Islam

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Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree

Der Pakistaner Tariq Ali schreibt historische Romane über entscheidende Momente der islamischen Geschichte. Shadows of the Pomegranate Tree beschäftigt sich mit der Rückeroberung Andalusiens durch Isabella und Ferdinand. Ich lese ihn deshalb als Einstimmung für meine Andalusien-Studienreise im letzten Monat. Der Roman beginnt brutal mit einer riesigen Bücherverbrennung durch die Inquisition. Deren Ziel: Die Auslöschung des grandiosen kulturellen Erbes durch die Vernichtung fast aller gelehrten Schriften.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das Dorf Banu Hudayl, genauer dessen islamische Herrschaft. Der Alltag dieser bunten moslemischen Aristokratenfamilie endet mit einem brutalen Massaker durch ein christliches Ritterheer. Ali verschweigt auch die Schattenseiten der islamischen Herrschaft nicht, sondern versucht ein ausgewogenes Bild der historischen Situation zu zeichnen. Ästhetisch ist der Text nicht aufregend: Er setzt ausschließlich auf eine realistische Erzählweise. Der literarische Anspruch ist aber deutlich höher als genreüblich.

Der Roman ist ein packendes Plädoyer gegen religiösen Fanatismus und für Toleranz. Damit ist er heute aktueller als am Anfang der neunziger Jahre als er erstmals erschienen ist.

Tariq Ali: Shadows of the Pomegranate Tree: A Novel (Open Road)

Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

ISIS und der Islam

Oft hört man dieser Tage die naive Behauptung, ISIS hätte nichts mit dem Islam zu tun, obwohl die Protagonisten sich wörtlich auf den Koran beziehen und die religiös Verantwortlichen eine Ausbildung in islamischer Theologie haben. The Atlantic, eine linksliberale Zeitschrift wohlgemerkt, räumt in ihrer aktuellen Titelgeschichte mit diesem Unfug auf. Graeme Woods umfangreiche und gut recherchierte Analyse What ISIS Really Wants gehört zum Besten, was bisher über ISIS publiziert wurde:

The reality is that the Islamic State is Islamic. Very Islamic. Yes, it has attracted psychopaths and adventure seekers, drawn largely from the disaffected populations of the Middle East and Europe. But the religion preached by its most ardent followers derives from coherent and even learned interpretations of Islam.

Virtually every major decision and law promulgated by the Islamic State adheres to what it calls, in its press and pronouncements, and on its billboards, license plates, stationery, and coins, “the Prophetic methodology,” which means following the prophecy and example of Muhammad, in punctilious detail. Muslims can reject the Islamic State; nearly all do. But pretending that it isn’t actually a religious, millenarian group, with theology that must be understood to be combatted, has already led the United States to underestimate it and back foolish schemes to counter it. We’ll need to get acquainted with the Islamic State’s intellectual genealogy if we are to react in a way that will not strengthen it, but instead help it self-immolate in its own excessive zeal.

(…)

Centuries have passed since the wars of religion ceased in Europe, and since men stopped dying in large numbers because of arcane theological disputes. Hence, perhaps, the incredulity and denial with which Westerners have greeted news of the theology and practices of the Islamic State. Many refuse to believe that this group is as devout as it claims to be, or as backward-looking or apocalyptic as its actions and statements suggest.

Their skepticism is comprehensible. In the past, Westerners who accused Muslims of blindly following ancient scriptures came to deserved grief from academics—notably the late Edward Said—who pointed out that calling Muslims “ancient” was usually just another way to denigrate them. Look instead, these scholars urged, to the conditions in which these ideologies arose—the bad governance, the shifting social mores, the humiliation of living in lands valued only for their oil.

