Kirgisien

Grenzerfahrungen in Zentralasien

Eine Reise durch fünf Länder [April 2009]

Es gibt Weltgegenden von denen nur selten Kunde in die westlichen Medien dringt. Zentralasien ist so groß wie Westeuropa, aber die Nachrichtenlage ist nicht besser als für eine kleine Karibikinsel. Selbst auf den Weltwetterkarten von CNN, BBC World oder Euronews wird diese Region ignoriert. Zwischen Afghanistan und Südrußland ist die meteorologische Situation offenbar unerheblich.

Kulturgeschichtlich Interessierte verbinden mit Zentralasien die Seidenstraße. Die Bilder im Kopf wechseln zwischen selbstgestrickter Orientromantik und den exotischen Vorstellungen, welche gerne von den Marketingabteilungen der Tourismusunternehmen in Umlauf gebracht werden. Was aber erwartet den Reisenden tatsächlich in Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan? Eine intensive dreiwöchige Reise sollte mir helfen, mir ein eigenes Bild zu machen.
Unterwegs war ich mit Jürgen Stürmer, einem auf den russischen und arabischen Raum spezialisierten Kenner der Region sowie zusätzlich immer wieder mit lokalen Guides.

Zu Beginn sei gesagt, dass es sich bei allen fünf Ländern um solide Diktaturen handelt, selbstverständlich mit graduellen Abstufungen. Turkmenistan, ohne Zweifel zu den politisch unappetitlichsten Staatsgebilden zu zählen, war die erste Station der Reise. Touristen sind eigentlich unerwünscht, weshalb die Hürden für die Einreise so fantasievoll sind, dass Kafkas Bürokraten zuvorkommend wie amerikanische Dienstleister wirken. Wir kamen um Mitternacht am Flughafen in Aschgabat an, und es dauerte knapp zwei Stunden bis die kleine Gruppe abgefertigt war. Es wurde aufgeschrieben, gestempelt, kontrolliert und kontrolliert, gestempelt und aufgeschrieben, jeweils mehrmals und in unterschiedlicher Reihenfolge. Für den Checkin ins Hotel „Grand Turkmen“ waren zwei Passfotos notwendig, außerdem gab es einen Hotelstempel in den Pass. Nach drei Tagen hatte man einen Berg von Reiseunterlagen, der anderen Orts vermutlich ausreichen würde, eine GmbH zu gründen.

Nach der Unabhängigkeit Turkmenistans im Jahr 1991 übernahm Saparmyrat Nyýazow die Macht, der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Partei, und errichtete einen auf monomanen Personenkult gegründeten Polizeistaat. Eine Erkundung der Hauptstadt Aschgabat führt dem Besucher sofort vor Augen, was mit den zweistelligen Milliarden Euro an Erdöl- und Erdgaseinnahmen des Landes überwiegend passiert ist: Das Geld wurde in protzige Prunkbauten gesteckt. Ein Monumentalbau nach dem anderen reiht sich entlang der „Boulevards“, viele großzügig mit italienischem Marmor verkleidet. Ergänzt durch von den Einheimischen so genannte „Elitewohnungen“, aufgemotzte Plattenbauten, für die loyalen Funktionäre. Dazwischen immer wieder großzügig angelegte Parks. Eine wundersame Kreuzung aus Dubai und Disneyland. Aschgabat hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Plätze, Parks und Promenaden sind menschenleer. Urbanes Leben ist im turkmenischen Staatswesen offenbar nicht vorgesehen, und man kann nur hoffen, dass zumindest am Wochenende ein paar Menschen diese Anlagen nutzen. Die aus Frauen bestehenden Reinigungstrupps, die meist mit verhülltem Kopf diese groteske Stadtsimulation sauber halten müssen, machen den Gesamteindruck nur noch gespenstischer.

Nyýazow ließ sich schon bald als Türkmenba?y (Führer der Turkmenen) verehren. Er schrieb als ideologisches Grundlagenwerk das Buch „Ruhnama“, das seine Untertanen zwangsverehren mussten. Es war de facto an vielen Schulen der einzige Unterrichtsstoff. In Aschgabat steht ein riesiges Buchdenkmal, welches dieses Druckwerk riesengroß in elegantem Pink und Hellgrün abbildet. Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet in Aschgabat mein erstes überdimensionales Buchdenkmal zu sehen …

Im Historischen Museum der Hauptstadt wird der von Nyýazow erfundene Nationalmythos propagandistisch ausgeschlachtet. Auch das Museum war menschenleer, schätzungsweise kamen auf jeden Besucher mindestens zwei Reinigungskräfte. Sehr sehenswert ist allerdings der archäologische Teil des Hauses. Es gibt dort eine der weltgrößten Sammlungen an Elfenbeintrinkhörnern („rhyta“) aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Eine Delegation des Louvre hatte angeboten, einige dringend notwendige Restaurierungsarbeiten an den Gefäßen durchzuführen, man will die Kunstwerke aber nicht außer Landes geben. Erwähnenswert sind auch die dort ausgestellten Fresken aus der ehemaligen Partherstadt Nisa. Die Ausgrabungen liegen nur wenige Kilometer von Aschgabat entfernt, einer Besichtigung stand nichts im Wege. Einer der dort tätigen Archäologen, Batir, gab uns einen guten Einblick in den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Arbeit vor Ort.

Eine knappe Stunde Flug über die Wüste und man erreicht Daschwahus im Norden des Landes. Prunkbauten sucht man vergeblich, hier sieht man das eigentliche Turkmenistan, ein Entwicklungsland. Heruntergekommene Häuser in der Stadt, armselige Dörfer, waghalsige oberirdisch verlegte Gasleitungen an den Straßen entlang. Die Infrastruktur ist jämmerlich und ich empfehle den Ausflug nach Kohne Urgentsch, der ehemaligen Hauptstadt des Choresm-Reiches (995) und ein berühmtes ehemaliges Handlungszentrum, nur hartgesottenen Kulturreisenden. Von den vielen Prachtbauten sind noch einige Ruinen zu sehen, so eine Grabmoschee der Sufi-Dynastie und das Mausoleum des Sultan Tekesch. Avicenna und Al Biruni waren einige Zeit in der Stadt tätig, was sie unter Emir Mahmum Gurgandsch zu einem intellektuellen Zentrum machte.

Die Grenzübertritte innerhalb Zentralasiens sind ebenso mühselig wie eindrucksvoll. Perpetuierte bürokratische Amokläufe, welche dem Liebhaber dieser Dinge unvergessliche Erlebnisse bescheren. Wir fahren auf einem besseren Feldweg durch Niemandsland auf die turkmenische Grenze zu. Es gilt den Bus zu verlassen und mit dem Gepäck durch ein Tor zu schreiten, nachdem ein turkmenischer Grenzbeamter einen ersten Blick auf den Pass geworfen hat. Wir gehen weiter zu einer schäbigen Grenzstation, in der eine mehrköpfige Kommission, angeordnet nach der Anzahl der Sterne auf den Schulterklappen, jeweils die Vielzahl an inzwischen angesammelten Reisedokumenten sichtet. Irgendwann bekommt man den ersehnten Ausreisestempel in den Pass.
Am anderen Ende wartet die Fortsetzung des Feldwegs. Ein pensionsreifer VW-Bus bringt alle im Pendelverkehr zur usbekischen Grenzstation, die in einem überdimensionierten Baustellencontainer angesiedelt ist. Naturgemäß sind auch hier diverse Formulare vorzubereiten, so will der usbekische Staat genau wissen, wie viele Devisen man ein- und ausführt. Angesichts der eigenen, international unbrauchbaren Währung vermutlich eine Notwendigkeit. Wer 20 Euro wechselt, bekommt 38 Geldscheine der größten verfügbaren Sorte, weshalb man einen nennenswerten Teil seiner Usbekistan-Tour mit Geldzählen verbringt. Die Gesamtprozedur an der Grenze dauert an die zwei Stunden. Sechsmal hatte ich in Zentralasien dieses Vergnügen.

In Usbekistan liegen die Höhepunkte der Seidenstraße, für den Kulturreisenden ein ausreichender Grund, hier am meisten Zeit zu verbringen, und zwar acht Tage. Chiwa liegt nicht weit von der turkmenischen Grenze entfernt und hat die besterhaltene Altstadt des Landes. Schöne Ensembles mit Moscheen, Medresen und Mausoleen findet man auch in anderen Städten Usbekistans, in Chiwa aber fügen sich diese nahtlos in einen orientalischen Gesamteindruck ein. Die meisten historischen Bauwerke sind frisch renoviert, was bei den Touristen sicher mehr Entzücken auslöst als bei Archäologen. Trotz des schönen Ensemblecharakters wirkt die Altstadt etwas zu klinisch, so als hätte man eine Attraktion aus Tausendundeiner Nacht für Besucher nachgebaut. Die Vielzahl der Koranschulen geht auf konkurrierende Stiftungen zurück. Wie auch im Christentum lag den moslemischen Herrschern der Blütezeit der Gedanke nicht fern, sich durch Bestechung ins Paradies einkaufen zu können. Heutzutage denkt man bei „Koranschule“ an Erziehungsinstitutionen in Pakistan, in denen Schülern aus armen Verhältnissen die islamistische Ideologie eingeprügelt wird. Vor fünf Jahrhunderten zählten die Koranschulen jedoch zu den besten Universitäten der Welt, auch Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Deshalb verwendet man in diesem Kontext wohl besser „Medrese“ als Begriff.
Chiwa hat eine beeindruckende Geschichte. Legenden über die Stadt gehen bis in biblische Zeiten zurück. Historisch belegt ist sie erstmals im 10. Jahrhundert. 1592 tritt Chiwa die Nachfolge von Kohne Urgentsch als Hauptstadt des Choresm Reiches an.
Während man in Turkmenistan keine fröhlichen Menschen auf der Straße sah und die Atmosphäre bedrückt wirkte, scheinen die Usbeken trotz der schwierigen Umstände mehr Freude am Leben zu haben. Die Angst vor staatlicher Repression ist offenbar deutlich geringer als im Polizeistaat nebenan. Die Infrastruktur ist ebenfalls fortschrittlicher als im Nachbarland. Wie schnell sie aber an ihre Grenzen stößt, zeigen wiederholte Stromausfälle nach Regenfällen. In Buchara habe ich aus diesem Grund zum ersten Mal in meinem Reiseleben ein Museum mit Taschenlampe besichtigt.

Nach Buchara fährt man von Chiwa gut 400km durch die Wüste Kiselkum auf – diplomatisch formuliert – suboptimalen Straßen. Der erste Eindruck von dieser berühmten Stadt der Seidenstraße passt zu den Bildern im Kopf. Die Bedeutung Bucharas hatte geographische Gründe, hier kreuzte sich die nördliche und südliche Route der Karawanenstraße. Aber nicht nur der Handel blühte, es war auch die intellektuelle Hauptstadt seiner Zeit. Avicenna, Rudaki, Ferdausi und viele andere wählten sie zur Wirkungsstätte. Zahlreiche Handschriften werden immer noch dort aufbewahrt. Die Moschee Kalan und besonders das dazugehörige Minarett gehört zu den schönsten Bauwerken in Zentralasien. Die Proportionen des 50m hohen Turms und des Bauschmucks sind von atemberaubender Perfektion.
Lange Zeit pflegte man die von den Einwohnern wegen des hohen Unterhaltungswertes geschätzte Tradition, Straftäter und Ungläubige von diesem Minarett in den Tod zu stürzen. Ich wage die These, dass es sich hier um die ästhetisch gelungenste Hinrichtungsstätte der Weltgeschichte handelt. Wer sich über weitere historische Unappetitlichkeiten dieser Weltgegend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein informieren will, der sei auf die einschlägigen Reiseberichte verwiesen, etwa Hermann Vámbérys „Mohammed in Asien. Verbotene Reise nach Buchara und Samarkand“. Wie viele andere einschlägige Titel ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Das Mausoleum der Samaninden darf nicht unerwähnt bleiben, zählt es doch zu den berühmtesten Werken der islamischen Baukunst. Vermutlich um 900 errichtet, sieht es mit seiner Grundfläche von 10x10m und seiner Höhe von vierzehn Metern wie ein architektonisches Understatement aus. Die Eleganz der Ausführung und das hohe Niveau des Bauschmucks setzten aber für die folgenden Jahrhunderte oft nachgeahmte Maßstäbe.

Die Fahrt nach Samarkand führt durch sehr ärmliche Gegenden des Landes. Dem Land Bodenfrüchte abzugewinnen ist offensichtlich harte Arbeit. Von den bekannten Strapazen der Baumwollernte einmal ganz abgesehen, zu der auch Schulkinder in den Sommermonaten immer noch gezwungen werden. Den korrupten Machthabern sind Devisen naturgemäß wichtiger als die Ausbildung ihres Nachwuchses. Trotz der Armut sind in allen Ländern Zentralasiens Handys weitverbreitet. Selbst Hirtenjungen scheinen auf ihre Schafe ohne Mobiltelefon nicht mehr aufpassen zu können. Und sogar in Gegenden mit Dörfern ohne Strom oder fließendem Wasser gibt es exzellenten Mobilfunkempfang.
Unterwegs bietet sich ein Abstecher nach Schahr-e Sabs an, der Geburtsstadt Timurs (1336-1405), der diese Weltgegend nicht nur bis heute durch zahlreiche Bauten geprägt hat, sondern vom neuen Usbekistan auch als eine Art Nationalheiliger inthronisiert wurde. Man die Überreste des Palastes Ak Sarai besichtigen, dessen zwei Pylonen noch stehen und beachtliche 38m hoch sind. Dadurch lässt sich die Dimension dieses riesigen Bauwerks gut erkennen. Timur ließ die besten Architekten und Künstler aus seinem neuen Reich buchstäblich zusammenfangen und die Ergebnisse sind immer noch beeindruckend.

Nun also Samarkand, dessen orientalischer Zauber einer der wenigen Anhaltspunkte ist, die ein Mitteleuropäer heute mit Zentralasien üblicherweise assoziert. Seidenstraße! Orient! Tausendundeine Nacht! Exotik! – Es mag an dem trüben Wetter gelegen haben als wir dort ankamen: Anfangs waren nicht einmal Spuren dieses Klischees erkennbar. So originell ein Wiener Novembertag in dieser Oasenstadt sein mag, dem Flair Samarkands ist eine graue Regenatmosphäre nicht zuträglich. Auch als das Wetter schließlich besser wurde, wollten die eigenen Eindrücke so gar nicht zu den romantischen Erwartungen passen. Natürlich gibt es in der Stadt zauberhafte Ecken. Der berühmte Rigestan Platz wird seinem Ruf ebenso gerecht wie die gepriesene Gräberstadt Schah-e Sende, deren „Erlebniswert“ mit altägyptischen Baudenkmälern durchaus vergleichbar ist. Diese Stätten sind aber in der Stadt weit verteilt, und ein paar Blocks weiter steht man in tristen Vierteln voller heruntergekommener sowjetischer Plattenbauten. So tritt einem Samarkand als eine seltsame Mischung aus Chiwa und Skopje entgegen.

Wer nach Zentralasien aufbricht, sei also vorgewarnt. Es gibt die orientalische Seite dieser Länder und sie ist sehenswert. Zu mindestens gleichen Teilen ist es aber eine Reise durch die Ex-Sowjetunion samt der einschlägigen deprimierenden städtebaulichen Folgeerscheinungen. Natürlich gibt es Positives aus dieser Zeit. Dass es in allen fünf Ländern kaum Analphabetismus gibt (im Unterschied etwa zu Afghanistan), ist dem sowjetischen Erziehungswesen zu verdanken. Auch die Gesundheitsversorgung profitiert noch aus den alten Zeiten, auch wenn sich diese Strukturen bereits auflösen.

Von Samarkand aus ist man schnell in Tadschikistan, wo es nicht nur spektakuläre Berglandschaften zu sehen gibt, sondern die Ausgrabungen von Pendischkent, einer alten Stadt der Sogder. Im ansonsten gut informierten Dumont Kunstreiseführer des Klaus Pander ist vom „Pompeji Zentralasiens“ die Rede. Hat man sich gut durchgerüttelt zu dieser Stätte vorgearbeitet, sieht man aber sofort, dass von einem Pompeji keine Rede sein kann. Man steht vor einer lehmigen Kraterlandschaft, die zwar einen guten Eindruck über die Größe der Stadt und deren Anlage vermittelt, aber sonst in einem deplorablen Zustand ist. Die fröhlich zwischen ausgegrabenen Wohnhäusern weidenden Tierherden, die von keinerlei Absperrung ferngehalten werden, sind nicht das größte Problem. Bauten aus Stampflehm freizulegen und sie danach nicht durch Überdachung zu schützen, ist archäologisch hochgradig fahrlässig. Wenn keine entsprechenden Mittel vorhanden sind, sollte man diese Grabungen den zukünftigen Generationen überlassen. In Europa hört man ständig die nicht unberechtigte Klage, wie wenig Budget für Archäologie vorhanden sei. Wer einmal den Unterschied zwischen „wenig“ und „gar keines“ mit eigenen Augen sehen will, der fahre nach Pendischkent!
Die Geographie Tadschikistans ist der Nordafghanistans sehr ähnlich. Man fährt über halsbrecherische kurvenreiche Bergstraßen durch eine beeindruckende Gebirgsszenerie, vorbei an ebenso malerischen wie ärmlichen Bergdörfern. Man kann sich dabei gut vorstellen, dass westliche Soldaten auf ähnlichen Wegen ihre afghanischen Patrouillen fahren und angesichts des Terrains gegen einen Hinterhalt hoffnungslos im Nachteil sind.

Taschkent war die letzte Station in Usbekistan und ist als Hauptstadt das urbane Zentrum des Landes. Alte Bauwerke gibt es dort kaum, dafür viele Neubauten im alten orientalischen Stil und eine der ältesten Koranhandschriften der Welt. Diese wird in einem kleinen Museum von den Gläubigen verehrt anstatt dass man sie endlich einer ordentlichen philologischen Analyse unterzöge wie das bei Bibeltexten seit dem 17. Jahrhundert üblich ist.

Von Taschkent ging es per Flugzeug weiter nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans. Von allen Ländern Zentralasiens ist es das politisch am wenigsten repressive. Allerdings steht es ökonomisch mit Tadschikistan auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Kulturelle Besichtigungspunkte gibt es in Nordkirgisistan nur wenige. Nicht versäumen sollte man das Minarett von Burana, das man bequem auf dem Weg zum Issyk Kul See besichtigen kann. Dieser Hochgebirgssee ist die eigentliche Attraktion des Landes. 6000km2 groß und bis zu 700m tief ist er der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. Auf beiden Seiten von den schneebedeckten Gebirgsketten des Tien-Shan eingerahmt, bieten sich für Naturfreunde lohnende Ausblicke. An manchen Stellen fühlt man sich sogar an geologische Formationen im Westen der USA erinnert. Wäre die Infrastruktur nicht so erbärmlich schlecht, könnte sich dort ein Touristenparadies entwickeln. Im Moment geben die Straßen aber zur philosophischen Überlegung Anlass, wie viele Schlaglöcher eine ‚Straße‘ haben darf, bevor man ihr diesen Status absprechen muss. In dieser Gegend spielen die Geschichten des Tschingis Aitmatow, des berühmtesten Kirgisen, und wer einen literarischen Eindruck von der Region bekommen will, dem sei seine Erzählung „Dshamilja“ empfohlen.

Kasachstan war die letzte Station der Reise. Dort besichtigte ich eines der wohl entlegensten UNESCO Weltkulturerbe-Denkmäler, nämlich die bronzezeitlichen Felszeichnungen in der Tamgaly-Schlucht. Gelegen im Niemandsland der kasachischen Steppe geben sie einen guten Eindruck von der schamanischen Kultur der damaligen Bewohner. Touristen verlaufen sich dorthin nur selten, es war überhaupt eine weitestgehend „touristenfreie“ Reise, die eigenen Reisegefährten natürlich ausgenommen.

Die Hauptstadt Almaty zeigt deutlich, dass Kasachstan das reichste Land Zentralasiens ist. Glaubt man den offiziellen Statistiken, kann man es bereits mit den ärmeren Ländern Europas vergleichen. So ist das BNP nicht mehr sehr weit von dem Polens entfernt. Almaty ist mit seinen martialischen Kriegerdenkmälern und seiner großen orthodoxen Holzkirche sehr russisch geprägt. Den Orient hatte man mit dem Grenzübertritt bereits weitgehend verlassen und damit ist Almaty eine passende Zwischenstation für die Rückreise nach Westeuropa.

300 Fotos von der Reise, fotografiert von Hermann Gabriel

Publiziert als “Kulturbrief” in “Literatur und Kritik” Nr. 397/398

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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