Lessing

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Lessing: Philotas

Vestibül des Burgtheaters 26.6.

Regie: Michael Höppner

Philotas: Simon Kirsch
König Aridäus: Markus Hering
Strato: Bernd Birkhahn
Parmenio: Jürgen Maurer

Viele Dramenentwürfe schrieb Lessing. Philotas gehört zu den wenigen kleineren Werken, die er vollendet hat. „Klein“ bezieht sich allerdings nur auf die Länge des Stücks. Es ist ein hochgradig ambivalenter Text, der in der Forschung sehr kontrovers diskutiert wurde. Inzwischen gibt es aber einen plausiblen Konsens, dass das Stück eine Kritik der Heldentragödie ist, und Lessing damit intelligent den preußischen Patriotismus auf den Arm nimmt.

Der junge Philotas gerät in seiner ersten Schlacht aus eigener Schuld in Gefangenschaft und macht sich im Eingangsmonolog große Vorwürfe. Als Prinz ist er natürlich eine wertvolle Geisel, und er fürchtet zurecht, dass sein Vater viele Zugeständnisse für seine Auslösung wird machen müssen. Lessing legt seinen Charakter zwischen kindisch-pubertären Idealismus und fanatischem Patriotismus an. Man muss genau zuhören, um die Nuancen der Figur zu verstehen. König Aridäus und Strato wirken als rationale, humane Gegenpole, ganz im Sinne der Aufklärung.
Als Philotas erfährt, dass spiegelbildlich der Sohn des Königs Aridäus Gefangener bei seinem Vater ist, kommt ihm die rettende Idee: Beginge er Selbstmord, hätte sein Vater alle Trümpfe in der Hand. Der Plan gelingt und am Ende liegt ein toter Teenager am Boden als Beleg für die Dummheit von Patriotismus und irrationalem Idealismus. Die klugen Pläne der Konfliktlösung des König Aridäus scheitern an der Sturheit des jungen Mannes. Das als Reflexion über die Grenzen der Aufklärung zu lesen, scheint mir nicht allzuweit hergeholt. Zumal der König am Ende resigniert abdankt als seine Bemühungen scheitern.

So mancher Regisseure hätte dieses Stück als grelle antimilitarische Parodie angelegt. Höppner war klüger und verlässt sich voll und ganz auf Lessings Text. Die kindisch-heroischen Ambivalenzen des Philotas werden ausgespielt. Das Publikum kann sich ein eigenes Bild über den Jungen machen, anstatt eine fixe Lesart vorgesetzt zu bekommen. Ähnlich inszeniert Andrea Breth und für Klassikerinszenierungen gibt es keine klügere Vorgehensweise.

Das Vestibül des Burgtheaters ist der ideale Ort für dieses zwielichtige Kammerspiel. Die wenigen Zuseher sitzen im Kreis um die Bühne herum. Die Schauspieler sind zum Greifen nah. Sicher ein Grund, warum der Abend so packend ist. Der zweite ist das ausgezeichnete Schauspiel des Simon Kirsch. Er gibt einen kongenialen Philotas, was angesichts der „schwierigen“, sich widersprechenden Charakterzüge eine Meisterleistung ist. Die drei anderen Figuren sind mit Markus Hering, Bernd Birkhahn und Jürgen Maurer ebenso exzellent besetzt.

Angemerkt sei noch, dass der Philotas (wie fast alles „Klassische“) ein hochaktuelles Stück ist, in einer Zeit, wo junge Menschen aufgrund durchaus ähnlicher „heroischer“ Motive mit Sprengsstoffgürteln aus dem Haus gehen. Lessing analysiert die Psyche dieser Menschen auf 30 Buchseiten präziser als so manche lange Terrorismus-Studie.

Wenn man der Inszenierung denn etwas vorwerfen wollte, könnte das zu große Plaktivität in der Verwendung von Symbolen und bei den musikalischen Einlagen sein. Da das Ergebnis aber ein perfekt funktionierender Theaterabend ist und eines meiner interessantesten Bühnenerlebnisse seit langem, wäre Beckmesserei hier völlig unangebracht.

Hugh Barr Nisbet

Lessing. Eine Biographie (C.H. Beck)

Über ein halbes Jahr hatte ich dieses monströse Buch „in Arbeit“, ist es doch eine der umfangreichsten Klassiker-Biographien, die seit längerer Zeit erschienen sind. Hugh Barr Nisbet, Literaturwissenschaftler aus Cambridge, hatte wohl den Ehrgeiz die Lessing-Biographie unserer Zeit zu schreiben: mehr als 1000 Seiten ist das schwergewichtige Ergebnis.

Ich schließe mich der überwiegenden Mehrzahl der Rezensenten an und bin von Nisbets Buch beeindruckt. Ein Werk von klassischer Gelehrsamkeit, das zwei naheliegende Fehler des Genres vermeidet: Jargon und Hermetik. Zwar ist Nisbet kein außergewöhnlicher Stilist, legt aber einen ausgezeichnet lesbaren Text vor. Seine Lebensbeschreibung ist auf dem Stand der aktuellen Forschung. Er vermeidet das psychologische Wühlen in Lessings Unterwäsche und schafft eine vorbildliche Gradwanderung zwischen Kritik gegenüber seinem Gegenstand und Verteidigung gegen dessen Gegner, wo diese wirklich angebracht ist.

Seine Werkbeschreibungen referieren die wichtigsten Thesen der Forschungen, die dann entweder gestützt oder mit guten, text- und kontextnahen Argumenten hinterfragt werden. Ausgangspunkt jeder Werksbeschreibung ist eine ausführliche Entstehungsgeschichte des jeweiligen Textes. Nisbet hebt Lessing auf kein Podest, weist im Gegenteil immer wieder nach, wie wenig „originell“ viele von Lessings Theorien waren, und das ein wesentlicher Teil seiner Leistung in der Synthese diverser Quellen, in der Schaffung von überraschenden intellektuellen Bezügen und natürlich in seiner brillanten Sprachbeherrschung bestand.

Ausführlich wird Lessings Umfeld beschrieben, sei es der historische, sei es der geistesgeschichtliche Kontext. Auch die Biographien von Freunden und Zeitgenossen vernachlässigt Nisbet nicht. Arbeitet man sich durch diesen Buchziegel, bekommt man en passant eine Einführung in diverse Aspekte des 18. Jahrhunderts mitgeliefert (Literatur- und Theatergeschichte, Aufklärung etc.).

Abschließend noch eine hübsche Anekdote über Lessing den Briefeschreiber:

Als Büsch ihn einmal am Neujahrstag aufsuchte, war Lessing gerade damit beschäftigt, einen großen Haufen Briefe durchzusehen, von denen er einen oder zwei aufhob, bei weitem die meisten anderen aber auf den Fußboden warf. Was er da tue, fragte ihn Büsch, „ich beantworte meine Briefe vom vorigen Jahre“, sagte Lessing, raffte sie zusammen und warf sie in den Ofen. [S. 493]

Lessing Portal

Angeregt von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel wurde das neue Lessing Portal in Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek umgesetzt.
Was mich daran erinnert, dass ich Nisbets Lessing-Biographie noch zu Ende lesen wollte…

Literaturgeschichtliches Fundstück

Gleich nach [Lessings] Ankunft mietete er Zimmer in der Heiligen-Geist-Straße […]. Das Haus gehörte einer älteren unverheirateten Dame, die ihn so ins Herz schloß, daß sie ihn in ihrem Testament bedachte; Lessing hatte jedoch keine Lust, sich von den zuvor eingesetzten Erben in einen Prozeß verwickeln zu lassen, und zog sich gutmütig aus der Affäre mit der Erklärung, daß er keine Erbschaften unter 100.000 Talern annehme.
Hugh Barr Nisbet: Lessing. Eine Biographie. S. 329

“Lessing in Hamburg 1766-1770?

So heißt das schmale neue Buch Jan Philipp Reemtsmas, das durchaus interessant sein könnte, den ersten Rezensionen nach.

Lessing: Minna von Barnhelm

Burgtheater 18.12.
Regie: Andrea Breth
Major von Tellheim: Sven-Eric Bechtolf
Minna von Barnhelm: Sabine Haupt
Just: Markus Meyer
Der Wirt: Udo Samel

Nach ihrem enttäuschenden „Kirschgarten“ der letzten Saison kehrt Andrea Breth auf Ihr hohes inszenatorisches Niveau zurück, das in der deutschsprachigen Regieszene nur sehr wenige erreichen können. Ihr ästhetisches Rezept: Man lese den ungekürzten Text mit allen Nuancen, lasse den Schauspielern möglichst großen Freiraum und übertrage das Geschehen trotzdem in die Gegenwart. Vor allem das hohe Textverständnis kann nicht überbetont werden, gibt es doch genügend „Jungstars“, die mit klassischen Texten nichts mehr anzufangen wissen.

Das Bühnenbild zeigt ziemlich heruntergekommene Hotelräumlichkeiten, denen man die Krieg durchaus noch ansieht. Könnte ein Hotel in Sarajewo vor ein paar Jahren sein (samt Einschusslöchern).

Die Schauspieler zeigen durchwegs Glanzleistungen. Ich fühlte mich an die wenigen gelungen Opernabende erinnert, wo ausnahmsweise einmal alle hervorragend singen. Sven-Eric Bechtolf zeigt erneut seine ungeheure Wandlungsfähigkeit und gibt einen emotional aufgewühlten Tellheim, inklusive eines gespensterhaften Lachanfalls in einem Schlüsseldialog. Sabine Haupt agiert als Gegenspielerin auf Augenhöhe.
Breths Inszenierung lotet die Grenzen zwischen Komödie und Tragödie der „Minna von Barnhelm“ aus, wobei das Tragische gegen den Text etwas zu stark betont wird. Deshalb ist Udo Samel als komischer Wirt ein ausgezeichnetes Gegengewicht.
Wer Schauspiel auf höchstem Niveau sehen will, mache sich auf ins Burgtheater.

“Lessings Bucherwerbungen”

Diesen spannenden Titel trägt das im Wallstein Verlag erschienene Buch. Untertitel: „Verzeichnis der in der Herzoglichen Bibliothek Wolfenbüttel angeschafften Bücher und Zeitschriften 1770 – 1781“. [Perlentaucher]

Lessing: Schriften gegen Goeze

WBG Werkausgabe Band 8

Die öffentliche Auseinandersetzung des Aufklärers Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1786) zählt zu den berühmtesten publizistischen Kontroversen des 18. Jahrhunderts. Wer nun dächte, diese Schriften seien „nur“ aus geistesgeschichtlichen Interesse lesenswert, täuschte sich. Lessings Religionskritik ist angesichts des zunehmenden Fundamentalismus (nicht nur des islamischen wohlgemerkt) aktueller als wünschenswert. Stilistisch sind Lessings Polemiken brillant, selbst mit ausschließlich ästhetisch-literarischem Fokus lohnte die Lektüre.

Auslöser der Kontroverse war Lessings Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente einige Jahre vorher, von denen hier an anderer Stelle bereits ausführlich die Rede war. Man sollte sie vor den Schriften gegen Goeze lesen, da ansonsten viele Bezüge unklar sind.

An dieser Stelle ist ein Lob angebracht: Die von Herbert G. Göpfert herausgebene und Ende der siebziger Jahre herausgebenen „Werke in acht Bänden“ ist eine vorzügliche Edition für Leser. So finden sich im achten Band nicht nur alle Schriften Lessings gegen Goeze (publiziert und aus dem Nachlass, etwa 350 Seiten), sondern auch die Antworten des protestantischen Fundis in voller Länge. Ergänzt durch einen ausführlichen und genauen Kommentar zur Kontroverse im Anhang.

Goeze griff Lessing wegen der Publikation der Fragemente scharf an. Lessing sollte ihn die atheistische Ecke gestellt werden, was damals existenzbedrohend war. Gleichzeitig versuchte der Pastor durch geschickte Vergleich die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen: Er vergleicht fundamentale Religionskritik immer wieder mit Herrschaftskritik (berechtigterweise muss man anfügen). Lessing gerät deshalb etwas in die Defensive, da eine fundamentale Relgionskritik öffentlich zu üben, nicht möglich ist. Deshalb wehrt er sich vehement gegen den Atheismusvorwurf und bringt zahlreiche Argumente, warum rationaler Diskurs in theologischen Fragen der Religion nützt. Goezes autoritäres Weltbild verrät sich besonders schön durch ein vorgebliches Einlenken: Kritik sei ja schön und gut, aber Lessing hätte sie auf Lateinisch veröffentlichen müssen, damit nicht die Gefahr bestehe, unbedarfte Gläubige zu verunsichern Die Schriften sind also auch sehr lehrreich, wenn man verstehen will, warum Religion und Freiheit gegenläufig sind.

Lessing: Reimarus-Veröffentlichungen

1774 begann Lessing in seiner Schriftenreihe „Zur Geschichte und Literatur. Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel“ Auszüge aus einem religionskritischen Manuskript abzudrucken. Eine heftige Debatte war die Folge und Lessings Schriften gegen die Anwürfe des Hamburger Pastors Goeze nahmen hier ihren Anfang.

Liest man heute die Auszüge aus dem Manuskript des Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), Professor für orientalische Sprachen an einem Hamburger Gymnasium, kann man Lessings Faszination sofort nachvollziehen: Ein ebenso denk- wie schreibgewandter Freigeist wendet sich den Dogmen der Religion zu und untersucht diese mit rationalen Methoden. Das Ergebnis ist naturgemäß wenig schmeichelhaft, etwa wenn Reimarus penibel die Widersprüche der Auferstehungsgeschichte erläutert:

Sagt mir vor Gott, Leser, die ihr Gewissen und Ehrlichkeit habt, könnet ihr dies Zeugnis in einer so wichtigen Sache für einstimmig und aufrichtig halten, das sich in Personen, Zeit, Ort, Weise, Absicht, Reden, Geschichten, so mannigfaltig und offenbar widerspricht? Zween dieser Evangelisten, nämlich Marcus und Lucas, haben es nur aus Hörensagen, was sie schreiben;: sie sind keine Apostel gewesen, und verlangen nicht einmal zu sagen, daß sie Jesum nach seinem Tode selber mit ihren Augen gesehen hätten. Matthäus und Johannes, die Jesum als Apostel selber wollen gesehen haben, widerlegen sich einander am allermeisten: so daß ich frei sagen mag, es sei fast kein einziger Umstand, von dem Tode Jesu an bis zu Ende der Geschichte, darin ihre Erzählung zusammen zu reimen wäre. Und doch ist sehr merklich, daß sie alle beide die Himmelfahrt Jesu gar weglassen: er verschwindet bei ihnen, und man weiß nicht, wo er geblieben: gleich als ob sie nichts davon wüßten, oder als ob dieses eine Kleinigkeit wäre

[…]

[Die Jünger] machen es nicht wie andere aufrichtige Leute, die mit Wahrheit umgehen, und sich frei auf mehrere Menschen berufen dürfen, die ihn hätten kommen, weggehen, wandern sehen: nein, er stehet bei ihnen, ohne zu kommen, er kömmt auf eine menschlichen Augen unsichtbare Art, durch verschlossene Türen, durchs Schlüsselloch, und so verschwindet er wieder vor den Augen: niemand auf der Gasse oder im Hause siehet ihn kommen und weggehen. [S. 455f.]

Seine „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ ist ein fulminantes Werk und gehört zweifellos zu den wichtigsten deutschen Texten der Aufklärung. Desto abstruser erscheint einem die Druckgeschichte. Im 18. Jahrhunderten kursierten einige Manuskripte in aufgeklärten Kreisen. Zu einem Druck kam es nie, weil die Familie Reimarus auch lange nach dem Tod des Verfassers eine Veröffentlichung ablehnte. So erschien die Apologie in Buchform zuerst 1972 (sic!), herausgegeben von Gerhard Alexander, und ist heute nicht einmal mehr antiquarisch zu finden. Sollten hier Verleger mitlesen: bitte sofort neu auflegen!

Hanser Werkausgabe Band 7; Theologiekritische Schriften I und II

Lessing-Handbuch

Metzler Verlag (Amazon Partnerlink)

Dieses Handbuch liegt seit kurzem in einer zweiten, überarbeiteten Auflage vor. Siehe die Rezension bei Literaturkritik.de

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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