Ibsen

Ibsen: Die Wildente

Theater an der Josefstadt 30.6. 17

Regie: Mateja Koležnik

Großhändler Håkon Werle: Michael König
Gregers Werle, sein Sohn: Raphael von Bargen
Der alte Ekdal: Siegfried Walther
Hjalmar Ekdal, sein Sohn, Fotograf: Roman Schmelzer
Gina Ekdal, Hjalmars Frau: Gerti Drassl
Hedvig, beider Tochter: Maresi Riegner
Frau Sørby, Werles Haushälterin: Susa Meyer
Relling, Arzt: Peter Scholz
Molvik, ehemaliger Theologe: Alexander Absenger

Die Wildente in achtzig Minuten? Bekanntlich schätze ich Texttreue im Theater sehr: Wenn ein Regisseur einen Klassiker zu sehr kürzt, bin ich erst einmal sehr skeptisch. Diese Inszenierung ist aber ein Beispiel dafür, dass es keine absoluten Kriterien für gelungene Kunstwerke gibt: Sie funktioniert nämlich überraschend gut. Das Bühnenbild besteht aus einer großen Treppe, die von links unten nach rechts oben führt, und auf der sich die komplette Handlung abspielt. Zu sehen ist noch der Zugang zum Dachboden in dem das titelgebende Federvieh residiert.

Das Tempo ist naturgemäß hoch, was den Fokus sehr auf die sich entwickelnde Familientragödie legt, und auf Kosten der von Ibsen intendierten Symbolik (Wildente!) geht. Für die semantische Aufladung der Symbole ist die Zeit schlicht zu knapp. Schauspielerisch ist das Niveau ohne Ausnahme sehr hoch. Ein empfehlenswerter Theaterabend.

Ibsen: John Gabriel Borkman

Akademietheater 17.4. 2016

Regie: Simon Stone

John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Gunhilds Zwillingsschwester: Caroline Peters
Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Dieser Theaterabend lädt zu einigen grundsätzlichen Überlegungen über die Beziehung von Klassikern und deren Aktualisierungen im Theater ein. Wer meine Theaternotizen kennt, weiß, dass ich prinzipiell ein Freund des modernen Regietheaters bin. Allerdings funktionieren nur wenige dieser Inszenierungen wirklich gut, weil vielen Regisseuren inzwischen der persönliche Bezug zu den Klassikern fehlt. Freilich gibt es einige Theatertalente wie Andrea Breth oder Martin Kusej, denen überdurchschnittlich oft herausragende Inszenierungen gelingen. Diesen „John Gabriel Borkman“ zähle ich nicht zu den gelungenen Beispielen. Der Text und die Figuren weichen nämlich so weit vom Original ab, dass Ibsens ästhetische Ideen grundsätzlich in Frage gestellt werden. Während Ibsen Gunhild Borkman als vor Scham isolierte alte Frau charakterisiert, ist sie hier dank des Internet mit der Welt vernetzt: Google und Facebook spielen in den ersten Szenen eine prominente Rolle.
Ein wesentlicher Reiz bei der Rezeption von Klassikern ist jedoch die intellektuelle Aktualisierungsarbeit: Was hat der Roman oder das Stück mit der Gegenwart zu tun? Es finden sich immer eine Vielzahl von direkten und indirekten Bezügen. Transponiert man einen Klassiker zu plump in die Gegenwart, nimmt man einerseits dem Publikum dieses grandiose kognitive Vergnügen, und erklärt es andererseits implizit für zu dumm, diese Geistesarbeit überhaupt noch zu erbringen. Deshalb ziehe ich Theatermenschen wie Andrea Breth vor, welche den Text möglichst unangetastet lassen.

Doch selbst die Aktualisierung geht in diesem Fall schief: Borkman selbst ist im Stück ein verknöcherter, verbitterter Ex-Bankdirektor, der wegen Finanzbetrugs fünf Jahre im Gefängnis saß. Ein arroganter Anzugträger. Hier wird er zu einem Clown mit pennerähnlichen Zügen degradiert. Von der Handlung her gesehen gibt es in Zeiten der Finanzkrisen kein aktuelleres Ibsendrama. Die Vorstandsetagen der Banken sind voller machtgieriger und sich selbst überschätzender Borkmans. Hier den Fokus auf eine clowneske Lächerlichkeit zu legen, ist eine vertane Chance.

Von diesen grundsätzlichen Erwägungen abgesehen, funktioniert der Abend intrinsisch einwandfrei. Das Ensemble ist schauspielerisch grandios und die mit Kunstschnee tief bedeckte Bühne gibt die Gelegenheit für so manche Gags. Sehenswert also, wenn man sich keinen Ibsen-Klassiker erwartet.

Ibsen: Die Frau vom Meer

Akademietheater 28.11. 2013

Regie: Anna Bergmann

Doktor Wangel, Bezirksarzt: Falk Rockstroh
Ellida, seine zweite Frau: Christiane von Poelnitz
Bolette, seine ältere Tochter aus erster Ehe: Alexandra Henkel
Hilde, seine jüngere Tochter aus erster Ehe: Jasna Fritzi Bauer
Arnholm, Oberlehrer: Tilo Nest
Lyngstrand: Christoph Luser
Ballested: Franz J. Csencsits
Kind: Maxi Gerstbach

Einmal mehr bestätigt sich: Das Akademietheater ist die beste Bühne Wiens. Anna Bergmanns Inszenierung ist ebenso klug wie packend. Zu Beginn sieht man die kahle Wand der Bühne, welche die Schauspieler nie verlassen. In dieser minimalistischen, mit einer Handvoll Requisiten angereicherten Szenerie findet die Exposition statt. Wenn die Handlung an Fahrt gewinnt, wird ein klassisch-weißes Bühnenbild von der Decke herab gelassen. Diese weißen Zimmerwände werden als Videoprojektionsfläche benutzt: In schnellen Schnittfolgen werden Erinnerungen und Szenen aus der Vergangenheit eingeblendet. Dramatische Szenen werden durch projizierte „Live-Nahaufnahmen“ verstärkt. Bergmann gelingen starke Theaterbilder, etwa wenn Ellida während ihres Zusammenbruchs die Bretter aus dem Fußboden reißt, unter dem sich Wasser verbirgt. Später versucht ihr braver Gatte Dr. Wrangel die Bretter wieder in Ordnung zu bringen. Es misslingt: Die Beziehung kann nur zu einem kleinen Teil repariert werden. Durch die ganze Inszenierung zieht sich eine überraschend gelungene Wassermetaphorik. Bergmann greift auf fast ausgeleierte Regiemittel zurück, setzt diese aber klug und ästhetisch adäquat ein.

Alle Schauspieler sind exzellent, herausragend allerdings Christiane von Poelnitz, welche das Abgleiten der Frau vom Meer in den Wahnsinn mit einer gänsehautinduzierenden tragischen Authentizität spielt. Es gibt wenige Theaterklassiker aus dem 19. Jahrhundert, die heute noch so taufrisch wirken wie die Stücke Ibsens.

Elfriede Jelinek: Nora

Garage X 23.10. 2012

Regie: Ali M. Abdullah
Mit: Dennis Cubic, Anita Gramser, Markus Heinicke und Julia Jelinek

Nun setze ich endlich meinen langjährigen Vorsatz um, mir einmal die Wiener Offtheaterszene systematisch anzusehen, obwohl mich die „großen“ Bühnen Wiens eigentlich mehr als genug auslasten. Man könnte in Wien ja hauptberuflich ins Theater gehen, entsprechende Sponsoren freilich vorausgesetzt.
Auftakt war ein frühes Jelinekstück in der Garage X, das mit vollem Titel Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften heißt und das berühmte Stück Ibsens weitererzählt. Nora landet erst in einer Fabrik und wird dann Opfer diverser Machenschaften ihres neuen Gatten, eines Großunternehmers, der sie ohne mit der Wimper zu zucken aus geschäftlichen Gründen demütigt. Jelinek wendet ihre „Methode“, Kritik auch durch verräterische Sprachverwendung zu üben, bereits an, wenn auch noch weniger ausgeprägt als in ihren späteren Werken.

Die kleine Garage X liegt im Zentrum Wiens, fast unter der Peterskirche, und nur ein paar Schritte vom Stephansplatz entfernt. Es ist buchstäblich ein Kellertheater. Ali M. Abdullah bringt das Stück furios auf die „Bühne“, die in Wahrheit ein großer Raum ist, auf den die Zuschauer hinabsehen. Witzig sind die Versatzstücke aus unterschiedlichen Regietraditionen, die ironisch verwendet werden. So spielen die vier Schauspieler jeweils unterschiedliche Rollen und bekleben sich jeweils mit großen Zetteln, auf dem zu lesen ist, wen sie gerade spielen. Abdullah setzt also Mittel des epischen Theaters ein, ohne den spießig-didaktischen Stil Brechts zu verwenden, obwohl Jelineks Stück natürlich sehr gesellschaftskritisch ist. Schauspielerisch gab es ebenfalls nichts auszusetzen.

Die Inszenierung zeigt, wie man mit wenig aufwändigen Mitteln einen spannenden Theaterabend hinbekommt.

Ibsen: Gespenster

Akademietheater 22.3.

Regie: David Bösch

Frau Helene Alving: Kirsten Dene
Osvald Alving, ihr Sohn, Maler: Markus Meyer
Pastor Manders: Martin Schwab
Tischler Engstrand: Johannes Krisch
Regine Engstrand, im Haus bei Frau Alving: Liliane Amuat

Das Schöne an der Kunst: Jede Regel wird früher oder später widerlegt. So bin ich generell kein Freund von textlich radikal zusammen gestrichenen Klassikern und schätze Regisseurinnen wie Andrea Breth, die intelligente moderne Inszenierungen auf die Bühne bringen, ohne den Text anzugreifen. So war ich trotz der kritischen Lobeshymnen skeptisch, ob die großartigen Gespenster des Bürgerschrecks Ibsen in 100 Minuten möglich sind.

