Judentum

Genosse. Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Jüdisches Museum Wien 25.3.18

In der aktuellen Ausstellung beschäftigt sich das Jüdische Museum systematisch mit den jüdischen Protagonisten der revolutionären Bewegungen. Prominent ist hier natürlich die russische Revolution vertreten. Anhand von Texttafeln, Videos und jeder Menge Propagandamaterial dokumentieren die Kuratoren wie Lenins politisches Projekt jüdische Intellektuelle elektrisierte. Auch die diversen Verbindungen nach Wien kommen selbstverständlich nicht zu kurz. Bitter ist die Aufarbeitung, wie linke jüdische Intellektuelle dann systematisch von Stalin ermordet werden. Chronologisch endet die die Schau erfreulicherweise erst mit Gorbatschows Perestroika, so dass auch die jüngere Zeitgeschichte nicht zu kurz kommt. (Bis 1.5.)

Die Universität. Eine Kampfzone

Jüdisches Museum 29.11. 2016

Die Wiener Universität feiert dieses Jahr ihre Gründung vor 650 Jahren und das Jüdische Museum beleuchtet ein besonders unschönes Kapitel in deren Geschichte: Den Umgang mit jüdischen Studierenden und Lehrenden. Die gab es in nennenswerter Anzahl freilich erst im 19. Jahrhundert, die Ausstellung geht historisch aber bis ins Mittelalter zurück.

Am bedrückendsten sind naturgemäß antisemitischen Eskapaden ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis nach dem zweiten Weltkrieg. Die Universität war schon vor der Übernahme durch die Nazis fest in antisemitischen Händen, und die in der Ausstellung dokumentierten Tiraden gegen jüdische Studenten und Professoren sind von einer abgrundtiefen Gehässigkeit. Leider ist diese zeitlos, wie man dank der zahlreichen Hasspostings über Flüchtlinge in den sozialen Medien hinreichend demonstriert bekommt. Insofern dient die Ausstellung auch als Warnung, wohin irrationaler Hass und Verrohung der Sprache letzthin führen wird. Jüdische Studenten wurden schon früh von ihren deutschnationalen Kommilitonen regelmäßig misshandelt. Jüdische Studentinnen hatten es nach der Zulassung von Frauen zum Studium in Wien besonders schwer, wie ein entsprechender Schwerpunkt zeigt.

Die Vergangenheitsbewältigung dieses trüben Kapitels begann erst lange nach dem zweiten Weltkrieg. Walter Weiss, mein ehemaliger Germanistikprofessor in Salzburg, erzählte mir einmal, dass seine Berufung noch 1965 wegen seines Judentums auf diverse Widerstände gestoßen sei.
(Bis 28.3.)

Das jüdische Wien und Richard Wagner

Jüdisches Museum 5.1. 2014

Diese Ausstellung verdanken wir natürlich noch dem Wagnerjahr und, wie alle Ausstellungen des Hauses in den letzten Jahren, ist sie sehr solide zusammengestellt. Zwar gibt es für Wagnerwissende nur bedingt Neues, aber man trifft doch viele alte Bekannte wieder. Die Wiener Aufführungsgeschichte hätte ich mir etwas ausführlicher gewünscht. Allerdings wurden Mahlers Inszenierungen mit Alfred Roller für die Wiener Hofoper schon oft thematisiert. Einiges dazu ist zu sehen, auch die Opernzettel früher Aufführungen. Man wird mit den Wiener Wagnervereinen ebenso bekannt gemacht wie mit diversen Kuriositäten: So gab es Firmen, die mit Hilfe des Parsifal Nahrungsmittel an den Wiener bringen wollten.
Selbstverständlich wird der Antisemitismus Wagners rezeptionsgeschichtlich aufgearbeitet, speziell die Wirkungsgeschichte bei den Nationalsozialisten. Erschreckend der Videozusammenschnitt mit der Rechtfertigung der Winifried Wagner, dieses fürchterlichen Weibes. Am Ende der Schau steht die Diskussion in Israel.
Exemplarisch herausgearbeitet ist ebenfalls der Einfluss von Wagners Werk auf die Popkultur. Zu sehen sind deshalb Filmausschnitte aus Star Wars und dem Lord of the Rings. Für mich eine gelungene verspätete Abrundung des Jubiläumsjahres.
(Bis 16.3.)

Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor

Jüdisches Museum Wien 29.4. 2013

Die Wiener Kulturgeschichte wäre ohne Juden eine ausgesprochen armselige gewesen. Die lange Liste der prominenten Namen ist bekannt. Weniger bekannt für Nicht-Wiener ist vermutlich, wie sehr das Judentum auch den Wiener Schmäh prägte. Einen exzellenten und hoch amüsanten Überblick über dieses Phänomen gibt die Ausstellung Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor. Zwar geht der Horizont der Schau weit über Wien hinaus (vom Berliner Kabarett über Hollywood zu Sacha Baron Cohen), aber am Interessantesten fand ich die vielen Beispiele mit Wienbezug. Es gibt jede Menge Ton- und Filmmaterial zu hören, so dass man sich problemlos mehrere Stunden damit beschäftigen kann: Fritz Grünbaum, Helmut Qualtinger, Gerhard Bronner und Georg Kreisler kommen ausführlich zu Wort.

Ein berühmtes Beispiel:

(Bis 8.9.)

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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