Maya

Drei Wochen auf den Spuren der Maya und Azteken

Mexiko und Guatemala im Februar und Marz 2016

So faszinierend Metropolen wie Mexiko City sind, etwas Atemluft wäre beim Erkunden dieser Riesenstadt hilfreich. Angeblich ist die Smogquote vergleichsweise gering während meines Besuchs im Februar. Trotzdem regiert die Lunge schnell trotzig. Ich wohne im Zentrum der Altstadt und schiebe mich durch die Menschenmassen zu den Hauptsehenswürdigkeiten. Megacitys sind nichts für Misanthropen.
Am Zókalo, dem Hauptplatz, residiert der unbeliebte mexikanische Präsident. Vor seinem Palast stehen mehrere Lastwagen auf deren offenen Ladeflächen Dutzende kampfbereite Soldaten stehen. Ganz so als rechnete er ständig mit einem gewaltsamen Besuch seiner Bevölkerung oder mit unfreundlichen gesinnten Drogenkartelldelegationen. Die Sicherheitslage wirkt angespannt.

Dieser Eindruck bestätigt sich später bei der insgesamt viertausendfünfhundert Kilometer langen Fahrt durch Mexiko und Guatemala. Als Touristen bleiben wir nur selten in freier Wildbahn stehen, sondern mit Vorliebe direkt neben Polizeistationen und Militärstützpunkten. Manche bemerkenswerte Besichtigungspunkte sind aus Sicherheitsgründen tabu. In Guatemala stehen vor vielen Geschäften mit Pumpguns bewaffnete Sicherheitsleute. Vor Banken mindestens drei. In Guatemala City war der Kontrast besonders groß: Während die Innenstadt fest in den Händen der Gangs ist, tummeln sich im Archäologischen Museum der Stadt einige Schulklassen. Dass nicht alle dieser Schüler das Erwachsenalter erreichen werden, ist angesichts der Mordquote in der Stadt ein sich aufdrängender Gedanke.

Trotz dieser oft düsteren Kulisse werde ich drei Wochen lang nie Zeuge eines Verbechens oder hätte mich wegen eines konkreten Anlasses unsicher gefühlt. Kulturgeschichtlich sind Mexiko und Guatemela als Reiseziel kaum zu überbieten. Wenn man vor den beeindruckenden Denkmälern der alten Indianerkulturen steht, vergisst man schnell die unerfreuliche soziale Situation. Meine naive Befürchtung, es würde sich bei den Mayastätten bald ein Wiederholungseffekt einstellen, wie man das etwa von den unzähligen römischen Ausgrabungen im Mittelmeerraum her kennt, bestätigt sich nicht: Jede Ausgrabung ist einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass die Stätten unterschiedliche Epoche der Maya-Entwicklung dokumentieren, sondern vor allem auch an den topographischen Abwechslung. Manche liegen in wüstenähnlichen Gegenden, andere spektakulär auf abgeplatteten Bergspitzen, wieder andere im Dschungel. Ich werde hier nur auf eine Auswahl der von mir besichtigten historischen Anlagen eingehen.

Nach den Ausgrabungen in der Nähe Mexiko Citys, darunter das bekannte Teotihuacán, deren Bewohner bis heute den Forschern viele Rätsel aufgeben, ist mein erster persönlicher Höhepunkt Monte Alban. Überhalb des pittoresken Oaxaca gelegen, das dieser Tage wegen der monatelangen Lehrerproteste wieder in den Weltnachrichten ist, liegt es malerisch auf einem abgeflachten Bergplateau. Für mehr als tausend Jahre war die Stadt die Hauptstadt der Zapoteken. Bei der Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass sich die Kulturstätten in Mexiko selbstverständlich nicht auf die Maya und die Azteken beschränken. Es gab in Mesoamerika noch viele andere Kulturen, von denen sich viele wechselseitig beeinflussten.
Die Zapoteken errichteten ihre Hauptstadt freilich nicht auf einem Berg, um 2000 Jahre später Kulturtouristen zu erfreuen, sondern weil man von diesem Ort aus problemlos das dreigeteiligte Tal von Oaxaca kontrollieren konnte.
Dieses strategischen Zieles wegen starteten sie ein auch für heutige Verhältnisse gigantisches Bauprojekt: Die Abtragung des Gipfels um ein künstliches Plateau für die städtischen Gebäude zu schaffen. Dies wurde 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung erreicht. Kurz danach waren die ersten Tempel errichtet. Spannend ist, dass es bereits vor der Majazeit nach astronomischen Kriterien ausgerichtete Bauwerke gibt.

Von Oaxaca geht es weiter nach San Cristobal, einer kleinen im Hochland gelegenen Stadt. Ikonographische Überreste des kürzlich stattgefundenen Papstbesuches sind über den Ort verstreut. In der Nacht wird es bitterkalt, worauf man bei einer Reise in die Tropen nur bedingt vorbereitet ist. Der Besuch im Mayaort Zinacantán ist religös aufschlussreich. Selbstverständlich ist bei den Indigenen in Mexiko der katholische Glaube mit alten anderen Glaubensinhalten vermischt. Nicht anders als in Peru, was in meinem Reise-Artikel Wo Jesus Meerschweinchen verspeist nachzulesen ist. Heilige spielen eine wichtige Rolle und werden in den Kirchen intensiv angebetet. Allerdings mit einer hübschen pragmatischen Pointe: Helfen die Gebete nichts, wird die Heiligenstatue wieder aus der Kirche entfernt und durch einen anderen Heiligen ersetzt.

Die Weiterfahrt nach Guatemala zieht sich wegen der nur langsam zu befahrenden Bergstraßen. Ziel ist der von vielen Reisenden gepriesene Atitlánsee. Er hat sicher seinen Reiz. Warum er aber einer der schönsten Seen weltweit sein soll, erschließt sich mir nicht. Interessant sind allerdings die Mayadörfer rund um den See, die man teilsweise nur per Schiff erreicht, und in denen man sich trotz des zunehmenden Tourismus ein Bild über die traditionelle Lebensweise dort machen kann.

Die nächste Station ist Antigua, unter mehreren aktiven Vulkanen errichtet. Sie war die ursprüngliche spanische Hauptstadt wurde aber nach mehreren Erdbeben und Vulkanausbrüchen im 18. Jahrhundert schließlich verlegt. Heute ist Antigua eine charmante kleine Kolonialstadt mir diversen klerikal-kolonialen Bauten. Die Vulkane über dem Ort sind immer noch aktiv, was mir ein bislang einmaliges Reiseerlebnis einbrachte: Ein Freiluftabendessen mit Blick auf einen Vulkan, aus dem in unregelmäßigen Abständen Lava sprudelte. Deshalb hatte ich mit der Weitereise nach Copan auch kein Problem. Wer übernachtet schon gerne in Sichtweite aktiver Vulkane? Den Zwischenstopp im Archäologischen Museum Guatemala Citys auf dem Weg dorthin erwähnte ich bereits. Allerdings nicht, welche fantastische Sammlung an Mayakunst dort zu besichtigen ist.

Copan liegt kurz hinter der Grenze Guatemalas in Honduras und ist der einzige touristische Ort des Landes. Die anderen Landesteile sind wegen der hohen Kriminalität und mangelnden Sicherheitslage für Kulturtouristen nicht empfehlenswert. Inzwischen ist die kleine Stadt auf einer asphaltierten Straße erreichbar. Früher musste man in Jeeps umsteigen und war oft im Schlamm unterwegs. Im angeblich sicheren Copan stehen eine Reihe bewaffneter Männer auf der Ladefläche eines Pickups vor dem Hotel, um uns zu beschützen.

Copan war eine der wichtigsten Mayastätte und neben Tikal für mich der Hauptgrund, Mexiko mit Guatemala und Honduras zu kombinieren. Außerdem zählen die Ausgrabungen zu den besterforschten, weil dort bereits seit über hundert Jahren gegraben wird. Ausbeute war unter anderem eines der berühmtesten Mayagräber, nämlich das des Yax K’uk Mo‘. Sehr sehenswert ist auch ein Treppenaufgang, den etwa 2200 Maya-Schriftzeichen zieren, einer der längsten bisher bekannten Maya-Texte.

Wer sich Mayastätten als romantische Dschungelangelegenheiten vorstellt, kommt diesem Klischee in Tikal am nächsten. Sie kann als Hauptstadt der klassischen Mayaperiode gelten und ist ein kultureller Höhepunkt in Mesoamerika. Bis zu 90.000 Einwohner bewohnten die Stadt, in der eine Besiedelung über 1500 Jahre hinweg nachweisbar ist. Dreiunddreißig ihrer Herrscher kennt man inzwischen. Als ich auf einer der großen Pyramiden stehe und abwechselnd auf den Dschungel unter mir blicke sowie auf die anderen über das Dschungeldach hinaus ragenden Pyramiden, ist das sicher einer der stärksten Eindrücke der Reise.

Nach einer Woche in Guatemala geht es wieder zurück nach Mexiko. An der Grenze werden wir ausführlich gefilzt. Nachdem sich die Grenzbeamten bekanntlich nicht um den Drogenschmuggel kümmern können, wenn sie überleben wollen, müssen sie sich ihre Langeweile naturgemäß mit Touristen vertreiben.

Auf den Touristenterror in Chichén Itzá am Ende der Reise, wo tausende gelangweilte Badetouristen tausenden gelangweilten Kreuzfahrttouristen auf die Zehen steigen, möchte ich hier gar nicht eingehen. Ebensowenig wie auf die trostlosen stundenlangen Fahrten durch meterhohes Gestrüpp in Yucatan. Was für ein Kontrast zu den grandiosen Aussichten in Südmexiko und Guatemala! Erwähnen muss ich aber noch Palenque, dessen schweißtreibende Besichtigung diese Mühen mehr als wert ist, und dessen Blüte ebenfalls in die klassische Zeit fällt. Sie ist nämlich in mehrerer Hinsicht herausragend, auch abgesehen von der beeindruckenden Lage im Dschungel. So ist die Anlage architektonisch besonders sorgfältig gestaltet und das baulich umgesetzte astronomische Wissen besonders beeindruckend. Ein weiterer Höhepunkt ist das 1952 gefunden Grab des Pakal. Freilich kann man seinen Namen erst seit 1973 lesen als man die Mayaschriftzeichen endlich entschlüsselt hatte.

Wer sich für alte Kulturen und Archäologie interessiert, kommt an einer Reise durch Mexiko und Guatemala nicht vorbei, weil es weltweit nichts Vergleichbares gibt. Mexiko zähle ich rückblickend nicht zu den mir sympathischsten Reiseländern, nicht nur wegen der beschriebenen Sicherheitsprobleme. Wenn man von Einheimischen etwa Einblicke die nicht funktionierenden staatlichen Institutionen bekommt (Justiz!) ist das vergleichsweise deprimierend. Für Guatemala gilt Ähnliches, hier ist der alltägliche Überlebenskampf für viele Menschen noch deprimierender. Die Indianerkulturen und was man von ihnen in beiden Ländern auch heute noch beobachten kann, ist dagegen wieder ausgesprochen anregend.

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code

Ein bemerkenswertes Buch, das Leser mit unterschiedlichen Interessen anspricht. Primär geht es um einen Wissenschaftskrimi, nämlich der Entzifferung der Mayaschrift, deren Bedeutung in einer Reihe mit der Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen steht. Gleichzeitig ist es ein Lehrstück in Sachen Wissenschaftssoziologie. Die korrekten Hypothesen über das Wesen der Mayaschrift wurden nämlich lange aktiv von Eric Thompson unterdrückt, dem führenden Mayaforscher seiner Generation, weil sie seinen eigenen (falschen) Theorien widersprachen. Ein Musterbeispiel dafür, wie Wissenschaft nicht funktionieren soll. So stammten wichtige Einsichten von einer Wissenschaftlergruppe aus Leningrad, deren Ideen mit antikommunistischen Kalten-Kriegs-Argumenten vom Tisch gewischt wurden. Es standen also politische und persönliche Interessen statt wissenschaftliche im Mittelpunkt.

Einige der Elemente dieser Geschichte entbehren nicht der Ironie. So war ein erst im 19. Jahrhundert entdecktes Manuskript Diego de Landas dafür verantwortlich, dass es überhaupt zu einer Entzifferung kommen konnte, enthielt es doch die einzige Übersicht über das Maya-Alphabet. Gleichzeitig war Diego de Landa während seiner Zeit bei den Maya als fanatischer Bischof dafür verantwortlich, dass die meisten Maya-Bücher verbrannt worden. Heute gibt es kaum noch Exemplare. Eines davon ist der berühmte Dresden Kodex.

Anders als es der Titel verspricht, gibt es aber auch noch eine breitere Perspektive auf das Themenfeld. Es enthält die wichtigsten grundlegenden Informationen über die Geschichte und Kultur der Maya, weshalb es sich auch als allgemein einführende Lektüre eignet.

Michael D. Coe war als Forscher immer wieder selbst in die Entzifferung der Mayaschrift involviert und kennt viele der Protagonisten. Dieser Aspekt gibt dem Buch eine persönliche Note, die man in historischen Darstellungen nur selten findet.

Michael D. Coe: Breaking the Maya Code (Thames and Hudson)

Norman Hammond: The Maya

Diese Einführung in die Archäologie, Geschichte und Kultur der Maya ist eines der Bücher, welche ich als Vorbereitung für meine Mexiko/Guatemala-Studienreise las. Hammond ist selbst britischer Archäologe mit einschlägiger Mesoamerikaerfahrung und dadurch bestens qualifiziert für diese Aufgabe. The Maya ist eine der populäreren Bücher zum Thema, weshalb es auch in einer schönen bibliophilen Ausgabe der Folio Society zu haben ist, welche ich las. „Populär“ heißt aber in diesem Fall nicht, dass Hammond hier Kompromisse macht. Einige der Kapitel gleiten immer wieder ins Spezialistenhafte ab, was in meinen Augen freilich kein Schaden ist.

„Solide“ ist das Wort, welches mir bei der Beurteilung der Studie am meisten in den Sinn kommt. Nicht, weil ich den Inhalt als Experte selbst beurteilen könnte, sondern was die traditionelle Konzeption angeht. So gibt es erwartungsgemäß Kapitel über geschichtliche Epochen, Subsistence and Settlement, Politics and Kingship oder Architecture and Art, um nur einige zu nennen.

Wer sich für die Maya interessiert, kann damit nichts falsch machen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass das Buch bereits 1988 (leicht ergänzt 1994) publiziert wurde. Die Mayaforschung in den letzten zwanzig Jahren brachte eine Vielzahl neuer Ergebnisse, die hier naturgemäß alle fehlen.

Norman Hammond: The Maya (Folio Society)

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(5. Januar 2013)

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