Ebooks

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Digital Public Library of America

Am 18. April startet die Digital Library of America, ein Gegenprojekt zu Google Books, das von zahlreichen bekannten Gelehrten und der Harvard University unterstützt wird. Darunter Robert Darnton, der das Projekt in der New York Review of Books ausführlich vorstellt:

The DPLA will be a distributed system of electronic content that will make the holdings of public and research libraries, archives, museums, and historical societies available, effortlessly and free of charge, to readers located at every connecting point of the Web. To make it work, we must think big and begin small. At first, the DPLA’s offering will be limited to a rich variety of collections—books, manuscripts, and works of art—that have already been digitized in cultural institutions throughout the country. Around this core it will grow, gradually accumulating material of all kinds until it will function as a national digital library.

Robert Darnton würde sich als Kenner des 18. Jahrhunderts und der Aufklärung natürlich selbst untreu, stellte er dieses Unterfangen nicht in den entsprechenden Kontext:

For all its futuristic technology, the DPLA harkens back to the eighteenth century. What could be more utopian than a project to make the cultural heritage of humanity available to all humans? What could be more pragmatic than the designing of a system to link up millions of megabytes and deliver them to readers in the form of easily accessible texts?
Above all, the DPLA expresses an Enlightenment faith in the power of communication. Jefferson and Franklin—the champion of the Library of Congress and the printer turned philosopher-statesman—shared a profound belief that the health of the Republic depended on the free flow of ideas. They knew that the diffusion of ideas depended on the printing press. Yet the technology of printing had hardly changed since the time of Gutenberg, and it was not powerful enough to spread the word throughout a society with a low rate of literacy and a high degree of poverty.

Ein weiterer Artikel zum Thema: The Library of Utopia

Ebooks und Bibliotheken

Die Angst geht um unter den Verlagen. Wer wird noch Bücher kaufen, wenn man sich Ebooks bequem und gratis aus seiner Stadtbibliothek holen kann? Man muss ja nicht einmal mehr die Wohnung verlassen! The Economist fasst in Folding shelves die aktuelle Situation zusammen:

No country has a settled policy on e-lending. Britain has ordered a review; the results are expected soon. Other governments are waiting for publishers to set their terms. In America, where around three-quarters of public libraries lend e-books, each of the “big six” publishers has a different policy. Simon & Schuster refuses to make e-books available to public libraries at all. HarperCollins’s e-books expire after they have been lent 26 times. At the 80 libraries where Penguin is offering a pilot e-lending programme, licences for its e-books expire after a year. Other publishers want to apply the limitations of printed books to digital ones. For example, some want public libraries to replace e-books periodically, just as they have to do with real books that get dirty and torn.

Mein zweiter Kindle – Eine Reflexion

Meine erste Begegnung mit dem Kindle dokumentierte ich für The Gap und die Notiz zählt immer noch zu den am meisten gelesenen. Mehr als ein Jahr später und inzwischen mit einem Paperwhite ausgestattet, ist es Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die Diskussion über Ebook-Reader ist eine rege, steht doch nicht zuletzt das Überleben der Buchhandlungen auf dem Spiel. Für mich wäre ein Leseleben ohne Kindle inzwischen schwer vorstellbar. Unterwegs habe ich das Gerät immer dabei und damit fast alle meine Lieblings-Klassiker nebst jeder Menge anderer Büchern. Die Beleuchtung beseitigte eines der ärgerlichsten Probleme meines Leselebens: Mangelndes Licht. Ob halbdunkle Kaffeehäuser oder halbdunkle Bars, ob durch funzelige Energiesparlampen dreivierteldunkle Hotelzimmer: Diese Ärgernisse sind kein Thema mehr. Ich kann lesen, wann & wo ich will. Sehr bewährt hat sich diese Tatsache auf meiner letzten Marokko-Reise.

Zusätzlich die Zeitschriften und Zeitungen. Mit meiner 3G-Version des Paperwhite bekomme ich weltweit in Echtzeit nicht nur die Neue Zürcher Zeitung oder den The Economist. Letzterer ist insofern ein gutes Beispiel, als meine Printausgabe in der Vergangenheit immer am Montag zugestellt wurde, während ich jetzt die neue Ausgabe bereits am Donnerstagabend bekomme und damit vier Tage früher. An diese Bequemlichkeiten gewöhnt man sich rasch und möchte sie nicht mehr missen.

Dieser Bequemlichkeit steht allerdings eine Fülle von kritischen Beobachtungen gegenüber, die sich jeder bewusst machen muss, wenn er sich dieser Technik bedient. Zu Beginn drängt sich die Frage auf, wie nachhaltig eine Kindle-Bibliothek sein kann. Technisch kann Amazon jederzeit jedes Buch von jedem Kindle löschen. Was passiert, wenn es Amazon in 10 Jahren nicht mehr gibt? Im Internetgeschäft verschwinden immer wieder innerhalb weniger Jahre Platzhirsche vom Markt. Mindestens ebenso kritisch ist das Thema Privatsphäre. Es ist bekannt, dass in den USA die Geheimdienste offiziell ohne Gerichtsbeschluss Zugriff auf alle Daten der großen Internet-Firmen besitzen. Als amerikanische Geheimniskrämer vor längerer Zeit Zugriff auf die Ausleihdaten amerikanischer Bibliotheken wollten, gab es einen Aufschrei der Empörung und der Verstoß scheiterte. Dabei wäre es doch so praktisch zu wissen, wer islamistische oder marxistische oder anarchistische Bücher liest, nicht wahr? Kindle-Leser erfüllen diesen Traum freiwillig. Amazon speichert natürlich nicht nur, welche Titel man gekauft hat. Die Datenbanken wissen auch, was man wirklich liest, wie schnell man dies tut, wo man ein Buch abgebrochen hat. Bei Lesern bekommt man hier schon nach kurzer Zeit ein aussagekräftiges Persönlichkeitsprofil. Die jüngsten Enthüllungen über die Arbeitsbedingungen bei Amazon durch eine ARD-Reportage verschärfen das ethische Dilemma. Wobei Amazon für die Auslieferung von Ebooks im Gegensatz zu Büchern ja keine Lagerarbeiter benötigt.

So viel zum Elektronischen. Die geschilderten Vorteile heißen nun natürlich nicht, dass ich Bücher nicht mehr schätze. Ein gedrucktes Buch hat das Zeug zu einem Gesamtkunstwerk und in meiner Privatbibliothek finden sich auch bibliophile Ausgaben. Aber gerade diese schönen Ausgaben nimmt man nicht mit außer Haus. Ich plädiere deshalb für eine friedliche Koexistenz zwischen Gedrucktem und Elektronischem. Ein Kindle ist ideal für unterwegs. Man kann hunderte Bücher und Zeitschriften in die Jackentasche stecken und sie jederzeit und bei allen Lichtverhältnissen verwenden. Bücher dagegen sind für mich wertvolle Individuen, denen man sich zu Hause widmet. Auf dem Sofa ist es selbstverständlich schöner, in einer Leviathan-Ausgabe der Londoner Folio Society zu lesen als in einer mit Tippfehler angereicherten Gratis-Klassiker-Ausgabe auf dem Kindle. Letztere Ausgabe ist trotzdem hilfreich, wenn man auf Reisen einmal kurz einige Passagen nachlesen will.

Für mich ersetzen Ebooks billige Taschenbücher sowie Sach- und Fachbücher, die ich ohnehin nicht dauerhaft in meiner Bibliothek aufbewahren will. Die Bücher in den Regalen werden zukünftig fast nur noch gebunden sein und schöner als in der Vergangenheit. Die Freunde des Gedruckten sollten sich aber über den Vormarsch der Ebooks keinen Illusionen hingeben. Fast alle Büchermenschen in meinem Bekanntenkreis, von Literaturkritikern über Lektoren bis hin zu Literaturwissenschaftlern, nutzen inzwischen intensiv Kindle & Co. Mit anderen Worten: Gerade für die kleine Minderheit an großen Lesern – und damit die Hauptumsatzbringer der Buchbranche – sind Ebooks bereits Teil des Alltags.

Robert Musils Werke als Ebook

In meiner Rezension der neuen digitalen Musilausgabe – Die Edition für das 21. Jahrhundert – beklagte ich, dass es seine Werke noch in keinem standardisierten Ebook-Format gäbe. Nachdem ich meine Lieblingsklassiker fast alle immer auf meinem Kindle unterwegs dabei habe, vermisste ich den geistreichen Mann ohne Eigenschaften schmerzlich.

Nach Ablauf des Urheberrechts gibt es nun endlich eine Epub-Ausgabe der gesammelten Werke des Robert Musil. Die textliche Qualität kann sicher nicht mit der neuen digitalen Ausgabe mithalten. Ich konnte mir aber bisher noch kein detailliertes Bild dazu machen.

Der Harvard Book Store wird zur Druckerei

Traditionelle Buchhandlungen tun sich mit der aktuellen Entwicklung rund um Ebooks schwer. Speziell in den USA steigt der Umsatzanteil bei Ebooks rasant. Das geht natürlich auf Kosten der klassischen Buchhandlung. Der Harvard Book Store geht deshalb neue Wege bietet einen Buchdruckservice an. Mehr als 3 Millionen Titel können innerhalb weniger Minuten direkt in der Buchhandlung gedruckt werden. Wie das funktioniert, kann man sich auf You Tube ansehen: Video 1 und Video 2.

Die feinen Unterschiede

[Aufmacher des von mir 1999 herausgegebenen Dossiers Literatur und Internet in Literatur und Kritik Nr. 339/340 (November 1999). Bisher als Notiz nicht verfügbar und deshalb reanimiert.]

Über das Verhältnis von Literatur und Netzliteratur

I.

Neue Medien waren immer schon ein dankbarer Spielplatz für unterbeschäftigte Theoretiker. So ist es nicht verwunderlich, daß sich auch das Internet großer theoretischer Aufmerksamkeit erfreut. Manche Denker prophezeien sogar ein neues Zeitalter, dessen Innovationen kaum einen Bereich des menschlichen Lebens unberührt lassen werden. Wie dieses Zeitalter aussehen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Spannweite jedoch ist groß: Sie reicht von technofaschistoider Euphorie bis zu kulturpessimistischen Geisteshaltungen. Spiegelbildlich wiederholt sich diese Debatte in diversen (sub)kulturellen Nischen des Internet, von denen eine die der Netzliteratur ist: Begeisterte Anhänger der neuen ästhetischen Möglichkeiten stehen jenen gegenüber, die den Untergang der Literatur prognostizieren. Bevor man solche weitreichenden Spekulationen anstellt, sollte aber erst einmal geklärt werden, ob und inwiefern sich Netzliteratur von „normaler“ Literatur unterscheidet. Dieser Frage sind die folgenden Überlegungen gewidmet.

Auffallend viele ästhetische Überlegungen, die sich mit Kunst und Literatur im Internet beschäftigen, greifen auf postmoderne Theoriekonzepte zurück. Poststrukturalistische Denker sehen im Cyberspace ihre abstrakten Begriffe Wirklichkeit werden und befassen sich ausführlich mit „rhizomatischen“ virtuellen Strukturen. Aus postmoderner Perspektive nähert sich auch Walter Grond in seinem jüngsten Buch, Der Erzähler und der Cyberspace (1), diesem Thema. Auf 160 Seiten läßt er kaum etwas aus, was in den letzten 25 Jahren zur theoretischen Avantgarde gezählt worden ist (Dekonstruktion, Postkolonialismus, Popkultur, Foucault, Cyberpunk …). Viele seiner Thesen sind jedoch wenig überzeugend, beispielsweise wenn er behauptet, daß der Cyberspace einen revolutionären Kulturwandel bezeichnet, „indem die Netzwerke die Wahrheit in Bruchstücke zerlegen“ (S. 33). Der Wahrheitsbegriff an sich ist mit einer postmodernen Erkenntnistheorie unvereinbar, weil man etwas, dessen Existenz man grundsätzlich bestreitet, schwerlich in Bruchstücke zerlegen kann. Von einer absoluten Wahrheit ist in der Philosophie und sogar in großen Teilen der Naturwissenschaft seit vielen Jahrzehnten kaum mehr die Rede: der revolutionäre Pathos läuft deshalb ins Leere. Die Stichhaltigkeit von Gronds literaturtheoretischen Überlegungen läßt sich ebenfalls bezweifeln, etwa wenn er den „Hypertext“ mit Hilfe der schillernden Schrifttheorie Derridas erläutern will: „Einen ersten Text, der die Welt begründet hätte, gibt es nicht; der Ursprung ist leer. Das Buch und mit ihm die Welt, die alle anderen Bücher – und Welten – enthält und zugleich Offenbarung ist, bleibt ein Gerücht. Es gibt also keinen Ausweg aus den Texten. Sie sind bodenlos und notwendig […]“ (S. 93). Selbst wenn man die tiefsinnige Frage offen läßt, warum die Welt partout durch einen Text begründet werden soll, ist der Schluß von „Es gibt keinen ersten Text“ zu „Es gibt keinen Ausweg aus den Texten“ logisch nicht nachvollziehbar. Trotzdem entspricht diese Texttheorie „als Rahmen durchaus dem Hypertext; das elektronische Buch ist aber nicht nur von endloser Länge, sondern hat auch Seiten, die endlos ineinander verschachtelt sind.“ (S. 93) Letzteres ist empirisch widerlegbar, selbstverständlich gibt es viele Hypertexte, die von endlicher Länge und nicht endlos verschachtelt sind.

Die mangelnde Überzeugungskraft von Gronds Analysen (2) hängt eng mit seinen metatheoretischen Vorstellungen zusammen. Seiner Auffassung nach kann in einer computergestützten Umgebung keine totale Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Dichtung mehr gefunden werden. Ließe sich eine solche Antwort aber in einer computerfreien Umgebung finden? Grond meint vermutlich, daß Netzliteratur einen zu hohen Komplexitätsgrad erreicht habe, als daß man noch eine plausible Literaturtheorie entwerfen könne. Dagegen kann man aber einerseits einwenden, daß es „analoge“ Werke wie Joyces Finnegans Wake gibt, die komplexer sind als fast alle Werke der Netzliteratur. Andererseits liegt diesem Gedankengang eine Verwechslung von Objekt- und Metaebene zugrunde. Ein vieldeutiger, komplexer Gegenstandsbereich schließt eindeutige theoretische Aussagen über ihn keineswegs aus.

II.

Wenn postmoderne ästhetische Konzepte nur wenig Konkretes zum Verständnis von Netzliteratur beitragen können, gilt es nach Alternativen Ausschau zu halten. Im folgenden soll deshalb der Versuch unternommen werden, aus der Perspektive der analytischen Ästhetik den Unterschied zwischen „traditioneller“ Literatur und ihren virtuellen Nachfolgern zu eruieren. Werke der Netzliteratur müssen die neuen ästhetischen Möglichkeiten des Mediums nutzen, ansonsten spricht man besser von Literatur im Netz, die beispielsweise im Internet abrufbare Klassiker umfaßt.

Ein literarisches Werk läßt sich auf der abstraktesten ästhetischen Ebene als ästhetischer Gegenstand analysieren, wobei mit „Gegenstand“ die allgemeinste ontologische Kategorie gemeint ist. Das gilt sowohl für alle klassischen Werke der Weltliteratur als auch für die meisten modernen Publikationen, wenn man einige avantgardistische Konzepte aus heuristischen Gründen ausklammert. Für das philosophische Verständnis von Kunstwerken hat es sich als hilfreich erwiesen, das Werk als abstrakte Entität (type) von seinen jeweiligen materiellen Manifestationen (token) zu unterscheiden. Nach dieser Terminologie ist beispielsweise die achte Symphonie von Schostakowitsch als solche ein type, während es sich bei den im Umlauf befindlichen Partituren jeweils um ein token handelt. Auch für die Literatur ist diese Unterscheidung theoretisch bedeutsam, denn sonst gäbe es ein literarisches Werk nicht nur einmal, sondern mehrfach, also nicht nur einen Hamlet, sondern unzählige „Hamlets“, weil es unzählige Bücher mit Hamlet gibt: offenkundig eine unsinnige Annahme. Um Literatur nun von anderen Kunstformen zu unterscheiden, nehmen die meisten Literaturtheorien noch das Prädikat „sprachlich“ hinzu. Außerdem werden komplexe Strukturen postuliert, die auf den verschiedensten Ebenen interagieren. Ein literarisches Werk wäre demnach ein komplex strukturierter sprachlicher ästhetischer Gegenstand.

Untersucht man Netzliteratur nach dem selben Prinzip, stellt man schnell fest, daß der Unterschied zur „normalen“ Literatur auf dieser theoretischen Ebene nur minimal ist, handelt es sich doch ebenfalls um einen ästhetischen Gegenstand, der komplex strukturiert ist. Die „Partitur“ dieser Struktur ist nun aber kein Buch: Das Papier als materielles wird durch ein digitales Trägermedium ersetzt. Dies bringt vielfältige Konsequenzen für Produktion, Rezeption und Vermittlung mit sich. Festzuhalten ist aber an dieser Stelle, das Literatur und Netzliteratur ästhetisch mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als gemeinhin angenommen wird. Die oft zu vernehmende pathetische Abgrenzungsrhetorik ist deshalb auf beiden Seiten unangebracht. Statt ästhetische Fronten zu errichten, die desto brüchiger werden, je abstrakter die ästhetische Analyseebene ist, sollte man Gemeinsamkeiten und Unterschiede leidenschaftslos untersuchen.

Die Kardinalfrage bezüglich der Abgrenzung zwischen Netzliteratur und ihrem analogen Vorläufer betrifft die Sprachlichkeit. Soll man das Prädikat „sprachlich“ zur ästhetischen Begriffsbestimmung hinzunehmen? Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar zu sein: Virtuelle Werke greifen oft auf nicht-sprachliche Elemente zurück – das Schlagwort lautet „Multimedia“ -, eine Einschränkung auf den sprachlichen Bereich erscheint unangebracht. Verzichtet man jedoch auf diese Charakterisierung, besteht die Gefahr, daß der Begriff Netzliteratur die Trennschärfe verliert, die theoretisch notwendig ist, um semantische Beliebigkeit zu vermeiden. Wieso dann überhaupt noch von „Literatur“ reden, und nicht gleich von Netzkunst? „Literatur“ wäre bestenfalls eine vage Metapher, und es stünde der Verdacht im Raum, das kulturelle Prestige der Literatur solle für literaturfremde Anliegen zweckentfremdet werden. Deshalb ist es sinnvoll, zumindest in einer modifizierten Form an Sprachlichkeit als Kriterium für Netzliteratur festzuhalten, wobei Audioelemente eingeschlossen sind. Ein Werk der Netzliteratur wäre demnach ein komplex strukturierter überwiegend sprachlicher ästhetischer Gegenstand.

III.

