Paris

Balzac: Verlorene Illusionen

Meine Balzac-Lektüre ist in den Notizen nur in einem sehr kleinen Ausschnitt dokumentiert. Las ich doch eine Vielzahl seiner Romane in den neunziger Jahren, also bevor ich meine Lektüre in dieser Form hier festhielt. Mein Verhältnis zu dem Franzosen ist zwiespältig. Ich schätze seine literarische Schaffenskraft, speziell den Einfallsreichtum seiner Geschichten und Figuren. Ich wundere mich aber auch, wie schlampig viele seiner Werke komponiert sind. Man sieht ihn förmlich an seinem Pariser Schreibtisch sitzen, wo er – literweise Kaffee trinkend – seine Bücher so schnell wie möglich niederschreibt.

Die Verlorenen Illusionen sind eine Ausnahme und wohl in ästhetischer Hinsicht Balzacs bester Roman – zumindest was seine Wälzer betrifft und wenn man die Erzählungen einmal ausklammert. Das Buch kombiniert zwei populäre Genres des 19. Jahrhunderts, den Entwicklungsroman und den Gesellschaftsroman. Die Entwicklung des jungen Lucien Chardon, welcher sich später adelsanmaßend Lucien de Rubempré nennen wird, läuft allerdings völlig schief. Während der junge Wilhelm Meister seinen Entwicklungsroman als eine im humanistischen Sinn reifere Persönlichkeit verlässt, endet Lucien als unmoralischer, desillusionierter Zyniker.
Dabei beginnt alles so vielversprechend in der Provinz, wo der erste Teil der Verlorenen Illusionen spielt. Mit seinem bescheidenen Talent gilt er der provinziellen Oberschicht der beteiligten Kleinstädter natürlich als Genie. Er findet in Naïs de Bargeton, die in Angoulême in der Gesellschaft den Ton angibt, eine Förderin, in die er sich trotz des Altersunterschieds natürlich sofort verlieben muss. Die beiden fliehen nach Paris. Balzac stellt Lucien in der Provinz strukturell geschickt seinen Freund David Séchard zur Seite. Ähnlich begabt wie der eingebildete Lucien ist er ihm charakterlich entgegengesetzt, was einen hübschen Kontrast ergibt.

Paris fügt dem Roman eine weiteren strukturellen Kontrast hinzu: Metropole gegen Kleinstadt. Ohne an dieser Stelle zu sehr auf den Inhalt eingehen zu wollen: Lucien blamiert sich bei seinem ersten Auftritt in der Oper, seine Gönnerin lässt ihn auf Rat einer einflussreichen höfischen Verwandten fallen, ja wird Lucien letztendlich durch eine fein gesponnene Intrige ruinieren.
Lucien gerät nun durch Vermittlung eines skrupellosen Vertreters seiner Zunft in die Kreise von Journalisten. Auch hier stellt Balzac wieder ein Kontrastbild gegenüber: eine hochanständige Gelehrtengruppe. Anständig ist nämlich bei den Journalisten gar nichts. Da werden Kampagnen gefahren, Artikel gekauft, Freunde hoch geschrieben, Feinde herunter gemacht. Kurz: Es regiert die Korruption. Wie der Zufall spielt, las ich parallel Ryan Holidays Trust me, I’m lying, in dem er jede Menge unmoralische Methoden der Blogszene beschreibt (zur Notiz). Die Medientechnik ändert sich, die miesen Qualitätsstandards sind dieselben!
Balzac thematisiert auch den Literaturbetrieb wenig schmeichelhaft. Wie heute noch, kommen Bücher oft auf einem Weg zustande, der nichts mit Qualität und viel mit Kommerz und Beziehungen zu tun hat. Mit dieser Ebene bekommt Verlorenen Illusionen eine Selbstreferenzialität, welche einen wesentlich Beitrag zur literarischen Qualität des Buches leistet: Literatur, welche explizit über ihre Entstehungsbedingungen reflektiert. Es sei an dieser Stelle auch noch erwähnt, dass Luciens Freund David in der Provinz eine Druckerei betreibt, und damit auch dieser Teil des Buchgeschäfts die entsprechende Aufmerksamkeit erhält. Diese Ebene ist nur eine von sehr vielen Themenfeldern, die Balzac kongenial verknüpft abdeckt. Neben der besten Pariser Gesellschaft, treffen wir auf armes studentisches Milieu oder auch die Theater- und Schauspielerszene. Letztere wieder inklusive sämtlicher korrupter Machenschaften von Kritikern.

Trotz der vielen unterschiedlichen Themen ist die Architektur des Romans viel ausgewogener als bei den meisten anderen Büchern Balzacs. Zusätzlich ist er einer der überzeugendsten klassischen Gesellschaftsromane, dessen Vielfalt ebenso beeindruckt wie die Lebendigkeit seines Personals. Doch Vorsicht: Wer mit diesem Buch in Balzacs Welt einsteigt, könnte von seinen anderen Werken dann enttäuscht sein!

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen (insel taschenbuch)

Paris: Ausflüge

April 2013

Mit zwei Ausflügen runde ich meine ausführliche Parisreise ab. Direkt von Monets Seerosen in der Orangerie fahre ich nach Giverny zu Monets Seerosen in seinem Garten. Nun ist es immer interessant, sich dem biographischen Kontext der Künstler zu widmen, auch wenn man dessen Bedeutung für die Kunstwerke gerne überschätzt. So schlendere ich also mit einer Gruppe Japaner durch den Japanischen Garten des Impressionisten, in dem auch der berühmte Seerosenteich liegt. Der ist nun tatsächlich geschmackvoll angelegt und man kann sich Monet hier gut auf Motivjagd vorstellen.
Der weitaus größere Teil des Gartens ist eine Enttäuschung: Die vom Haus her gesehen in langen vertikalen Reihen angelegten Blumenbeete sind zwar schön bunt, strahlen aber den Charme einer Großgärtnerei aus.

Während ich durch Monets Garten bei strahlendem Sonnenschein schritt, sehe ich Versailles nur bei trübem Nieselwetter. Das mag den architektonischen Gesamteindruck ebenso trüben wie die Besuchermassen im Inneren des Schlosses. Die riesigen Dimensionen des Baus stoßen mich ästhetisch ab. Da finde ich sowohl Schloss Schönbrunn als auch das Belvedere in Wien wesentlich ansprechender. Die Gigantonomie Ludwig des Vierzehnten wurde freilich auch damit bestraft, dass er Zeit seines Lebens auf einer Großbaustelle wohnte. Die mit diversen Baustellen verunzierte Parkanlage ist beeindruckend. Hier wird keine Sichtachse dem Zufall überlassen und die in malerischen Ecken versteckten Großskulpturen sind sehr effektvoll.
Interessanter als das Hauptschloss finde ich die kleineren Bauten des Grand- und des Petit Trianon, die als private Rückzugsräume genutzt wurden und den im konträren englischen Stil angelegten Seitenpark der Marie Antoinette.

Teil 1: Paris urban

Paris: Museen

April 2013

Neun Tage Paris, heißt natürlich: Jede Menge Museen! Wien ist zwar auch eine Museumsstadt, verblasst aber doch gegen Paris, was Quantität und Qualität des gezeigten angeht.

Louvre

An meinem Besuchstag ist das Museum ungenießbar. Zuletzt erlebte ich solche Besuchermassen in den Vatikanischen Museen. Speziell vor den berühmten Exponaten ist ein Menschenauflauf, so dass es kaum möglich ist, eines davon in Ruhe zu betrachten. Das war bei meinem Louvre-Besuch deutlich besser. Ich werde meine nächste Paris-Reise so legen, dass weniger Touristen zu erwarten sind (November) und dann auch die entlegeneren Öffnungszeiten am Abend nutzen.

Musée d’Orsay

Hier mache ich eine sehr interessante Erfahrung: Ich kann mich wieder für Impressionisten begeistern. Vor einigen Jahren konnte ich – nach vielen Impressionistenausstellungen – kaum mehr welche ansehen. Ich beschloss eine „Impressionisten-Diät“ und siehe da, ich war wieder sehr fasziniert von dem modernen Farbspiel und der Ästhetik dieser jungen Wilden. Die Sammlung scheint nur aus Hauptwerken zu bestehen. Der umgebaute alte Bahnhof passt gut zu den grandiosen Kunstvorstellungen der dort gezeigten Epochen.

Centre Pompidou

Der abenteuerlichste Museumsbesuch insofern als eine auf dem Vorplatz vergessene Tasche zu einer Großabsperrung inklusive Entschärfungskommando führt, und wir erst danach die berühmte Außenrolltreppe benutzen durfen. Die Sammlung ist in den oberen Stockwerken untergebracht und setzt zeitlich nach dem Musée d‘ Orsay ein, also nach den Impressionisten. Der Bestand ist durchaus eindrucksvoll. Das Museum of Modern Art in New York dürfte mehr erstklassige Werke haben, aber an zweiter oder dritter Stelle kommen sicher die Pariser.

Musée Rodin

Ohne Zweifel eines der schönsten Museen der Welt. Das liegt weniger an der als Ausstellungsgebäude genutzten Villa, sondern am Skulpturenpark. Die besten Werke Rodins sind malerisch im Park verteilt. Dazwischen viele Bänke. Müsste man keinen Eintritt bezahlen, wäre es eine Referenz in Sachen Kunst im öffentlichen Raum. Für uns Literaturfreunde ist speziell die künstlerische Auseinandersetzung Rodins mit Pariser Autoren interessant, etwa Balzac und Hugo.

Musée de l’Orangerie

Hauptattraktion der in den Tuilerien gelegenen Orangerie sind die berühmten riesigen Seerosenbilder Monets. Wenn man sie im Detail betrachtet, fällt auf, wie unterschiedlich Monet sie malte. Speziell der Abstraktionsgrad variiert. Einige der Bilder sind deutlich gegenständlicher als die anderen.

Diese Häuser kannte ich bereits von früheren Parisbesuchen, die beiden nächsten sind für mich hervorragende Neuentdeckungen.

Musée de Cluny

Ausschließlich dem Mittelalter ist diese Institution gewidmet. Herausragend ist nicht nur die Sammlung, von den wiederentdeckten Notre-Dame-Skulpturen bis hin zu den grandiosen Wandteppichen, sondern vor allem auch das alte Gebäude. Das Museum wurde im Hôtel des Abbés de Cluny untergebracht. Ein authentisches Ambiente ist damit garantiert. Ich sah bisher kein besseres Mittelaltermuseum.

Musée du quai Branly

2006 eröffnet ist es das ethnologische Museum in Paris. Spannend ist die Innenarchitektur, die teils verspielt, teils ikonographisch auf die Sammlung Bezug nimmt. So betritt man sie, indem man durch ein ausgetrocknetes „Flussbett“ geht auf dessen Boden Begriffe projiziert werden. Die ausgestellten Kunstgegenstände sind nach geographischen Kulturregionen (Afrika, Ozeanien…) gegliedert und enthalten viele schöne Stücke. So kann ich mich dort mit religiöser Malerei aus Äthiopien vertraut machen, mein nächstes Reiseziel. Die Exponate sind didaktisch auch gut aufbereitet.

Teil 1: Paris urban
Teil 3: Paris Ausflüge

Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

John Neumeier: Dritte Symphonie von Gustav Mahler

Paris Opéra Bastille 27.4. 2013

Ich muss voraus schicken, dass ich von Ballett und Tanztheater weit weniger verstehe als von den anderen Kunstformen über die ich hier regelmäßig berichte. Allerdings schätze ich das moderne Tanztheater und die Performance durchaus. Während meines Studiums war ich ein regelmäßiger Gast der Salzburger Sommerszene.
Was John Neumeier hier mit Mahler anstellt, von dem ich wiederum sehr viel verstehe, bleibt mir ein Rätsel. Einerseits erschien mir die Choreographie nicht modern zu sein. Es wurde hübsch symmetrisch und nach der Art des klassischen Balletts getanzt. Einen direkten Bezug zu Mahlers grandioser Musik konnte ich nicht ausmachen: Die Herren, oben ohne und in einer Art langen Unterhosen bekleidet, tanzten zur Musik. Weibliche Tänzer durften lange nicht auf der Bühne und hatten ihren ersten Auftritt erst, als Mahlers langsamer Satz begann. Sobald also die Musik ins Süßliche schwenkte, was Herr Neumeier offenbar mit „weiblich“ assoziiert, durften Frauen auftreten. Danach traute ich meinen Augen nicht: Das erste Pas de deux wurde von einem Herrn und einer Dame getanzt, wo er in hellblau und sie in rosa gekleidet war. Nach Ironiesignalen aller Art suchte ich vergeblich.

Das Orchester der Oper spielte an der unteren Grenze des Tolerablen: Weder gab es größere Schnitzer noch musikalische Epiphanien. Die engagierte Solistin schlug sich ebenfalls tapfer. Fast vom Stuhl flog ich allerdings als der Chor vom Band eingespielt wurde!

Liebe Pariser! Wenn ihr schon unbedingt Mahlers Dritte spielen wollt, dann nehmt gefälligst den Aufwand auf euch und bringt sie vollständig live, wie sich das gehört. Eine Liveaufführung vom Band zu ergänzen ist eine Schande für eine Kulturstadt wie Paris!

Reise-Notizen Paris (4): Musée Rodin und Musée Picasso

Mit diesen zwei musealen Kleinoden ist die Zahl der besuchten Kunstetablissements in Paris komplett. Sie sind quasi das Gegenstück des ausufernden Louvre: überschaubar, monothematisch, charmant. Das Musée Rodin ist im Hotel Brion, einem schönen Rokokopalais untergebracht, in dem Rodin von 1908 bis zu seinem Tod 1917 im Erdgeschoss wohnte. Die beiden Stockwerke zeigen nicht nur ausgewählte Skulpturen des Künstlers, sondern informieren auch über den Entstehungsprozess durch die Ausstellung diverser Vorstufen. Selbst in die komplexe Technik des Bronzegießens wird man anschaulich eingeführt.

Ästhetischer Höhepunkt ist allerdings der Park der Villa, in dem die berühmtesten Werke Rodins eine Bleibe gefunden haben: Die Bürger von Calais, Das Höllentor, Der Denker … Rodin stellte die klassizistische Ästhetik der Skulptur auf den Kopf und erreicht trotzdem (besser: deshalb) eine unglaubliche Eindrücklichkeit.

Im Marais ist ein weiteres „biographisches“ Museum angesiedelt, das Musée Picasso. Das aus der Zeit Ludwig XIV. stammende Stadtpalais Hôtel Salé bietet – wie die Villa im Fall Rodins – ein ideales architektonisches Ambiente für die zahlreichen Werke Picassos. Vielleicht eine etwas zu labyrinthische Anlage, möchte man einwenden. Wobei die sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten nicht so schlecht mit den sich in schneller Folge abwechselnden Stilen Picassos „harmonieren“. Ein Eldorado für jeden Kunstfreund.

Reise-Notizen Paris (3): Musée d’Orsay

Nach dem Louvre das spektakulärste Museum der Stadt. Das liegt nicht nur an der imposanten impressionistischen Kunstsammlung des Haus, sondern auch am Gebäude. Der zur Weltausstellung 1900 errichtete Gare Décorative wurde in den siebziger Jahren von der Mailänder Architektin Gae Aulenti in ein Museum umgebaut. Schon beim Betreten erinnert die riesige Halle mehr an eine Kathedrale und damit einem der Kunst geweihten Sakralbau als einem bürgerlich nüchternen Museum. Das mag man kritisieren, der Eindruck ist jedenfalls grandios, und das von Licht durchflutete Bauwerk eignet sich vorzüglich zur Präsentation von Kunst (speziell auch von Skulpturen). Die Bilder hängen in überschaubaren Räumen, so dass die Architektur nicht in Konkurrenz zu ihnen tritt.

Das Haus ist der vor allem Kunst des 19. Jahrhunderts gewidmet und präsentiert den Bestand chronologisch. Die Impressionisten kommen also erst am Ende an die Reihe, weshalb es sich aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie empfiehlt erst konzertriert mit ihnen anzufangen und sich am Ende dem übrigen Künstlern zu widmen.

Es gibt wohl kaum einen Ort, wo man sich mit der Geschichte des Impressionismus und dessen Vorläufern besser vertraut machen könnte. Die meisten Vertreter sind mit Hauptwerken vertreten.

Reise-Notizen Paris (2): Louvre

Damit wäre gleich der Hauptgrund meiner Reise genannt, nämlich die Erkundung des größten Museums der Welt. Ich hatte Zeit für drei Besuche, deren jeder fünf bis sechs Stunden dauerte. Viel zu kurz naturgemäß, um alles mit der notwendigen Aufmerksamkeit anzusehen. Ausreichend aber, um mir einen Überblick über alle Sammlungen zu verschaffen, und wenige im Detail anzusehen. Leider war die Abteilung mit griechischer, etruskischer und römischer Kunst wegen Umbau geschlossen.

Beginnen möchte ich aber mit ein paar praktischen Hinweisen. Wer nicht Schlange stehen will, sollte sich vor dem Besuch den Pariser Museumspass besorgen, den es mit unterschiedlicher Gültigkeitsdauer gibt. Damit kann man dann die beiden Seiteneingänge „Porte de Lion“ oder „Richelieu-Passage“ nutzen. Ich kam jedes Mal ohne zu warten hinein. Wer Gelegenheit hat, die Abendöffnungszeiten am Mittwoch und Freitag (bis 22 Uhr!) zu nutzen, sollte diese unbedingt wahrnehmen. Nach 19 Uhr ist es für Pariser Verhältnisse vergleichsweise ruhig im Museum.

Besonderes Augenmerk richtet ich auf drei Abteilungen: Die orientalische Sammlung, die ägyptische Sammlung sowie den italienischen Teil der Gemäldegalerie. Mir war der Louvre vor allem als Gemäldegalerie bewusst, weshalb mich die Fülle und Qualität der orientalischen Exponate überraschte. Herausragend die die Palastausstattung des persischen Königs Dareios I. Monumentale Löwenreliefs auf hellblauer und beiger Keramik. Wer Herodot gerne liest*, wird die Fülle an Anschauungsmaterialien aus dieser Zeit zu schätzen wissen. Die berühmte Stele des Hammurabi mit dem noch berühmteren Rechtscodex ist dort ebenfalls ausgestellt. Gewaltige assyrische Wandreliefs sind ein weiterer Höhepunkt.

Aber auch die weniger spektakulären Exponate sind vom ersten Rang. So sieht man viel von den Erfindern des Alphabets und deren Handelsimperium, den Phöniziern. Die Levante ist aus „kolonialen Gründen“ selbstverständlich ebenfalls gut vertreten.

Die ägyptische Abteilung verteilt sich über dreißig zum Teil sehr große Räume. Die Anordnung ist teils chronologisch, teils thematisch. Napoleon hat bei seiner Plünderung der Kunstschätze jedenfalls einen guten Geschmack bewiesen (besser: sein Tross an Gelehrten), so dass man nun eine sehr repräsentative Sammlung besichtigen kann. Der lebensechte Realismus des „Hockenden Schreibers“ lässt einen kaum vermuten, dass man hier eine 4500 Jahre alte Skultur vor sich hat. Eines der schönsten antiken Kunstwerke, die ich bisher sah.

Die Gemäldegalerie ist ob ihrer Fülle kaum zu bewältigen. Speziell die französische Malerei vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert füllt ganze siebenundsiebzig Räume. Deshalb konzentrierte ich mich auf das 19. Jahrhundert, speziell die Klassizisten und Romantiker. Delacroix‘ Meisterwerk „Das Floß der Medusa“ ist im Original viel dunkler als es die mir bekannten Reproduktionen vermuten ließen. Unmittelbar daneben hängt eines meiner Lieblingsbilder: Dante und Vergil in der Hölle. An derselben Wand die Revolutions-Ikone „Die Freiheit führt das Volk“, mit dem Jungen auf der rechten Seite, der mich nun nach der Lektüre „Der Elenden“ immer an den kleinen Gavroche denken läßt. Ein Raum vorher Davids „Eid der Horatier“, kurz ein Meisterwerk reiht sich an das andere.

Die „Mona Lisa“ wurde nun so platziert, dass die Touristen sich davor nicht mehr zu Tode trampeln und man auch aus der Entfernung bzw. von der Seite das Bild noch gut erkennen kann. Vor dem Eingang zur „Mona Lisa“ hängt ein schöner Raffael für den sich kaum jemand zu interessieren scheint. Der Louvre hängt voller hochkarätiger Gemälde, die der „Mona Lisa“ ästhetisch in nichts nachstehen. Trotzdem rennen alle schnurstracks zu ihr. Einsame Vermeers, wenig besuchte Rembrandts sind die Folge, was für den echten Kunstfreund natürlich angenehm ist. So konnte ich mir Rembrandts faszinierende „Bathsheba“ lange ungestört ansehen. Rembrandt wählte den Moment, wo Bathsheba die „Einladung“ König Davids zum außerehelichen Geschlechtsverkehr gerade las, wohl bereits ahnend, dass ihr Gatte diese Begierde nicht überleben wird. Die psychologische Genauigkeit Rembrandts ist frappant! Die deutsche und niederländische Malerei ist in vielen Werken vertreten.

Vermutlich gibt es keinen besseren Ort der Welt als Paris, um Kunstgeschichte zu studieren. Qualität & Quantität & Vielfalt werden wohl von keinem anderen Museum übertroffen. Eine gute Woche nach meinem letzten Besuch, wäre ich bereits gerne wieder dort.

* Siehe meine Reihe über Herodots „Historien“: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Reise-Notizen Paris (1): Atmosphärisches

Die Franzosen gelten als kultivierte Leute. Ein Klischee gewiss, aber eines mit einem wahren Kern. Gerade Kleinigkeiten verraten oft die feinen Unterschiede. Während man in Wien beispielsweise seinen Döner verzehrt, in dem man seinen Kopf quasi hineinsteckt und sich dann, wie auf dem Weg ins Schlaraffenland, langsam durchfrisst, was man leider auch gehäuft in der U-Bahn beobachten muss, isst man in Paris seinen Döner vornehm mit der Gabel, die man mit auf den Weg bekommt. Erst nachdem mit Hilfe dieses Essinstruments die Höhe des Fladens auf ein physiologisch verträgliches Maß reduziert wurde, wird hineingebissen.

Vor achtzehn Jahren war ich letztes Mal an der Seine. Eine Reihe von Veränderungen haben mich bei meinem aktuellen Aufenthalt erstaunt. Damit meine ich weniger die Stadt an sich, denn jede Metropole wandelt sich ständig. Zwanzig Jahre sind hier eine kleine Ewigkeit. Es scheint sich auch bei der Mentalität der Stadtbewohner einiges verändert zu haben. Das fiel mir vor allem „sprachlich“ auf. Englisch ist in Restaurants, Geschäften und auf der Straße viel präsenter. Bei meiner ersten Reise passierte es so gut wie nie, dass ich von Franzosen auf Englisch angesprochen wurde. Heute scheint es auch für Pariser eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass man mit Fremden im neuen Weltidiom Kontakt aufnimmt, anstatt stolz Französischkenntnisse vorauszusetzen.

Abgestiegen bin ich im Timhotel Le Louvre, ein unspektakuläres Zweisterne-Haus, das jedoch einen schönen Vorzug besitzt: Es liegt direkt beim Louvre, im Herzen von Paris, und ist damit der ideale Ausgangspunkt für Stadterkundungen. Dass in unmittelbarer Nähe eine Menge von kleinen Lokale mit unterschiedlichsten Küchen sind, schadet naturgemäß auch nichts.

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(5. Januar 2013)

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