Goethe

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Goethe: Hermann und Dorothea

Erstmals 1797 gedruckt und kurz vorher geschrieben wird Hermann und Dorothea zu Lebzeiten Goethes und auch darüber hinaus nach dem Werther sein populärstes Buch. Lässt es sich doch hervorragend als eine epische Heroisierung des Bürgertums lesen und enthält auch eine brave Brise Patriotismus, was zur Zeit der Kriege mit den Franzosen natürlich dem Erfolg nicht schadet.

Den ästhetischen Reiz bezieht das kurze Buch durch die Verwendung des Hexameters für eine bürgerliche Liebesgeschichte. Dazu gibt es in der deutschen Literatur bereits Vorbilder, etwa die Luise des Johann Heinrich Voß. Im Gegensatz zu Voß schafft es Goethe aber, eine der Gattung Epos gemäßes existenzielles Element einzubeziehen: Krieg und Vertreibung. Seit Goethe von der Vertreibung der Protestanten aus Salzburg las, war dieser Stoff bei ihm mental für ein Werk vorgemerkt. Die Revolutionskriege gaben ihm nun ein aktuelleres Beispiel an die Hand.

Manche Passagen klingen beinahe apokalyptisch:

Um den Vorteil der Herrschaft
Stritt sich ein verderbtes Geschlecht, unwürdig das Gute zu schaffen.
Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuen
Nachbarn und Brüder, und sandten die eigennützige Menge.
Und es praßten bei uns die Obern, und raubten im Großen,
Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen.

Diese riskante Kombination einer idyllischen Liebesgeschichte mit dem Grauen von Krieg und Flucht gelingt Goethe erstaunlich gut.

Liest man Hermann und Dorothea heute, drängt sich natürlich noch das Flüchtlingsthema auf, wo Goethe – als klassischer Gutmensch – im hohen Ton Humanität und Unterstützung für die Vertriebenen einfordert:

Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzo
Nicht die Not der Menschen, der umgetriebnen, empfindet“.

Hermann lernt das Flüchtlingsmädchen Dorothea ja auch kennen als er Hilfsgüter an die Kriegsopfer verteilt. Das ist für mich ein schöner Kontrapunkt zur Verklärung des Bürgerlichen (Geschlechterrollen!) und macht das Epos auch heute noch lesenswert.

Goethe: Torquato Tasso

Burgtheater 28.9. 2016

Regie: Martin Laberenz

Alfons der Zweite, Herzog von Ferrara: Ignaz Kirchner
Leonore von Este, seine Schwester: Andrea Wenzl
Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano: Dorothee Hartinger
Torquato Tasso, Hofdichter: Philipp Hauß
Antonio Montecatino, Staatssekretär: Ole Lagerpusch
Musiker: Friederike Bernhardt

Als ich das Stück zur Vorbereitung auf den Theaterabend wieder einmal lese, wirkt der Beginn behäbiger als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Drama gewinnt freilich rasant an Fahrt als der Streit zwischen Tasso und Antonio ausbricht. Antonio sieht in Tasso einen verweichlichten Drückeberger vor dem harten Alltag des Lebens und lässt ihn das mit deutlichen Worten wissen. Tasso zieht provoziert sein Schwert, ein Sakrileg am Hof in Belriguardo, worauf ihn sein Herzog und Mäzen in sein Zimmer verbannt. Zusätzlich ist das Stück durch das unterdrückte Begehren getrieben, welches die beiden Damen am Hofe für den Dichter empfinden.

Für den Goethefreund ist das Stück natürlich eine Fundgrube, denn als Minister am Weimarer Hof kannte der Geheimrat selbstverständlich beide Seiten des Lebens, die künstlerisch-kreative wie die politisch-administrative.

Das Drama lebt vom klassischen Versmaß sowie seinen sprachlichen und intellektuellen Subtilitäten. Goethe bezeichnete seinen Tasso lange als „theaterscheu“, weil er dessen Ästhetik für die Bühne ungeeignet fand.

Martin Laberenz versucht dieses Dilemma durch eine Art Abstraktheit zu lösen. So besteht das Bühnenbild teilweise aus geometrischen Formen und bleibt räumlich im Vagen. Erfreulicherweise behält er die gebundene Sprache Goethes bei, lässt sie aber oft so schnoddrig „alltäglich“ sprechen, dass sie oft mehr gequält als gebunden wirkt. Tasso und Antonio mit zwei gleichaltrigen Männern zu besetzen, nimmt die für das Stück wichtige Altersdynamik aus der Inszenierung heraus. Das Artifizielle dieser Aufführung hat zu wenig inneren Bezug zum Text, um mich zu überzeugen. Die bunten Fantasiekostüme passen wiederum nicht zum abstrakten Bühnenbild. Die neue Burgtheatersaison beginnt also mäßig.

Gernot Plass: Faust-Theater

TAG 23.10. 2015

Text und Regie: Gernot Plass

Faust: Julian Loidl
Mephisto (und viele andere): Jens Claßen
Gretchen (und andere): Elisabeth Veit
Autor (und viele andere): Raphael Nicholas
Direktor, Marthe (und viele andere): Georg Schubert

Den Untertitel „Sehr frei nach Goethes ‚Faust'“ trägt das Stück zu Recht, handelt es sich doch um eine Transponierung des Stoffes in die Gegenwart. So ist am Anfang gleich von Smartphones die Rede, welche das Publikum vom Theater ablenkten und am Ende gar von der einheitlichen Feldtheorie, welche Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantentheorie vereinigt. Freilich passieren bei dieser Aktualisierung auch kleinere Fehler, etwa wenn Dunkle Materie als „Dunkle Masse“ bezeichnet oder Deduktion mit Induktion verwechselt wird (Fragebögen sind eine induktive Methode, werden aber als Beispiel für Deduktion genannt).

Die inhaltlichen Kernelemente der berühmten Vorlage werden beibehalten: Der Rahmen (Vorspiel auf dem Theater), die Wette zwischen Gott und Mephisto, Fausts Eingehen auf diese Wette und die Gretchentragödie. Bei der restlichen Szenenauswahl war weniger das intellektuelle Potenzial des Textes das Kriterium, sondern aus welchen man die meiste theatralische Komik schlagen kann, etwa der nächtliche Besuch Wagners oder die von Georg Schubert hochkomisch als Transvestit gespielte Marthe. Die Gratwanderung zwischen dieser Komik und existenziellen Fragen funktioniert überraschend gut, weil der Rahmen (Theaterdirektor, Autor, Clown) hier eine entsprechende Metaebene schafft, um diesen Konflikt aufzulösen.

Das Ergebnis sind mehr als zweieinhalb Stunden geistreiches und amüsantes Theater. Die Inszenierung kommt mit vier Schauspielern und einer Schauspielerin aus, die alle eine hervorragende Leistung liefern. Der Theaterabend bestärkt mich in meinem Vorsatz, öfter einmal die mittleren und kleineren Theater Wiens zu besuchen.

Cellini / Goethe: Das Leben des Benvenuto Cellini

Aus drei guten Gründen empfiehlt sich die Lektüre der Lebensgeschichte des Benvenuto Cellini: Erstens ist sie literatur- und mentalitätsgeschichtlich spannend, weil sie die autobiographische Rekonstruktion eines Renaissancemenschen zeigt. Zweitens enthält man faszinierende sozialgeschichtliche Einblicke in die italienische Kunstszene des 16. Jahrhunderts. Drittens schließlich übersetzte Goethe das umfangreiche Werk, allerdings nicht aus dem toskanischen Original, sondern anhand der englischen Übersetzung.

Benvenuto Cellini (1500 – 1571) gilt als einer der besten Goldschmiede und Skulpteure des 16. Jahrhunderts, wovon sich jeder in Wien im Kunsthistorischen Museum selbst überzeugen kann, wo seine berühmte Saliera steht. Seine Lebensbeschreibung schreibt Cellini zwischen 1558 und 1566. Erschienen ist sie allerdings erst 1728. Als Kind setzt er sich gegen seinen Vater durch, der ihn gerne als Musiker gesehen hätte, und wird Goldschmied. Seine große Begabung verschafft ihm schnell reiche Gönner, darunter Adlige und Päpste. Zwei Jahre lang ist er in Paris für König Franz I. tätig, verlässt aber vor Fertigstellung seines Auftrags entnervt Frankreich, weil ihn die Hofschranzen quälen.

Wer nun die Autobiographie eines wohl erzogenen Höflings erwartet: Weit gefehlt! Cellini ist ständig in Händel und Abenteuer verwickelt. Besonderes Vergnügen findet er an Raufereien und dem einen oder anderen Totschlag. Keine Überraschung also, dass er zwei Mal in vatikanischen Gefängnissen landet. Die Beschreibung dieser Ereignisse scheinen dem Autor mehr Spaß zu machen als die Beschreibung seiner Kunstwerke. Freilich schildert er die Rivalitäten unter den damaligen Künstlern ebenso extensiv. Es wird heftig um Aufträge und den Rang in der Künstler-Hackordnung gestritten. Es öffnet sich ein faszinierendes Panorama des 16. Jahrhunderts.

Damit ist diese Künstlerautobiographie ein einzigartiges Dokument. Kein Wunder, dass Goethe dafür ein so großes Interesse entwickelt:

Ich bin bei dieser Gelegenheit auch wieder an die des Cellini Lebensbeschreibung geraten; es scheint mir unmöglich, einen Auszug daraus zu machen, denn was ist das menschliche Leben im Auszuge? Alle pragmatische biographische Charakteristik muß sich vor dem naiven Detail eines bedeutenden Lebens verkriechen. Ich will nun den Versuch einer Übersetzung machen, die aber schwerer ist, als man glaubt.
[An Johann Heinrich Meyer am 8. Februar 1796]

Er übersetzt das Buch 1796 freilich in ein Werk Goethes. Vom rauen Charme des toskanischen Originals bleibt in dieser stilistisch polierten Fassung nichts mehr übrig. Goethefreunde werden diese Übersetzung natürlich lesen. Ansonsten sollte entweder ein solides kunsthistorisches Interesse oder Freude an Kuriositäten vorhanden sein, wenn man diese Lebensbeschreibung zur Hand nehmen will.

Cellini / Goethe (Übersetzer): Das Leben des Benvenuto Cellini (Münchner Ausgabe)

Murnau: Faust. Eine deutsche Volkssage (1926)

Filmcasino / Akkordeon Festival 23.2. 2014

Tino Klissenbauer: Akkordeon
Florian Wagner: Gitarre

Das Akkordeon Festival ist inzwischen auch eine wichtige Bereicherung der Wiener Filmszene, werden doch Jahr für Jahr wieder Stummfilme mit Livemusikbegleitung gebracht. Den Auftakt heuer machte Murnaus Faustverfilmung. Wie Murnau diesen Klassiker mit den filmischen Mitteln der zwanziger Jahre in Szene setzt, ist visuell beeindruckend. Ebenfalls sein freier Umgang mit dem Stoff. Von Goethes Faust nimmt der Regisseur vor allem die Gretchengeschichte, die er teils unglaublich werkgetreu (Spinnrad) teils völlig frei interpretiert. Fausts Beschwörung des Mephisto wird hier nicht durch individuelle Verzweiflung und Weltekel motiviert, sondern durch die Pest, welche die Bewohner seiner Stadt dahin rafft. Faust will ihnen helfen und beschwört deshalb aktiv das Böse, während Mephisto bei Goethe Faust bekanntlich buchstäblich zuläuft. Das Intellektuelle tritt bei Murnaus Faust deutlich zurück. Das Studierzimmer des Gelehrten, in dem die sich Bücher wie Müll stapeln, setzt das drastisch ins Bild.
Musikalisch setzten die beiden Musiker viel auf Elektronik. Während die Pestszenen von einer starken Rhythmik beherrscht waren, trat diese am Ende sehr zurück. Insgesamt schaffen es die beiden aber, den Film ästhetisch sehr zu unterstützen, speziell was dessen Emotionalität betrifft. Ein sehr erfreuliches Erlebnis.

Gounod: Faust

Wiener Staatsoper 2.2. 2012

Dirigent: Alain Altinoglu
Regie: Stephane Roche
Le Docteur Faust: Jonas Kaufmann
Méphistophélès: Albert Dohmen
Valentin: Adrian Eröd
Marguerite: Inva Mula

Faust (1859) ist das bekannteste Werk des Franzosen Charles Gounod. Ein spannendes Projekt, das als „urdeutsch“ geltendes Stück als französische Oper auf die Bühne zu bringen. Zumal er sogar patriotische Soldatenchöre integriert. Wie im jüngsten Faust-Film, konzentriert sich auch Gounod vor allem auf die Gretchen-Tragödie. Das ist insofern erstaunlich als der Komponist Philosophie und Theologie studierte, ihm also der intellektuelle Gehalt des Stücks eigentlich interessiert haben müsste.

Musikalisch erinnert die Oper an italienisches Belcanto: Eine schöne Melodie jagt die nächste. Lange Arien, Ensembles und Chorszenen sind sehr auf Effekt arrangiert. Das Ergebnis ist ein kulinarisch ergiebiger Opernabend, speziell wenn die Aufführung auf musikalisch so erfreulichem Niveau gegeben wird, wie in diesem Fall. Die Inszenierung war (dem Bühnenbild nach) modern, allerdings ohne irgendwelche Akzente zu setzen.

Faust

Filmcasino 13.1.

Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow

Ein Faust-Film, der den Goldenen Löwen nebst vielen Vorschusslorbeeren erhält, machte mich selbstverständlich so neugierig, dass ich gleich die erste Aufführung besuchte. Auch so mancher Burgschauspieler konnte es offenbar nicht erwarten und saß im Publikum.

Eines ist gleich zu Beginn festzuhalten: Es ist keine Goethe-Verfilmung. Zwar gibt es viele Bezüge und Zitate zu Goethes opus magnus, allen voran die im Zentrum stehende Gretchentragödie, sowie einige wenige der berühmten Zitate; ansonsten bewegt sich die Handlung aber sehr frei dem Text entlang. Mephisto tritt als Mauritius in einem grotesk verzerrten Körper auf. Der zweite Teil wird nur kurz durch die Homunculus-Geschichte gestreift.

Ästhetisch ist dieser Faust einer der ungewöhnlichsten Filme, die ich je sah, von radikalen Avantgardeproduktionen einmal abgesehen. Allerdings kenne ich die anderen Filme Sokurows nicht. Die historische Szenerie ist zu Beginn in einem Naturalismus gehalten, der an Monty Python and the Holy Grail erinnert: Es regiert die Unappetitlichkeit. Als der Teufel schließlich dem Doktor Gesellschaft leistet, der die Szenerie übrigens nicht als Pudel, sondern als Pfandleiher betritt, setzt Sokurow formal diverse verfremdende Mittel ein. Durch optische Verzerrungen fühlt man sich manchmal an die Malweise El Grecos erinnert. Die verwendete Bildfilter und die Farbpalette (Pastelle, Erdfarben, Monochromie) verstärken ebenso den surrealen Eindruck wie die Anleihen an die Stummfilmästhetik. Das grandiose Ende spielt in Islands grotesker Geysirszenerie, wo Faust seinen Widersacher zwar besiegt, aber dann in Richtung eines Gletschers weiterzieht.

Den Film durchzieht eine düster-klaustrophobe, pessimistische Stimmung. Menschen sind fast durchwegs unsympathisch. Hunger, Elend, Gewalt, Krieg, Dreck und Gier prägt diese Welt. Faust schnippelt auf der Suche nach der Seele malerisch an Leichnamen herum. Die Intellektualität des Goetheschen Faust spielt so gut wie keine Rolle. So ist es nur konsequent, dass die Gretchengeschichte am ausführlichsten inszeniert wird.

Wer die russische Literatur kennt, der wird sich nicht wundern, dass ausgerechnet ein russischer Regisseur einen so (im besten Sinn des Wortes:) seltsamen Film produziert.

Die Leistung der deutschsprachigen Schauspieler – Johannes Zeiler als Faust! – ist durchweg großartig. Die Qualität des Films liegt in seiner Radikalität und Ambiguität.

Goethe und Zelter: Briefwechsel

Goethes Briefwechsel mit Schiller zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem las ich erst jetzt die berühmte zweite Korrespondenz mit dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter (1758-1832). Eine Grund dafür war der Umfang: Die beiden wechselten 30 Jahre lang Briefe, was in der Münchner Ausgabe einen 1200seitigen Band ergibt. Dazu kommt ein ebenso dicker wie kenntnisreicher Kommentarband.

Zelter war Goethes Ansprechpartner für Musikalisches. Er vertonte regelmäßig dessen Lyrik und lieferte jede Menge Auftragskompositionen nach Weimar, nicht zuletzt für das von Goethe geleitete Theater. Die Musik ist damit der Generalbass des Briefwechsels. So ist es kein Zufall, dass Goethes Schilderung seines einzigen Zusammentreffens mit Beethoven für Zelter geschieht. Schnell entwickelt sich eine enge Brieffreundschaft. Zu Beginn ist Zelter hier natürlich der sich geschmeichelt Fühlende und auch der um die Gunst des berühmten Freundes buhlende Briefpartner. In Laufe der Jahre emanzipiert sich die Beziehung allerdings, wenn Zelter auch nie auf intellektueller Augenhöhe wie Schiller mit Goethe kommuniziert.

Erwartungsgemäß sind die Briefe eine biographische Fundgrube für an Goethe Interessierte. Die Hauptfigur der Korrespondenz ist aber Zelter. Wir lernen einen Berliner Intellektuellen der Goethe-Zeit in seinem Umfeld kennen: Seine musikalischen Projekte, seine Erfolge und Niederlagen als Kulturmanager, seine zahlreichen privaten Tragödien, seine Selbstzweifel am eigenen Werk, seine finanziellen Probleme. Als Zugabe bekommt man das Berliner Kulturleben durch einen kompetenten Beobachter geschildert. Und welchen Beobachter! Zelter schildert etwa Berliner Theateraufführungen mit einem brillanten süffigen Sarkasmus, aufgrund dessen man seine Kritiken sogar über heute völlig vergessene Stücke gerne liest. Damit entwickelt er sich rasch zu Goethes privaten Kulturkorrespondenten aus dem großen Berlin. Gleichzeitig stellt er die Versorgung des Freundes mit den unverzichtbaren Teltower Rübchen sicher, die pünktlich jeden Herbst nach Weimar expediert werden.

Ein weiterer Höhepunkt ist Zelter als Reiseschriftsteller. Gerade im Alter reist er öfters durch Deutschland und unterhält Goethe und uns mit großartigen Berichten. Als Beispiel Auszüge über seinen Aufenthalt in Wien im Sommer 1819:

Man sieht hier recht warum dies Volk nicht politisch ist. Es will jede Minute leben und genießen und das tuts. Die Politik kommt von der langen Weile und geht zur langen Weile […]

Das österreichische Volk ist von der gefälligsten Naivität und scheidet sich so rein ab von den sogenannten höheren Ständen, daß diese im eigentlichen Nachteil erscheinen. Wenn z.E. das österreichische Deutsch kein gutes Deutsch wäre, so ist es doch gewiß eine Sprache worin man sich mit einer Leichtigkeit bewegt wie der Fisch im Wasser […]

Letzhin ist Bethofen in sein Speisehaus gegangen; so setzt er sich an den Tisch, vertieft sich und nach einer Stunde ruft er den Kellner: Was bin ich schuldig? – Ewr. Gnaden haben noch nichts gessen, was soll ich denn bringen? – Bring was Du willst und laß mich ungeschoren! – […]

In Wien kann man alles finden nur keine Langeweile. Wer sich hergeben will findet die wahre Menschheit […] Die Bevölkerung ist unendlich: viele geistliche Orden, alle Nationen, alle Frauen alles alles, Alt und jung ist überall, man weiß nicht wo die Menschen alle herkommen, hingehen und doch geht jedes seinen Gang. Die Kirchen sind den ganzen Tag voll. Sonnabend war das Leopoldsstädter Theater so angefüllt daß man die Füße nicht setzen konnte […]

Von der Schönheit der griechischen Frauen welche man hier nicht selten sieht wäre viel zu sagen: es ist das Edelste was meine Augen gesehn haben. Die vollkommenste Klarheit der Karnation; Gliederbau, Embonpoint, Portement – alles das sind Worte, man muß es sehen. Und Augen – ja da kriegt man Augen. Dafür sehn denn die Kerls aus wie große Spanferkel. Daß solch ein Kerl solch ein Weib unter sich haben soll!

Goethe ließ die Reisebriefe immer wieder ins Reine schreiben und als Broschüren binden. Ich habe es sehr genossen, die Sommermonate in Gesellschaft von Goethe und Zelter zu verbringen. Für Klassikerfreunde eine Pflichtlektüre.

Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser)

Warum Goethe lesen?

Diese nicht-rhetorische Frage stellte man mir kürzlich auf Twitter und sie erheischt natürlich eine über 140 Zeichen hinaus gehende Antwort. Warum Klassiker-Lektüre allgemein wünschenswert ist, beantwortete ich ja bereits an anderer Stelle. Goethe ist einer der stetigen Begleiter meines Leselebens. Woran das liegt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Um mit dem offensichtlichsten Grund anzufangen: Er hat einige der besten Bücher geschrieben, die ich kenne. Dazu zähle ich neben der Lyrik zuvörderst den Faust, die Wahlverwandtschaften und seinen Briefwechsel mit Schiller.

Goethe bemühte sich wie kaum ein anderer um ein solides intellektuelles Fundament seiner Schriften. Die Faszination für die Antike und seine Katalysatoren-Rolle für ihre Rezeptionsgeschichte (und damit die Grundlage für die humanistische Erziehung in Deutschland) ist für uns Freunde des Altertums prinzipiell erfreulich. Goethes geistige Unabhängigkeit ist von zwei konträren Seiten spannend. Als Kind der Aufklärung vertraute er seinem Verstand, ließ sich auch von prominenten Kritikern nicht einschüchtern, und ging gerade und aufrecht den verschlängelten Weg des Polyhistors. Diese Autonomie war damals und ist auch heute noch eine Seltenheit. Die Schattenseite dieser Medaille war, dass Goethe speziell bei naturwissenschaftlichen Fragestellungen mit Vorliebe und voller Inbrunst in Sackgassen stolziert ist. Besonders stolz war er beispielsweise darauf, in der Optik Newton widerlegt zu haben. Nimmt man beides zusammen, erhält man ein großartiges Lehrstück, warum geistige Freiheit von methodisch ausgebildetem Denken begleitet werden muss.

Mit anderen Worten: Goethe ist mein liebster intellektueller Reibebaum. Geniales steht neben dem Dummen. Anarchie neben einem braven Minister- und Hofratsleben. Große Prosa neben reaktionärer Propaganda. Intellektuelle Hebammenkunst neben boshaftester Vernichtung von Kritikern. Gastfreundschaft neben Ausbeutung von Mitarbeitern (Eckermann!). Internationalität und Multikulturalismus (Divan!) neben Weimarer Provinzialismus. Kunstenthusiasmus neben Musikdilettantismus.

Goethes Leben ist das erste große Paradebeispiel eines modernen Intellektuellenlebens und den damit verbundenen unvermeidlichen Kompromissen. Wer den Briefwechsel Bernhards mit Unseld liest, der erkennt als Blaupause die Beziehung zwischen Goethe und Cotta. Je länger man sich mit Goethe beschäftigt, desto mehr Facetten seines Lebens und Schreibens treten an den Tag. Probiert es aus!

Über Goethe

Aus Thomas Bernhards Auslöschung:

