Paulus

A.N. Wilson: Paul. The Mind of the Apostel

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Zentrale These des Buchs ist, dass Paulus der „eigentliche“ Gründer des Christentums (wie wir es kennen) ist. Ohne ihn hätte sich das Christentum schwerlich vom Judentum gelöst und eine eigene Weltreligion begründet. Grund für diesen Erfolg war, neben vielen kontingenten „Nebenbedingungen“, Paulus‘ erfolgreiche Mythologisierung des neuen Glaubens. Förderlich war auch sein großer Pragmatismus in diversen religiösen Äußerlichkeiten (Essensvorschriften usw.). Viele zentale Glaubensinhalte, etwa das Konzept von „Christus“ gingen auf den Apostel zurück. Um dies zu belegen, schildert der Autor kenntnisreich die Situation der frühchristlichen Gemeinden im römischen Reich und räumt mit einer Reihe von Legenden auf. Dabei zeigt sich Wilson in verschiedenen Fächern gut beschlagen, etwa in der Quellenkritik der Texte des Neuen Testaments, speziell der Apostelgeschichte und der Paulus Briefe.

Kritisch anzumerken wäre vielleicht Wilsons (durchaus kritischer) Enthusiasmus für seinen Gegenstand. Um seine aus rationaler Perspektive seltsamen Doktrinen zu rechtfertigen, vergleicht ihn Wilson mit romantischen Dichtern. Womit immerhin eingeräumt ist, dass man ihn beim besten Willen nicht zu den antiken Philosophen zählen kann.

Wer sich für Geistesgeschichte interessiert, wird an diesem Buch trotzdem seine Freude haben.

Bibel: Die Paulusbriefe

Diese Briefe aus geistesgeschichtlicher Perspektive zu lesen, ist aus mehrfachen Gründen interessant. So bekommt man einen guten Einblick in die Ideologie des sogenannten Urchristentums, das bei weitem nicht so progressiv war, wie das heute immer wieder behauptet wird, und lernt einiges über Ideologie und deren gesellschaftliche Manifestation im Allgemeinen (einschließlich der Bildung von Splittergruppen und die Bekämpfung derselben). Es werden auch diverse Strategien deutlich, welche zur Durchsetzung ausgerechnet dieser religiösen Spielart führten: Paulus formuliert viele katholische Doktrinen, welche bis heute kulturellen und gesellschaftlichen Schaden anrichten. Schließlich ist es aufschlussreich, das intellektuelle Niveau der Texte mit zeitgenössischen und früheren antiken zu vergleichen.

Versetzt man sich in die Position eines gebildeten Römers (oder Hellenen) des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, so präsentierte sich das frühe Christentum – berechtigterweise – als eine der vielen kleinen fanatischen Sekten, die in der hellenistischen Welt ihr Unwesen trieben. Ihr intolerantes Wesen und ihre seltsamen Ideen wurde mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und intellektuellem Ekel wahrgenommen. Als Beispiel mögen die Bücher des Porphyrius gegen das Christentum dienen, von denen leider nur Bruchstücke überliefert sind, und in denen er u.a. für religiöse Toleranz plädiert.

Paulus war intelligent genug, um diese Reaktion zu beobachten, so schreibt er mehrmals davon, dass die von ihm propagierten Lehrsätze Außenstehenden als „Torheit“ erscheinen. Erklärt wird das freilich nicht damit, dass fast alle diese Lehrsätze tatsächlich höchst töricht sind, sondern mit fehlender Erleuchtung durch den Heiligen Geist:

Der irdisch gesinnte Mensch aber läßt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen. (1 Kor 2, 14ff)

Das Musterbeispiel einer klassische Immunisierungsstrategie, wie sie bei allen Ideologien und vielen irrationalen Theorien zur Grundausstattung gehört: Nur wer erleuchtet ist, kann es verstehen. Wer es nicht versteht, ist nicht erleuchtet und ist nicht kritikfähig. Außerdem natürlich als Heide böse. Kritik von außen ist damit ausgeschlossen.

Eine Ursache für die Durchsetzung des Christentums paulinischer Prägung war die kluge taktische Vorgehensweise. Abgesehen von Credo wird Paulus nicht müde, einen möglichst unterwürfigen Umgang mit den staatlichen Autoritäten zu pflegen:

Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. (1 Röm 13, 1ff.)

In Kombination mit der oft wiederholten Forderung, der Sklave mögen seinen Herrn achten, sowie der Ablehnung „oberflächlicher“ religiöser Gebote (Essvorschriften, Beschneidung), war dies der Ausbreitung dieser Variante des Christentums sehr förderlich.

Zu rhetorischer Hochform läuft Paulus auf, wenn es darum geht, Geld einzufordern, auch damit ein großer Vorläufer der katholischen Kirche. Ansonsten beherrscht er diverse Einschüchterungsmaßnahmen ausgezeichnet (etwa wenn er seinem Mitarbeiter Timotheus en passant mitteilt, dass er zwei seiner Exmitarbeiter „dem Satan übergeben habe“ (1 Timotheus 1, 20)).

Einen Vergleich mit römischen (oder gar früheren griechischen Schriften) halten diese Briefe nicht stand, wenn man Vergleichskriterien wie logische Stringenz, Komplexität der Argumentation oder Bezugnahme auf das damalige Weltwissen anlegt. Deshalb ist es weiter nicht verwunderlich, dass sich das frühe Christentum als Zielgruppe „underdogs“ diverser Couleur aussuchte: alle anderen hätten und haben schon damals nur den Kopf geschüttelt, angesichts dieser seltsamen Lehr-Anmutungen.

Jerusalemer Bibel

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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