Monika Gronke: Geschichte Irans

Für mich sind die kleinen Bücher aus der Reihe C.H. Beck Wissen gute Reisebegleiter. Zu dem Zweck erwarb und las ich auch diese Einführung in die Geschichte des Iran. Monika Gronke ist Orientalistin an der Universität Köln und hat sich als Landesspezialisten einen guten Ruf erschrieben. Ihre Darstellung setzt mit Mohammed und der Islamisierung ein und geht bis in die Gegenwart. Mit der Zeit davor beschäftigt sich Das frühe Persien.
Gronke packt viel in wenige Seiten und gibt einen soliden Überblick über die komplexe Geschichte des Landes. Besonders hervorheben möchte ich ihre anschauliche Darstellung der Abspaltung der Schiiten. Sie beschreibt ausführlich die historischen Hintergründe dieser verhängnisvollen Entwicklung. Was sich gerade im Irak abspielt, kann man nur verstehen, wenn man den historischen Kontext dazu kennt.

Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

Textkritik des Koran

Von allen grundlegenden Texten der großen Weltreligionen ist der Koran bisher am schlechtesten philologisch erforscht. The Economist erläutert in einem informativen Artikel den Stand der Bemühungen:

Meanwhile, scholars in Europe, stimulated by the manuscripts in great European libraries, are working hard to find out how and when the Koran’s written form was standardised. In America more effort has gone into relating the Koran to what is known from other sources about political and social history. Patricia Crone, of America’s Institute for Advanced Study, once argued that Islam originated in a revolt by Semites against Byzantine and Persian power. She has revised her views, but copies of her 1977 book “Hagarism” change hands for hundreds of dollars.

A burst of new Koranic scholarship erupted at SOAS in the 1980s. These days, it is one of several British campuses where scholars say they find it hard to get funding for work that threatens orthodoxy—a change they ascribe to the influence of conservative Saudi donors. But in France, the home of literary theory, and Germany, the fatherland of textual analysis, free-ranging study of the Koran continues. If you want to argue that partial versions of Hebrew and Christian stories are visible in the Koran, or that its historical portions are inaccurate, nobody will stop you.

Reise-Notizen Israel (4): Moscheen und Wüste

Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee sollte man auf keinem Fall versäumen, auch wenn man letztere seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen kann. Man sieht aber auch sonst viele Moscheen im Land. Auf den ersten und zweiten Blick wirkt es so, als lebten Juden und Moslems im Kernland durchaus friedlich miteinander. Die größte arabische Stadt ist Nazareth mit knapp 65.000 Einwohner, von denen etwa ein Drittel Christen sind. Es gab einige Initiativen, Araber mit israelischen Pässen eine Umsiedlung in die Palästinesergebiete schmackhaft zu machen. Die Resonanz war denkbar gering. Wer vertauscht schon freiwillig ein Leben in (nach Maßstäben der Region) Freiheit und Wohlstand mit dem in einem „Entwicklungsland“ wie dem Gazastreifen?

Israel ist ein kleines Land. Keine 400km lang und an höchstens 60km breit. In sechs Stunden kann mal also unter Einhaltung des Tempolimits von 90 km/h vom nördlichsten zum südlichsten Punkt fahren. Kurz, Israel ist geographisch belanglos und seine Größe indirekt proportional zur Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Zu allem Überfluss werden sechzig Prozent der Fläche auch noch von der Negev Wüste eingenommen, in der nur zehn Prozent der Bevölkerung lebt. Trotz diverser Bemühungen, diese Landschaft ökonomisch zu nutzen, bleibt sie weitgehend der Armee vorbehalten, nebst Touristen versteht sich. Angesichts der Schönheit dieser Wüste, ist es sicher ein kluger Schachzug, auf Wüstentourismus zu setzen. Persönlich zählt dieser Landschaftstyp zu meinen Favoriten, gaukelt er doch weniger als andere die Natur als antiurbane Utopie vor. Rousseau in der Wüste spazierend und vom edlen Naturmenschen träumend ist schwer vorstellbar. Gleichzeitig bieten sich neben der Weite eine Fülle von bizzaren geologischen Formationen, manche eine halbe Milliarde Jahre alt.

Der Timna Park kurz vor Eilat wäre so ein Beispiel, wo man gut ausgeschildert seine geologischen Kenntnisse auffrischen kann oder einfach die Ästhetik der erdgeschichtlichen Verwerfungen genießen. In Timna betrieben die Ägypter vor 3500 Jahren Kupferbergwerke, von denen sich einige archäologische Überreste finden. Der Versuch des modernen Israel, die Kupfervorkommen auszubeuten, musste man mangels Rentabilität schnell wieder eingestellen. Der Badeort Eilat am Roten Meer eignet sich nur für eine Übernachtung bei einer Fahrt durch die Wüste: Ein Tourismusort der schlimmsten Art.

Richtung Norden liegt ein weitere spektakulärer Wüstenort: Makthesch Ramon, der Ramonkrater. Ein riesiges in Millionen von Jahren durch Erosion entstandenes Tal, in dem ein geologischer Höhepunkt den nächsten jagt. Oberhalb liegt die Wüstenstadt Mizpe Ramon, soweit man bei 5000 Einwohnern von „Stadt“ sprechen will. Die Bewohner sind überwiegend konservative Juden, die in schön angelegten Siedlungen leben und sich vom Leben in der Wüste offenbar die Laune nicht verderben lassen. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, womit diese Haushalte ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unwahrscheinlich, dass Israel dort 1500 Geologen beschäftigt :-)

Wer nach Israel fährt sollte sich unbedingt drei Tage Zeit für den Negev nehmen.

Bernard Lewis: Stern, Kreuz und Halbmond

Untertitel: „2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens“

Piper (Amazon Partnerlink)

Lewis gilt als Kenner des Nahen Ostens, weshalb ich mich bei meiner Buchauswahl für ihn entschied. Auf gut 500 Seiten eine Geschichte dieses ereignisreichen geographischen Raums zu verfassen, ist ein mutiges Unterfangen. Eine rein chronologische Abhandlung vorzulegen, wäre die naheliegende Vorgehensweise gewesen. Lewis entschied sich jedoch für unterschiedliche Darstellungsformen und gliederte sein Buch in vier große Teile:

Die „Vorgeschichte“ liefert den historischen Rahmen vor Christentum und Islam. Daran schließen die „Anfänge und Höhepunkte des Islams“ an, wobei die Frühgeschichte nicht zu kurz kommt. Dem folgen Lewis‘ „Querschnitte“ (Staat, Wirtschaft, Eliten, Volk, Religion und Gesetz, Kultur). „Die Herausforderung der Moderne“ ist der Titel des letzten Teils und führt (fast) bis an die Gegenwart.

Der Leser erhält auf diese Weise einen umfangreichen Einblick in den Nahen Osten. Der Autor führt den Interessierten von der Blüte der islamischen Kultur und Gelehrsamkeit bis hin zum langsamen, aber stetigen Niedergang des osmanischen Reiches. Einen der Hauptgründe für den Untergang sieht Lewis im mangelnden Interesse für Europa. Was sollten diese Ungläubigen schon zu bieten haben? Mit dieser Einstellung bekam man kaum etwas von der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert oder der späteren industriellen Umwälzung mit. Als durch verlorene Kriege nach und nach der technische Rückstand augenscheinlich wurde, war es für ein eigenständiges Aufholen zu spät. Bis in die Gegenwart sind diese Mängel ja zu beobachten, etwa fehlende herausragende naturwissenschaftliche Leistungen in dieser Weltgegend.

Interessant fand ich einen Teilaspekt der Erklärung, warum der Islam im Mittelalter Europa weit überlegen war. Lewis weist auf die große Bedeutung der Pilgerreise nach Mekka hin. Während in Europa die meisten Normalsterblichen selten ihr Dorf oder ihre Stadt verließen, brachen unzählige Muslime jedes Jahr zu einer langen Reise nach Mekka auf. Nun haben Reisen bekanntlich eine Reihe von intellektuellen Nebenwirkungen: Man lernt andere Kulturen kennen, trifft sich auf andere Menschen, fördert den Handel, kurz man erweitert den Horizont. Reiche Pilger pflegten übrigens auf die Reise eine Reihe von Sklaven mitzunehmen, die sie dann unterwegs zur Befüllung ihrer Reisekasse nach und nach verkauften: Sklaven als mittelalterliche traveller checks.

Das Buch liefert willkommene Hintergrundinformationen für die aktuellen Debatten und ist nicht nur deshalb der Lektüre wert.

Fouad Allam: Der Islam in einer globalen Welt

Wagenbach Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Fouad Allam ist gebürtiger Algerier und arbeitet als Soziologe an der Universität Triest. Seine Studie ist der ambitionierte Versuch, einen Überblick über die aktuelle politische Diskussion innerhalb der islamischen Gelehrtenwelt zu geben, wobei historische und geistesgeschichtliche Exkurse nicht zu kurz kommen.

Die Oberflächlichkeit der durch die politische Diskussion konstruierten Fronten zwischen dem Islam und den Rest der Welt entlarvt Allam, in dem er die geistesgeschichtlichen Einflüsse europäischer Denkschulen auf Vertreter des islamischen Fundamentalismus zeigt. So freundete sich der einflussreiche Mohammed Iqbal (und andere Intellektuelle seiner Generation) schnell mit der Philosophie Heideggers und Bergsons an. Irrationale Geistesverwandschaften.

Doch nicht nur Allams interkulturelle Analysen sind scharfsichtig. Er legt seine Finger auch auf die offenen Wunden der fundamentalistischen Bewegung. Während diese in Anspruch nähme, den „wahren Islam“ zu vertreten, sei sie doch weit entfernt von den historischen und kulturellen Wurzeln dieser Kultur:

Der Begriff „zeitgenössischer Islam“ macht es möglich, eine Bruchlinie zu ziehen zwischen dem historischen, anthropologischen Islam und einem neofundamentalistischen Islam, der das paradoxe Ergebnis des Akkulturations- und Modernisierungsprozesses der muslimischen Gesellschaften ist. Er merzt die Dimension der Kultur aus der religiösen islamischen Identität aus, er trennt sie von ihrer historischen, theologischen und philosophischen Überlieferung und macht sie zu einem abstrakten und ideologischen Konstrukt. [S. 88f.]

Ein selten kluges Buch zum Thema.

Islam und Christentum

Unter Gelehrten gibt es nicht erst seit 9/11 zwei Fraktionen. Während die einen wie Bernard Lewis vom unvermeidlichen Kampf der Kulturen reden, arbeiten die anderen die engen kulturellen und geistesgeschichtlichen Interdependenzen heraus. Hier bietet sich vor allem das Mittelalter als fruchtbares Forschungsgebiet an.

William Dalrymple bespricht* in der New York Review of Books 17/2004 eine Reihe von Büchern beider Seiten und meint:

Probe relations between the two civilizations at any period of history, and you find that the neat civilizational blocks imagined by writers such as Bernard Lewis or Samuel Huntington soon dissolve.

Interessant auch sein Hinweis auf eine Forschungsmeinung, dass die ersten europäischen Universitäten maßgeblich von islamischer Gelehrsamkeit inspiriert worden seien:

Some scholars go further. Professor George Makdisi of Harvard has argued convincingly for a major Islamic contribution to the emergence of the first universities in the medieval West, showing how terms such as having „fellows“ holding a „chair,“ or students „reading“ a subject and obtaining „degrees,“ as well as practices such as inaugural lectures and academic robes, can all be traced back to Islamic concepts and practices. Indeed the idea of a university in the modern sense—a place of learning where students congregate to study a wide variety of subjects under a number of teachers—is generally regarded as an Arab innovation developed at the al-Azhar university in Cairo. As Makdisi has demonstrated, it was in cities bordering the Islamic world—Salerno, Naples, Bologna, Montpellier, and Paris—that first developed universities in Christendom, the idea spreading northward from there.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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