“ sucht man allerdings vergeblich …

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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