Nazis

Adolf Hitler: Mein Kampf

An alle Nazis, die tatsächlich Google bedienen können: Geht euer Hirn suchen.

Es war die wohl anstrengendste Lektüre meines Lebens, handelt es sich doch um eines der schlechtest geschriebensten Bücher deutscher Sprache. Mein Kampf ist allerdings ein Druckwerk, das ständig in vielen Kontexten erwähnt wird, aber außer von ein paar Historikern und ein paar alphabetisierten politischen Idioten von niemandem gelesen wird. Es dauerte mindestens ein halbes Jahr bis ich das Buch in kleinen Portionen zu Ende hatte. Ich halte hier einige meiner Leseeindrücke fest.

Oft war ich angeekelt, aber immer wieder auch verblüfft, mit welcher instrumentalen Intelligenz Hitler bei der Umsetzung seiner Ideologie zu Wege ging. Je dümmer und abstoßender die Ideen, desto pragmatischer und perfider seine Pläne. Stil und Anlage von Mein Kampf zeugen freilich auf allen Ebenen von mangelnder intellektueller Disziplin: Die Themen in den Kapiteln werden lose assoziativ aneinander gereiht, so wie sie Hitler anscheinend gerade in den Kopf kamen. Begriffe werden oft falsch und inkonsequent verwendet. Bilder sind schief und klischeehaft. Der Stil ist ein seltsames Amalgam aus archaischem Deutsch und wüster Polemik. Die Struktur des Buches entbehrt dessen, was er für deutsche Jungen so wortreich fordert: Disziplin.

Hitler als dummen Spinner zu verniedlichen greift aber zu kurz. Diese Schublade dient in erster Linie dazu, eine Auseinandersetzung mit dem politischen Phänomen Hitler zu vermeiden.

Hitler beschreibt nach Elternhaus und Kindheit seine Zeit in Wien als Hilfsarbeiter auf dem Bau und muss bereits früh seinen Zeitgenossen gehörig auf den Senkel gegangen sein:

Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien. zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen.

Man stelle sich den Verlauf des 20. Jahrhunderts vor, hätte der brave Bauarbeiter dem jungen Adolf tatsächlich einen Schubs gegeben…

Erstaunlich ist, wie besessen Hitler von Österreich ist. Bereits im zweiten Satz des ersten Kapitels ist vom wünschenswerten Anschluss an Deutschland die Rede. Die beiden folgenden Kapitel sind Wien gewidmet, an dem er als die Hauptstadt eines Vielvölkerreiches natürlich kein gutes Haar lässt.

Aber: Nicht alles an Wien sei schlecht! Hitler wäre heute beispielsweise ebenso empört wie die ÖVP, erführe er von der Eliminierung des „Dr.-Karl-Lueger-Rings“:

Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte offiziell nicht zu den sogenannten „Staatsmännern“; aber indem dieser Dr. Lueger als Bürgermeister der „Reichshaupt- und Residenzstadt“ Wien eine unerhörte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des gesamten Reiches und wurde aber diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten „Diplomaten“ es alle zusammen damals waren.

Interessant auch, wie sehr Hitlers Populismus dem aktueller Hetzer gleicht. Vergleicht man Hitlers Obsessionen etwa mit jenen des Heinz-Christian Strache, konstatiert man bald: Es sind immer dieselben thematischen Leerstellen, welche diese politischen Bauernfänger füllen. Beklagt Hitler die „Tschechisierung“ und die „Verjudung“ Wiens sind es bei der FPÖ die Türken und die Islamisierung, welche Wien ruinieren. Schimpft Hitler auf die „gemischtsprachliche Gefahrenzone“, verlegt die FPÖ dieses „Problem“ in die Wiener Klassenzimmer.

Hitler fordert ein „ein rassereines Volk, das sich seines Blutes bewußt ist“, Strache plakatiert „Mehr Mut für unser ‚Wiener Blut'“. Man könnte eine hübsche Seminararbeit über die Gemeinsamkeiten des Wienbildes in Mein Kampf mit dem der FPÖ verfassen.

Nach dem Kapitel über Wien, „die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande“, schwärmt Hitler über München als Gegenpol:

Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog mich die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an.

Man könnte seitenweise über Hitlers wirres Weltbild und dessen Herkunft schreiben. Wenn er sich in Furor gegen die Demokratie redet, geht das Spektrum von Aspekten, die Platon im Staat anspricht bis hin zu Polemiken, die man auch heute noch an Stammtischen hört.

Die Frage, wie Hitler seine schäbige Ideologie so erfolgreich in die Praxis umsetzen konnte, beantworten zu einem Teil jene Passagen, die sich mit politischer Organisation und Propaganda beschäftigen. Was mich vor allem verblüffte ist, dass man viele von Hitlers Empfehlungen auch heute noch in Marketing-Lehrbüchern lesen kann. Warum? Weil sie funktionieren:

Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiet des Geschäftes oder der Politik liegen, trägt den Erfolg in der Dauer und gleichmässigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung.

Er schreibt davon, wie wichtig simple Botschaften sind, die lange und dauerhaft gehämmert werden. Politische Propaganda soll sich immer am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren. Ähnlich handhaben das die FPÖ und andere Rechtspopulisten bis heute für ihre Wahlkampfslogans.

Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu überzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerfälligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr Gedächtnis schenken.

Kurz: Auch ein Trottel muss es noch verstehen können. Das bringt mich zu einem weiteren frappanten Aspekt des Buches: Hitlers Verachtung der Masse. Mein Kampf ist voll von abschätzigen Bemerkungen über die Dummheit des Volkes. Wenn man bedenkt, dass jedes Hochzeitspaar ein Exemplar des Buches geschenkt bekam, in dem sie als „Massenvertreter“ oft explizit als Dummköpfe ersten Ranges bezeichnet werden, entbehrt das nicht der Ironie.

Erwähnenswert ist auch, dass Hitler die katholische Kirche in vielen Belangen immer wieder als vorbildlich preist. Wie die Kirche an ihren Dogmen will Hitler unbeirrt an seinen nationalsozialistischen Grundsätzen festhalten:

Auch hier hat man an der katholischen Kirche zu lernen. Obwohl ihr Lehrgebäude in manchen Punkten, und zum Teil ganz überflüssigerweise, mit der exakten Wissenschaft und der Forschung in Kollision gerät, ist sie dennoch nicht bereit, auch nur eine kleine Silbe von ihren Lehrsätzen zu opfern. Sie hat sehr richtig erkannt, daß ihre Widerstandskraft nicht in einer mehr oder minder großen Anpassung an die jeweiligen wissenschaftlichen Ergebnisse liegt, die in Wirklichkeit doch ewig schwanken, sondern vielmehr im starren Festhalten an einmal niedergelegten Dogmen, die dem Ganzen erst den Glaubenscharakter verleihen.

Oder wenn er über die für ihn wichtige Einbindung der Masse des Volkes schreibt:

Hier kann die katholische Kirche als vorbildliches Lehrbeispiel gelten. In der Ehelosigkeit ihrer Priester liegt der Zwang begründet, den Nachwuchs für die Geistlichkeit statt aus den eigenen Reihen immer wieder aus der Masse des breiten Volkes holen zu müssen. Gerade diese Bedeutung des Zölibats wird aber von den meisten gar nicht erkannt. Sie ist die Ursache der unglaublich rüstigen Kraft, die in dieser uralten Institution wohnt. Denn dadurch, daß dieses Riesenheer geistlicher Würdenträger sich ununterbrochen aus den untersten Schichten der Völker heraus ergänzt, erhält sich die Kirche nicht nur die Instinkt-Verbundenheit mit der Gefühlswelt des Volkes, sondern sichert sich auch eine Summe von Energie und Tatkraft, die in solcher Form ewig nur in der breiten Masse des Volkes vorhanden sein wird. Daher stammt die staunenswerte Jugendlichkeit dieses Riesenorganismus, die geistige Schmiegsamkeit und stählerne Willenskraft.

Hier dürfte einer der Schlüssel dafür liegen, warum sich der Vatikan mit Hitler im Zweifelsfall immer so wunderbar verstanden hat.

Eine Leseempfehlung für das Buch spreche ich nicht aus, obwohl man aus ihm jede Menge über politischen Fanatismus lernen kann. Warum man sich vor Mein Kampf so sehr fürchtet, dass man es vom Buchmarkt fern hält, leuchtet mir allerdings nicht ein. Dieses riesige Konvolut an schlecht geschriebenen Sätzen läsen heute ebenso viele Menschen wie zu Hitlers Lebzeiten, wo es in jedem Haushalt stand: niemand. Die Dummheit und Bosheit springt einem auf jeder Seite entgegen, insofern sollte man ihm als Abschreckung eigentlich möglichst viele Leser wünschen.

Mein Kampf ist übrigens nicht verboten, es wird mit Hilfe des Urheberrechts unter Verschluss gehalten, was man in Zur Rechtslage von »Mein Kampf« von Giesbert Damaschke nachlesen kann.

Joseph Roth: Rechts und Links

Dieser Roman aus dem Jahr 1929 zeigt viele der literarischen Qualitäten des Joseph Roth: Seine unnachahmliche Formulierungskunst, seinen scharfen Blick auf Menschen aller Schichten sowie seine Zeitdiagnosen, die sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen lesen.

Roth öffnet dieses Zeitpanorama am Beispiel der Bankiersfamilie Bernheim, deren verwöhnter Spross Paul im Mittelpunkt der Handlung steht. Als Jugendlicher gibt dieser einen glänzenden Vertreter des Schnöseltums ab, bis der erste Weltkrieg „korrigierend“ eingreift. Nach dem Krieg und dem Tod des Vaters droht der finanzielle Ruin, vor dem ihn schließlich eine glänzende Heirat mit der Nichte eines reichen Chemieindustriellen rettet. Paul Bernheim verdankt diesen Hochzeitscoup nicht zuletzt einem undurchsichtigen Flüchtling aus Russland, der sich aufgrund seines Geschickes schnell zu einem reichen Magnaten mausert. Auch in der Weimarer Republik gab es also bereits Neureiche aus dem Osten mit zweifelhafter Reputation.

Paul Bernheim ist weltanschaulich eine Fahne im Wind. Während des Kriegs etwa versucht er, sich einige Zeit als pazifistischer Agitator, was aber nur kurz andauert. Sein Bruder Theodor rutscht ins illegale Nazimilieu ab und muss bis zu einer Amnestie in Ungarn untertauchen. An diesem hier nur angedeuteten Handlungsgerüst entlang, entwickelt Joseph Roth einen furiosen Zeitroman. Die Komposition ist überzeugender (weil konziser) als in einigen seiner anderen Bücher. Mit einer Ausnahme: Der Schluss kommt zu abrupt und wirkt auf den Leser etwas aufgesetzt.

mordslust

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Victor Klemperer: Tagebücher 1918 bis 1959

Hörbuch, 12 CDs bzw. Aufbau Verlag (Amazon Partnerlink)

Nach dem Hören (oder Lesen) dieser Tagebücher fragt man sich, ob der Misanthrop nicht doch die adäquateste Einstellung zu seinen Artgenossen hat. Klemperers „Karriere“ während der dreißiger Jahre vom Ordinarius zum von der Gestapo schikanierten, rechtlosen Nicht-Arier führt plastisch die Brutalität des nazistischen Unrechtsstaat vor Augen. Klemperer beschreibt in seinem Tagebuch die sukzessiven juristischen Einschränkungen deren Perfidie nun hinreichend bekannt ist. Die bürokratische Effizienz mit der dieser Katalog der Grausamkeiten jedoch exekutiert wurde, wirkt am konkreten Beispiel noch abstoßender als die Lektüre dieser Verordnungen.

Beklemmend auch die Einstellungsänderung einiger Mitmenschen ab 1944. Eine neue Sympathie fällt auf. Die Klügeren erkannten, dass der Krieg verloren ist, und sichern ihre Zukunft durch besondere „Judenfreundlichkeit“. Viel lässt sich hier über diverse Ausprägungen des Opportunismus lernen.

Wer die deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1959 verstehen will, hält mit diesen Tagebüchern eine sehr anschauliche Quelle in der Hand. Sehr erfreulich deshalb, dass sie auch in Buchform in mehreren Ausgaben günstig zu haben sind.

Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme.

Untertitel: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts (dtv, Amazon Partnerlink)

Hobsbawm schrieb eine Reihe von bedeutenden Bücher über das 18. und 19. Jahrhundert, darunter „Das imperiale Zeitalter 1875-1914“, das im November als Fischer TB neu aufgelegt wird.

Im „Zeitalter der Extreme“ versucht der Historiker, auf 700 eng bedruckten Seiten das kurze 20. Jahrhundert aus weltgeschichtlicher Perspektive zu beschreiben. „Kurz“, weil es für Hobsbawm den Zeitraum 1914 bis 1990 umfasst. Vorher wäre es noch 19., danach schon 21. Jahrhundert gewesen. Hobsbawm beherrscht die Stofffülle ausgezeichnet, angesichts des breiten Themenfelds (Asien und Lateinamerika wird ebenfalls behandelt) ist das sehr erstaunlich.Diese Spannweite bedingt auch, dass vieles nur angerissen werden kann oder zu kurz kommt. Ein Beispiel wäre der Vietnamkrieg. Kritisch anzumerken wäre, dass die Behandlung des Stoffes ab und zu sehr routinemäßig wirkt.

Ansonsten kann ich das Buch allen empfehlen, die das letzte Jahrhundert noch einmal Revue passieren lassen wollen. Es schärft auch das Problembewusstsein, das Hobsbawm die größten Schwierigkeiten der Gegenwart prägnant vor Augen führt.

Ein “geflickter Lumpenkönig”

In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler

(APA) Frankfurt/Main – Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen „geflickten Lumpenkönig“, der „schauerliche Geschichtsfälschungen…ins Mikrophon bellen darf“. Die Deutschen seien so „märchenthöricht“, sich das gefallen zu lassen.

Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch „Volksgericht“ mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.

Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets