Koran

Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

Textkritik des Koran

Von allen grundlegenden Texten der großen Weltreligionen ist der Koran bisher am schlechtesten philologisch erforscht. The Economist erläutert in einem informativen Artikel den Stand der Bemühungen:

Meanwhile, scholars in Europe, stimulated by the manuscripts in great European libraries, are working hard to find out how and when the Koran’s written form was standardised. In America more effort has gone into relating the Koran to what is known from other sources about political and social history. Patricia Crone, of America’s Institute for Advanced Study, once argued that Islam originated in a revolt by Semites against Byzantine and Persian power. She has revised her views, but copies of her 1977 book “Hagarism” change hands for hundreds of dollars.

A burst of new Koranic scholarship erupted at SOAS in the 1980s. These days, it is one of several British campuses where scholars say they find it hard to get funding for work that threatens orthodoxy—a change they ascribe to the influence of conservative Saudi donors. But in France, the home of literary theory, and Germany, the fatherland of textual analysis, free-ranging study of the Koran continues. If you want to argue that partial versions of Hebrew and Christian stories are visible in the Koran, or that its historical portions are inaccurate, nobody will stop you.

Michael Cook: Der Koran. Eine kurze Einführung

Reclam UB

Update November 2009: Dieses Buch ist mittlerweile vergriffen. Im Oktober 2009 erschien Cooks Der Koran. Eine kleine Einführung (ebenfalls Reclam).

Ein neues Beispiel für das ausgezeichnete kleine Sachbuchprogramm des Reclam Verlags. Auf knapp 200 Seiten fasst Michael Cook viel Wissenswertes über den Koran und dessen Kontext zusammen. Kenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Trotzdem geht der Autor erstaunlich in die Tiefe, und zwar dank seiner „Zoom-Technik“: Immer wieder diskutiert Cook philologische oder linguistische Probleme anhand eines Beispiels so detailliert, dass man einen ausgezeichneten Eindruck über den Stand der Koranforschung bekommt. Zwar ist die Kompilationsgeschichte des Textes nicht mit der langwierigen der Bibel zu vergleichen. Trotzdem gibt es hier textgeschichtlich so viele offene Fragen und Inkonsistenzen, dass sich im arabischen Raum eine korankritische Diskussion auf Dauer nicht vermeiden lassen wird. Was die kritische Bibelforschung zwischen 1750 und 1850 geleistet hat – und die Breitenwirkung dieser Erkenntnisse – wäre auch dem Koran dringend zu wünschen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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