Genazino

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Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Aus alter Gewohnheit lese ich jeden neuen Roman Genazinos. Das Muster ist immer dasselbe: Ein brillant beobachtender Außenseiter mittleren Alters lässt uns an seinen Lebenskrisen aus der Ich-Perspektive teilnehmen. Die Bücher sind kurz & prägnant. Der Protagonist ist ein gescheiterter Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt als Sprecher für das Radio oder für Provinzmodeschauen verdient. Ökonomisch wird das Leben härter. Das Prekariat klopft an die Tür. Seine Beziehung mit Carola endet in einer Katastrophe.

Außer uns spricht niemand über uns setzt das hohe literarische Niveau der letzten Romane fort. Es ist aber deutlich düsterer und pessimistischer. Was mir negativ auffällt: Abgesehen von Andeutungen lebt der Held in einer völlig antiquierten Welt. So als gäbe es kein Internet und die Realität funktionierte immer noch genauso wie in den achtziger Jahren. Positiv könnte man hier von Zeitlosigkeit sprechen, negativ von einem Ausblenden wichtiger Wahrnehmungen der Gegenwart.

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman (Hanser)

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal

Vor gut zwei Monaten las ich den neuen Roman Wilhelm Genazinos und stelle fest: Es sind mir kaum Details im Gedächtnis geblieben. Vermutlich liegt das daran, weil der Autor immer wieder dasselbe Buch schreibt: Ein Intellektueller Ich-Erzähler fortgeschrittenen Alters ist in einer Lebens- und Beziehungskrise. Mal ist der Beruf des Betroffenen origineller, mal weniger. Jetzt ist es ein studierter Philosoph, der sich mit diversen Jobs über Wasser halten muss und schließlich bei einer schäbigen Provinzzeitung landet. Er ist selbstverständlich auch nicht der erste Lokaljournalist in Genazinos Werk.
Höhepunkt ist einmal mehr in diesem Text die urbane Beobachtungskunst. Nach der Lektüre promeniert man einige Tage mit offeneren Augen durch die Stadt. Bei Regen im Saal birgt also keine Überraschungen. Ich habe es gerne gelesen.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal Roman (Hanser)

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

Eigentlich schreibt Wilhelm Genazino seit Jahren an einem einzigen großen Roman, von dem er regelmäßig Teile publiziert. In ihm durchwandert die Hauptfigur als kritisch-melancholischer Beobachter eine Großstadt, unterbrochen von diversen alltäglichen Zumutungen und Krisen, nicht zuletzt sexueller Natur.

In der aktuellen Folge ist es ein freier Architekt, der sich mit banalen Aufträgen eines Architekturbüros über Wasser hält. Freundin Maria unterbricht seinen Weltekel regelmäßig mit gutem Sex, nervt dafür mit unzumutbaren Alltagswünschen, wie der den nach einer Urlaubsreise. Sand in dieses gut eingespielte Getriebe bringt der überraschende Tod eines Bekannten und Kollegen…

Bekannt wurde Genazino Ende der siebziger Jahre durch seine Abschaffel-Trilogie, die das entfremdete Leben eines Büromenschen minuziös schildert. Das von Genazino in Wenn wir Tiere wären kurz beschriebene Büroleben ist leider immer noch das von vor vierzig Jahren und wirkt angesichts seines sonst so präzisen Realismus anachronistisch. Trotzdem verwöhnt Genazino seine Leser auch in diesem kurzen Roman mit literarischer Beobachtungskunst auf hohem Niveau.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären. Roman (Hanser)

Diese Kurzrezension erschien in the gap Nr. 120.

Wilhelm Genazino: Falsche Jahre

Dieser Roman erschien 1979 und schloss die Abschaffel-Trilogie ab. Nach Teil 1 und Teil 2 fällt auf, dass Falsche Jahre auf dem Land spielt. Unser Protagonist unterzieht sich dort einer Kur. Als Großstadtmensch kann er mit der Natur nichts anfangen und diese Landabneigung ist ein amüsantes Grundthema des Buches:

Abschaffel war bisher nur einmal im Wald spazieren gewesen. Die Natur langweilte ihn. In den Bergen gab es nichts als schattige Wege. Es war ihm bis jetzt nicht möglich gewesen, zu diesen Bergen eine brauchbare Einstellung zu finden. [S. 414]

Er versucht seine Beobachtungsgabe auf das Dorf nahe der Klinik anzuwenden, ist ob des sich bietenden Materials aber ebenfalls enttäuscht. Seine Therapiesitzungen nutzt Genazino geschickt, um am Ende der Trilogie wichtige Episoden aus Abschaffels Kindheit nachzuholen.

Die drei Romane sind alle sehr gut zu lesen und zeigen bereits früh die Stärken Genazinos. Es wird ein Rätsel des Literaturbetriebs bleiben, warum sein Durchbruch weitere zwanzig Jahre benötigte. Verdiente hätte er ihn schon mit seiner Abschaffel-Trilogie.

Wilhelm Genazino: Falsche Jahre. Roman (Hanser)

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten

Genazino hat seit längerer Zeit seinen literarischen Stil gefunden: Er schreibt kurze Romane, in denen seine Helden aus hellsichtiger Beobachterperspektive ihrem Alltagsleben gegenübertreten. Die Ich-Erzähler schildern ihren oft abstrusen Alltag, der pointenreich beobachtet wird. Das ergibt einen sentenzenreichen Stil, der sehr amüsant zu lesen ist. Einige Zitate waren hier bereits als Fundstücke zu sehen.

Auch der neue Roman ist hier keine Ausnahme. Eine intelligente und unterhaltsame Lektüre, auch wenn ich ihn nicht mehr so hinreissend fand als frühere Bücher. Das mag aber auch daran liegen, dass Genazino keine ästhetischen Überraschungen bietet und eine Art Gewöhnungseffekt eingetreten ist.

Die Hauptfigur des Romans ist ein promovierter Philosoph, der es mangels besserer Berufsaussichten zum Geschäftsführer einer Großwäscherei bringt, diese „Lebensstellung“ allerdings verliert und schließlich in der Psychiatrie landet.

Eine Leseempfehlung.

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman (Hanser)

Belletristisches Fundstück

Ich hatte gerade mein Philosophiestudium beendet, fand weder innerhalb noch außerhalb der Universität eine Stellung, die meinem Bildungsgrad entsprach, mußte aber Geld verdienen […]

Mit einem gewissen Galgenhumor wurde ich Ausfahrer in einer Wäscherei. Der Mann, der mich damals einstellte, war der Inhaber der Wäscherei, der noch nie etwas von der Krise der Universität und vom Niedergang des Aufstiegsversprechens durch Bildung gehört hatte. Sie sind doch Doktor, rief er aus und wollte mich eine Weile nicht einstellen, weil er mich für hoffnungslos überqualifiziert hielt.

Natürlich bin ich überqualifiziert, sagte ich, deswegen bin ich aber doch nicht unfähig.

Wilhelm Genazino: Das Glück ins glücksfernen Zeiten

Literarisches Fundstück

Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich in der zweiten Hälfte des Tages von der ersten zu erholen.

Wilhelm Genazino: Das Glück ins glücksfernen Zeiten

Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen

Der zweite Teil der Trilogie erschien 1978 und schreibt die Romanexistenz des kleinen Angestellten Abschaffel fort. Abgesehen von einer grotesken Aussteiger-Fantasie, nämlich Zuhälter werden zu wollen, nimmt Genazino den Leser erneut mit in den zermürbenden Lebensalltag der Figur, inklusive Problemen im Büro und dem Liebesleben der Angestellten. So zusammengefasst klingt das banal und uninteressant. Wie immer liegt die Qualität von Genazinos Texten auch hier in der Kombination von plausibler psychologischer Innenperspektive und geistreichen Alltagsbeobachtungen. Formal ist das wenig aufregend, umso erstaunlicher der Effekt, dass man diese Romane so gerne liest.

Wilhelm Genazino: Die Vernichtung der Sorgen. Roman (Hanser)

Wilhelm Genazino: Abschaffel

Wie ungerecht literarischer Ruhm verteilt sein kann, sieht man an Wilhelm Genazino. Seine Abschaffel-Trilogie erschien bereits Ende der siebziger Jahre, einem größeren literaturinteressierten Publikum wurde er aber erst 2004 bekannt als ihm, längst überfällig, der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde.

„Abschaffel“ gehört zum Genre des Angestelltenromans und hat deshalb einige Gemeinsamkeiten mit Werners „Zündels Abgang“. Letzterer ist allerdings deutlich furioser als Genazinos literarische Verarbeitung des tristen Lebens eines kaufmännischen Angestellten. Der Romanbeginn verdient ein Zitat:

Weil seine Lage unabänderlich war, musste Abschaffel arbeiten.

Der Leser begleitet Abschaffel durch dessen deprimierenden bis grotesken Alltag. Genazinos größte literarische Stärke, die intelligente Beobachtung des Alltäglichen, ist bereits weit ausgeprägt. Nicht so brillant vielleicht wie in seinen letzten Büchern, aber doch ein großes Lesevergnügen.

Wilhelm Genazino: Abschaffel (Hanser)

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Ich-Erzähler ist ein junger Mann mit literarischen Ambitionen, der mangels Entscheidungskraft eine beliebige Lehrstelle annimmt, und bald beginnt, ein Doppelleben zu führen. Während er tagsüber in seiner Firma arbeitet, zieht er nachts als Lokaljournalist los. Die erste Schreibeuphorie verfliegt angesichts der Verlogenheit der Lokalberichterstllung jedoch schnell.

Geschrieben in einer beobachtungssatten und präzisen Prosa, braucht der Roman den Vergleich mit den anderen intelligenten Büchern Genazinos nicht zu scheuen.

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman (Hanser)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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