Italien

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Viva la Liberta

Filmcasino 4.4. 2014

Regie: Roberto Andò

Statt über die politische Misere unserer Tage zu jammern, hat Roberto Andò eine Komödie darüber gedreht. Die Politik in Italien ist ja ein gutes Beispiel für ein besonders dysfunktionales demokratisches System. Viva la Liberta analysiert diese Situation allerdings nicht, sondern beschäftigt sich mit dem Bedürfnis der Bevölkerung nach einem ehrlichen und authentischen Politiker. Enrico Oliveri, Chef der wichtigsten italienischen Oppositionspartei, taucht plötzlich unter. Die Partei ist verzweifelt und überredet dessen Zwillingsbruder, einen schon einmal in der Psychiatrie gesessenen Professor, in die Rolle des Parteichefs zu schlüpfen. Sein unorthodoxer authentischer Ansatz wirbelt die politische Landschaft auf und sorgt schließlich für den Wahlerfolg.
Das ist alles ganz amüsant anzusehen und Toni Servillo in der Hauptrolle trägt den Film als Komödie. Ästhetisch ist er allerdings nicht aufregend.

Federico Fellini: La Dolce Vita (1960)

Einer der berühmtesten Episodenfilme der Filmgeschichte, der gleich mehrere ikonische Epochenbilder generierte: Die über Rom fliegende Jesusstatue zu Beginn oder Anita Ekberg im Trevi Brunnen. Wie die meisten großen Kunstwerke nahm Fellini keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten des damaligen Durchschnittsspießers und schockierte das Publikum nicht nur mit erotischer Freizügigkeit. Es gibt auch den kinderliebenden Intellektuellen, der seine Lieben massakriert. Fellini zeigt die blasierte römische Gesellschaft von mehreren Seiten und spart auch nicht an Kritik am (katholischen) Massenwahn wie die Episode mit der angeblichen Marienerscheinung illustriert. Gleichzeitig bekommt bereits früh der Sensationsjournalismus eine Breitseite verpasst. Bis heute redet man von den „Paparazzi“, die den Film bevölkern. Marcello Mastroianni liefert eine der besten Leistungen seiner Karriere.

La Dolce Vita (Blu-ray)

Roberto Rossellini: Viaggio in Italia (1954)

Rossellini drehte den Film mit seiner Gattin Ingrid Bergman. Sie spielt in diesem Ehefilm die Gattin des wohlhabenden Alexander Joyce. Das Paar fährt nach Neapel, und die ungewöhnliche Muße lässt den Entfremdungsprozess der letzten Jahre ans Tageslicht treten. Kurz: Eine Beziehungsbildungsreise nach Italien, dem vorgeblich idealen Ort für Selbstfindung, wie wir spätestens seit Goethes Italienreise wissen. In edlem Schwarz-Weiss gehalten illustriert Rosselini die emotionalen Wendepunkte mit filmisch grandios eingefangenen Bildern klassischer Kultur. Die Kamera tanzt beispielsweise um die phänomenalen Skulpturen des archäologischen Museums in Neapel. Die Ausgrabungen von Pompeji dienen als beziehungsreiche Kulisse. Das eröffnet einen enormen semantischen Raum, der die Beziehungsgeschichte ins Universale transzendiert. Schade nur, dass sich am Ende ein happy end abzeichnet.

Journey to Italy (DVD)

To Rome With Love

Filmcasino 5.9. 2012
USA / Italien 2012
Regie: Woody Allen

Einen weiten Weg legte Woody Allen zurück von seinen geistreichen, intellektuellen und gesellschaftskritischen Filmen bis zu den vergleichsweise seichten Komödien der letzten Jahre. Zwar gibt es charmante Einfälle und einige gute Pointen, Allens kritischer Verstand scheint aber im Schonmodus gelaufen zu sein. Sein Rombild trieft vor Klischees, was angesichts seiner angeblichen Vorliebe für Fellini doch sehr verwundert, der bereits vor einem halben Jahrhundert ganz andere Romfilme drehte.

To Rome With Love erzählt mehrere unverknüpfte Geschichten, deren prominenteste nicht mehr als eine romantisch-komische Teenagerkomödie ist. Am besten ist noch Roberto Benigni, der als anonymer Angestellter plötzlich grundlos berühmt wird, und von einer Medienmeute verfolgt wird.

Passable Unterhaltung, wenn man sein Hirn an der Kinokasse abgibt.

Reise-Notizen Italien (Ende): Pompeji

Diese Station war, neben Paestum, natürlich der Ort, warum ich unbedingt an den Golf von Neapel reisen wollte. Bisher war Ephesus (siehe meine Notizen über die West-Türkei) die größte Ausgrabung einer Stadt, die ich besichtigte. Während man bei den meisten Stätten ja nur einige Überreste sieht, oft eingebettet in aktuelles urbanes Leben, zählen Ephesus und Pompeji zu den Orten, wo man buchstäblich in einer antiken Stadt spazieren gehen kann.

In Pompeji gelingt das besonders gut, man zahlt allerdings einen sehr hohen Preis: Der größte Teil der Mauern etc. ist nämlich restauriert wieder aufgebaut, oft sind nur wenige Prozent im Originalzustand. Das erfreut nun den Touristen, ist aus archäologischer Sicht allerdings bedenklich. In Ephesus ist man mehr auf die eigene Fantasie angewiesen, wird dafür (trotz einer Reihe von Rekonstruktionen) aber mit deutlich mehr Authentizität belohnt.

Mit dieser Einschränkung ist eine Besichtigung Pompejis sehr aufschlussreich. Ein ausführlicher Rundgang dauert mindestens einen halben Tag, danach hat man sich einen exzellenten Überblick über die Anlage der Stadt verschafft. Das Stadion beispielsweise lag außerhalb der Stadt, weil sich rivalisierende Fans immer wieder Prügeleien lieferten, und die Einwohner sonst belästigt hätten. Diese Weitsicht der römischen Stadtväter hätte man auch dem Wiener Magistrat gewünscht, der bekanntlich die lästigen Fanzonen für die Fussball EM direkt im Stadtzentrum angesiedelt hatte.

Reise-Notizen Italien (4): Neapel und Paestum

Nach Rom fuhr ich im Mai also nach Neapel. Ein Abstecher nach Monte Cassino bot sich bei dieser Route an. Dort ist man freilich zur Gänze auf den genius loci angewiesen, denn nach dem zweiten Weltkrieg blieb von der historischen Substanz kaum etwas übrig. Dem restaurierten Kloster fehlt jedes historische Flair und abgesehen von der beachtlichen Aussicht sowie einigen fantastischen Buchmalereien im Museum gibt es nichts Sehenswertes.

Neapel ist eine der ambivalentesten europäischen Großstädte, die ich bisher sah. Sehr viel Heruntergekommenes und Abstoßendes einerseits, eine charmante Altstadt mit viel Atmosphäre und überraschend spektakulären Ausblicken auf Golf und Vesuv andererseits. Anders als zur Zeit Goethes und Seumes kommt man heute sehr leicht auf den Vesuv: Man fährt auf einen Parkplatz unterhalb des Kraters und geht dann noch eine gute halbe Stunde hinauf. Die Rundumsicht ist spektakulär und natürlich hat man einen vielsagenden Blick auf Pompeji, von dem in der nächsten Reise-Notiz ausführlicher zu sprechen sein wird.

Kultureller Höhepunkt in der Stadt ist das Archäologische Museum, das jeder Freund der Antike einmal besucht haben sollte. Neben der großartigen Farnese Sammlung mit berühmten römischen Kopien griechischer Skulpturen (die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton; Doryphoros…) gibt es viele exzellent erhaltene Mosaike aus Pompeji, darunter das berühmte große Alexandermosaik, die Ikone des Hellenismus. Exzellent ist auch die römische Malerei.

Der Weg nach Paestum war reichlich mit wilden Mülldeponien an den Rändern von Siedlungen gekennzeichnet. Ich fühlte mich buchstäblich an die entlegeneren Provinzen in China erinnert, die ich letztes Jahr bereiste. In Paestum kann man neben Athen und Südsizilien die besterhaltenen altgriechischen Tempel bewundern. Damit nicht genug, gibt es ein kleines Museum von beachtlicher Größe. Meines Wissens der einzige Ort, wo man original altgriechische Malerei sehen kann.

Reise-Notizen Italien (3): Alte Steine in Rom

Es braucht an dieser Stelle nicht darauf hingewiesen werden, dass dem an Archäologie Interessierten keine Großstadt mehr anzubieten hat als Rom. Ein Spaziergang in der Innenstadt führt einen von Höhepunkt zu Höhepunkt, etwa wenn man plötzlich vor dem Pantheon steht, in dessen Innerem man die seltene Gelegenheit hat, noch original erhaltene römische Wanddekorationen zu sehen.

Vom Kolosseum aus kann man fast direkt das Forum Romanum besichtigen und hat damit zwei symbolträchtige Orte nebeneinander: Die Barbarei römischer Unterhaltung neben den Zentren des römischen Imperiums, wo man auf einer etwas subtileren Ebene auch ausgiebig der Barbarei pflog, sei es außenpolitisch oder im Umgang mit der Konkurrenz.

Als Goethe in Rom war, konnte man nur wenige Monumente des Forum Romanums sehen, das meiste lag unter der Erde. Ausgegraben bekommt man während eines Rundgangs einen exzellenten Eindruck über die römische Machtzentrale. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr Gesandte aus fernen Provinzen vor dieser urbanen Prachtentfaltung in Ehrfurcht erstarrten, wenn sie denn nicht gerade von den reichen Städten aus dem Osten kamen.

Wie auch in Athen leiden die Ruinen sehr am städtischen Smog, man kann nur hoffen, dass man hier eine Lösung findet, ehe es zu spät ist.

Reise-Notizen Italien (2): Museen in Rom

Leider war ich nicht lange genug in Rom, um mir auch nur annährend einen Überblick über die Vielzahl der Museen zu verschaffen. Auf dem Programm standen natürlich die Vatikanischen Sammlungen. Angesichts der langen (langen!) Schlangen vor den Kassen, war die Vorreservierung besonders angenehm: Wir kamen ohne zu warten hinein. Virtuell setzten sich die Schlangen im Inneren allerdings fort. Nun war ich inzwischen ja in vielen berühmten Museen der Welt, aber so ein Gedränge habe ich bisher nirgends erlebt. Eine ruhige Betrachtung der berühmten Werke ist kaum möglich, was angesichts der Fülle an großartiger Kunst eigentlich ein Verbrechen ist. Hätte man die Kunst und nicht die Maximierung der Eintrittsgelder im Auge, dürfte man maximal ein Viertel der Menschen den Eintritt gestatten. Man könnte das durch Vorverkauf und Reservierungen lösen, aber die Geschäftstüchtigkeit der katholischen Kirche dürfte dem entgegen stehen.

Höhepunkte der Höhepunkte waren selbstverständlich die Stanzen des Raphael (Schule von Athen!) und die Sixtinische Kapelle. Dort gelang es mir einen Platz am Rand auf einer Bank zu finden, so dass ich in einer halben Stunde Michelangelos megalomanisches Meisterwerk in Ruhe betrachten konnte.

Das zweite Museum, über das ich berichten kann, ist das Kapitolinische. Der Schwerpunkt dort liegt, wie unschwer zu erraten ist, auf den archäologischen Funden rund um das Kapitol und das Forum Romanum. Besonders beeindruckend ist die epigraphische Sammlung im Keller. Dort werden exemplarisch Inschriften aller Art mit Übersetzung didaktisch vorbildlich präsentiert. Sehr schön fand ich auch den „Philosophenraum“, der mit Büsten antiker Denker vollgestopft war. Trotz vieler hochrangiger Werke (Aphrodite von Knidos des Praxiteles, der Sterbende Gallier, beides natürlich römische Kopien uvm.) war das Museum erstaunlicherweise kaum besucht. Das Haus wurde übrigens bereits 1471 geöffnet und ist damit die älteste öffentliche Kunstsammlung in Europa.

Reise-Notizen Italien (1): Goethe und Kirchen in Rom

Viel war ich schon unterwegs auf den Spuren des römischen Reiches, das Zentrum desselben ließ ich bisher allerdings sträflicherweise links liegen. Anders als Athen, wo ich bereits mehre Male war. Wer sich für Antike und Kunst interessiert, fühlt sich in Rom wie ein Kind im Spielzeuggeschäft.

Allerdings begann ich meine Besichtigungen, nach einem ersten Spaziergang, mit einem vergleichsweise entlegenen Ziel: Der Wohnung Goethes während seines Italienaufenthalts (Casa di Goethe). Nun ist vom Inventar, wenig überraschend, kaum mehr etwas vorhanden, und die Dauerausstellung besteht vor allem aus diversen Faksimiles von Goethes Briefen und Zeichnungen aus dieser Zeit bzw. solchen seiner Zeitgenossen. So ist es vor allem der genius loci, der fasziniert, wenn man am Fenster steht und wie Goethe damals auf die turbulente Via del Corso hinaus sieht.

Erwähnenswert ist die Bibliothek der Institution, die viel Goethe-Literatur und natürlich auch die wichtigen Goethe-Ausgaben enthält. Ein ruhiger Ort im quirligen Rom, ich war längerer Zeit alleine dort.

In wenigen Tagen kann man die Stadt nur oberflächlich streifen, alleine die Besichtigung der wichtigsten Kirchen würde deutlich länger dauern. Das Gesamtkunstwerk der Santa Maria Maggiore sei als erstes herausgegriffen. Die Mosaiken dort zählen zu den bedeutendesten Werken der frühchristlichen und mittelalterlichen Kunst. Gleichzeitig vermittelt die Vielzahl der Reliquien einen guten Eindruck über die Geschäftstüchtigkeit der Betreiber.

Eine Viertelstunde davon entfernt ist S. Pietro in Vincoli, die man aus einem Grund besucht: Der Moses des Michelangelo ist dort zu sehen. Selbst wenn man, wie der Verfasser, kein spezieller Freund des Barock ist, sollte man doch einige dieser Kirchen besichtigen. Die Jesuitenkirche Sant’Ignazio besticht durch perspektivisch perfekt ausgeführte illusionistische Deckenmalerei.

Im Pantheon sieht man eine der wenigen noch original erhaltenen Wanddekorationen aus der Antike. Das hilft dem Vorstellungsvermögen beim Besuch weniger erhaltener Stätten auf die Sprünge. Der Petersdom schließlich ist ein kongeniales Symbol des katholischen Größenwahns. Trotz der gigantischen Ausmaße wohlproportioniert und vollgestopft mit hochrangigen Kunstwerken. Man muss der Kirche immerhin nachhaltige ästhetische Verdienste bescheinigen.

Bananenrepublik Italien

Was sich in den letzten Monaten in Italien abspielte, ist für jeden europäisch denkenden Menschen eine hochgradige Peinlichkeit. Alexander Stille fasst in der aktuellen New York Review of Books diese unglaublichen Ereignisse unter dem Titel „The Berlusconi Show“ zusammen.

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(5. Januar 2013)

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