Schubert

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Elfriede Jelinek: Winterreise

Akademietheater 4.10. 2012

Regie: Stefan Bachmann

mit
Dorothee Hartinger
Gerrit Jansen
Simon Kirsch
Melanie Kretschmann
Rudolf Melichar
Barbara Petritsch

Klavier: Felix Huber
Sänger: Jan Plewka

In meinem CD-Regal steht eine Vielzahl von Winterreise-Interpretationen, weil ich Schuberts Liederzyklus für einen Höhepunkt der Musikgeschichte halte. Deshalb war ich sehr gespannt auf Jelineks Auseinandersetzung damit. Die musikalische Interpretation zählt sicher zu den außergewöhnlichsten, die ich hörte. Jan Plewka sang die ausgewählten Lieder leise, treffend, allerdings nicht wie ein klassischer Liedsänger, sondern wie ein Folkmusiker.

Zwischen den musikalischen Einlagen gibt es einen, ich bin versucht zu sagen: klassischen, Jelinek-Text, den unterschiedliche Schauspieler sprechen. Eine inhaltliche Zusammenfassung wäre müßig, der österreichische Korruptionssumpf jedenfalls kommt nicht zu kurz. Die grandios-grotesken schauspielerischen Aktivitäten finden auf einer steilen Rampe statt, auf der sie sich an einer Seilwinde angeschlossen auf und ab bewegen. Höhepunkt ist das furiose Finale, dass ans Sportstück erinnert und Österreich treffend boshaft als debiles Schlager- und Sportland charakterisiert.

Das Ergebnis ist ein höchst sprach- und bildmächtiger Theaterabend. Damit hat das Akademietheater neben den Gespenstern eine weitere „perfekte“ Inszenierung im Repertoire.

Altenberg Trio

Musikverein 27.3. 2012

Schubert: Sonate (Allegro) für Klavier, Violine und Violoncello, B-Dur D 28
Brahms: Trio Nr. 3 für Klavier, Violine und Violoncello, op 101
Brahms: Trio Nr. 1 für Klavier, Violine und Violoncello, op 8 (Erstfassung 1889)

Während Schuberts fünfzehnjährige Mitzöglinge Pubertäres an die Wände des Wiener Konvikts kritzelten, schrieb Franz dort den Trio-Satz D 28, der sich zwar formal noch sehr an klassischen Vorbildern orientiert, aber in vieler Hinsicht bereits den „späteren“ Schubert enthält, und auf das B-Dur Trio D 898 voraus weist. Schön, dass das Altenberg Trio auch Raritäten zu Gehör bringt.

In gewohnt exzellenter Qualität musizierten die drei Herren auch das erste und dritte Klaviertrio von Brahms. Während Nr. 3 das Genre formal aufgrund der hohen Kondensation zu einer Art Endpunkt führt, bietet die gespielte Erstfassung aus dem Jahr 1889 einen guten Einblick in die selbstkritische Arbeitsweise des Komponisten. Die üblicherweise gespielte letzte Fassung enthält nämlich eine Fülle von Änderungen zum ersten Wurf.

Franz Schubert: Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte

Viele kulturgeschichtlich wichtige Persönlichkeiten hinterließen zahlreiche persönliche Zeugnisse. Franz Schubert zählt leider nicht dazu. Seine Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte füllen nur einen schmalen Taschenbuchband. Ein intensives Kennenlernen des Komponisten ist auf diesem Wege also nicht möglich, was mich bei der Lektüre etwas enttäuschte. Trotzdem erfährt man biographisch viel Interessantes: So bettelt der fünfzehnjährige Franz seinen Bruder um einige Kreuzer an, weil die Verpflegung als Hofsängerknabe für einen pubertierenden Burschen offenbar bei weitem nicht ausreicht.

Franz Schuberts beste Musik ist melancholisch und tief traurig. Einträge ins Tagebuch belegen seine düstere Sicht der Dinge:

Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zu einander zu gehen, und man geht nur neben einander. O Qual für den, der dieß erkennt!
[S. 70]

Schubert bezieht sich oft auf Briefe, die leider nicht erhalten sind. Besonders eloquent ist seine Reise-Korrespondenz, etwa seine Beschreibung des Salzkammerguts:

Nach einigen Stunden gelangten wir in die zwar merkwürdige, aber äußerst schmutzige und grausliche Stadt Hallein. Die Einwohner sehen alle wie Gespenster aus, blaß, hohläugig und mager zum Anzünden.
[S. 95]

Eine spannende Lektüre für Schubert-Freunde, die allerdings durch zeitgenössische Zeugnisse ergänzt werden muss, wenn man sich ein umfassendes Bild machen will.

Franz Schubert: Briefe. Tagebuchnotizen. Gedichte. (detebe)

Über Schubert

In Schubertiana schreibt Tomas Tranströmer über Schuberts Musik:

Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen, diejenigen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine Mörder sind, die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben, alles lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen sie selbst ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark, Schneckenspur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.

Altenberg Trio

Musikverein 20.12.

Johannes Brahms
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854 Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 H – Dur, op. 8; 1. Fassung 1854

Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs Trio für Klavier, Violine und Violoncello Es – Dur, D 929; ungekürzte Fassung des Autographs

Das Altenberg Trio versteht es meisterlich, aus bekannten Werken neue Funken zu schlagen, ohne sich zu weit vom musikalischen Gehalt zu entfernen. Brahms komponierte die erste Fassung des Werks 1854 und überarbeitete sie 1891 noch einmal. Die vier Sätze sind ausgesprochen abwechslungsreich.