David Bösch belehrte mich eines Besseren und bescherte mir einen der besten Theaterabende der letzten Jahre! Obwohl auch hier etwas mehr Text nicht geschadet hätte, da sich manche Ereignisse mehr überschlagen als von Ibsen intendiert. Ein überdimensionales Bild des hohlwangigen Alving dominiert die Rückseite der Bühne. Die Szenerie ist verstaubt und voller Gerümpel, nebst einigen Champagner-Kisten und vom Pastor missbilligten Bücherstapeln. In dieser tristen Umgebung nimmt die bekannte Enthüllungsgeschichte ihren Lauf. Die Inszenierung lebt von grandioser Schauspielkunst. Kirsten Dene als Helene Alving und Martin Schwab als Pastor Manders liefern eine Glanzleistung, welche zu den besten ihrer Karriere zählt. Johannes Krisch gibt einen furiosen versoffenen Tischler Engstrand, und auch Markus Meyer und Liliane Amuat lassen sich von den großen Alten nicht an die Wand spielen.

Ganz großes Theater!

[15.4. 2012] Ein sehr lesenswertes Porträt des Regisseurs brachte Datum.

Ibsen: Baumeister Solness

Akademietheater 16.9.04
Regie: Thomas Ostermeier
Halvard Solness: Gert Voss
Aline Solness: Kirsten Dene
Hilde Wangel: Dorothee Hartinger

Angesichts des Theaters, das seit Jahren rund um Thomas Ostermeier inszeniert wird, hätte ich mir eine besondere Regieleistung erwartet. Stattdessen gab es eine grundsolide Aufführung, schauspielerisch erwartungsmäß auf hohen Niveau. Ostermeier versetzte das Stück ohne Effekthascherei in die Gegenwart und bediente sich obsessiv der Drehbühne.
Am Schluss ließ der Regisseur den Baumeister Solness aufwachen: Alles war nur ein Traum. Das passte so gar nicht zu der unträumerischen Inszenierung und kann wohl nur durch einen zwanghaften Originalitätszwang (die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht) erklärt werden.

Ibsen: Die Wildente

Theater in der Josefstadt 23.11.02
Regie: Dietmar Pflegerl
Gregers: Herbert Föttinger
Hjalmar Ekdal: Peter Scholz
Hedwig Ekdal: Gertrud Dassl

Für die Nicht-Wiener: Das Theater in der Josefstadt (das angesichts des Gesundheitszustandes des Publikums wohl bald in „Sanatorium in der Josefstadt“ umbenannt wird) ist die konservativste Bühne der Stadt. Erstaunlich deshalb, dass ausgerechnet dort derzeit die besten Aufführungen in Wien zu sehen sind (vom Akademietheater einmal abgesehen). Peinlichkeiten wie den Cyrano de Bergerac am Burgtheater gibt es in der Josefstadt nicht.

Geboten wird dort klassisches literarisches Schauspiel auf sehr hohem Niveau, eine Kunst also, die angesichts avancierterer Regie-Ästhetiken antiquiert wirken mag, trotzdem für das Überleben des Theaters unverzichtbar ist.

Vielfalt sollte das Motto sein, und es ist schön in einer Stadt zu leben, wo beides in ansprechender Qualität geboten wird (und, nebenbei bemerkt, in einer Stadt, in der mehr Menschen in die Theater als in die Fußballstadien gehen :-)
„Die Wildente“ ist eines der interessantesten Stücke Ibsens, markiert es doch einen wichtigen Wendepunkt seines Schaffens. Im Gegensatz zu früheren Werken (die „Gespenster“ etwa) bricht der Autor hier den idealistischen Standpunkt: Der „Aufklärer“ Gregers Wehrle nimmt seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal seine Lebenslüge mit dem Ziel, eine wahre, auf Aufrichtigkeit gegründete Ehe zu stiften. Das Ergebnis führt in die Katastrophe. Idealismus ohne Rücksicht auf menschliche Schwächen stiftet mehr Schaden, denn Nutzen, so das skeptische Resümee.

Stoffgeschichtlich ist das Stück aufschlussreich, weil erstmals im europäischen Theater eine kleinbürgerliche Familie die Hauptrolle spielt und das Ende von einem düsteren Pessimismus zeugt. Die Inszenierung ist „klassisch“ im besten Sinn des Wortes. Die schauspielerischen Fähigkeiten sind beeindruckend (ab und zu vielleicht einen Hauch zu pathetisch).

Eine dringende Empfehlung!

Ibsen: Rosmersholm

3 SAT, Burgtheater Wien

Seit Monaten versuche ich für diese Inszenierung im Wiener Akademietheater Karten zu bekommen – vergeblich. Gestern schließlich eine Aufzeichnung im Fernsehen. Peter Zadek inszeniert zurückhaltend, läßt sich ruhig auf die Dialoge ein, verläßt sich auf die Gestaltungskraft der Schauspieler Gert Voss (Johannes Rosmer), Angela Winkler (Rebecca) und Peter Fitz (Dr. Kroll). Ein Beleg dafür, wie spannend „klassische“ Inszenierungen auch in Zeiten des Regietheaters sein können. Beide Inszenierungesstile ergänzen sich optimal, das Gegenwartstheater braucht beide Varianten.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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