Japan

12

Akira Kurosawa

Wie zu allen anspruchsvollen Kunstwerken, muss man sich den Zugang zu Kurosawas Filmen intellektuell erarbeiten. Auf den ersten Blick wirken sie sehr fremd. Das liegt gleichzeitig am meist ungewöhnlichen japanischen Setting sowie an der für den westlichen Zuseher verfremdend wirkenden Ästhetik. Beispielsweise agieren die Schauspieler für unsere Filmsozialisation ungewohnt unrealistisch und wirken teilweise übertrieben, wie wir das von der Oper her kennen.

Der zweite Blick zeigt uns dann aber schon seltsam Vertrautes. Warum kommen uns Elemente dieser „exotischen“ Filme so bekannt vor? Ein Grund dafür ist, dass Kurosawa sich thematisch oft an der abendländischen Kultur orientiert. Sein Lieblingsautor ist Dostojewskij und seine Filme setzen sich mit ähnlich großen Menschheitsthemen auseinander wie dessen Romane. Er geht sogar so weit, westliche Klassiker in die japanische Kultur zu transponieren. Throne of Blood (1957) etwa erzählt Shakespeares Macbeth nach. Kurosawa setzt auch gerne klassische Musik ein, etwa Schubert in seinen frühen Filmen.

Ein dritter Aspekt, warum uns Kurosawa an Bekanntes erinnert, ist sein kaum zu überschätzender Einfluss auf Hollywood. Speziell die Regisseure des New Hollywood aus den siebziger Jahren betonten immer wieder, welchen Einfluss Kurosawas Ästhetik auf sie ausübte. Er prägte sogar ganze Genres wie den Western. So sind die The Magnificient Seven (1960) ein Remake des wohl berühmtesten Film des Japaners: Seven Samurai (1954) [Notiz]. Wer sich nur eines seiner Werke ansehen will, sollte sich dafür entscheiden. In knapp drei Stunden demonstriert er die beschriebenen Qualitäten am besten. Das gilt auch für Kurosawas innovative Kamera- und Schnitttechniken sowie für die Kunst seines Lieblingsschauspielers Toshiro Mifune. Die Actionszenen sind bis heute prägend.

Wichtig im doppelten Sinne war für den Regisseur auch Rashoman (1950) [Notiz]. Einerseits wurde Kurosawa und in Folge das japanische Kino weltberühmt. Andererseits reflektiert er hier filmisch komplexe erkenntnistheoretische Fragestellungen.

Mir persönlich gefallen speziell auch jene Filme sehr, die den Nachkriegsalltag der Japaner reflektieren. One Wonderful Sunday (1947) wäre hier zu nennen, Stray Dogs (1949), Ikiru (1952) oder High and Low (1963).

Ein Meister seines Fachs und einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Mark J. Ravina: Understanding Japan: A Cultural History

Als Notiz nachzutragen bleibt eine Vorlesung, mit der ich mich auf meine letzte Japan-Reise vorbereitete. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich ob der vielen neuen Themen überwältigt. Beim zweiten Sehen kurz vor der Reise ist nach meiner Lektüre diverser Bücher und Artikel nicht mehr viel Neues dabei.

Die halbstündigen Videos sind auf ein westliches Publikum zugeschnitten und zeigen Japans Kulturgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. So erfährt man nicht nur die Grundzüge der japanischen Geschichte, organisiert anhand der unterschiedlichen Perioden der Abschottung und des Austausches, sondern wird beispielsweise auch mit den unterschiedlichen Formen des Theaters vertraut gemacht. Sehr erhellend finde ich etwa die Vorlesung über die japanische Sprache und wie sich in ihr die Normen der japanischen Gesellschaft seit Jahrhunderten spiegeln. Für alle geeignet, die einen didaktisch gut gemachten Einstieg in die japanische Kultur und Gesellschaft suchen.

Mark J. Ravina: Understanding Japan: A Cultural History (Great Courses Video; 12h)

Murasaki Shikibu: The Tale of Genji

Im Westen weitgehend unbekannt ist The Tale of Genji der prototypische japanische Klassiker. Was Dante für die Italiener, und Goethe für die Deutschen ist, ist Murasaki Shikibu für die Japaner. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass der Text aus dem frühen 11. Jahrhundert stammt oder dass er von einer Frau geschrieben wurde, sondern er ist auch der Form nach unglaublich modern ist. Prinzipiell liest sich das Buch wie ein neuzeitlicher Roman, weil es sich um ungebundene Prosa handelt, freilich in einer archaischen Sprache geschrieben. So mancher Literaturhistoriker hält ihn für den ersten Roman der Literaturgeschichte.

Die Herausforderung des heutigen Lesers liegt anders als bei Dante nicht an der Überwindung einer sprachlichen Hürde, sondern am kultur- und sozialhistorischen Kontext. Der lange Text – in meiner bibliophilen englischen Ausgabe weit über 1000 Seiten – wurde in der Heian-Zeit geschrieben, der klassischen Periode Japans. Kennzeichen dieser Zeit war eine hoch idiosynkratische Hofkultur mit unzähligen Rängen und Ritualen, kombiniert mit zahlreichen kulturellen Interessen. Wie das einfache Volk lebte, interessierte diese Adelsschicht kaum. Murasaki Shikibu spiegelt diese verfeinerte Lebenskultur nicht nur, sie setzt dieses Wissen auch voraus, um die Feinheiten ihres Romans zu verstehen. Wer diese Ränge und Rituale nicht kennt, wird zahlreiche subtile Anspielungen und Abweichungen nicht verstehen, und damit eine wesentliche ästhetische Dimension des Werks. Mit einem vertretbaren Zeitaufwand lässt sich dieses Defizit auch nicht beseitigen.

Bleiben also die weniger subtilen Ebenen des Romans. Im Mittelpunkt steht das Leben, genauer das Liebesleben des Prinzen Genji, dessen Schönheit und Anziehungskraft für das weibliche Geschlecht märchenhaft übertrieben wird. Genji ist der Sohn des Kaisers mit einer seiner Konkubinen und wird deshalb aus politischen Gründen von der offiziellen Thronfolge ausgeschlossen. Eine der sozialhierarchischen Reibeflächen des Texts. Die Kapitel werden zwar chronologisch erzählt, und Genji wird dabei immer älter, sind aber trotzdem gut als voneinander weitgehend unabhängige narrative Einheiten zu verstehen. Es ist ohne größere Einschränkungen möglich, sie nicht in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Nachdem für den heutigen Leser die Abfolge diverser amuröser Abenteuer auch ermüdet, möchte ich diese Leseweise auch explizit empfehlen.

Trotz der oben beschriebenen Einschränkung ist einer der Hauptreize der Lektüre natürlich, in diese fremdartige Welt der Heian-Kultur einzutauchen. Auch eine anthropologische Perspektive ist lohnend, sowie der Vergleich mit Klassikern des europäischen Mittelalters. Schließlich schadet es auch nicht, sich einmal mit dem vermutlich ersten Roman der Weltliteratur etwas ausführlicher auseinanderzusetzen.

Murasaki Shikibu: The Tale of Genji (Folio Society)

Reiseliteratur Japan

Diese beiden Bücher begleiteten mich im Oktober in Japan. Der Dumont Kunstreiseführer ist einer der schlechtesten der Reihe. Das liegt nicht am gelungenen Überblicksteil zu Beginn, sondern an fehlenden Inhalten. Fünf Seiten über Tokio sind naturgemäß eine Frechheit. Kyoto dagegen wird ausführlich abgehandelt. Der Rough Guide mit seinen Fokus auf praktischen Reiseinformationen hat sich so gut bewährt, wie seine Vorgängerbände, die ich nutzte.

Peter Pörtner: Japan. Von Buddhas Lächeln zum Design – Eine Reise durch 2500 Jahre japanischer Kunst und Kultur (Dumont Kunstreiseführer)

Sally McLaren: The Rough Guide to Japan (Rough Guides)

Christian Tagsold: Japan. Ein Länderporträt

Von den Büchern, die ich für meine Japan-Reise im letzten Oktober las, war dieses Länderporträt eines der Besten. Christian Tagsold ist deutscher Japanologe mit mehreren längeren Aufenthalten im Land. Deshalb ist es nicht nur sehr lehrreich, was die Verhältnisse und Gepflogenheiten in Japan angeht, sondern auch wie wir im Westen dieses östliche Land wahrnehmen. Tagsold nimmt sich viele unserer Lieblingsklischees vor und versucht diese zu relativieren, etwa Sushi sei das japanische Nationalessen. Ansonsten beleuchtet der Autor Japan aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Geschichte, Geographie und Alltagskultur beispielsweise. Ein weiterer Schwerpunkt sind die größten gesellschaftlichen Probleme. So ändert sich die Arbeitswelt auch hier im rasanten Tempo. Andere Herausforderungen sind spezifischer, beispielsweise die hohe Lebenserwartung in Kombination mit wenig Migration.

Christian Tagsold: Japan. Ein Länderporträt (Ch. Links)

Japan – Eine Reise ins Unverständliche

Oktober 2017

Wie alle Europäer fliege ich mit vielen Klischees im Gepäck nach Tokio. Bunt, grell, teuer, arbeitsam soll es sein im fernen Osten. Knapp drei Wochen reise ich kreuz und quer durch das Land, bevor ich von Hiroshima aus die Heimreise nach Wien antrete. Am Ende habe ich allerdings den Verdacht, dass einige dieser mentalen Schubladen im Kern durchaus ihre Berechtigung haben könnten.

Auf den ersten Blick sieht Japan wie ein westliches Land aus. Zwar gibt es in Europa keine Megacities, aber wer eine urbane Wanderung in Manhattan überlebte, findet sich auch in Tokio zurecht. Der Alltag der meisten Menschen erinnert ebenfalls an unsere Gewohnheiten: Millionen machen sich täglich auf den Weg in ihre Büros und Behörden. Je genauer man sich jedoch diesen Alltag ansieht, desto fremder wird einem der riesige Inselstaat.

Bekannt ist, dass Japan zu den Ländern mit der geringsten Kriminalität weltweit zählt. Tatsächlich gibt es selbst in Tokio keine nennenswerte Alltagskriminalität. Taschendiebstähle sind ebenso eine Seltenheit wie Wohnungseinbrüche. Es fällt mir auch schnell die Sorglosigkeit auf, mit der die Japaner ihr Eigentum behandeln: Offene Taschen, heraushängende Geldbörsen… Es ist überhaupt kein Problem sein Gepäck für längere Zeit unbeaufsichtigt auf dem Bahnhof in Kyoto stehen zu lassen, während man etwas erledigt. Mir wird auch mehrfach versichert, dass eine Dreizehnjährige völlig ungefährdet um Mitternacht die Metro in Tokio benützen könne. Getrübt wird diese heile Welt allerdings durch überdurchschnittlich viele sexuelle Belästigungen. Überhaupt ist das Frauenbild noch ein sehr traditionelles. Speziell bei der älteren Generation scheinen oft die Männer den Ton anzugeben. Wie bei uns findet man viele Frauen im Dienstleistungssektor und im Handel beschäftigt.
Organisierte Kriminalität gibt es in Japan selbstverständlich in den gängigen Gebieten (mit einem Schwerpunkt auf dem Glücksspiel), was aber offensichtlich nicht mit der Alltagskriminalität korreliert.

Vier Dutzend Länder bereiste ich bisher und in keinem fühlte ich mich so sicher wie in Japan. Mir drängt sich schnell die Frage auf: Was ist die Ursache für dieses dauerhafte Verbrechenstief? Soziologen führen es gerne auf kulturelle Faktoren zurück. Ein japanischer Intellektueller versucht es mir gegenüber mit einer historischen Erklärung: Familien wurden administrativ lange in kleinen Einheiten zusammengefasst. Wenn eine Person dort ein Verbrechen beging, wurde die gesamte Einheit kollektiv bestraft. Der Effekt sei eine hohe soziale Kontrolle und gegenseitige Überwachung gewesen. Das hätte sich tief in die Psyche der Japaner eingebrannt.
Dazu passt ebenfalls die erschreckende Alltagsdisziplin der Inselbewohner. Es gibt keine Graffiti. Es gibt keinen weggeworfenen Getränkedosen. Es gibt keinen Vandalismus. Japan ist übersät von Automaten aller Art. Kein einziger war beschädigt oder beschmiert. Weder in Tokio noch in Kyoto sah ich auch nur einen Einheimischen bei Rot die Straße queren. Als ich das Thema einmal zur Sprache bringe, meint einer stolz, es gäbe schon Graffiti, aber man müsse schon wissen, wo, um sie gezielt aufzusuchen. Bettler gibt es ebenso wenig. Obdachlose existieren, fallen im Straßenbild aber nicht auf.

Zugwagons halten an exakt spezifizierten Orten am Bahnsteig. Man weiß genau, wo man einzusteigen hat, weil es auf dem Pflaster gekennzeichnet ist. Alle stellen sich diszipliniert wartend in Zweierreihen auf. Große Aufregung und viele Entschuldigungen, weil am Tag nach dem Typhoon, unser Zug in Kyoto sieben Minuten Verspätung hat. Auf manchen Parkplätzen vor Touristenattraktionen sind Gehwege aufgemalt. Wer quer über den Parkplatz geht, fängt schnell einen fragenden Blick ein.

Diese Konformität ist aus europäischer Sicht gleichzeitig faszinierend und erschreckend. Junge Menschen trifft man tagsüber fast nur in ihren sehr formellen Schuluniformen an. Die wenigen Individualisten unter ihnen tragen grelle Turnschuhe als Kontrast. In keinem Land der Welt sind mir bisher so ultrahöfliche Teenager begegnet.

Die dunklen Seiten dieses Konformitätsdrucks sind dem westlichen Medienkonsumenten bekannt: Etwa eine ungewöhnlich hohe Selbstmordrate, nebst diversen psychiatrischen Krankheitsbildern.

Schon bald bringe ich die Frage nicht mehr aus den Kopf: Würde ich in diesem Land leben wollen? Der perfekt funktionierende Alltag und das hohe Sicherheitsgefühl im urbanen Raum sind sehr attraktiv. Der Alltagskonformismus auf der anderen Seite ist ebenso abschreckend. Ab und an denke ich, in eine Black-Mirror-Episode geraten zu sein.

Ein weiterer augenfälliger Unterschied zu Europa ist die hohe Alltagsreligiosität. Die Schreine sind zu jeder Tageszeit voller Menschen aller Altersklassen. Wie bei allen Religionen gibt es jede Menge Möglichkeiten, Geld gegen göttliche Gnade einzutauschen. Sehr beliebt sind konkrete Wünsche, deren Erfüllung man sich kaufen kann. In vielen Heiligtümern liegt eine Art spirituelle Selbsthilfespeisekarte aus, auf der man sich seinen Wunsch präzise aussuchen kann. Diese reichen von den üblichen menschlichen Bedürfnissen wie Nachwuchs oder Gesundheit aber auffällig in den kapitalistischen Bereich hinein, etwa nach Sicherheit am Arbeitsplatz oder dem ökonomischen Wohlergehen des eigenen Arbeitgebers.
Umgekehrt hat der Arbeitgeber auch religiöse Pflichten gegenüber seinen Angestellten. Geht ein Mitarbeiter etwa als Expat für längere Zeit ins Ausland, übernimmt die Firma oft alle Ausgaben für die spirituelle Versorgung der Ahnen und die Grabpflege. Sehr seltsam für uns Europäer mutet ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang an: Die Firmengräber. Ich besuche den heiligsten Berg Japans, den Koya-san. In einem Klosterzimmer dort verbringe ich die wohl unbequemste Nacht meines Lebens auf einem Futon am Boden. Teil der kleinen Klosterstadt ist der größte Friedhof des Landes. Mindestens 200.000 Gräber wurden angelegt, weil jeder Japaner, der etwas auf sein Seelenleben hält, dort beerdigt werden will. Darunter sind riesige Grabanlagen der größten Konzerne des Landes. Wer im Dienst ums Leben kommt oder sich sonstige Verdienste erwirbt, landet statt im Büro seines Arbeitgebers schließlich im Firmengrab. Nicht wenige davon sind für westliche Augen skurril dekoriert. So ziert das Grab der größten Kaffeerösterei Japans eine riesige Kaffeetasse. Bei Nissan findet man monströse Arbeiterskulpturen, an denen Stalin seine Freude gehabt hätte.

Als ich in der Provinzstadt Okayama auf dem Weg nach Hiroshima übernachte, lande ich am Abend in einem auf die Gesamtverwertung von Schweinen spezialisierten Lokal (vom Ohr über alle Innereien zum Anus). Bald setzt sich ein junger Bursche neben mich, der eben spät aus seinem Büro kommt. Als die gewünschten anatomischen Schweineteile vor ihm liegen, hält er kurz inne und absolviert ein kurzes religiöses Ritual.

Die Existenz von Firmengräbern zeigt, wie zentral der Arbeitgeber im Leben vieler Japaner ist. Die Erwartungshaltung an die japanische Jugend war über Jahrzehnte hinweg, es an eine der angesehensten Universitäten des Landes zu schaffen, um danach dann entweder beim Staat oder in einem Konzern unterzukommen. Danach dann gemächlich die Hierarchieleiter empor zu klimmen, bis man schließlich im Firmengrab zu seinen Ahnen stößt. Dieser Gesellschaftsvertrag beginnt nun allerdings zu zerbröckeln. So abgeschottet Japan gesellschaftlich vom Rest der Welt sein mag, den globalen ökonomischen Trends kann sich die Wirtschaft dauerhaft nicht entziehen. Das zeigen einerseits diverse Wirtschaftsskandale, wenn etwa Qualitätszertifikate für Stahl gefälscht werden, weil man sich eine Produktion auf diesem hohen Niveau nicht mehr leisten kann. Andererseits gibt es inzwischen wie im Westen viele junge Menschen, welche als Einmannunternehmen pseudoselbständig im Prekariat leben. Das Stigma dafür ist freilich groß, weil die alten gesellschaftlichen Karriereerwartungen immer noch bestehen. Man gilt als Versager und kann deshalb oft keine Familie gründen. Sehr schön beschreibt der Japanologe Christian Tagsold diese Prozesse in seinem „Länderporträt“.

Nach den Metropolen Tokio und Kyoto, nach kleinen Alpenstädten und Dörfern, nach beeindruckenden Burgen und mehr als zwanzig besichtigten Schreinen stehe ich schließlich im Friedenspark Hiroshimas. Angesichts der Spannungen zwischen Nordkorea und den USA wirkt die Mahnung des Orts viel eindringlicher als noch vor einem Jahr. Die Friedenserziehung in Hiroshima läuft ebenso effizient ab wie der Zugverkehr. Es sind unzählige Schulklassen unterwegs, die vor den unterschiedlichen Gedenkstätten ihre sehr emotionalen Rituale aufführen. Man trifft kleine Kindergruppen, die gezielt Ausländer in ihrem Schülerenglisch ansprechen und ihnen ein paar Fragen stellen. Mit dem expliziten hehren Ziel, sich für den Weltfrieden einzusetzen. Der Wille der Menschen in Hiroshima sich gegen Kriege und Atomwaffen zu engagieren, wirkt authentisch und aufrichtig. Wie skeptisch ich bin, dass diesen Kindern ein kriegsfreies Leben vergönnt sein wird, verschweige ich vorsichtshalber.

In Japan unterwegs

Derzeit bin ich in Japan studienreisend auf folgender Route unterwegs:

Reise-Route

Die Statistik meint: Studienreise Nr. 24, Land Nr. 49.

Wie immer werde ich von unterwegs auf Twitter berichten und Fotos in diesem Fotoalbum veröffentlichen.

Alle bisherigen 189 Reise-Notizen findet sich hier.

Josef Kreiner (Herausgeber): Geschichte Japans

Die Geschichte Japans war mir im Gegensatz zu jener Chinas nur kursorisch bekannt. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für die geplante Studienreise. Dieses für Reclam-Verhältnisse dicke Buch (522 Seiten!) schuf dessen nun erste Abhilfe. Geschrieben von einem Expertenkollektiv, die sich allerdings an strenge Gliederungsvorgaben halten: Einem Epochenüberblick folgen bei den neun Kapitel eine Zeittafel, bevor schließlich der Zeitraum in thematischen Abschnitten erschlossen wird. Abgedeckt die komplette Geschichte des Landes, von der Urgeschichte bis ins 21. Jahrhundert.

Hauptverdienst des Buches ist sicher die akademische Fundierung des Berichteten, ohne auf Kosten der Lesbarkeit zu gehen. So werden ab und zu auch die Forschungsgeschichte, Kontroversen und die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Japanologie angesprochen. Für Einsteiger wie mich wird mit vielen Klischees aufgeräumt, etwa dass für Samurai immer das Schwert die wichtigste Waffe war (lange war es der Bogen) oder dass die Meiji-Restauration aus dem Nichts kam (es gab eine wichtige vorindustrielle Phase).

Ansonsten werde ich bei der Lektüre in vielen meiner bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Vom ständigen Gebrauch der Religion und Ideologie für den Machterhalt bis hin zum in der japanischen Geschichte immer wieder beobachtbaren Phänomen, dass Planwirtschaft zu Wirtschaftskrisen führt. Noch länger als im Westen wird die Hochkultur primär von einer kleinen Hofelite getragen. Eine bürgerliche Kultur entsteht erst deutlich später als in Europa.

Empfehlenswert für alle Geschichts- und Asien-Interessierte – auch wenn keine Japan-Reise ansteht.

Josef Kreiner (Hrsg.): Geschichte Japans (Reclam Sachbuch)

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen

Wie immer besteht ein Teil meiner Reisevorbereitungen in der Auseinandersetzung mit der Literatur des Landes. So beschäftige ich mich seit dem Herbst immer wieder mit japanischen Klassikern. Der berühmteste, Murasaki Shikibus mittelalterlicher The Tale of Genji, ist ein Langzeitprojekt. Sehr bekannt in Nippon ist auch Ryunosuke Akutagawa, einer der einflussreichsten Erzähler der japanischen Moderne und ein Zeitgenosse von Musil, Kafka und Joyce. Freilich war Akutagawa ästhetisch nicht so modern, wie seine Kollegen in Europa. „Modern“ in Japan meint in dieser Zeit primär westlich, und der Autor schlägt in seinen Erzählungen viele Brücken zwischen dem traditionellen und dem modernen Japan. Die Modernisierung des Landes nach der Meiji Restauration 1868 innerhalb weniger Jahrzehnte zählt überhaupt zu einer der spannendsten Perioden der Weltgeschichte.

Akutagawa gelingt diese Überbrückung, indem er eine Reihe von bekannten historischen Stoffen, teilweise aus der Sagenwelt, in moderner Prosa neu erzählt. Er bringt damit traditionelle Inhalte in eine westliche Form und reichert sie zusätzlich noch mit einer individualistischen Psychologie an. Statt auf überlieferte Werte zu setzen, stehen Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven im Mittelpunkt seiner Prosa. Seine erste Kurzgeschichte, Rashomon, ist wegen ihrer Düsterheit gleich eine seiner besten und im Westen vor allem durch den gleichnamigen Film Kurosawas bekannt, der sie gemeinsam mit der Erzählung Im Dickicht zu einem der berühmtesten Klassiker der Filmgeschichte verarbeitete.

Die im dicken Sammelband – 450 eng gesetzte Seiten – enthaltenen 26 Prosawerke lesen sich trotz aller stilistischen Gemeinsamkeiten sehr abwechslungsreich. Ein Interesse an japanischer Kultur und Geschichte sollte man für die Lektüre aber mitbringen.

Ryunosuke Akutagawa: Rashomon. Erzählungen (Sammlung Luchterhand)

Natsume Soseki: Kokoro

Wenn ich mich auf eine Studienreise vorbereite, beschäftige ich mich meistens auch mit der Literatur eines Landes. Über meinen Erstkontakt mit Haruku Murakami berichtete ich bereits. Ein ganz anderes literarisches Kaliber ist Natsume Soseki, der als einer der wichtigsten Klassiker seines Landes gilt. 1867 geboren wird er Zeitzeuge der wohl größten Revolution in der japanischen Geschichte: Die gezielte Ausrichtung auf den Westen. Innerhalb weniger Jahrzehnte kopiert Japan das westliche „Erfolgsmodell“, einer der beeindruckendsten Modernisierungsschübe der Weltgeschichte. Soseki ist auch persönlich davon betroffen, wird er doch von seiner Regierung nach England zur weiteren Ausbildung geschickt. Die Zeit in London (1901-1903) sind eine schwere Zeit für ihn. Er verbringt sie die meiste Zeit lesend und lernt intensiv die westliche Literaturtradition kennen.

Zeiten starker Veränderung produzieren nicht selten große Kunst. Sosekis Werke belegen diese kulturgeschichtliche Beobachtung. Kokoro zeigt die kulturelle Veränderung Japans auf eine sehr subtile Art und Weise. Im Mittelpunkt steht eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die im asiatischen Raum zu den wichtigsten sozialen Beziehungen zählt. Der junge Ich-Erzähler ist ein Student und sucht die Beziehung zu einem älteren Herrn, den er zufällig trifft und „Sensei“ nennt, ein respektvoller Titel für einen älteren Lehrer. Es stellt sich schnell heraus, dass dieser Sensei, der völlig zurückgezogen mit seiner Frau lebt, ein Misanthrop ist. Die Ursache dieser Misanthropie liegt in Erlebnissen seiner Vergangenheit. Alle Versuche seines jungen Freundes, diese Geheimnisse zu ergründen, scheitern zu Beginn.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich primär mit dem jungen Ich-Erzähler, der aus Tokio zu seinem sterbenden Vater zurückkehrt, und durch diese Erfahrung emotional und intellektuell reift. Er bekommt einen dicken Brief seines Sensei, welcher die Lebensbeichte seines Lehrers enthält und den letzten Teil des Romans bildet. Wir werden darin nicht nur Zeuge, wie der Sensei in seiner Jugend durch einen betrügerischen Onkel um einen großen Teil seines Erbes gebracht wird, sondern sehen ebenfalls eine tiefe Freundschaft wegen einer jungen Frau in einem tragischen Suizid enden. Soseki löst hier geschickt viele Anspielungen aus dem ersten Teil des Romans auf.

Das ist stilistisch auf hohem Niveau geschrieben und kombiniert eine tragische Lebensgeschichte gekonnt mit den kulturellen Veränderungen Japans in dieser Zeit. Mein einziger ästhetische Einwand wäre, dass der Roman mit dem Ende des Briefes abbricht, was die Geschichte des Schülers strukturell unbefriedigend offen lässt. Das tut der literarischen Größe Kokoros aber keinen Abbruch und angesichts der hohen literarischen Qualität ist es erstaunlich, warum Natsume Soseki im Westen nicht viel mehr Leser hat.

Natsume Soseki: Kokoro (Manesse)

12
  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets

  • "Österreicher glücklicher als EU-Durchschnitt". Glück ist ja direkt proportional zu Dummheit. 3 Stunden
  • Es gibt ja kaum etwas Überflüssigeres im Universum als die britischen Royals. 4 Stunden
  • "Verhüllung - Burkaverbot: Leukämiepatient in Wien verwarnt" https://t.co/1TXlQ5q1DJ 5 Stunden