Kriege

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam

Vor meiner Vietnam-Reise im Januar begonnen, las ich es erst in den letzten Monaten langsam zu Ende. Es ist sicher eines der besten Bücher über den Vietnamkrieg, lässt es doch Beteiligte zu Wort kommen, nämlich die amerikanischen Soldaten. Die Anthologie versammelt ausgewählte Briefe, welche diese Soldatenkinder (viele unter 20 Jahre alt) an ihre Familien und Freunde schrieben. Die teilweise haarsträubende Lektüre gibt nicht nur einen Einblick in den Kriegsalltag auf amerikanischer Seite, sondern ist auch ein vernichtendes Dokument dessen, was Kriege mit Menschen machen:

My morale is not the best because my best buddy was killed the day before yesterday. I was standing 20 feet from him and a 60-mm mortal exploded next to him. He caught a piece of shrapnel in the head. I carried him over to the aid station where he died. I cried my eyes out. I have seen death before but nothing as close as this […] I think with the destruction I have seen in the past week I have aged greatly. I feel like an old man now. I am not as happy-go-lucky as before, and I think more maturely now.

I’m sick of facing, every day, a new bunch of children ripped to pieces. They’re just kids – eighteen, nineteen years old! It stinks! Whole lives ahead of them – cut off. I’m sick of death of it. I’ve got to get out of here.

Das letzte Zitat ist von einer Krankenschwester im Kriegseinsatz. Es sind nicht alle Briefe so brutal, aber auch jene, wo ein junger Mensch seine Lebensträume beschreibt und anschließend steht „KIA (Killed in action) x weeks later“ sind keine Gute-Laune-Lektüre.

Bernard Edelman (Editor): Dear America: Letters Home from Vietnam (ReAnimus Press)

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

Ausbruch der Dummheit

Kriegsausbrüche sind immer auch Dummheitsausbrüche und ein Lackmus-Test nicht nur für die intellektuelle Zunft. Sieht man sich die zahllosen Wortspenden zum Thema an, ist die Durchfallquote erstaunlich hoch. Fängt man mit jenen an, die für das Denken bezahlt werden, streiten sich auf der Dummheitsskala wie so oft Vertreter der postmoderne Fraktion um die besten Plätze. So gibt Thomas Mießgang im Format Nr. 12 zum Besten:

An der sogenannten „vierten Front“, wie sie vom Philosophen [sic!] Paul Virilio genannt wird, der Medienfront, tobt längst ein Weltkrieg, der an globaler Zerstörungskraft größere Wucht entfaltet als selbst die raffiniertesten High-Tech-Kriegswerkzeuge. Bewaffnete Auseinandersetzungen sind heute vor allem Bilderkriege. [S. 30]

Mein Vorschlag wäre ein empirischer Test: Herr Mießgang möge sich ein paar Stunden mit 50 Fernsehgeräten in einen Palast Saddam Husseins einschließen und die Zerstörungskraft dieser Medienfront genau beobachten, und sie dann mit einer der in den Palast einschlagenden Tomahawks vergleichen…

Bei den denkenden Laien sieht es naturgemäß nicht besser aus, dazu reicht ein kurzer Blick in diverse Foren oder Newsgroups. Die Naivität der Weltbilder ist beeindruckend, die kognitive Leistung der Komplexitätsreduktion auf allen Ebenen brillant, manche scheinen sogar noch den Schlichtheitsgrad der Realitätswahrnehmung von George Bush jun. unterbieten zu wollen. Besonders schätze ich die Meinungen, die den Massenmörder Hussein und seine Helfershelfer als verfolgte Unschuld hinstellen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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