Iran

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Das iranische Wien

Filmcasino 29.11. 2015

Iran 2011-12
Nessa
Regie: Loghman Khaledi

Iran 2008
Lady of the Roses
Regie: Mojtaba Mirtahmasb

Der Kulturverein Das iranische Wien organisierte für heute im Filmcasino eine Matinee mit zwei sehr unterschiedlichen, je fünfzig Minuten langen Filmen. In beiden stehen iranische Frauen im Mittelpunkt.

Nessa ist die bedrückende Fallstudie einer jungen iranischen Schauspielerin aus der Provinzstadt Kermanshah, die ich übrigens letztes Jahr während meiner Iran-Reise selbst besuchte. Ihre Familie und ihre Umwelt haben kein Verständnis für ihren selbstbestimmten Lebenswunsch. Ihr überforderter Bruder schlägt ihr deshalb fast ein Auge aus, womit der im dokumentarischen Stil gedrehte Film auch einsetzt.

Einen ganz anderen Ton schlägt die Dokumentation Lady of the Roses an, wobei die namensgebende Protagonistin nicht mehr direkter Teil des Filmes sein kann, weil sie bei einem Unfall ums Leben kam. Die beherrschende Figur vor der Kamera ist ihr zweiundachtzigjähriger Gatte Homayoun Sanatizadeh, den man sich eine Art persischen Universalgelehrten vorstellen darf. Das Ehepaar überzeugte 1500 Bauernfamilien in der Provinz Kerman statt Opium Rosen anzubauen, die sie in einer Fabrik zu Rosenwasser verarbeiten. In wenigen Jahren wird dieses Projekt eine unglaubliche Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten, deren treibende Kraft die Rosenlady war. Eine inspirierende, nachahmenswerte Geschichte.

Iran – Vom widersprüchlichen Alltag einer säkularen Theokratie

Erschienen in „Literatur und Kritik 489/490 (November 2014).

„Ist das nicht gefährlich?“ – Das war die häufigste Frage, die ich vor meiner dreiwöchigen Iranreise zu hören bekam. Da ich mich in der Vergangenheit oft religionskritisch geäußert hatte, sahen mich einige Freunde bereits kurz nach der Einreise gesteinigt. Stünde im Iran auf Atheismus nicht die Todesstrafe? Die meisten Europäer haben ein ausschließlich negatives Bild vom Iran. Aus teilweise guten Gründen, wenn man an die desaströse Menschenrechtslage dort denkt. Die knapp siebentausend Kilometer, die ich durch Persien fuhr, belehrten mich allerdings eines Besseren: Der Alltag der Menschen ist ganz anders als wir im Westen meinen. Eine differenziertere Sichtweise ist dringend notwendig.

Meine Reise führt mich im Mai von Teheran aus gegen den Uhrzeigersinn erst zu den Reisfeldern des Kaspischen Meeres und in den Norden des Landes, wohin sich nur selten Touristen verirren. Der nördlichste Punkt ist die armenische Thaddäuskirche, in der Nähe der türkisch-armenischen Grenze. Nach dem kurdischen Gebiet im Westen fahren wir mit vielen Zwischenstopps Richtung Süden nach Schiras. Die Stadt selbst ist ein Höhepunkt jeder Iranreise und Ausgangspunkt für die Besichtigung von Persepolis. Die südwestlichste Ecke der Reise ist die Wüstenstadt Bam, welche Ende 2003 von einem verheerenden Erdbeben vernichtet wurde. Weitere wichtige Stationen sind Yasd und selbstverständlich Isfahan, ein Höhepunkt jeder Iranreise.

Die erste große Überraschung: Das Leben in der Theokratie ist wesentlich weniger religiös geprägt als ich es erwartete. Reist man in die Türkei oder nach Marokko packt man am besten Ohrstöpsel ein, um von den Muezzinen nicht frühmorgens aus dem Schlaf gerissen zu werden. Im Iran fällt mir erst nach einigen Tagen auf, dass ich bisher noch keinen einzigen Gebetsruf gehört habe. Das wird sich erst am Ende der Reise in Isfahan ändern. Im Gegensatz zu den Sunniten sehen die Schiiten ihre religiösen Pflichten entspannt. Sie legen Gebete pragmatisch zusammen, sodass sie mit drei statt fünf Gebeten auskommen. Im Iran wollte unsere Fahrer kein einziges Mal eine Gebetspause einlegen. In der offiziell säkularen Türkei erlebte ich Fahrer, die vehement auf ihre Gebetspausen pochten. Im öffentlichen Leben konnte ich ebenfalls keine Einschränkungen wegen der Gebetszeiten beobachten. Selbst am heiligen Freitag haben nicht wenige Geschäfte geöffnet.

Ich kann diesen entspannten religiösen Alltag nur schwer mit meinem Wissen über das Ritual des jährlichen Ashurafestes zusammenbringen, während dessen sich schiitische Jungen und Männer vor vielen Zuschauern einer oft blutigen Selbstgeißelung unterziehen, um des Märtyrertods von Hussein ibn Ali zu gedenken. Es gibt im Iran auch kaum etwas, das öffentlich präsenter wäre als der Märtyrerkult: Die Toten des Kriegs mit dem Irak werden in unzähligen Tafeln gefeiert. Auf jeder dieser Tafeln ist ein großes Foto der meist sehr jung Getöteten. Aufgestellt sind sie neben der Straße, sodass man während einer längeren Fahrt durch besiedeltes Gebiet oft gespenstisch an tausenden von Toten vorbeifährt.

Die Jugend lässt sich von dieser seltsamen Staatsideologie allerdings nur noch bedingt gängeln. In der Öffentlichkeit hält man pro forma zwar die Regeln ein, aber oft mit einer provokanten Lässigkeit. Ängstliche Touristinnen sind konservativer gekleidet als progressive Iranerinnen. Das Kopftuch ist manchmal so weit nach hinten gerutscht, dass man es kaum mehr sieht. Das gilt allerdings überwiegend für Teheran und die Großstädte, während man in der Provinz häufig noch dem Tschador begegnet. Im wohlhabenden Norden der Hauptstadt sieht man viele junge Frauen am Steuer, das Smartphone am Ohr. Ein Bild, das im nahen Saudi-Arabien völlig undenkbar wäre. Es ist bemerkenswert, dass das totalitäre Saudi-Arabien im Westen medial weniger kritisiert wird als der Iran mit seinem vergleichsweise liberalen Straßenleben.

Dieser Alltag wirft auch ein bedenkenswertes Schlaglicht auf die berüchtigte Scharia. Theoretisch kann man für Ehebruch gesteinigt werden, eine der grausamsten Hinrichtungsformen. Die notwendigen vier Augenzeugen sind in der Praxis natürlich schwer aufzutreiben. Wie mir international erfahrene Teheraner aber nachdrücklich versichern, unterscheidet sich das Sexualleben in ihrer Stadt nicht wesentlich von dem in westlichen Hauptstädten. Würde die Scharia wirklich praktiziert, müsste man halb Teheran steinigen. Ähnlich ist es mit dem Alkohol. Uns Einreisenden werden am internationalen Imam Khomeini Flughafen Peitschenhiebe für das Schmuggeln von Alkohol angedroht. Es gibt aber ein Netz von oft armenischen Schwarzhändlern, bei denen man Alkohol zumindest in Teheran telefonisch mit praktischer Hauszustellung bestellen kann. Armenier zählen im Iran zu den geschützten religiösen Minderheiten. Die Toleranz geht so weit, dass ihnen die Herstellung von Alkohol offiziell erlaubt ist – so lange sie ihn nicht verkaufen. Im Iran gibt es alle westlichen Vergnügungen, allerdings müssen sie in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Es spielt keine Rolle, ob ich mich in einer Großstadt oder auf dem Land aufhalte: Ich werde sofort angesprochen. Nach einem herzlichen „Welcome!“ folgt sofort die Frage: „How do you like Iran?“. Schnell wird mir klar, wie schmerzlich die Iraner unter dem schlechten internationalen Ruf ihres Landes leiden. Schau uns an und rede mit uns! Sehen wir aus wie fanatische Islamisten und Selbstmordattentäter? Sind wir nicht ebenso gebildet und normal wie ihr Europäer? Sobald ich anfange, meine positiven Eindrücke zu formulieren, fällt speziell den jungen Iranern sichtbar ein Stein vom Herzen. In Gesprächen wird schnell deutlich, wie stolz sie auf ihre Jahrtausende alte Kultur sind. Sie wollen als eine der wichtigsten Kulturnationen der Weltgeschichte anerkannt werden, gleichberechtigt mit Ägypten, Griechenland oder Italien. Gerne betonen sie ihr Indoeuropäertum, manchmal mit einem nicht zu überhörenden chauvinistischen Unterton, und grenzen sich strikt gegen die Araber ab. Ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Mentalität ist der institutionelle Rassismus, mit dem die afghanischen Flüchtlinge im Lande zu kämpfen haben.

Viele Iraner scheinen mir völlig resistent gegen die Ideologie ihres Staats zu sein. Seit Jahrzehnten werden sie beispielsweise zum Hass gegen den USA erzogen. Unter den zahllosen Flaggen, die in den Hotels zur Dekoration verwendet werden, sehe ich nirgends eine einzige amerikanische. Die männliche Jugend auf der Straße ist trotzdem durch den American Way of Life geprägt und trägt auffällige amerikanische Marken, wenn sie es sich leisten kann. Ein Arzt in Isfahan wirbt auf seinem Schild prominent mit „from the U.S.A“. Unter vier Augen redet man selbst mit völlig Fremden Klartext. Im Park einer Provinzstadt spricht mich auf Englisch ein Physiker an. Er lobt zuerst ausführlich Deutschland und dessen Wirtschaft, zählt anerkennend prominente deutsche Physiker auf, und fährt fort: „Aber es gab auch sehr böse Deutsche wie Hitler.“ Nachdem er sich kurz umsieht, ob jemand in Hörweite steht folgt geflüstert der ebenso mutige wie problematische Satz: „Khomenei war unser Hitler.“

Auch die Wertschätzung des kulturellen und historischen Erbes passt wieder so gar nicht zum Bild eines islamistischen Landes. Man muss nicht an die durch die sunnitischen Taliban zerstörten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan denken, um sich das Bilderverbot des Islam ins Gedächtnis zu rufen. Im Gegensatz dazu erfreuen sich die „heidnischen“ bilderreichen Altertümer im schiitischen Iran von allen Seiten größter Wertschätzung. Nicht nur von den Iranern, die sehr stolz auf ihre Vergangenheit sind, selbst der theokratische Staat kümmert sich kompetent um diese Kulturschätze. Ich habe selten so sorgfältig kuratierte Provinzmuseen besucht wie im Iran. Als Beispiel sei das Azarbaidjan-Museum in Tabriz genannt, der Provinzhauptstadt Ostazarbaidjans.
Zu den Höhepunkten der altpersischen Kultur zählen neben dem Persepolis auch viele figurative Reliefs und Grabstätten. Überall treffe ich inländische Touristen, die ihre Kulturdenkmäler bewundern.
Außer Armenien habe ich noch nie ein Land bereist, in dem die Menschen so stolz auf ihre Sprache und ihre Literatur sind. Überall sind Straßen und Plätze nach persischen Klassikern benannt. Ihre Statuen sind omnipräsent. Böse Zungen behaupten, in iranischen Haushalten gäbe es mehr Hafiz- als Koranausgaben. Diese Dichterverehrung geht allerdings weit über das Ästhetische hinaus: Sie werden fast wie Propheten verehrt. Man verspricht sich von ihren Gedichten konkrete Lebenshilfe. Literarische Hauptpilgerstätte ist Shiraz, wo die Mausoleen der Dichter Hafiz und Saadi stehen. Ich war zuerst skeptisch als ich hörte, fast jedes frisch vermählte Paar wolle das Hafiz-Denkmal besuchen. Vor Ort sehe ich dann tatsächlich viele junge Pärchen, die für ein Foto posieren. Teenager beiderlei Geschlechts stehen ehrfürchtig um Hafiz‘ Sarkophag herum und legen andächtig beide Hände darauf. Ich stelle mir kurz hunderttausende deutschsprachige Teenager vor, die nach Weimar pilgern, um ihren Goethe zu besuchen. Was für uns unvorstellbar ist, ist im Iran Alltag.

Die Wirtschaft des Landes leidet unter den Sanktionen, welche der Westen wegen des iranischen Atomprogramms verhängte. Das besagen diverse Statistiken und auch die hohe Inflationsrate spricht eine deutliche Sprache. Fährt man durch das Land, passt das Gesehene nur bedingt zu diesen Informationen. So ist die Verkehrsinfrastruktur Irans vorbildlich. Wir fuhren viele tausende Kilometer auf perfekt ausgebauten Autobahnen. Selbst die ASFINAG könnte hier in Sachen Schlaglochfreiheit noch einiges lernen. Wo die Sanktionen gut greifen, das ist der Autoimport. Westliche Autos auf persischen Straßen sieht man kaum, mit der Ausnahme von alten Peugots, weil es hier früher eine langjährige Kooperation mit Frankreich gab. Die Hotels sind für ein orientalisches Land ebenfalls in einem hervorragenden Zustand. Viele wurden in den letzten Jahren neu errichtet. Ich sehe immer wieder still gelegte Baustellen, aber es wird im ganzen Land intensiv gebaut. In den Geschäften findet man viele asiatische Markenprodukte, etwa von LG und Samsung. Wer sich das leisten kann, ist eine andere Frage.
Anders als von mir angenommen, sind selbst die Ladenöffnungszeiten liberaler als in Österreich. Geschäfte dürfen bis Mitternacht offen halten. In den Städten wird das auch ausgenutzt: Die Straßen sind bis nach Mitternacht belebt. So manches österreichische Städtchen würde das Straßenleben einer iranischen Kleinstadt beneiden.

Als ich nach drei Wochen wieder zurück in Teheran bin, weiß ich, wie einseitig die westliche Berichterstattung über den Iran ist. Im Mittelpunkt steht immer nur die schreckliche Staatsideologie des Landes. Wer sehen will, wie wenig relevant dieser Unfug für den Alltag von Millionen Iranern ist, der muss sich selbst vor Ort ein eigenes Bild machen: Der Iran ist von allen bisher von mir bereisten orientalischen Ländern das „europäischste“.

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men

Das zentrale Ereignis des Buches ist der CIA-Putsch gegen die iranische Regierung des Mohammed Mossadegh‘ im Jahr 1953. Der konkrete Ablauf der Ereignisse liest sich spannend wie ein Thriller. Kinzer gelingt aber weit mehr als eine gut geschriebene Schilderung historischer Tatsachen. Er stellt einen überzeugenden Konnex zwischen der Kolonialgeschichte des Iran und den aktuellen Ereignissen im Mittleren Osten her. Die Geschichte der US-Interventionen in dieser Weltgegend führen ja tatsächlich von einem Desaster zum nächsten. Legte der CIA-Putsch eine Grundlage für die spätere sogenannte „islamische Revolution“, so war die letzte Intervention im Irak ein wichtiger Katalysator für die aktuelle Katastrophe dort.

Eine Schlüsselrolle für die iranische Unzufriedenheit spielte die arrogante und inhumane britische Kolonialpolitik, die selbst bei der amerikanischen Politik damals auf immer größeres Unverständnis stieß. Was die Anglo-Persian Oil Company damals im Iran aufführte, war eine prototypische kolonialistische Schmierenkomödie.

Vom Genre her ist All the Shah’s Men ein ebenso gut recherchiertes wie gut geschriebenes Sachbuch, das auch vor Polemik nicht zurückschreckt. Nichts also für Leser, die ausschließlich ausgewogene akademische Kost bevorzugen. Für alle anderen eine klare Leseempfehlung.

Stephen Kinzer: All the Shah’s Men: An American Coup and the Roots of Middle East Terror (Wiley)

Monika Gronke: Geschichte Irans

Für mich sind die kleinen Bücher aus der Reihe C.H. Beck Wissen gute Reisebegleiter. Zu dem Zweck erwarb und las ich auch diese Einführung in die Geschichte des Iran. Monika Gronke ist Orientalistin an der Universität Köln und hat sich als Landesspezialisten einen guten Ruf erschrieben. Ihre Darstellung setzt mit Mohammed und der Islamisierung ein und geht bis in die Gegenwart. Mit der Zeit davor beschäftigt sich Das frühe Persien.
Gronke packt viel in wenige Seiten und gibt einen soliden Überblick über die komplexe Geschichte des Landes. Besonders hervorheben möchte ich ihre anschauliche Darstellung der Abspaltung der Schiiten. Sie beschreibt ausführlich die historischen Hintergründe dieser verhängnisvollen Entwicklung. Was sich gerade im Irak abspielt, kann man nur verstehen, wenn man den historischen Kontext dazu kennt.

Monika Gronke: Geschichte Irans. Von der Islamierung bis zur Gegenwart (C.H. Beck Wissen)

Tom Holland: Persian Fire

Die Zeiten, in denen humanistisches Wissen Allgemeingut war, sind bereits länger vorbei. Dabei gibt es kaum etwas Wichtigeres als ein solides Wissen über die Antike um die Gegenwart verstehen zu können. Viele bis heutige gültige Muster wurden damals begründet. Das reicht von den intellektuellen Grundlagen der westlichen Zivilisation bis hin zur Geopolitik. Wer Herodot, Thukydides oder Platon richtig zu lesen vermag, der wird über deren Aktualität verblüfft sein.

Höchst erfreulich ist es deshalb, wenn der Historiker Tom Holland mit Persian Fire ein Buch vorlegt, das zwei Dinge vereint: Den aktuellen Stand der Forschung mit einer spannenden Schreibweise. Höhepunkt des Werkes sind die Perserkriege, also die berühmten Schlachten zwischen Griechen und Persern. Auf dem Weg dorthin beschreibt Holland die beiden Zivilisationen so anschaulich, dass selbst Unvorbelastete danach einen lebendigen Einblick in die klassische Welt der Antike haben. Er nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Wurden die Spartaner früher in den humanistischen Gymnasien noch als Ausbund von Tapferkeit und Männlichkeit gepriesen, stellt Holland deren Dummheit und Brutalität in den Mittelpunkt – ohne ihre militärischen Leistungen zu schmälern. In Wahrheit waren die Spartaner ja reaktionäre Fanatiker, wie heute die Isis oder die Taliban, deren Alltagskultur auf Gehirnwäsche und Gewalt beruht.

Das Perserreich war das erste multikulturelle und multireligiöse Imperium. Ein Lehrstück, dass ein großes Reich nur mit Toleranz funktionieren kann. Wenn ich mir ansehe, in welchem traurigen Zustand der Mittlere Osten heute ist, dann kann man nur auf einen neuen Darius hoffen. Ansonsten wird die Region über die nächste Jahrzehnte im Chaos versinken.

Persian Fire liest sich wie ein spannender historischer Roman. Empfehlenswert ebenso für Freunde der Antike wie für Einsteiger. Für mich war es auch ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung meiner Iranreise. Nachdem ich die englische Originalausgabe las, kann ich nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen.

Tom Holland: Persian Fire. The First World Empire and the Battle for the West (Abacus) / Deutsche Ausgabe

Peyman Javaher-Haghighi: Iran, Mythos und Realität

Auf der Suche nach einem guten Buch über die aktuelle Situation im Iran stieß ich auf diese Studie von Peyman Javaher-Haghighi. Der Titel verspricht nicht zu viel: Es gelingt dem Autor tatsächlich ein sehr differenziertes, ungeschöntes Bild der Situation des Landes zu zeichnen. Inhaltlich konzentriert sich Javaher-Haghighi auf die Zeit seit der islamischen Revolution. Schon das erste Kapitel zeigt, dass diese Revolution in Wahrheit so islamisch gar nicht war, sondern überwiegend auch durch soziale und wirtschaftliche Faktoren dominiert wurde. Khomenei selbst versprach den Iranern Verbesserungen aller Art, selbst wenn sie gegen seine Ideologie gerichtet waren. So kündigte er an, die Gleichberechtigung der Frauen fördern zu wollen, während er das Gegenteil plante.

Die Stärke des Buchs liegt in der faktenreichen Dokumentation seiner Thesen. Javaher-Haghighi argumentiert überwiegend auf dem Boden der Tatsachen. Trotzdem macht er aus seiner Verachtung für das theokratische Regime keinen Hehl. Er rückt viele Klischees über den Iran zurecht und problematisiert plausibel die Übernahme westlicher Begriffe auf das Land. In Wahrheit ist die Bevölkerung und Kultur des Iran ja sehr differenziert und komplex, so dass sich die Reduktion auf „islamisch“ eigentlich von selbst verbietet. Es handelt sich um eine von der Struktur her kapitalistische Gesellschaft, die von einer anachronistischen Theokratie regiert wird.

Besonders ausführlich beschreibt Javaher-Haghighi auch die zahlreichen sozialen (Protest-)bewegungen im Iran, über die im Westen nur selten geschrieben wird. Trotz des akademischen Unterbaus, ist der Text exzellent zu lesen. Wer sich für den Iran interessiert, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Peyman Javaher-Haghighi: Iran, Mythos und Realität. Staat und Gesellschaft jenseits von westlichen Sensationsberichten.

Marjane Satrapi: Persepolis

Es war meine erste graphic novel. Vermutlich wird es auf absehbare Zeit auch meine letzte bleiben, weil mich das Genre überhaupt nicht anspricht. Weil Buch und Film in den letzten Jahren aber ein breites Publikum fanden, wollte ich sie als Vorbereitung für meine Iranreise nicht übergehen. Persepolis erzählt aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines kleinen Mädchens, das während der islamischen Revolution in Teheran aufwächst. Die Erwachsenenwelt gespiegelt durch Kinderaugen ist freilich kein sehr origineller Kunstgriff mehr. Ihre säkularen Eltern schicken sie schließlich ins Exil nach Wien. Die Wiener Zeit war denn für mich auch der Höhepunkt des Buches, weil der Zusammenprall der beiden Kulturen amüsant und plausibel geschildert wird. Als Projekt interkultureller Verständigung, ist Persepolis sicher gelungen: Wer wenig über die Zeitgeschichte des Irans weiß, wird viele Wissenslücken schließen können.

Der Film spricht mich formal deutlich mehr an als das Buch. Visuell wirkt die grafische Ästhetik überzeugender auf der Leinwand als gedruckt. Ob einen die Zeichnungen ansprechen, ist freilich in erster Linie eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Marjane Satrapi: Persepolis.

Persepolis (Blu-ray)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien

Die kleinen Bände der Wissen-Reihe von C.H. Beck sind ideale Reisebegleiter, fallen sie doch buchstäblich im Gepäck nicht ins Gewicht. Für meine Iranreise besorgte ich mir deshalb unter anderen den Band über das frühe Persien. Josef Wiesehöfer ist ein ausgesprochener Kenner des frühen Iran und schafft es, trotz des knappen Rahmens, viele interessante Informationen zu vermitteln. Positiv fällt vor allem Zweierlei ins Gewicht: Erstens gibt er zu Beginn eine ausführliche Beschreibung der Quellenlage. Zweitens findet er auch Platz, den Paradigmenwechsel in seinem Fach zu thematisieren. Jahrhundertelang wurden die Perser ja aus der Brille der Griechen wahrgenommen. Die Griechen haben nicht nur die berühmten Perserkriege gewonnen, sie haben auch die Meinung über die Perser über Jahrtausende bestimmt. Erst in den letzten Jahrzehnten versuchte die Forschung, die altpersische Geschichte aus Perspektive der Perser zu verstehen. Beispielsweise waren die Perser als erstes multikulturelles Imperium außergewöhnlich tolerant, nicht nur was Religionsausübung angeht. Eine sehr gute Einführung auf akademischem Niveau.

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (C.H. Beck Wissen)

Iran – Rückblick und aktuelle Entwicklung

Im Mai werde ich drei Wochen den Iran bereisen, weshalb mich die Iran-Berichterstattung derzeit besonders interessiert. Jessica T. Mathews schreibt in der New York Review of Books einen exzellenten Artikel darüber, wie sich die Beziehung zwischen dem Iran und der USA entwickelten, um danach auf die aktuelle Situation einzugehen.

Sie weist auch auf die Risiken eines militärischen Angriffs hin:

Even the strongest proponents of air strikes against Iran’s known nuclear facilities do not argue that the result would guarantee anything more than a delay—perhaps two years or somewhat longer—in Iran’s program. Facilities can be rebuilt and physicists and engineers would continue to have the expertise needed to make nuclear weapons. After years of effort, Iran can now make at home most of what it needs to build a bomb.

When the program is rebuilt after an attack there would be no IAEA inspectors and no cameras to monitor its advance, since monitoring depends on cooperation. As outsiders attempted to track the reconstituted program and prepare for another round of attacks, they would know far less than we do today about the scale, scope, and location of what is happening.

The political consequences would be longer lasting. An attack is likely to unite the country around the nuclear program as never before. The hardest of Iran’s ideological hard-liners would be strengthened against those who had advocated restraint and reconciliation, thereby radicalizing and probably prolonging clerical rule. Following air strikes, it would be easy for Iranian leaders to make the case that the country faces unrelenting international enmity and must acquire nuclear weapons in order to deter more attacks.

Abbas Kiarostami: Close-Up (1990)

Mein erster iranischer Film war gleich ein herausragendes cineastisches Erlebnis. Es ist nicht überraschend, dass Close-Up bei Filmenthusiasten einen so guten Ruf genießt, beschäftigt er sich doch intensiv mit der Filmkunst an sich, und das auf eine sehr raffinierte Art und Weise. Im Mittelpunkt steht der arme Hossein Sabzian, der plötzlich den Entschluss fasst, sich als den berühmten Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf auszugeben. Er überredet eine wohlhabende Familie, ihr Haus für einen Filmdreh zur Verfügung zu stellen, und genießt nicht nur die ihm entgegen gebrachte Wertschätzung, sondern identifiziert sich immer stärker mit der Rolle. Schließlich wird er entlarvt und vor Gericht gestellt.

Als Zuseher sieht man die Geschichte überwiegend in Rückblenden, wenn Sabzian dem Richter seine Geschichte erzählt. Der Verdacht der Familie ist natürlich, dass er das Haus für einen Raub auskundschaften wollte. Sabzian gelingt es aber schließlich die Beteiligten von seinem Film-Enthusiasmus zu überzeugen.

Über die Handlung legt sich zwangsläufig die Identitätsthematik und im Verlauf des Films verschwimmt immer mehr, wer Sabzian eigentlich ist. Ebenfalls wird kritisch hinterfragt, wie die iranische Gesellschaft mit vordefinierten Rollenmustern umgeht. Hinzu kommt, dass diese Geschichte tatsächlich passiert ist, und die damals Beteiligten sich im Film selbst spielen, was dem Ganzen noch einen ironischen Kontrapunkt aufsetzt und ein ausgesprochen vielschichtiges Kunstwerk ergibt.

Close-Up (DVD)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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