Neues Testament

Das Neue Testament als Twitterlektüre

Wegen der großen Resonanz fasse ich hier meine Lektüre des Neuen Testaments der letzten beiden Tage auf Twitter zusammen:

Heutzutage wären Jesus‘ Jünger übrigens Mitglieder des Bauernverbands.

Zählt man alle Quellen zusammen, gibt es sieben unterschiedliche letzte Worte von Jesus. Abschreiben kann also auch nicht jeder.

Wüßten alle Christen, was jeder Theologe über die Herkunft der Bibel weiß, dann wäre wohl für viele Schluss mit dem Unfug.

Die Hirten verbergen dieses Wissen natürlich vor ihren Schafen. Aus gutem Grund!

Es spricht viel dafür, dass es die ersten organisierten Religionen waren, welche dieses perfide Wissensmanagement erfanden.

„Evangelium“ heißt übersetzt ja „Gute Nachricht“ und kann angesichts der Weltuntergangsprognosen in ihnen nur ironisch gemeint sein.

Jesus hat übrigens aus einem simplen Grund keine Dämonen ausgetrieben: Es gibt keine.

Amüsant im Markus-Evangelium sind die Jünger-Gespräche, wer von ihnen im kommenden Gottesreich am mächtigsten sein wird. Karrieresorgen…

„Augen auf der Berufswahl“ wäre auch damals schon ein guter Ratschlag gewesen!

Judas war ein großer Skeptiker, der Respekt verdient.

Schon bei Jesus hat das mit dem Beten nicht funktioniert. Aber aus Fehlern lernen ist in religiösen Weltbildern nicht vorgesehen.

Dreimal zu Papa Gott gebetet und dreimal den göttlichen Mittelfinger gezeigt bekommen.

Der einzige (!) im ganzen Markus-Evangelium, der Jesus als angeblichen Sohn Gottes erkennt, ist ein dummer und brutaler römischer Soldat.

Ja, favt Euch nur auf direktem Weg in die Hölle! Ich mag mutige Follower!

Bibellesen mit @philoponus ! Die ideale Sonntagsbeschäftigung für Nachwuchs-Heiden!

Das Christentum entstand, weil wenige gut gebildete Hellenen zynisch die Geschichten von ein paar ungebildeten Juden auszunutzen verstanden.

Verglichen mit der Kopierwut der Evangelisten erscheint selbst Ex-Doktor Guttenberg als ehrenwerter Autor.

Der Ghostwriter der Evangelisten wird zwar Q genannt, hat aber nichts mit Star Trek zu tun.

Und das Beste: Die Christen müssen mich alle gern haben! Was aus ihren Tweets allerdings nicht immer sofort erkennbar ist… #Nächstenliebe

Die Moslems wissen sehr gut, warum sie keine Textkritik am Koran zulassen: Ihr heiliges Buch zerbröselte philologisch bibelschnell.

Am besten begabt beim Textbasteln war Matthäus. Zu Beginn gleich die Genealogie gefälscht und die Geburt immer hübsch analog zu Moses.

Jesus Nächstenliebe reichte nicht mal bis zu den Pharisäern, eine der kulturgeschichtlich best gemobbten Gruppen.

Der Nächstenliebe predigende Jesus hasst die Pharisäer, weil sie nicht lebten, was sie predigten. Hochgradig komisch eigentlich.

Im Johannes-Evangelium wird Jesus gar nicht geboren. Konnte sich wohl nicht zwischen den widersprüchlichen Geburtserfindungen entscheiden.

Johannes porträtiert Jesus als Semiotiker: Ein Zeichen jagt das nächste.

Bei Johannes lässt Jesus Lazarus absichtlich sterben, damit er danach mit seiner Auferweckung angeben kann.

Erzählt mir nichts von Kontext. Ich bin ein Hellene, der versehentlich im 20. Jahrhundert geboren wurde.

Jesus zwang seine Jünger ihre Kinder zu verlassen, die deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verhungert sind. Aber er gilt als Kinderfreund.