Von Spadolini war ich dann merkwürdigerweise auf Goethe gekommen: auf den Großbürger Goethe, den sich die Deutschen zum Dichterfürsten zugeschnitten und zugeschneidert haben, habe ich das letzte Mal zum Gambetti gesagt, auf den Biedermann Goethe, den Insekten- und Aphorismensammler mit seinem philosophischen Vogerlsalat, so ich zu Gambetti, der natürlich das Wort ‚Vogerlsalat‘ nicht verstand, so hatte ich es ihm erklärt. Auf Goethe, den philosophischen Kleinbürger, auf Goethe, den Lebensopportunisten, von welchem Maria immer gesagt hat, daß er die Welt nicht auf den Kopf gestellt, sondern den Kopf in den deutschen Schrebergarten gestellt hat. Auf Goethe, den Gesteinsnumerierer, den Sterndeuter, den philosophischen Daumenlutscher der Deutschen, der ihre Seelenmarmelade abgefüllt hat in ihre Haushaltsgläser für alle Fälle und alle Zwecke. Auf Goethe, der den Deutschen die Binsenwahrheiten gebündelt und als allerhöchstes Geistesgut durch Cotta hat verkaufen und durch die Oberlehrer in ihre Ohren hat schmieren lassen, bis zur endgültigen Verstopfung. Auf Goethe, der den deutschen Geist mehr oder oder weniger für Jahrhunderte verraten und auf das Mittelmaß der Deutschen gestutzt hat mit jener Emsigkeit, die ich Gambetti gegenüber als die goethische Emsigkeit bezeichnet habe. Auf Goethe, den philosophischen Rattenfänger, wie ich zu Gambetti das letzte Mal gesagt habe. Goethe sei der Gebrauchsdeutsche, habe ich zu Gambetti gesagt, sie, die Deutschen, nehmen Goethe ein wie eine Medizin und glauben an ihre Wirkung, an ihre Heilkraft; Goethe ist im Grunde nichts anderes, als der Heilpraktiker der Deutschen, der erste deutsche Geisteshomöopath. Sie nehmen sozusagen Goethe ein und sind gesund. Das ganze deutsche Volk nimmt Goethe ein und fühlt sich gesund. Aber Goethe, habe ich zu Gambetti gesagt, ist ein Scharlatan, wie die Heilpraktiker Scharlatane sind und die Goethesche Dichtung und Philosophie ist die größe Scharlatanerie der Deutschen. Seien Sie vorsichtig, Gambetti, habe ich zu diesem gesagt, seien Sie vor Goethe auf der Hut. Allen verdirbt der den Magen, sagte ich, nur den Deutschen nicht, sie glauben an Goethe wie an ein Weltwunder. Dabei ist dieses Weltwunder nur ein philiströser Schrebergärtner. Gambetti hatte laut aufgelacht, als ich ihm erklärte, was ein Schrebergarten ist. Das hatte er nicht gewußt. Insgesamt, habe ich zu Gambetti gesagt, ist das Goethesche Werk ein philiströser philosophischer Schrebergarten. In nichts hat Goethe das Höchste geleistet, sagte ich, in allem nur das Mittelmaß zustande gebracht. Er ist nicht der größte Lyriker, er ist nicht der größte Prosaschreiber, habe ich zu Gambetti gesagt, und seine Theaterstücke sind gegen die Stücke Shakespeares beispielsweise so gegeneinander zu stellen, wie ein hochgewachsener Schweizer Sennenhund gegen einen verkümmerten Frankfurter Vorstadtdackel. Faust, hatte ich zu Gambetti gesagt, was für ein Größenwahnsinn! Der total mißglückte Versuch eines schreibenden Größenwahnsinnigen, hatte ich zu Gambetti gesagt, dem die ganze Welt in seinen Frankfurter Kopf gestiegen ist. Goethe, der größenwahnsinnige Frankfurter und Weimarianer, der größenwahnsinnige Großbürger auf dem Frauenplan. Goethe der Kopfverdreher der Deutschen, der sie jetzt schon hundertfünfzig Jahre auf dem Gewissen hat und zum Narren hält. Goethe ist der Totengräber des deutschen Geistes, habe ich zu Gambetti gesagt. Wenn wir ihm Voltaire, Descartes, Pascal entgegensetzen zum Beispiel, habe ich zu Gambetti gesagt, Kant, aber natürlich auch Shakespeare, ist Goethe erschreckend klein. Dichterfürst, was für ein lächerlicher, dazu aber grunddeutscher Begriff, hatte ich zu Gambetti gesagt. Hölderlin ist der große Lyriker, hatte ich zu Gambetti gesagt, Musil ist der große Prosaschreiber und Kleist ist der große Dramatiker, Goethe ist es dreimal nicht.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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