Japan

Haruki Murakami: Kafka am Strand

Meines Wissens ist Haruki Murakami der weltweit meist gelesene japanische Autor mit literarischem Anspruch. Deshalb will ich vor meiner Japanreise im Herbst mindestens einen seiner Romane lesen. Die Wahl fällt auf Kafka am Strand, weil ihn viele für sein bestes Buch halten. Ich werde auch noch einige japanische Klassiker zur Reisevorbereitung lesen und hier darüber berichten.

Murakamis Roman hat viele Stärken. Im Mittelpunkt steht ein japanischer Teenager, der von zu Hause weg läuft, Unterschlupf in einer Bibliothek und neue Freunde findet, und um den sich die Haupthandlung entfaltet. Parallel dazu wird eine seltsame Geschichte in Rückblenden erzählt, und ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit einem skurrilen alten Mann mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Das ist narrativ durchaus komplex und entfaltet schnell eine Sogwirkung. Am Ende finden diese scheinbar so unterschiedlichen Stränge dann natürlich zusammen. Kafka am Strand ist kein realistischer Roman, sondern setzt auf ein – im literaturgeschichtlichen Sinn – romantisches und märchenhaftes Erzählen. Wie Murakami diese fiktionalen Welten evozieren kann, ist handwerklich eine durchaus beachtliche Leistung. Das gilt auch für die Lebendigkeit seiner Figurenzeichnung. Was die Erzählperspektive angeht, ist der junge Kafka für sein Alter wohl etwas zu lebenserfahren und umsichtig, auch wenn das Gegenteil betont wird. Seine Leidenschaft für Bücher macht ihn selbstverständlich für alle Leser sehr sympathisch.

Für einen Bestseller enthält der Roman sehr viel wohlmeinendes Bildungsgut. Es ist für eine junge Leserschaft sicher erfreulich, wenn sie auf diesem Wege mit der Kammermusik Beethovens, den Filmen Truffauts oder wichtigen historischen Ereignissen bekannt gemacht werden. Für mich war allerdings nichts dabei, was ich nicht schon gekannt hätte. Japanisches Bildungsgut einmal ausgenommen. Den Roman durchziehen auch diverse lebensphilosophische Fragestellungen, was mich teilweise an russische Klassiker erinnert, und anderen Bestsellerautoren, wie etwa dem fürchterlich geistlosen Paulo Coelho, intellektuell weit überlegen ist.

Gegen Ende werden mir dann aber die Fantasyanteile doch zu anstrengend. Insgesamt gefällt mir Kafka am Strand deutlich besser als von mir erwartet. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich einen weiteren Roman Murakamis lesen will.

Haruki Murakami: Kafka am Strand (btb)

Florian Coulmas: Die Kultur Japans

Im Oktober steht eine Japan-Studienreise an. Da mir die japanische Kultur und Geschichte vergleichsweise fremd ist, bedarf dieses Unterfangen einer umfassenden Vorbereitung. Die Lektüre von Coulmas Die Kultur Japans war ein erster Schritt dazu. Der Autor ist als Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo ein ausgewiesener Fachmann. Sein Buch liest sich denn auch mehr als ein Fachbuch denn als eines der üblichen mit Anekdoten gewürzten Sachbücher über fremde Länder. Coulmas beginnt mit anthropologischen und ethnographischen Begriffserklärungen und macht uns erst einmal mit seiner Methodologie bekannt. In vier großen Teilen bringt er seinen Lesern danach die japanische Zivilisation näher: Verhalten und soziale Beziehungen; Werte und Überzeugungen; Institutionen (Kultur und Struktur) und Materielle Kultur.

Die Gratwanderung zwischen der zeitgenössischen und der historischen Kultur des Landes gelingt Coulmas gut, wobei der Schwerpunkt auf einer geschichtlichen Betrachtungsweise liegt. Die Kapitel über Religion belustigen mich insofern als auch die japanischen Kleriker wie alle anderen weltweit ihr Geschäft auf Profitmaximierung ausrichten. Beispielsweise muss man für einen Toten eine Woche nach dessen Ableben einen posthumen Namen für die Geisterwelt wählen. Während die Standardversion einigermaßen erschwinglich ist, wird für luxuriöse Variante des Ehrentitels von buddhistischen Priestern bis zu eine Million Yen verlangt.

Durch das gesamte Alltagsleben zieht sich die strukturelle Trennung zwischen „westlich“ und „japanisch“. Von der Ernährung bis zur Architektur bestimmt diese Dichotomie das Denken der Japaner stark. So gibt es nicht nur unterschiedliche Wörter für westliche und japanische Nudeln. Diese findet man im Supermarkt auch in unterschiedlichen Regalen. Wichtig ist es ebenfalls zu wissen, dass die Ästhetik eines japanischen Raumes auf die Augenhöhe eines am Boden sitzenden ausgerichtet ist. Während viele die japanische Firmenkultur eine anthropologische Fundierung unterstellen, zeigt Coulmas, dass hier auch historisch kontingente Faktoren am Werke sind, die mit der Situation nach dem Zweitem Weltkrieg zu tun haben. Das sind drei Beispiele von Dutzenden. Nach der Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen Buches ist man der japanischen Mentalität schon eine Stufe näher.

Florian Coulmas: Die Kultur Japans. Tradition und Moderne (C.H. Beck)

Akira Kurosawa: Rashomon (1950)

Heutzutage gehört es zum Standardrepertoire, eine Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. Als Kurosawa Rashomon drehte, war es sehr innovativ. Ein Räuber überfällt im Wald einen Samurai samt seiner Gattin. Am Ende ist der Samurai tot. Die Details der Geschichte sind aber völlig andere, je nachdem ob sie der Samurai, der Räuber, die Frau oder ein versteckter Augenzeuge erzählt. Für den heutigen Zuseher hat der Kontrast zwischen dem fremden, aber klassischem historischen Setting des Films und der modernen narrativen Struktur einen großen Reiz. Rezeptionsgeschichtlich war Rashomon das erste Werk, welches den japanischen Film in der westlichen Welt bekannt machte.

Rashomon (DVD)

Mizoguchi Kenji: Ugetsu monogatari (1953)

Dieser japanische Filmklassiker erzählt eine archaische, allegorisch aufgeladene Geschichte zweier Dorfbewohner aus dem 16. Jahrhundert. Es tobt der Krieg und diese Samurai-Gemetzel sind die unappetitliche Kulisse. Ein offenbar besonders begabter Töpfer verlässt aus Geldgier Frau und Kind, während ihr Dorf überfallen wird, und gerät in die Fänge einer reichen japanischen Witwe, die ihn mit ihren materiellen und erotischen Günsten verlockt. Sogar ein locus amoenus fehlt nicht. Als er am Ende geläutert zurückkehrt, ist seine Gattin tot, die sich die Zeit inzwischen mit Vergewaltigungen vertrieben hat.
Handelt Mizoguchi Kenji hier als Topos Geld und Gier moralisch ab, wird sein Freund und Mitdorfbewohner durch Macht und Gewalt erfolgreich versucht. Er will unbedingt Samurai werden, wird zu Beginn verspottet und gedemütigt, um dann eine große Soldatenkarriere hinzulegen. Seine Gattin vergisst er bis zu einem zufälligen Zusammentreffen, wo er erkennen muss, dass sie ihr Leben inzwischen als Prostituierte fristet.
Als Film ist Ugetsu monogatari aber weniger wegen dieser auf eine literarische Vorlage basierende Handlung berühmt, sondern weil er das klassische japanische Filmschaffen prototypisch verkörpert. Kenner loben alles, vom Kamerawinkel bis zur allegorischen Atmosphäre. Tatsächlich ein Film, der einen über einige Zeit begleitet, nachdem man ihn gesehen hat.

Ugetsu monogatari (Blu-Ray)

Ian Buruma: The Emperor’s Secrets

„Hirohito and the Making of Modern Japan“ by Herbert P. Bix

(The New York Review of Books 5/2001)

Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch; Ian Buruma diskutiert* anläßlich des neuen Buches von Bix, inwieweit Hirohito Schuld an der Beteiligung Japans am zweiten Weltkrieg trägt. Buruma lehnt zwar radikale „Verschwörungstheorien“ ab, weist aber auf diverse Verlogenheiten der Nachkriegszeit hin, auch auf die unrühmliche Rolle der amerikanischen Japanpolitik nach dem Krieg. Interessant ebenfalls die Passagen über Hirohitos eigenartiges Selbstverständnis, die japanische Monarchie und Religion wissenschaftlich legitimieren zu können. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wie eng sich Ideologien an die Wissenschaft anzulehnen versuchen.

Update 22. April 2001: Inzwischen wurde bekannt, dass Herbert P. Bix für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.

* Der Artikel befindet sich nun im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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