Thomas Mann

Die neue Thomas-Mann-Ausgabe…

…wird in der SZ ausführlich von Gustav Seibt besprochen [Perlentaucher].

Literaturpolitik

Es ist ein jahrhundertelanges Ritual, dass Schriftsteller sich abfällig über Literaturkritik(er) äußern. Wie wichtig ihnen gute Besprechungen entgegen aller Lippenbekenntnisse wirklich sind, zeigt ein Brief des jungen Thomas Mann, in dem er völlig ungeniert am 26.11. 1901 eine Buddenbrooks-Rezension bei seinem Freund Otto Grauthoff beauftragt:

Ein paar Winke noch, Buddenbrooks betreffend. Im Lootsen sowohl wie in den Neuesten betone, bitte, den deutschen Charakter des Buches. Als zwei echt deutsche Ingredienzen, die wenigsten sim II. Bande (der wohl überhaupt der bedeutendere sei) stark hervorträten, nenne Musik und Philosophie. Seine Meister, wenn schon von solchen die Rede sein müsse, habe der Verfasser freilich nicht in Deutschland. Für gewisse Partien des Buches sein Dickens, für andere seien die großen Russen zu nennen. Aber im ganzen Habitus (geistig, gesellschaftlich) und schon nach dem Gegenstande echt deutsch: schon im Verhältnis zwischen den Vätern und den Söhnen in den verschiedenen Generationen der Familie (Hanno zum Senator). Tadle ein wenig (wenn es Dir recht ist) die Hoffnungslosigkeit und Melancholie des Ausgangs. Eine gewisse nihilistische Neigung sei bei dem Verf. manchmal zu spüren. Aber das Positive und Starke an ihm sei sein Humor.

Der äußere Umfang sei etwas nicht ganz Bedeutungsloses, In der Zeit des „Überbrettls“ und der Fünf-Secunden-Lyrik sei es wenigstens ein Zeichen ungewöhnlicher künstlerischer Energie, ein solches Werk zu concipieren und zu Ende zu führen. Es sei dem Verf. gelungen, den epischen Ton vortrefflich festzuhalten. Die eminent epische Wirkung des Leitmotivs. Das Wagnerische in der Wirkung dieser wörtlichen Rückbeziehung über weite Strecken hin, im Wechsel der Generationen. Die Verbindung eines stark dramatischen Elementes mit dem epischen Dialog.

Damit genug! Mach Deine Sache recht gut und verschiebe sie nicht zu lange.

[Briefe I, S. 179f.]

Grauthoff hielt sich weitgehend an diese unbescheidenen Vorgaben, seine Rezension erschien in „Der Lotse“ (Jahrgang 2, 1902, S, 442ff).

Thomas Mann: Briefe I. 1889 – 1913

Fischer Verlag (Amazon Partnerlink)

GFKA

Man hat es nicht leicht, wenn man sich intensiver mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt. Ist man bei der Lektüre der Kafka-Briefe mit einem idiosynkratischen, krankhaft sensiblen Menschen konfrontiert, tritt einem bei der Lektüre der Briefe des jungen Thomas Mann nicht selten ein arroganter Schnösel entgegen.

Als Vielschreiber hatte TM darüber hinaus die Angewohnheit, viele (mehr oder weniger) geistreiche Sentenzen in Briefen an unterschiedliche Adressaten wortgleich zu wiederholen. Trotzdem lohnt es sich, den 800-Seiten-Band in die Hand zu nehmen. Man erfährt viel über die geistige Entwicklung des TM. Bis zur Jahrhundertwende beispielsweise wiederholt er kritiklos diverse Anschauungen seines Bruders Heinrich, bevor er nach und nach zu seiner eigenen Weltanschauung findet. Man stößt später auf sehr aufschlussreiche Briefe an Heinrich, in denen TM die Romanästhetik seines Bruders heftig kritisiert und seine eigene, in den „Buddenbrooks“ umgesetzte, verteidigt.

Was ist zur Editionsqualität eines der ersten Bände der GFKA zu sagen? Äußerlich fällt auf, dass der Kommentar (im Gegensatz zu den „Buddenbrooks“ und den „Essays I“) in den Textband integriert ist. Der Textteil ist solide editiert, auch handwerklich gibt es nichts an dem Buch auszusetzen. Die Auswahl der Briefe ist nachvollziehbar, viele davon werden hier zum ersten Mal abgedruckt, etwa viele Briefe an den Wiener Richard Schaukal.

Der Kommentar hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Offenbar konnten sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, für welche Lesergruppen sie arbeiten. Das Resultat ist eine mitunter absonderliche Mischung von für Spezialisten interessanten Anmerkungen mit Banalitäten. Muss man einem Leser der Briefe des Thomas Mann wirklich erklären, wer Turgenjew oder Flaubert waren?