Spannend war an diesem Abend aber vor allem Schuberts berühmtes Klaviertrio D 929, welches meiner Meinung zu den schönsten musikalischen Werken überhaupt zählt, und das ich nun erstmals in dieser ungekürzten Fassung hörte. Etwa 55 Minuten lang, wirkte vor allem der letzte Satz noch stärker als in der kürzeren Fassung. Das Spätwerk von Schubert halte ich für eine der großartigsten ästhetischen Leistungen der gesamten Kulturgeschichte. Die Interpretation des Altenberg Trios ist höchst empfehlenswert.

Altenberg Trio

Musikverein 15.11.

Esther Haffner, Viola

Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello B-Dur, D 898

Johannes Brahms
Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 1 g-Moll, op. 25

Viele Jahre lang, spielte das Alban Berg Quartett die Hauptrolle in meiner Kammermusik-Nahversorgung. Ich hatte ihren Wiener Zyklus abonniert bis sie sich Ende 2007 auflösten. Das Altenberg Trio könnte ein würdiger Nachfolger sein, zumindest diesem ersten Konzert nach. Das berühmte Schubert-Trio wurde makellos und beeindruckender Präzision gespielt. Schubert schrieb das Quartett bekanntlich in seinem letzten Lebensjahr 1828. Aufgeführt wurde es vom ersten „professionellen“ Klaviertrio der Musikgeschichte, die sich 1827 zusammenfanden: Ignaz Schuppanzigh, Joseph Lincke und Carl Maria von Bocklet.

Nach der Pause ergänze Esther Haffner (Viola) das Ensemble zum Streichquartett. Brahms Quartett in g-moll zeigt, dass Brahms Bemühen, aus dem Schatten Beethovens zu treten, letztendlich sehr erfolgreich war. Obwohl er einiges von Beethoven übernimmt, ist es ein eigenständiger Parforce-Ritt an musikalischen Ideen und endet in einem furiosen Finale (beeinflusst von Roma-Musik).

Das Klavier klang bei beiden Stücken etwas zu dominant, das kann aber auch an meinem Sitzplatz (ganz vorne links) gelegen haben. Freue mich schon auf die nächsten Konzerte des Altenberg Trios.

Zyklus Alban Berg Quartett: 3. Konzert

Franz Schubert: Streichquartett Es-Dur D 87
Roman Haubenstock-Ramati: Streichquartett Nr. 2 (1977)
Franz Schubert: Streichquartett G-Dur D 887
Konzerthaus 3.3.

Sehr reizvoll die Gegenüberstellung des frühreifen mit dem meisterhaften späten Schubert. Das Alban Berg Quartett zeigte sich in Hochform. Auch das moderne Werk Haubenstock-Ramatis konnte sich hören lassen: führte es doch die unglaubliche Klangvielfalt vor, die man einem Streichensemble entlocken kann.

Zyklus Alban Berg Quartett: 2. Konzert

Konzerthaus 30.1.
Alban Berg: Lyrische Suite
Franz Schubert: Der Tod und das Mädchen. D 810

Man könnte meinen, dass der Interpretationsstil des ABQs mit dem Alter abgeklärter und „analytischer“ würde. Weit gefehlt! Schuberts Streichquartettklassiker wurde mit Verve und überschäumender Expressivität gegeben. ABQ und Schubert sind nach wie vor eine ideale Kombination.

Bergs Stück, das zwischen Zwölftonmusik und Atonalität wechselt, klang kaum noch revolutionär. Die Lyrik des Werks trat offen zu Tage, kurz: Es war überraschend schön.

Schubert: Fierrabras

Deutsche Grammophon 1990
Chamber Orchestra of Europe
Claudio Abbado

Als Opernkomponist hat Schubert nicht eben den besten Ruf. „Fierrabras“, seine letzte Oper, ist auch nicht dazu angetan, diese Einschätzung zu widerlegen. Musikalisch scheint es (beim ersten Hören) nicht übermäßig originell. Anklänge an die Zauberflöte (Sarastro/Karl der Große) und auch an Fidelio sind nicht zu überhören. Handwerklich ist selbstverständlich nichts auszusetzen, aber im Vergleich zu Schuberts Meisterwerken ist das Hörerlebnis doch enttäuschend.

Hans J. Fröhlich: Schubert. Eine Biographie

rororo (Amazon Partnerlink)

Das Ärgerlichste am regelmäßigen Lesen sind die vielen schlechten Bücher, auf die man immer wieder stößt. Diese Schubert-Biographie kann einen ob der „analytischen“ Zumutungen beinahe fassungslos machen. Fröhlichs „Methode“ läßt sich am besten noch vulgärhermeneutisch nennen, gelegentlich psychoanalytisch ergänzt. Eine völlig ungenießbare Mixtur also.

Lesbarer sind die biographischeren Kapitel, passabel etwa, was er über Schuberts Ringen mit der Operngattung schreibt. Wer etwas über Schubert lesen will, meide dieses Buch. Kann mir jemand bessere Alternativen empfehlen?

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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