Jean Meslier

[Aus dem Archiv] Der große Religionskritiker Jean Meslier (1664-1729)

Eine meiner größten Buchentdeckungen der letzten Jahre ist das furiose Testament des Jean Meslier. Zwar kannte ich ihn dem Namen nach schon seit meiner Studienzeit als Vertreter der französischen Frühaufklärung, zu einer näheren Beschäftigung mit ihm inspirierten mich aber erst Philipp Bloms Böse Philosophen.

Die erste Überraschung: Eine der brillantesten Religionskritiken der Geistesgeschichte wurde von einem Pfarrer geschrieben! Welche großartige Ironie! 1664 geboren schlug Meslier eine klassische klerikale Karriere ein. Obwohl er von seinem Bischof mehrmals wegen Aufsässigkeiten bestraft wurde, übte er Zeit seines Lebens brav sein Amt aus. So nachlässig wie möglich, wie er in seinen ketzerischen Memoiren betont. Er ist ein brillanter Kopf und durchschaut das Kirchen- und Adelswesen, welches die Armen in Frankreich gemeinsam unter der Knute hält. Ab 1719 setzt er sich bis zu seinem Tode 1729 fast jeden Abend hin und schreibt sein Memoir of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier nieder. Das Ergebnis ist ein hochgradig intelligenter und origineller Text, wie ihn die Geistesgeschichte bis dahin noch nicht kannte. Ein Geistesverwandter war Montaigne, dessen Essais er oft zitiert und dessen Art des Schreibens und Denkens ihn sehr beeinflusste.

Das Faszinierende an dem knapp sechshundert Seiten langen Buch ist seine Vielfalt: Scharfsinnige philosophische Argumente wechseln sich mit furioser Polemik ab. Das Tempo variiert. Man spürt in jeder Zeile die Empörung des Jean Meslier über die argen Zustände in der Welt. Trotz dieses Ärgers ist sein Denken scharf wie ein Rasiermesser. Das Testament ist eine Enzyklopädie der Religionskritik. Alle bis heute gültigen Argumente gegen Religion im allgemeinen sowie gegen das Christentum im speziellen werden mustergültig dargelegt: Die zahllosen textimmanenten Widersprüche in der Bibel und die gescheiterten Versuche der Theologen, diese weg zu interpretieren. Die zahlreichen schamlosen Übernahmen des Christentums aus anderen Religionen und das Abstreiten dieser Diebstähle. Die abstrusen Dogmen. Die verlogene Ethik. Die unzähligen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis.

Jean Meslier verwendet in erster Linie simple Logik zur Entlarvung. Dabei argumentiert er, trotz seiner Wut, mit einer intellektuellen Sorgfalt, die bewundernswürdig ist. Viele seiner Argumente setzen von innen an: Er greift religiöse Behauptungen auf und widerlegt sie intrinsisch. Er baut kein atheistisches Kartenhaus daneben auf, sondern zieht solange die Karten aus dem religiösen Kartenhaus, bis es zusammenstürzt. Ein weitere Strategie ist eine historische: Er stellt das Christentum in den geschichtlichen Kontext mit anderen Religionen und geschichtlichen Entwicklungen. Schließlich zeigt er immer wieder überzeugend auf, welchen wahren Interessen die Religion dient und wie diese zur Machterhaltung von Monarchen und Tyrannen systematisch verwendet wird.

Das Testament ist sorgfältig systematisch aufgebaut. Meslier beginnt mit seiner grundsätzlichen Hypothese:

All religions are nothing but errors, illusion, and imposture.
[Kapitel 3]

Das insgesamt 97 Kapitel umfassende Buch besteht nun aus acht Beweisen, die Meslier in extenso ausführt. Er fängt immer allgemein mit einer These an und belegt diese dann, in dem er in den Folgekapiteln immer mehr ins Detail geht. Seine acht „Beweise“ sind:

First Proof: Of the vanity and falsity of religions, which are all human inventions.

Second Proof: Of the vanity and falsity of said religion: Faith, which is blind belief that serves as the foundation of all religions, is only a principle of errors, illusions and impostures.

Third Proof: Of the vanity and falsity of religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called visions and divine revelations.

Fourth Proof: Of the vanity and falsity of said religion, drawn from the vanity and falsity of the so-called prophecies of the Old Testament.

Fifth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion drawn from the errors of its doctrine and morality.

Sixth Proof: Of the vanity and falsity of the Christian religion, taken from the abuse, the unjust persecutions, and the tyranny of the rulers, which it tolerates or authorizes.

Seventh Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the falsity of the opinion of men concerning the so-called existence of gods.

Eighth Proof: Of the vanity and falsity of religions taken from the men’s opinion about the spirituality and immortality of their souls.

Das Ergebnis ist eine umfassende Entlarvung der Religion an sich und gleichzeitig ein gewaltiges Plädoyer für Humanität, Aufklärung und Vernunft. Kein Wunder also, dass die Kirche das Buch mit aller Macht verfolgte. Voltaire gab eine auf seine Auffassungen hin völlig verfälschte Kurzausgabe heraus. Ansonsten zirkulierte das Testament lange in Form illegaler Kopien. So manche Aufklärer bedienten sich großzügig aus seinem intellektuellen Fundus, ohne Quellenangabe versteht sich. Erst 1864 erschien eine vollständige Ausgabe, herausgegeben von Rudolf Charles. Ich las die 2009 bei Prometheus Books erschienene, erste vollständige Übersetzung ins Englische. Es gab in den letzten vierzig Jahren zwei deutschsprachige Ausgaben, die aber nur noch sehr teuer antiquarisch zu bekommen sind. Eine Neuauflage wäre dringend überfällig!

Jean Meslier zählt zu den größten Aufklärern der abendländischen Geschichte. Bevor Kant noch geboren war lebte er dessen Maxime „Sapere aude!“ allein und einsam in der französischen Provinz und schrieb eines der fulminantesten Enthüllungsbücher der Geistesgeschichte.

Doch ich lasse ihn das Testament am besten mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Gegen Mesliers Aufruf zur Empörung im letzten Kapitel seines Buches, zitiert ist nur der Anfang, wirkt das Pamphlet des Stéphan Hessel wie der Text eines schüchternen Schulbuben:

All these arguments are as conclusive as they can be: it is enough to pay just a little attention to see the evidence. And so it cleary demonstrated, by all these arguments I have put forth above, that all religions of the world are, as I said at the beginning of this writing, only human inventions, and that everything they teach us or make us believe are only errors, illusions, lies, and impostures invented by scoffers, swindlers, and hypocrites to deceive men, or by shrewd and crafty politicians to hold men in check and do whatever they want to the ignorant people (who blindly and foolishly believe everything they are told comes from God) and claim that it is useful and expedient to make men believe in the same thing, on the pretext, as they say, that is „necessary that the common man not know very many truths and that he believe in many falsehoods.
And since these kind of errors, illusions, and impostures are the source and cause of countless evils, abuses, and viciousness in the world, and that even the tyranny, which makes so many people groan on the earth, also tries hard to hide itself under this attractive but false and detestable pretext of religion, I am very right to say that this hodgepodge of religion and political laws, such as there are at present, were in fact only mysteries of iniquity.
[Kapitel 96]

Jean Meslier: Testament. Memoirs of the Thoughts and Sentiments of Jean Meslier (Prometheus Books)
[Die am besten zugängliche und lieferbare Ausgabe]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier (Suhrkamp 1976)
[Hochpreisig antiquarisch zu bekommen]

Jean Meslier: Das Testament des Abbé Meslier. Herausgegeben von Hartmut Kraus (Hintergrund)
[Lizenzausgabe der Suhrkamp-Ausgabe durch einen Kleinverlag]

Philipp Blom: Böse Philosophen

Zu dem Buch schrieb ich bereits Ende Juli eine Notiz, die beim Umzug der Notizen leider verloren ging.

Blom will dem interessierten Lesepublikum ein wenig bekanntes Kapitel der Geistesgeschichte näher bringen: Die radikale Aufklärung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Als konzeptueller Ausgangspunkt eignet sich dafür bestens der Salon des kultivierten Baron d’Holbach in dem sich die unabhängigsten Geister dieser Zeit versammelten, allen voran Denis Diderot, dem die meiste Aufmerksamkeit Bloms gilt.

Warum wissen heute nur noch Fachleute von diesem Zirkel? Schuld daran ist die Rezeptionsgeschichte. Jean-Jacques Rousseau richtet einen Teil seiner paranoiden Energie auf den Baron und seine Freunde. Er startet einen furiosen publizistischen Rachefeldzug. David Hume bekam als Kollateralschaden später auch noch seine Prügel ab. Bis heute wirkt diese Propagandakampagne nach, weshalb sich Philipp Blom zum Ziel setzte hier aufklärend zu wirken. Bloms Buch ist damit auf zwei Ebenen aufklärerisch: Es beleuchtet eine im Dunkeln liegende Ecke der Philosophiegeschichte und schildert gleichzeitig deren Argumente mit so viel Verve, dass deren Aktualität sichtbar wird. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der Religionsdummheiten weltweit wieder großen Schaden anrichten.

Aus akademischer Sicht kann man Blom natürlich mangelnde Objektivität und diverse Ungenauigkeiten vorwerfen, aber das geht an der Intention des Autors vorbei. Ziel des Buches war keine geistesgeschichtliche Habilitationsarbeit, sondern ein parteiisches Portrait. So macht denn Blom keinen Hehl, wem seine Sympathie gehört. Die historische Darstellung ist allerdings hervorragend recherchiert. Man erfährt bei der Lektüre viel über das Frankreich der zweiten Jahrhunderthälfte.

Eines der spannendsten Sachbücher, die ich seit längerer Zeit las. Möge es viele Leser finden.

Philip Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Auflärung (Hanser)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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