In der Hölle muss man übrigens eine Ewigkeit lang ohne Unterbrechung Tweets schreiben und hat nur Zeugen Jehovas als Follower.

Bart Ehrman: Jesus Interrupted

Wer Fakten über das Neue Testament oder das Frühchristentum wissen will, ist mit Bart Ehrman bestens aufgehoben. Das zeigte Misquoting Jesus und bestätigt auch sein neues Buch. Es richtet sich in erster Linie an seine amerikanischen Landsleute deren Religiösität bekanntlich indirekt proportional zu Ihrem Wissen über religiöse Angelegenheiten ist. Mit „Jesus Interrupted“ will Ehrman Aufklärungsarbeit leisten. Er beschreibt pointiert die Erkenntnisse der historischen Bibelforschung und vernachlässigt dabei nicht die Geschichte des Frühchristentums. Wer sich bereits mit der Materie beschäftigt hat, wird allerdings nichts Neues erfahren.

Schwerpunkt der Darstellung sind die gerne übersehenen zahlreichen Widersprüche im Neuen Testament und der Unmöglichkeit, den meisten von ihnen mit Hilfe hermeneutischer Verrenkungen beizukommen. Wie alle Bücher von Bart Ehrman ist auch dieses sehr empfehlenswert.

Sehe eben, dass es inzwischen wenigstens eines seiner Bücher auf Deutsch gibt: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist .

Bart Ehrman: Jesus Interrupted. Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them)

Empfehlungen: Bart Ehrman

Ehrman schreibt exzellente Bücher über Religionsgeschichte. Er informiert ohne religiöse Voreingenommenheit über aktuelle Erkenntnisse der Bibelforschung und zeigte bereits in mehreren Büchern – angesichts der textlichen Überlieferungsgeschichte – die Naivität derjenigen auf, welche die Bibel für bare Münze nehmen.

Nun gibt es ein neues Buch von ihm, Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them).

Meine Notiz zum letzten Buch von Ehrman findet sich hier.

Bart Ehrman: Misquoting Jesus

Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch „las“. Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Great Courses bekannt.

Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind.

Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen.

Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält.
Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele.

Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden…

Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden.

Bart Ehrman: Misquoting Jesus. The Story Behind Who Changed the Bible and Why

A.N. Wilson: Paul. The Mind of the Apostel

Norton Paperback (Amazon Partnerlink)

Zentrale These des Buchs ist, dass Paulus der „eigentliche“ Gründer des Christentums (wie wir es kennen) ist. Ohne ihn hätte sich das Christentum schwerlich vom Judentum gelöst und eine eigene Weltreligion begründet. Grund für diesen Erfolg war, neben vielen kontingenten „Nebenbedingungen“, Paulus‘ erfolgreiche Mythologisierung des neuen Glaubens. Förderlich war auch sein großer Pragmatismus in diversen religiösen Äußerlichkeiten (Essensvorschriften usw.). Viele zentale Glaubensinhalte, etwa das Konzept von „Christus“ gingen auf den Apostel zurück. Um dies zu belegen, schildert der Autor kenntnisreich die Situation der frühchristlichen Gemeinden im römischen Reich und räumt mit einer Reihe von Legenden auf. Dabei zeigt sich Wilson in verschiedenen Fächern gut beschlagen, etwa in der Quellenkritik der Texte des Neuen Testaments, speziell der Apostelgeschichte und der Paulus Briefe.

Kritisch anzumerken wäre vielleicht Wilsons (durchaus kritischer) Enthusiasmus für seinen Gegenstand. Um seine aus rationaler Perspektive seltsamen Doktrinen zu rechtfertigen, vergleicht ihn Wilson mit romantischen Dichtern. Womit immerhin eingeräumt ist, dass man ihn beim besten Willen nicht zu den antiken Philosophen zählen kann.

Wer sich für Geistesgeschichte interessiert, wird an diesem Buch trotzdem seine Freude haben.

Bibel: Die Paulusbriefe

Diese Briefe aus geistesgeschichtlicher Perspektive zu lesen, ist aus mehrfachen Gründen interessant. So bekommt man einen guten Einblick in die Ideologie des sogenannten Urchristentums, das bei weitem nicht so progressiv war, wie das heute immer wieder behauptet wird, und lernt einiges über Ideologie und deren gesellschaftliche Manifestation im Allgemeinen (einschließlich der Bildung von Splittergruppen und die Bekämpfung derselben). Es werden auch diverse Strategien deutlich, welche zur Durchsetzung ausgerechnet dieser religiösen Spielart führten: Paulus formuliert viele katholische Doktrinen, welche bis heute kulturellen und gesellschaftlichen Schaden anrichten. Schließlich ist es aufschlussreich, das intellektuelle Niveau der Texte mit zeitgenössischen und früheren antiken zu vergleichen.

Versetzt man sich in die Position eines gebildeten Römers (oder Hellenen) des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, so präsentierte sich das frühe Christentum – berechtigterweise – als eine der vielen kleinen fanatischen Sekten, die in der hellenistischen Welt ihr Unwesen trieben. Ihr intolerantes Wesen und ihre seltsamen Ideen wurde mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und intellektuellem Ekel wahrgenommen. Als Beispiel mögen die Bücher des Porphyrius gegen das Christentum dienen, von denen leider nur Bruchstücke überliefert sind, und in denen er u.a. für religiöse Toleranz plädiert.

Paulus war intelligent genug, um diese Reaktion zu beobachten, so schreibt er mehrmals davon, dass die von ihm propagierten Lehrsätze Außenstehenden als „Torheit“ erscheinen. Erklärt wird das freilich nicht damit, dass fast alle diese Lehrsätze tatsächlich höchst töricht sind, sondern mit fehlender Erleuchtung durch den Heiligen Geist:

Der irdisch gesinnte Mensch aber läßt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen. (1 Kor 2, 14ff)

Das Musterbeispiel einer klassische Immunisierungsstrategie, wie sie bei allen Ideologien und vielen irrationalen Theorien zur Grundausstattung gehört: Nur wer erleuchtet ist, kann es verstehen. Wer es nicht versteht, ist nicht erleuchtet und ist nicht kritikfähig. Außerdem natürlich als Heide böse. Kritik von außen ist damit ausgeschlossen.

Eine Ursache für die Durchsetzung des Christentums paulinischer Prägung war die kluge taktische Vorgehensweise. Abgesehen von Credo wird Paulus nicht müde, einen möglichst unterwürfigen Umgang mit den staatlichen Autoritäten zu pflegen:

Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. (1 Röm 13, 1ff.)

In Kombination mit der oft wiederholten Forderung, der Sklave mögen seinen Herrn achten, sowie der Ablehnung „oberflächlicher“ religiöser Gebote (Essvorschriften, Beschneidung), war dies der Ausbreitung dieser Variante des Christentums sehr förderlich.

Zu rhetorischer Hochform läuft Paulus auf, wenn es darum geht, Geld einzufordern, auch damit ein großer Vorläufer der katholischen Kirche. Ansonsten beherrscht er diverse Einschüchterungsmaßnahmen ausgezeichnet (etwa wenn er seinem Mitarbeiter Timotheus en passant mitteilt, dass er zwei seiner Exmitarbeiter „dem Satan übergeben habe“ (1 Timotheus 1, 20)).

Einen Vergleich mit römischen (oder gar früheren griechischen Schriften) halten diese Briefe nicht stand, wenn man Vergleichskriterien wie logische Stringenz, Komplexität der Argumentation oder Bezugnahme auf das damalige Weltwissen anlegt. Deshalb ist es weiter nicht verwunderlich, dass sich das frühe Christentum als Zielgruppe „underdogs“ diverser Couleur aussuchte: alle anderen hätten und haben schon damals nur den Kopf geschüttelt, angesichts dieser seltsamen Lehr-Anmutungen.

Jerusalemer Bibel

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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