GKFA

Eine kritische Rezension der neuen Thomas-Mann-Ausgabe ist in der NZZ zu lesen.

Die ersten Bände der neuen Thomas-Mann-Ausgabe

Von meiner lokalen Buchhandlung informiert, holte ich die ersten fünf Bände ab (Buddenbrooks Text- und Kommentarband; Essays I 1893-1914 und Kommentarband; Briefe I 1889-1913 mit integriertem Kommentar*).

Der erste Eindruck ist ein sehr solider, man muss MRR hier zustimmen. Die Verarbeitung ist hervorragend, was sich natürlich im Preis niederschlägt. Mehr nach Lektüre der Bände, ich werde wohl mit dem Briefband anfangen, da das einen aufschlussreichen Vergleich mit den eben gelesenen Kafka-Briefen aus dem gleichen Zeitraum ermöglicht.

* Siehe auch meine gesammelten Beiträge zur GKFA auf koellerer.de

Dr. Faustus

Interessantes über die Entstehung des Romans weiß Ulrich Weinzierl anläßlich des eben erschienenen Briefwechsels zwischen Thomas Mann und Theodor W. Adorno zu berichten [Die Welt].

Noch keine Thomas-Mann-Ausgabe in Sicht

Angekündigt für Oktober 2001, wegen „technischer“ Probleme auf den Februar verschoben, gibt es nun einen neuen Termin: Im Juni soll der Auftakt diesmal stattfinden…

Addendum: Die ersten Bände erschienen tatsächlich im Juni. Siehe auch meine Seite auf koellerer.de zur GKFA.

Neue Mailingliste über die Manns

Ins Leben gerufen vom Netz-Bibliomanen Markus Kolbeck. Möge *sie nicht spontan wieder gelöscht werden** :-)

Update Jan. 2010:

* Gespiegelte Version beim Internetarchiv
** Die Liste schon einige Jahre nicht mehr.

Neue Thomas-Mann-Ausgabe (Fortsetzung)

Offenbar legt der S. Fischer Verlag großen Wert auf seine Darstellung, die Verzögerung der Publikation sei durch technische Schwierigkeiten bedingt. So ist in einem Brief der Presseabteilung zu lesen:

Aufgrund von technischen Schwierigkeiten wird sich der Start der GKFA auf das Frühjahr 2002 verschieben: Die Standards der SGML- und XML-gestützten Publikationen haben sich in den letzten zwei Jahren mit hoher Geschwindigkeit verändert [?]. Um für die Edition auch in diesem Sinne das höchste Niveau zu gewährleisten, muss der Verlag leider noch unerwartete Anstrengungen unternehmen.

Details zur geplanten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe

Heute brachte die Post „‚Die Welt ist meine Vorstellung‘. Eine Einführung in die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke von Thomas Mann“. Vielleicht, weil ich die Ausgabe bereits komplett subskribierte, vielleicht auch, weil ich regelmäßig Presseinformationen erhalte.

Der kleine Band geht detailliert auf die Editionsprinzipien ein:

Im Rückblick auf die Literatur des 20. Jahrhunderts erscheint Thomas Mann als einer der wenigen Klassiker, die nicht nur weltweit gerühmt, sondern auch gelesen werden. Sein Werk, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, vermag bis heute, ungeachtet aller Moden, Leser wie Forscher zu beeindrucken und neu herauszufordern.

Seit den zwanziger Jahren sind die Romane, Erzählungen und Essays immer wieder in großen Werkausgaben veröffentlich worden. Zu einer anhaltenden Rezeption haben die im Exil entstandene Stockholmer Ausgabe, die 1955 in Ost-Berlin erschienene Aufbau-Ausgabe sowie die unter der Leitung von Hans Bürgin 1960 auf zwölf Bände angelegten und 1974 um einen Band erweiterten Gesammelten Werke in 13 Bänden nennenswert beigetragen.

In den achtziger Jahren wurde zum ersten Mal das Desiderat einer philologisch dokumentierten Edition formuliert. Darauf antwortet das im folgenden Jahrzehnt entwickelte Projekt, das das gesamte überlieferte Werk dieses Autors einer genauen Autopsie unterziehen und in einer Gesamtschau darstellen will. Die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe (GKFA) wird einem Editionsstand entsprechen, den man heute für ein Werk dieses Ranges erwarten darf, um sowohl dem Stand der Forschung wie den Bedürfnissen einer breiteren Leserschaft gerecht zu werden. Allerdings käme es einem unverantwortlichen Anachronismus gleich, wollte man in Anbetracht der jetzigen und zukünftigen elektronischen Archivierungs- und Distributionsmöglichkeiten eine historisch-kritische Ausgabe nach dem Muster jener früheren Monumental-Editionen in Angriff nehmen, die, bis zum Abschluss, oft auch zum Abbruch, sich über Jahrzehnte hingezogen haben. Die Buchausgabe der GKFA wird daher so gestaltet, dass sie in überschaubarer, relativ kurzer Zeit abgeschlossen werden kann und in der Textpräsentation wie in der Kommentierung wegen der unabsehbaren Flut der Sekundärliteratur, berechtigten Verlangen nach zuverlässiger, konzentrierter und überschaubarer Information zu entsprechen vermag.

Zu den Texten: Statt problematischer und fragwürdiger Mischtexte wird, nach Prüfung aller Drucke, Typoskripte oder Handschriften, jeweils der Leittext mit der besten historischen Legitimation zugrunde gelegt. Das ist zwar häufig, aber keineswegs immer, der Erstdruck. Der ausgewählte Text wird stets auch in der ursprünglichen Orthographie und Interpunktion wiedergegeben, jedoch ohne die eindeutig erkennbaren Verschreibungen und Druckfehler. Alle Eingriffe werden in den Kommentarbänden vermerkt. Bei der Angabe von Varianten beschränkt sich die Buchausgabe, um die Lesbarkeit nicht zu gefährden, auf solche denen erkennbar eine inhaltliche oder sprachliche Bedeutung zukommt. Auf der CD-ROM werden dann sämtliche Abweichungen zu finden sein.

Selbstverständlich werden in der Buchausgabe alle vorhandenen Vorstufen, nicht zum Druck gebrachten Passagen oder Ergänzungen in späteren Fassungen dokumentiert. So erfolgt im Komentarband von Buddenbrooks die erste vollständige Transkription der bisher für die Forschung nur durch die Handschrift im Zürcher Archiv zugänglichen Ausgeschiedenen Blätter. Desgleichen die bisher in ihrer Gesamtheit ebenfalls nur handschriftlich vorhandenen so genannten Materialien, d.h. die den Prozess der Vorbereitung und der Niederschrift begleitenden Stichworte, Skizzen, Generationenschemata, Vermögensberechnungen etc.

Beim Doktor Faustus – um ein Beispiel aus dem Spätwerk zu nennen – werden die teilweise andernorts publizierten, aus Kürzungsgründen ausgeschiedenen Partien zusammen mit den bisher unveröffentlichten Streichungen in den Kommentarband aufgenommen.

Der Kommentarband gliedert sich in folgende Teile: Entstehungsgeschichte, Textlage, Quellenlage, Rezeptionsgeschichte, Stellenkommentar und gegebenenfalls Paralipomena.

Im Unterschied zu den übrigen, rein informatorischen oder dokumentarischen Teilen des Kommentars sind die Kapitel über die Entstehungs- und die Rezeptionsgeschichte essayistisch gehalten. Die Beschreibung der Genese beschränkt sich nicht auf die mit Originaldokumenten belegte Chronologie, sondern stellt diese vor den Hintergrund der zeitgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen und literarischen Situation und bezieht das biographische Umfeld wie die späteren autobiographischen Rückblicke mit ein. Auch in der Rezeptionsgeschichte werden die zitierten Belege einem historischen und biographischen Hintergrund zugeordnet.

Die Stellenkommentare geben außer den reinen Sachinformationen, Worterklärungen und Übersetzungen punktuelle Quellennachweise (die, so weit wie möglich, auch durch die Dokumentation erhalten gebliebener Randanstreichungen und Lesebemerkungen Thomas Manns ergänzt werden). Sie weisen offene wie verdeckte Zitate nach, belegen Textübernahmen und verweisen, soweit dies für das Verständnis nötig ist und erhellend ist, auf motivische und thematische Beziehungen zwischen der jeweils kommentierten Stelle und dem übrigen Werk Thomas Manns. Darüber hinaus tragen sie die einschlägigen Ergebnisse und Positionen der Forschungsliteratur zusammen.

Das Briefwerk ist zwar in etlichen Einzelkorresponenzen hervorragend ediert worden […] Doch ist die einzige Auswahl aus dem riesigen Gesamtcorpus, die Erika Mann in den frühen 60er Jahren in drei Bänden herausgab, noch immer nicht ersetzt. An ihre Stelle tritt nun eine achtbändige, die die frühere nicht nur vom Umfang nach weit überholen wird. Den Abschluss der GKFA wird eine revidierte Tagebuchedition bilden.

Alle Textgruppen werden nach denselben editorischen Richtlinien herausgegeben, wobei es zu kleinen gattungsbedingten Abweichungen kommen kann.

[S. 13 – 16]

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets