Michelangelo

William E. Wallace: Genius of Michelangelo

In sechsunddreißig halbstündigen Vorlesungen versucht William E. Wallace seinen Zusehern, Leben und Werk des Michelangelo zu vermitteln. Wallace ist öffentlich kein Unbekannter. Neben mehreren Büchern produzierte der Michelangelo-Forscher auch Filme für die BBC über seinen Lieblingskünstler. Der Titel lässt eine unkritische Eloge erwarten, was aber nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wallace wirft einen durchaus kritischen Blick auf seinen Gegenstand und versucht immer wieder, hartnäckige Michelangelo-Mythen zu widerlegen. Er reflektiert auch die Forschung und die Quellen durchaus kritisch.

Obwohl ich die Vorlesungsreihe insgesamt für gelungen und sehenswert halte, habe ich doch einen Vorbehalt. Wallace spricht sehr ausführlich über viele Kunstwerke Michelangelos und hier ist mir seine methodische Herangehensweise oft zu hermeneutisch. Mehr Fakten und weniger subjektive Interpretation hätten mich besser angesprochen. Für Freunde der Renaissancekunst ist Genius of Michelangelo aber trotzdem eine Empfehlung.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo (Great Courses, Video, 18h)

Michelangelos Sixtinische Kapelle in Wien

Votivkirche 2.11. 2016

Sich mit dem großartigen Michelangelo zu beschäftigen ist naturgemäß eine begrüßenswerte Angelegenheit. Deshalb stehe ich diesem Ausstellungsprojekt prinzipiell positiv gegenüber als ich die Votivkirche betrete. Zu sehen sind dort große Reproduktionen aus der Sixtinischen Kapelle in akzeptabler Qualität. Man kann sich die meisten Bilder also aus einer Nähe ansehen, wie das sonst schwer möglich wäre. Allerdings sind die Bilder in zwei vergleichsweise engen Gängen gegenüber aufgehängt, so dass man sie leider nicht aus einer größeren Entfernung betrachten kann. Der Audioguide stellt die knapp vierzig Bilder ausführlich vor, legt den Schwerpunkt für meinen Geschmack aber zu sehr auf inhaltliche und theologische Aspekte. Die Ästhetik Michelangelos kommt dabei deutlich zu kurz.

Insgesamt wirkt das Projekt auf mich lieblos kuratiert. Vor dem Eingang läuft ein Video, ansonsten gibt es ein paar Tafeln mit überschaubarem Informationsgehalt. Dabei böte die Digitaltechnik heute so viele Möglichkeiten zur Veranschaulichung. Angesichts dieses Gesamtpaket fast 20 Euro Eintritt zu verlangen, grenzt an eine Unverschämtheit. (Bis 4.12.)

Michelangelo: Das vollständige Werk

Hochkultur ist zwar noch nicht ganz zum Nulltarif zu bekommen, aber man bekommt heutzutage zu geringen Preisen Herausrragendes: Dazu zählt die neue Werkausgabe Michaelangelos, die bei Taschen erschienen ist. Der schwergewichtige, gebundene Bildband enthält das Gesamtwerk. Darunter die Gemälde der Sixtinischen Kapelle in vielen Detaildarstellungen. 50 Euro kann man nicht besser anlegen.

Frank Zöllner, Christof Thoenes, Thomas Pöpper: Michaelangelo. Das vollständige Werk (Taschen)

Zwischen Dürer und Napoleon

Die Gründung der Albertina

Albertina 22.3. 2014

Man muss über diese Ausstellung eigentlich nicht mehr wissen, als dass die Albertina viele ihrer kunsthistorisch bedeutsamsten Zeichnungen aus dem Depot geholt hat. Ebenso wie historische Druckgrafik sind diese sehr empfindlich und werden nur alle paar Jahre gezeigt. Am berühmtesten darunter ist natürlich Dürers Feldhase. Will man dessen ästhetischen Eindruck einige Zeit im Gedächtnis behalten, empfehle ich allerdings dringend, den direkt an die Ausstellung anschließenden Shop mit geschlossenen Augen zu durchqueren. So viel potthässlichen Hasenkitsch zusammenzutragen, ist allerdings beinahe schon wieder ein Kunstwerk.
Neben Dürer gibt Michelangelo, Raphael, Rubens, Bosch und Brueghel den Älteren zu sehen. Alle mit erstklassigen und berühmten Werken.

Um zu diesen Teil der Ausstellung zu gelangen, muss man sich durch das eigentliche Thema der Schau vorarbeiten: Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen und seiner Gattin Marie Christine, der Lieblingstochter Maria Theresias. Beide waren einigermaßen aufgeklärt und sehr kunstsinnig. Sie legten den Grundstein für die grandiose Sammlung der Albertina und bewohnten auch dieses Gebäude damals. Der Herzog stellte ebenfalls eine bemerkenswerte Bibliothek zusammen, weshalb man in der Ausstellung einige hübsche alte Bücher sehen kann: Frühe Ausgaben von Lessing und Winckelmann ebenso wie einige Bände der berühmten Encyclopédie. Dieser Teil bewegt sich an der Biographie des Ehepaares entlang, birgt aber wenig Überraschungen. Trotzdem wegen der Fülle der Exponate und der sorgfältigen Arbeit der Ausstellungsmacher ausgesprochen sehenswert.

(Bis 29.6.)

Michelangelo & Picasso

Albertina 3.1.

Die Albertina setzt vor allem auf Blockbuster. Im Moment sind dort gleichzeitig eine Michelangelo- und eine Picasso-Ausstellung zu sehen. Michelangelo allerdings nur noch bis zum 9. Januar. Hier sind mehr als 100 Zeichnungen ausgestellt, darunter auch prominente Leihgaben, etwa aus den Uffizien. Überwiegend sind diese nach den Werken gegliedert für die sie Studien darstellen: Die Schlacht von Cascina, Die Sixtinische Kapelle usw. Das ist durchaus spannend und gibt dem kunstgeschichtlich Interessierten die Gelegenheit zu eingehenderen Studien. Man müßte sich die Zeichnungen freilich in mehreren Tranchen ansehen, Dutzende Zeichnungen auf einmal sind angesichts der Aufmerksamkeit, welche diese filigrane Kunstform erfordert, zu viel auf einmal.

Die Picasso-Schau ist Frieden und Freiheit betitelt (bis 16.1.) und setzt sich mit der politischen (also vor allem pazifistischen) Seite seiner Bilder auseinandern. Das ist zwar biographisch und kunstgeschichtlich durchaus spannend. Persönlich kann ich mit dem zum Teil sehr schnell gepinselten Spätwerk Picassos ästhetisch nur wenig anfangen. Zu sehen sind auch ausführliche biographische Tafeln und viele Plakate der Friedensbewegung an deren Gestaltung Picasso mitwirkte.

Michelangelo

Lebensberichte, Briefe, Gespräche, Gedichte (Manesse)

Für eine wirklich intensive Beschäftigung mit der Kunstgeschichte fehlt mir leider die Zeit. Zwar besuchte ich inzwischen die wichtigsten Museen der Welt, aber man bräuchte für dieses weite Feld ähnlich viel Muße wie für die Beschäftigung mit der Weltliteratur.

So greife ich mir als Notbehelf gerne zentrale Figuren der Kunstgeschichte heraus, um mich mit ihnen etwas ausführlicher zu beschäftigten. Pars-pro-toto-Ansatz als Notwehr gewissermaßen. Neben Rembrandt ist Michelangelo einer der Auserwählten.

Dieser bei Manesse erschienene Band eignet sich ausgezeichnet dazu, sich einen Eindruck von der Persönlichkeit Michelangelos zu machen. Neben Auszügen aus den beiden wichtigsten zeitgenössischen Quellen (Condivi und Vasari) enthält er eine umfangreiche Briefauswahl. Sie zeigen Michelangelo von verschiedenen Seiten. Im Umgang mit seiner Familie, in Verhandlungen mit seinen Auftraggebern etc. Die Spannbreite seiner Verhaltensweisen ist enorm. Er kann hart und zornig werden, wenn es um seine Kunst geht. Er kann aber auch so überraschend bescheiden sein, dass es aus heutiger Sicht wie bestürzende Selbstunterschätzung wirkt.

Es sind auch Auszüge aus Francisco de Hollandas Gesprächen über die Malerei abgedruckt. In ihnen äußert sich Michelangelo auch zu ästhetischen Fragen, etwa über die niederländische Malerei:

Die Niederländer malen recht eigentlich, um das äußere Auge zu bestechen, entweder durch Dinge, die gefallen, oder durch solche, von denen man nichts Schlechtes sagen kann, wie Heilige oder Propheten. Oder sie malen Gewänder, Maßwerk, grüne Felder, schattige Bäume, Flüsse und Brücken und was sie ‚Landschaften‘ nennen, und viele Figuren da und dort, und wiewohl dies alles gewissen Augen wohlgefällt, so fehlt darin in Wahrheit doch die echte Kunst, das rechte Maß und das rechte Verhältnis, die Auswahl und die klare Verteilung im Raum, und schließlich sogar Inhalt und Kraft. Doch malt man in anderen Gegenden vielleicht schlechter als in den Niederlanden. [S. 306f.]

Die Kunst des Understatements

„I’m no painter.“

(Michelangelo)

Michelangelo und Rubens

Albertina 27.9.

In den letzten Wochen wurde in Wien eine beliebte Debatte besonders angeregt geführt: über den (Un)sinn von Blockbusterausstellungen. Fantasielos und quotengeil nennen sie die einen, während die anderen auf die ästhetischen Qualitäten pochen und das große Risiko solcher Veranstaltungen hervorheben. Naturgemäß sieht zwischen den Zeilen der Kritiker immer wieder Neid hervor, wenn schlecht dotierte Veranstaltungsmacher über die „reichen“ Kollegen herziehen.
Als Kunstinteressierter, der sich seit einigen Jahren so gut es geht in die Welt der bildenden Künste hineindenkt, fällt das Urteil leicht: Es ist ausgesprochen praktisch El Greco, Kandinsky, Parmigiano, Rembrandt und viele mehr vor der Haustür präsentiert zu bekommen. „Michelangelo und seine Zeit“, die nur noch kurz zu sehen ist, prunkt in erster Linie mit Albertinabeständen. Die Werke des Florentiners sind auch nur in der Minderheit, der Titel der Ausstellung ist also hauptsächlich dem Marketing geschuldet. Trotzdem ist die Fülle der Zeichnungen höchst sehenswert, speziell auch die von Rafael und seinem Umfeld.

Eine ähnlich positive Empfehlung verdient die Rubensschau, die den Künstler von sehr verschiedenen Seiten zeigt. Füllige nackte Damen sind kaum anzutreffen, dafür zahlreiche Beispiele der Rubenschen Portraitkunst. Mehr als 160 Werke sind ausgestellt, die man sich am besten in mehreren Tranchen ansieht.

Michelangelo Buonarroti

Die University of Pennsylvania Press legt(e) die klassische Biographie John Addington Symonds aus dem Jahr 1893 wieder auf. Knapp 1000 Seiten in zwei Bänden, wahlweise gebunden oder als (einbändiges) Paperback.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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