Ethik

Joshua Greene: Moral Tribes

Der Harvard-Sozialwissenschaftler Joshua Greene schrieb ein exzellentes ethisches Buch. Es erfüllt zwei Ziele gleichzeitig: Erstens zeigt es, wie intelligent man heute naturwissenschaftsgestützt über moralische Fragen nachdenken kann. Zweitens bringt es inhaltlich ausgesprochen spannende Aspekte in die zeitgenössische Debatte über Moral ein.

Der Zweck des Buches in den Worten des Autors:

This book is an attempt to understand morality from the ground up. It’s about understanding what morality is, how it got here, and how it’s implemented in our brains. It’s about understanding the deep structure of moral problems as well as the differences between the problems that our brains were designed to solve and the distinctivly modern problems we face today.

Der zentrale Ausgangspunkt von Greenes Argumentation ist, dass das menschliche Hirn zwei unterschiedliche moralische Modi hat. Der „automatische“ entstand früh in der menschlichen Evolution und ist eng mit Emotionen verknüpft. Er regelt das Zusammenleben in einer Gruppe. Empathie, Sinn für Fairness, aber auch Rachsucht (als Abschreckung gegen Übervorteilung) usw. ermöglichen uns bis heute in Gruppen ein geregeltes Zusammenleben. Leider hat diese instinktive Seite unserer Moral einen entscheidenden Nachteil: Sie funktioniert nicht gruppenübergreifend. Ganz im Gegenteil: Die Mechanismen, welche das Zusammenleben im unmittelbaren Umfeld fördern, lösen schädliche Abgrenzungen gegen andere Gruppen aus. Das ist durch eine Vielzahl von psychologischen Experimenten und inzwischen auch neurologisch gut belegt.
Der zweite Modus ist der Manuelle. Hier reagieren wir nicht mehr instinktiv, sondern entscheiden moralische Fragen durch Überlegung. Für dieses Überlegen und die darauf folgenden Entscheidungen ist allerdings ein Kriterienkatalog notwendig.

Greene argumentiert gut, warum die klassischen Begründungen von Moral nicht funktionieren: Religion, Vernunft und Wissenschaft seien als Metamoral ungeeignet. Für ihn gibt es nur einen plausiblen Ansatz, den eines gemäßigten Utilitarismus, den er „deep pragmatism“ nennt. Ich bin nun kein Experte für philosophische Ethik, weil ich während meines Philosophiestudiums Wissenschaftstheorie, Ästhetik und Philosophiegeschichte als Schwerpunkte interessanter fand. Trotzdem las ich mich durch einige Klassiker und bin bisher auf keine bessere Rechtfertigung des Utilitarismus gestoßen als Moral Tribes. Ein Grund dafür ist Greenes sehr pragmatischer, unideologischer Zugang zum Thema und die plausible Anknüpfung an neurowissenschaftliche Forschung. Ein weiterer Grund ist seine intelligente Kritik an den Alternativen.

Die anregendsten Abschnitte des Buchs für mich sind jene, in denen er über das Konzept der (Menschen-)Rechte schreibt. Er weist nach, dass Rechte (auf Leben, auf Selbstbestimmung usw.) heutzutage als polemische Kampfbegriffe benutzt werden, welche jegliche Diskussion abwürgen. „Rechte“ seien oft unberechtigte Rationalisierungen der eigenen Position. Sie haben für Greene nur eine sinnvolle Funktion: Als Schutzschild zur Verteidigung moralischer Errungenschaften (z.B. Ablehnung der Sklaverei), brächten uns bei der Problemlösung zwischen ideologisch verfeindeten Lagern aber keinen Deut weiter.
Den Hauptunterschied zwischen den aktuellen Lagern sieht er auf der Skala Individualismus – Kollektivismus. Überwinden will er ihn durch eine neue Metamoral, welche den manuellen Moralmodus benutzt und die auf allseits akzeptierten Kriterien beruht. Dafür schlägt er in utilitaristischer Manier vor: Vorzuziehen ist, was empirisch nachweisbar die besten Konsequenzen hat:

One’s happiness is the overall quality of one’s experience, and to value happiness is to value everything that improves the quality of experience, for oneself and for others – and especially for others whose lives leaves much room for improvement.

Greene argumentiert empirisch fundiert und in einer klaren, für jeden verständlichen Sprache. Besser wird zeitgenössisches Philosophieren nicht. Ich kann an dieser Stelle seine Theorie nur kurz andeuten, was dem sorgfältigen Gedankengangs seines Buches unrecht tut.

Joshua Greene: Moral Tribes: Emotion, Reason and the Gap Between Us and Them (Atlantic Books)

Seneca über den Zorn

Zeitlos aktuell, leider.

Novartus, du hast mich aufgefordert, ich solle darüber schreiben, wie der Zorn beschwichtigt werden könne, und nicht zu Unrecht, wie mir scheint, fürchtest Du diese Leidenschaft besonders, da sie am meisten von allen widerwärtig und tollwütig [ist]. Den übrigen nämlich wohnt noch etwas Ruhiges und Gelassenes inne, diese ist ganz und gar leidenschaftlich erregt und steht unter dem Ansturm von Schmerz, in kaum noch menschlicher Gier nach Waffen, Blut, Hinrichtungen rasend; wenn sie nur einem anderen schaden kann, ihrer selbst nicht achtend

[…]

Manche also von den Philosophen haben den Zorn genannt: zeitweiligen Wahnsinn; denn in gleicher Weise ist er nicht Herr seiner selbst, des Anstandes vergessend, ohne an Bindungen zu denken, in dem, was er begonnen hat, beharrlich und rastlos, Vernunft und klaren Überlegungen unzugänglich, von nichtigen Anlässen umgetrieben, zur Unterscheidung von Gerecht und Wahr unfähig, dem einstürzenden Gebäude sehr ähnlich, das über dem, was es begräbt, zerschellt.

[…]

[…] kein Unheil ist das Menschengeschlecht teurer zu stehen gekommen. Sehen wirst Du Mord, Vergiftung, gegenseitiger Anklage Schmutz, Zerstörung von Städten, ganzer Völker Ausrottung

[…]

Die Vernunft läßt beiden Seiten Zeit; sodann sucht sie Gelegenheit zu Rechtsberatung auch für sich, damit sie Wahrheit an den Tag zu bringen Raum hat – der Zorn hat es eilig. Die Vernunft will das Urteil fällen, das gerecht ist – der Zorn will das für gerecht angesehen wissen, was es als Urteil gefällt hat.
Die Vernunft sieht auf nichts außer eben dem, um das es geht – der Zorn läßt sich durch Nichtiges und nicht zur Sache Gehöriges beeinflussen.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets