New York

12

Martin Scorsese: Taxi Driver (1976)

Visuell ein hoch beeindruckender Großstadtfilm: Die Taxifahrten des Travis Bickle durch das nächtliche New York werden kongenial in Szene gesetzt. Selten sah man die Verkommenheit einer Großstadt in ästhetischere Bilder verpackt. New York in den Siebzigern war nach diversen Dimensionen tatsächlich eine Problemstadt. Scorsese porträtiert die unappetitliche Seite Manhattans mit einer ähnlichen Akribie wie Woody Allen damals zeitgleich das Präbobomilieu. Wenn man die Stadt durch Filme verstehen will, ergänzen sich beide Regisseure optimal. Abgesehen von dem angedeuteten ästhetischen Naturalismus von Taxi Driver liegt seine Stärke in der moralischen Ambivalenz. Als Travis schwer bewaffnet zu seinem Feldzug gegen Kleinkriminelle aufbricht, gibt es ein Blutbad, an dem heute Quentin Tarantino sicher noch seine Freude hat. Dieser Brutalität steht das Ende des Films gegenüber, wo Travis von der Presse als Held gefeiert wird. Der Zuseher bleibt zwiespältig zurück.

Taxi Driver (Blu-ray)

Reise-Notizen: New York

März 2012

New York gehört zu den wenigen Städten, in denen ich mich sofort zuhause fühle. Das liegt nicht nur am sensationellen kulturellen Angebot, sondern auch an der Akzeptanz der New Yorker für alles Fremde: Jeder gehört sofort zur Stadt. Egal woher er kommt, egal wie gut sein Englisch ist. New York ist das beste Beispiel, dass Menschen unterschiedlichster Kulturen und Herkunft auf engem Raum zusammenleben können. Deshalb ist es Ideologen aller Couleur so verhasst. Andererseits versichern mir Bekannte, die viele Jahre in New York wohnten, dass der überwiegende Teil dieses Funktionierens auf das Konto der Gleichgültigkeit gebucht werden kann. Das geht freilich nicht alles bei so einer Menschenmasse.

Ich bin nun zum zweiten Mal in der Stadt. Fünf Tage nur und als ich am Ende mit einem exzellent deutsch sprechenden pakistanischen Taxifahrer zum JFK fahre, fasse ich den Entschluss: Nächstes Mal werde ich 2 Wochen in New York verbringen! Mein Vorsatz war, einiges in Ruhe anzusehen anstatt viel in kurzer Zeit. Über den grandiosen Don Giovanni in der MET berichtete ich bereits. Diesem Prinzip fiel unter anderem das Guggenheim Museum zum Opfer. Ausführlich dagegen besuche ich ich das Metropolitan Museum, mit Schwerpunkt auf den klassischen Gemälden, der Mittelalter- und der Orientsammlung. Dass im Metropolitan eine Vielzahl von hochwertigen Kunstwerken zu sehen sind, ist bekannt. Die Art der Präsentation verdient aber auch der Hervorhebung. So sind die mittelalterlichen Skulpturen in großen Hallen ausgestellt, deren Atmosphäre an Kirchenräume erinnert. Oder die famose Präsentation des Tempels von Dendur in einem eigens errichteten riesigen Ausstellungsraum mit einer enormen Glaswand.

Zum ersten Mal betrete ich die Frick Collection, die mich durch ihre Ungewöhnlichkeit sehr beeindruckt. Das Museum ist in der Villa des Multimillionärs Henry Clay Frick (1849-1919) eingerichtet, der sein enormes Vermögen in hochkarätige Klassiker investierte. Die Sammlung ist zwar klein, enthält aber mehr Meisterwerke als viele bekannte Museen, in denen bekanntlich ja auch viel Zweitklassiges ausgestellt wird. Vermeers (Plural!), Rembrandts und Bellinis hängen im buchstäblich im Wohnzimmer der Villa. Keine Nebenwerke versteht sich, sondern das Beste vom Besten. Dieser verrückte Qualitätsanspruch imponiert. Noch nie sah ich so viel großartige Kunst auf so engem Raum.

Wie zu den Zeiten Fricks ist auch heute New York ein Pflaster, auf dem arge Armut neben ungeheuerlichen Reichtum gleichzeitig existiert. Auf einer Schiffsfahrt umrunde ich Manhattan komplett und bin erstaunt, welche hochgradig heruntergekommenen Plattenbauten man in der Bronx sieht. Dermaßen schäbige Wohnsubstanz sah ich zuvor nur in armen Entwicklungsländern. Auf der anderen Seite schlendert man durch dynamische Bobostadtviertel mit ihren Schallplatten- und edlen Weinläden wie Tribec und SoHo.

Mozart: Don Giovanni

Metropolitan Opera (New York) 14.3. 2012

Musikalische Leitung: Andrew Davis
Leporello: Bryn Terfel
Donna Anna: Marina Rebeka
Don Giovanni: Gerald Finley
Donna Elvira: Ellie Dehn
Zerlina: Isabel Leonard

Dieses Mal wollte ich auf keinen Fall nach New York reisen ohne die Metropolitan Opera zu besuchen, weshalb ich mir die Karte schon viele Wochen vorher sicherte. Das Publikum ist deutlich divergenter als in der Wiener Staatsoper. Eine Gemeinsamkeit sind viele Touristen in beiden Häusern.

Nun kenne ich Aufführungen der MET durch diverse elektronische Medien, weshalb meine Erwartungshaltung hoch war. Zu Recht! Die musikalische Qualität des Abends war makellos. Selten hörte ich eine so perfekt gesungene Mozart-Oper. Nicht nur das Duo Finley und Terfel als Don Giovanni und Leporello war superb. Jeder einzelne Sänger lieferte eine Spitzenleistung. Das Orchester stand dem kaum nach. Dabei handelte es sich um einen ordinären Repertoireabend, nämlich die 530. Aufführung dieser Inszenierung. In Wien können „normale“ Abende zwar auch dieses Niveau erreichen, aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Der einzige Einwand: Bühnenbild, Kostüme und Regie waren museal. Allerdings war die Bühne nicht so heruntergekommen wie in Wien bei den älteren Inszenierungen, die seit Jahrzehnten aufgeführt werden. Dieser „Don Giovanni“ war einer der besten Opernabende seit langem. Kein New-York-Besuch ohne MET zukünftig!

In New York unterwegs

Ich bin nun eine knappe Woche in New York unterwegs und werde via Twitter berichten. Fotos sind in diesem Album zu finden.

New York Big City & Zauber der Ferne

Street Photography & Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert
Wien Museum 21.3.

Seit Wolfgang Kos das Wien Museum übernommen hat, gibt es dort regelmäßig sehr interessante Ausstellungen. Im Moment sind es gleich zwei: Eine Fotographie-Ausstellung über New York und eine kulturgeschichtliche Ausstellung über „virtuelles“ Reisen im vorletzten Jahrhundert.

New York Fotos! Viele davon sind Ikonen geworden. „Big City“ versucht einen Überblick über die Entwicklung dieses Genres zu geben, von den vierziger bis in die frühen achtziger Jahre, von Walker Evans bis Helen Levitt. Die Fotos sind alle sehr sehenswert und konzentrieren sich auf diejenigen New Yorker, die nicht in der Park Avenue wohnen. Man bekommt ebenfalls einen guten Eindruck, wie sich die Fotographie ästhetisch über die Jahrzehnte entwickelte, bis hin zu formalen Experimenten. Die Avantgarde ist allerdings nicht vertreten. Besonders beeindruckend fand ich die Portraits von Charles Traub, von denen eine Auswahl hier zu sehen ist.  Den einzigen Vorwurf, den man dem Kurator Gilles Mora machen könnte: Es hätten gerne mehr Fotos sein können.

Im Erdgeschoß findet sich eine ebenso kuriose wie spannende Schau über imaginäre Reisen. Wie wurden die Wiener des 19. Jahrhunderts mit Informationen über ferne Länder versorgt? Diese Ausstellung versucht eine Antwort darauf zu geben. Man sieht sowohl die technischen Möglichkeiten (Laterna Magica, Guckkästen) als auch Bilder, Filme, Plakate und vieles mehr zum Thema. Sehr originell und absolut empfehlenswert. Allerdings nur noch bis zum 29.3. zu sehen.

Uwe Johnson (4)

Jahrestage. Band 4. Suhrkamp Taschenbuch

Gut ein Jahr haben mich die „Jahrestage“ beschäftigt, da ich die vier Bände im Abstand von einigen Monaten las. Den ersten Band beendete ich noch skeptisch, erschien mir das Projekt doch eine Reihe formaler Mängel zu haben, speziell die Kombination der Tagebuchform mit den verschiedenen Handlungsebenen erschien zu gekünstelt. Mein Enthusiasmus stieg ab dem zweiten Band jedoch an und erreicht gegen Ende seinen Höhepunkt. Einmal mehr bestätigt sich, dass der vielgescholtene Kanon eine so schlechte Arbeit nicht leistet, wenn er Werke wie die „Jahrestage“ als unverzichtbar vorschlägt.

Tatsächlich gehört diese Tetralogie, in der Suhrkamp Taschenbuch Ausgabe knapp 1900 kleinbedruckte Seiten, zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die strukturelle und inhaltliche Dichte ist verblüffend, und man muss schon zu sehr bekannten Namen greifen, um einen vergleichbaren fiktionalen Kosmos zu finden. Die Realitätsdichte des Romans ist verblüffend und macht in Kombination mit der strukturellen Brillanz die hohe literarische Qualität des Textes aus.

Ich habe die Tetralogie zwar sorgfältig gelesen, aber das ist bei weitem nicht genug, diese ausreichend zu würdigen. Man müsste sie mehrmals lesen, alleine um allen Handlungssträngen adäquat folgen zu können, da ist von Feinheiten der Komposition noch gar nicht die Rede. Kurz: Zu einer sachgemäßen Würdigung fühle ich mich nach dieser ersten Lektüre gar nicht im Stande.

Die „Jahrestage“ haben jedenfalls das Zeug, wie andere Meisterwerke der Weltliteratur, ein Leseleben dauerhaft zu begleiteten.

Uwe Johnson (3)

Jahrestage. Band 3. Suhrkamp Taschenbuch

Langsam las ich den dritten Teil von Johnsons Tetralogie. Der ersten Band ließ mich skeptisch zurück, vom zweiten war ich sehr angetan. Dieser setzte nun das positive Leseerlebnis fort. Auf der Jerichow-Handlungsebene wird die unmittelbare Nachkriegszeit beschrieben, speziell der Beginn der russischen Besatzung und damit der neuen Diktatur. Cresspahl verliert die Gunst der neuen Macht, wird als Bürgermeister von Jerichow abgesetzt, und landet dann längerer Zeit im Gefängnis und in einem Gefangenlanger. Die Zustände im Lager beschreibt Johnson schmerzend realistisch, inklusive der sadistischen Spiele der (immer noch) deutschen Aufseher.
Die fiktiven Tagebuchaufzeichnungen umfassen den Zeitraum von April 1968 bis Juni 1968 und sind damit ausführlicher und deutlich länger als früher. Wie bisher wird der Leser via New York Times mit den politischen Ereignissen konfrontiert, wo erneut der Krieg in Vietnam und die Turbulenzen in der CSSR eine herausragende Rolle spielen. Letzteres Thema wird noch dadurch verstärkt, dass Gesine in Ihrer Bank mit einem Kreditprojekt für die CSSR beschäftigt ist.

Uwe Johnson: Jahrestage. Band 2

Suhrkamp Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Der erste Band ließ mich zwiespältig zurück. Einerseits fand ich das grundlegende ästhetische Konzept (Gegenwartshandlung in New York, Familiengeschichte in Mecklenburg, aktuelle Ereignisse anhand der New York Times) sehr gelungen. Andererseits war die Umsetzung teilweise fraglich und einzelne Abschnitte auch von sehr unterschiedlicher Qualität.

Ich begann die Lektüre des zweiten Teils also skeptisch gestimmt. Diese Vorbehalte verflogen jedoch überraschend schnell: Die Integration der verschiedenen Ebenen wirkte nun sehr plausibel und auch die erzählerische Dichte war deutlich höher. Über lange Passagen hinweg fängt Johnson die dunkle Seite des 20. Jahrhunderts furios ein. Während im Jerichow-Komplex die „Höhepunkte“ des Dritten Reiches beschrieben werden, etwa die Reichskristallnacht, rücken in der Gegenwartshandlung die Grausamkeiten des Vietnamkrieges in den Mittelpunkt. Johnson geht hier sehr geschickt vor, in dem er z.B. die ikonographischen Fotos des Krieges beschreibt. Doch damit nicht genug, es wird auch noch das bedrückende Leben der Armen in New York überzeugend geschildert.

Das klingt nun so als sei das alles sehr dick aufgetragen, was durchaus stimmt. Trotzdem funktioniert es literarisch ausgezeichnet und hebt sich positiv vom Eindruck der Beliebigkeit des ersten Bandes ab. Ich werde nun sicher auch die restlichen beiden Bände der Tetralogie lesen.

Uwe Johnson: Jahrestage. Band 1

Jahrestage. Band 1. Suhrkamp Taschenbuch

Diese Romantetralogie gehört seit Jahren zu denjenigen „berühmten“ Büchern, die ich erfolgreich vor mir herschob. In den letzten Wochen las ich nun das erste Viertel der Reihe. Der Roman ist in Tagebuchform gehalten und spielt auf zwei Ebenen. Der Hauptstrang beschäftigt sich mit dem Leben der Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York. Es ist sehr viel „Manhattan“ in dem Buch, das sich damit in die Tradtion des modernen Großstadtromans stellt. Zusätzlich wird der Leser mit der Familiengeschichte der Cresspahls bekannt gemacht, die sich im ersten Band vor allem in den späten zwanziger Jahren und während des Dritten Reiches abspielt und überwiegend in einem fiktiven kleinen Ort in Mecklenburg angesiedelt ist. Schließlich spielt das Zeitgeschehen eine prominente Rolle (Vietnamkrieg), das via Zitate aus der New York Times einmontiert wird.

Ein abschließendes Urteil über das Buch will ich noch nicht fällen, es sei aber so viel gesagt, dass mir dessen Ästhetik bisher unplausibel erscheint. Die kalendarische Form wirkt nur bei Abschnitten plausibel, die den Ablauf dieser Tage erzählen. Bei Exkursen zu New York oder anderen Themen und bei den Rückblenden scheint diese Anordung komplett willkürlich zu sein. Dass manche der Rückblenden als Erzählungen der Mutter für das Kind angelegt sind, gleicht diesen Eindruck nicht aus.

Die Erzählperspektive ist oft diffus, was an sich kein Kritikpunkte wäre (könnte sogar ein Pluspunkt sein), aber vor dem Hintergrund des ziemlich biederen Erzähltons nicht konsistent wirkt. Die einzelnen Abschnitte sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind brillant geschrieben und evozieren mit wenigen Sätzen Orte, Personen oder Stimmungen. Andere dagegen lesen sich uninspiriert, so dass ich den Eindruck hatte, einen Erzählungsband vor mir zu haben, der qualitativ stark unterschiedliche Texte enthält.

Gleich wohl imponiert mir die Gesamtanlage der Tetralogie nach wie vor. Ich werde also mindestens noch den zweiten Band lesen und weiter berichten.

Gangs of New York

English Cinema Haydn, 21.2.
Regie: Martin Scorsese

Wenn es stimmt, was die Marketing Abteilung von Miramax verbreiten läßt, nämlich dass Scorsese dreißig Jahre lang an diesem Film gearbeitet hat, möchte man ihm den zugegebenermaßen verspäteten Ratschlag geben, sich Zeit zu lassen, und vielleicht noch einmal 30 oder 60 Jahre anzuhängen. In der Kunst soll man ja nichts überstürzen.

Von „Kunst“ im eigentlichen Sinn kann freilich auch nicht die Rede sein, angesichts dieses gewaltverherrlichenden Mainstreamspektakels. Welchen Zweck die perfekt choreografierten Gewaltszenen und die farblich überzeugend arrangierten Blutszenen haben, bleibt im Dunkeln. Avanciertere Mittel der Filmästhetik vermisst man, nicht hingegen zahllose Anspielungen auf Filmklassiker (den Berichten von Cineasten nach zu schließen).

Das Beste an dieser faszinierenden Geldverschwendung (100 Millionen Dollar), ist die schauspielerische Leistung. Herausragend Daniel Day-Lewis als Bill the Butcher, dessen ungewöhnliche Figur einen Kinobesuch teilweise lohnt. DiCaprio versucht tapfer, gegen sein Image anzuspielen, nicht unerfolgreich alles in allem.

Der kitschig-reaktionäre Schluss ist sehr aufschlussreich, wenn man sich für die kommerzielle Prostitution von Pop“musikern“ interessiert (was ich eigentlich nicht tue). Aber wer den Welterfolg einer irisch-katholischen Zumutung wie U2 verstehen will, sehe sich das Ende von „Gangs of New York“ an. Geboten wird eine musikalische Analogie zur Kronenzeitung: Eine Mischung aus politischer Dummheit, Kitsch und hohlem Pathos. Die nächsten Grammys sind ihnen also sicher.

12
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets