Japan

12

Akira Kurosawa: Rashomon (1950)

Heutzutage gehört es zum Standardrepertoire, eine Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. Als Kurosawa Rashomon drehte, war es sehr innovativ. Ein Räuber überfällt im Wald einen Samurai samt seiner Gattin. Am Ende ist der Samurai tot. Die Details der Geschichte sind aber völlig andere, je nachdem ob sie der Samurai, der Räuber, die Frau oder ein versteckter Augenzeuge erzählt. Für den heutigen Zuseher hat der Kontrast zwischen dem fremden, aber klassischem historischen Setting des Films und der modernen narrativen Struktur einen großen Reiz. Rezeptionsgeschichtlich war Rashomon das erste Werk, welches den japanischen Film in der westlichen Welt bekannt machte.

Rashomon (DVD)

Mizoguchi Kenji: Ugetsu monogatari (1953)

Dieser japanische Filmklassiker erzählt eine archaische, allegorisch aufgeladene Geschichte zweier Dorfbewohner aus dem 16. Jahrhundert. Es tobt der Krieg und diese Samurai-Gemetzel sind die unappetitliche Kulisse. Ein offenbar besonders begabter Töpfer verlässt aus Geldgier Frau und Kind, während ihr Dorf überfallen wird, und gerät in die Fänge einer reichen japanischen Witwe, die ihn mit ihren materiellen und erotischen Günsten verlockt. Sogar ein locus amoenus fehlt nicht. Als er am Ende geläutert zurückkehrt, ist seine Gattin tot, die sich die Zeit inzwischen mit Vergewaltigungen vertrieben hat.
Handelt Mizoguchi Kenji hier als Topos Geld und Gier moralisch ab, wird sein Freund und Mitdorfbewohner durch Macht und Gewalt erfolgreich versucht. Er will unbedingt Samurai werden, wird zu Beginn verspottet und gedemütigt, um dann eine große Soldatenkarriere hinzulegen. Seine Gattin vergisst er bis zu einem zufälligen Zusammentreffen, wo er erkennen muss, dass sie ihr Leben inzwischen als Prostituierte fristet.
Als Film ist Ugetsu monogatari aber weniger wegen dieser auf eine literarische Vorlage basierende Handlung berühmt, sondern weil er das klassische japanische Filmschaffen prototypisch verkörpert. Kenner loben alles, vom Kamerawinkel bis zur allegorischen Atmosphäre. Tatsächlich ein Film, der einen über einige Zeit begleitet, nachdem man ihn gesehen hat.

Ugetsu monogatari (Blu-Ray)

Ian Buruma: The Emperor’s Secrets

„Hirohito and the Making of Modern Japan“ by Herbert P. Bix

(The New York Review of Books 5/2001)

Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch; Ian Buruma diskutiert* anläßlich des neuen Buches von Bix, inwieweit Hirohito Schuld an der Beteiligung Japans am zweiten Weltkrieg trägt. Buruma lehnt zwar radikale „Verschwörungstheorien“ ab, weist aber auf diverse Verlogenheiten der Nachkriegszeit hin, auch auf die unrühmliche Rolle der amerikanischen Japanpolitik nach dem Krieg. Interessant ebenfalls die Passagen über Hirohitos eigenartiges Selbstverständnis, die japanische Monarchie und Religion wissenschaftlich legitimieren zu können. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wie eng sich Ideologien an die Wissenschaft anzulehnen versuchen.

Update 22. April 2001: Inzwischen wurde bekannt, dass Herbert P. Bix für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.

* Der Artikel befindet sich nun im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

12
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets