John Williams

John Williams: Butcher’s Crossing

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle wie sehr mich Williams Roman Stoner beeindruckt. So sehr, dass ich schnell einen zweiten Roman des Autors lesen wollte.

Insgesamt ist Butcher’s Crossing (1960) leider eine große Enttäuschung. Das liegt nicht an der grundsätzlich guten Idee des Romans: Der dreiundzwanzigjährige Andrews verlässt abenteuerlustig seine Eliteuniversität im Osten und bricht auf der Suche nach Selbsterkenntnis und einem besseren Verständnis seines Landes Richtung Westen auf. Eine Art in den wilden Westen verlegter Bildungsroman also. Dort finanziert er – entgegen allen Warnungen – eine wagemutige Buffallo-Jagdpartie. Gemeinsam mit drei schrägen Typen suchen sie eine in den Bergen versteckte Herde, veranstalten einen soliden Massenmord, werden eingeschneit und kommen erst nach vielen Entbehrungen wieder nach Butcher’s Crossing zurück. Erfolglos sei angemerkt, weil sie ihre Felle in einem reißenden Fluss bei der Rückkehr ebenso verlieren wie einen ihrer Jagdkameraden.

Die größte Leistung des John Williams ist sicher, den Mythos des Wilden Westens durch eine naturalistische Schilderung zu ersetzen. Die Strapazen, der Dreck, die mangelnde Hygiene oder der Leichengestank werden ausführlich beschrieben. Diese ausführlichen Beschreibungen sind auch das größte ästhetische Problem: Williams klebt an jedem Detail. Anders als bei Stoner induziert diese Schreibweise weder eine symbolische Lesart noch einen formal spannenden Erzählrhythmus. Ohne diese zusätzliche Bedeutungsebene bleibt Butcher’s Crossing ein solides Stück Literatur, ist aber weit entfernt von der Multidimensionalität, welche einen guten Klassiker auszeichnet.

John Williams: Butcher’s Crossing (Vintage Classics)

John Williams: Stoner

Bis zum Jahr 2013 dauerte es, bis die Literaturwelt John Williams Roman Stoner erneut entdeckte. The Greatest American Novel You’ve Never Heard Of titelte etwa der New Yorker. Es dauerte weitere vier Jahre, bis ich nun selbst das Buch las, und eine Entdeckung ist dieser Klassiker zweifellos.

Als Stoner 1965 erschien gab es eine kurze Rezension und er war nach einem Jahr wieder vom Buchmarkt verschwunden. Auf den ersten Blick ist der Roman tatsächlich ziemlich unscheinbar. Nicht nur handelt er von einem eigentlich völlig uninteressanten durchschnittlichen Provinzprofessor, sondern er ist formal auch anspruchslos: Eine realistisch erzählte Geschichte. Von literarischen Mitteln der Moderne kaum eine Spur.

Trotzdem entwickelt die Lektüre sofort einen Sog, obwohl die Handlung kaum Elemente hat, die man üblicherweise als „spannend“ klassifizierte. Der erste Teil ist primär ein Bildungsroman. Der aus ärmlichen Farmer-Verhältnissen Junge William Stoner wird für das Studium der Agrarwissenschaften an ein College geschickt. Die Unterkunft bei Verwandten muss er sich durch die Arbeit als Knecht verdienen. In einem einführenden Kurs entdeckt er plötzlich die Literatur: Ein literarisches Erweckungserlebnis. Er ist so begabt, dass er schließlich als Professor dort sein gesamtes Leben verbringen wird, was Williams gleich am Beginn des Buches so beschreibt:

He did not rise above the rank of assistant professor, and few students remembered him with any sharpness after they had taken his courses.

Garniert ist das Ganze mit einer problematischen Ehe sowie beruflichem Mobbing.

Was Stoner zu großer Literatur macht, ist, dass der Roman diese Themen mit einer Leichtigkeit transzendiert, die man bei realistischer Literatur nur selten findet. Williams gelingt es etwa, Stoners Geistesleben so lebendig zu schildern, dass man seine Erweckungserlebnisse – Musil würde hier vom „anderen Zustand“ schreiben – mit großer Intensität versteht. Der Text transformiert Stoners Leben in ein symbolisches Lehrstück der Vergänglichkeit und bekommt dadurch beinahe etwas Nihilistisches.

John Williams: Stoner: A Novel (Vintage)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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