Wenn es für die ästhetische Konzeption unerheblich wäre, ob und inwiefern ein Werk sprachlich ist, führte das schnell zu literaturfernen Vorstellungen. Daß es sich dabei um keine spekulativen Annahmen handelt, zeigt ein vielbeachtetes Buch von Janet H. Murray, die am Massachusetts Institute of Technology ein Projekt über „Advanced Interactive Narrative Technology“ geleitet hat. Unter dem Titel Hamlet on the Holodeck. The Future of Narrative in Cyberspace (3) entwirft sie ein virtuelles Zukunftsszenario, in dem Literatur nur noch eine marginale Rolle spielt. Ihrer Auffassung nach wird nämlich nicht der Hypertext (in welcher konkreten Ausformung auch immer) das narrative Element des neuen Mediums beherrschen, sondern Simulationen. Damit meint sie virtuelle Landschaften, in denen der „Leser“ in gewissen Grenzen selbst aktiv werden kann. Man kann sich das als eine Fortentwicklung bestimmter Genres von Computerspielen vorstellen, freilich auf einem wesentlich höheren Niveau. Anstatt vergleichsweise primitive Kampf- oder wenig relevante Rätselaufgaben zu lösen, könnte der „Spieler“ in einem komplex organisierten Handlungsrahmen beispielsweise vor schwierige moralische Entscheidungsprobleme gestellt werden. Das hätte mit Lesen im herkömmlichen Sinn offenbar nicht mehr viel gemein. Als mediale Vergleichsgrößen scheinen in diesem Szenario eher Fernsehen und Kino in Frage zu kommen. Vorläufer dieser neuen Form der Narration sieht Murray konsequenterweise weniger in literarischen Werken der Moderne, sondern in dreidimensionalen Filmprojektionen oder PC-Spielen.

Wer sich nun die Frage stellt, inwieweit dieses Zukunftsszenario ästhetisch an die Literatur anknüpfen kann, wird in dem ausführlichen zweiten Teil des Buches, The Aesthetics of the Medium, keine befriedigenden Antworten finden. Die drei Schlüsselbegriffe lauten nämlich Eintauchen (Immersion), Interaktivität (Agency) und Transformation (Transformation). Aber schon das erste dieser drei Kriterien für erfolgreiches „Erzählen“ mutet aus dem Blickwinkel der literarischen Ästhetik vormodern an: Das Eintauchen-Können in eine fiktive Welt mag überlebenswichtig für Produkte der Unterhaltungsindustrie sein, sagt aber sicher nichts über die Qualität von Literatur aus. Das gilt auch für das interaktive Element, welches zwar häufig eine wichtige Eigenschaft von Netzliteratur ist, aber nicht notwendigerweise eine ästhetische. Mit „Transformation“ bezeichnet Murray eine Vielzahl von unterschiedlichen Phänomenen, beispielsweise die Möglichkeit, in virtuellen Welten verschiedene Rollen anzunehmen oder verschiedene Handlungsvarianten durchzuspielen. Ist man mit diesen „ästhetischen“ Grundlagen vertraut, wird man nicht mehr davon überrascht, daß die Autorin die Zukunft des digitalen Erzählens in einer Synthese von virtueller Simulation und dem Fernsehen sieht: „The more closely the new home digital medium is wedded to television, the more likely it will be that its major form of storytelling will be the serial drama.“ (S. 254) Schlüsselbegriffe sind hier „web soap“, „hyperserial“ und „cyberdrama“.

Sollte Murray mit ihren breit rezipierten Prognosen recht behalten, dann würde zwar eine neue Ära des elektronischen Entertainments eingeleitet, aber sicher keine neue Kunstform entstehen. Angesichts dieser Aussichten ist es nötig, am spezifisch Literarischen der Netzliteratur festzuhalten. Ein notwendiges Merkmal des Literarischen ist das Sprachliche, weshalb die Forderung berechtigt ist, von einem Werk der Netzliteratur nur dann zu sprechen, wenn es überwiegend sprachlich ist. Für alle anderen Kunstwerke im Netz bietet sich Netzkunst als Bezeichnung an.

IV.

Eine akzeptable Begriffsexplikation von ‚Netzliteratur‘ muß selbstverständlich noch um weitere Merkmale ergänzt werden: Ein Werk im Internet gehört genau dann zur Klasse der Netzliteratur, wenn es sich um einen überwiegend sprachlichen, komplex strukturierten ästhetischen Gegenstand handelt, auf den zusätzlich eines der folgenden Merkmale zutrifft: Er ist hypertextuell oder multimedial oder interaktiv.

[1] Walter Grond: Der Erzähler und der Cyberspace. Haymon Verlag, Innsbruck 199, 160 Seiten.

[2] Selbst Anhänger der Popkultur konnte er nicht von seinen Thesen überzeugen, wie man in der Rezension seines Buches nachlesen kann, die im Szenemagazin Testcard (Nr. 7; S. 270/271) erschienen ist.

[3] Janet M. Murray: Hamlet on the Holodeck. The Future of the Narrative in Cyberspace. MIT Press, Cambridge 1997, 324 Seiten.

Wer kauft Ebooks?

In der FAZ war ein aufschlussreicher Artikel Artikel zum Thema Buchhandel & Ebooks. Dem nach wäre ich der klassische Ebook-Leser:

Seit dem letzten Weihnachtsgeschäft, als Lesegeräte für elektronische Bücher (E-Reader) zu den beliebtesten Geschenken gehörten, spürt der Buchhandel einen starken Trend zum elektronischen Buch.

Dabei droht der Buchhandel durch diese Entwicklung gerade seine treuesten Kunden zu verlieren. In der gleichen Studie befragte die GfK 25.000 Verbraucher nach ihrem Nutzungsverhalten. Dabei zeigte sich, dass das elektronische Buch kaum neue Leser generiert, sondern dass ausgerechnet Vielleser vom Buch zum Lesegerät wechseln. Der durchschnittliche Käufer elektronischer Bücher ist entgegen landläufiger Erwartung auch nicht der junge Technikfreak, sondern der männliche Leser jenseits der 40 Jahre. Als Hauptgrund (96 Prozent) für ihren Wechsel zum elektronischen Buch gaben dessen Leser an, keinen Platz mehr für physische Bücher zu haben. Ein zweiter Grund war der niedrigere Preis für elektronische Bücher und der dritte Grund ist die Umweltfreundlichkeit (kein Papier) des elektronischen Buches.

E-Book-Reader-Zahlen und Bestseller-Politik

In der aktuellen Ausgabe des The Economist sind zwei interessante Artikel zu Buchthemen zu lesen. Der Erste beschäftigt sich mit der neuen Alliance zwischen Barnes & Noble und Microsoft an der Ebook-Front. Ebenso aufschlussreich ist die Marktverteilung in den USA. Im letzten Quartal 2011 wurden dort bereits 7 Millionen Reader verkauft, darunter 75,1% Kindles und nur 0,8% Geräte von Sony.

Artikel Nr. 2 widmet sich dem aktuellen Gepflogenheit auf dem Bestseller-Markt. Die größte Veränderung sei hier, dass Bestseller inzwischen sehr oft von den Lesern, nicht mehr von den Verlagen gemacht werden:

The bestseller lists of the 1980s and 1990s were dominated by brand names such as Stephen King and Danielle Steel. Industry mergers and bookstore monoliths made hype easy.

But now readers can go online to berate overhyped books that fail to thrill. “It’s a lot harder for a publisher to sustain an illusion of a big new success,” Mr Rickett observes. And thanks to social media, word of mouth spreads faster than ever before, giving unknown writers a better shot. Today, a bestseller must usually appeal either to young people (who use social media a lot) or women (who dominate reading groups).

Die Österreichische Nationalbibliothek und Google

Die Österreichische Nationalbibliothek lässt von Google 600.000 Bücher digitalisieren. Max Kaiser beschreibt das Projekt in Liber Quarterly unter dem Titel Putting 600,000 Books Online (PDF).

Kindle-Linksammlung

Unter dem Titel The 30 Most Useful Kindle URLs trug das Blog Beyond Black Friday eine nützliche Linksammlung zusammen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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