Donizetti

Donizetti: Don Pasquale

Staatsoper 14.6. 27

Dirigent: Speranza Scappucci
Regie: Irina Brook
Don Pasquale: Michele Pertusi
Ernesto: Antonino Siragusa
Malatesta: Gabriel Bermúdez
Norina: Danielle de Niese
Notar: Mihail Dogotari

Die Oper fällt ins komische Fach. Obwohl das Libretto einige feministische Tendenzen aufweist, weil eine kluge junge Frau dem notgeilen alten Don Pasquale seine patriarchalischen Grenzen aufzeigt, ist mir der Stoff insgesamt zu albern. Speziell, wenn man das Stück (vielleicht etwas unfair) mit Figaros Hochzeit vergleicht. An dem schauspielerischen Talent des Michele Pertusi liegt es auch nicht, der legt nämlich eine durchaus komische Performance an den Tag und kassiert immer wieder Lacher.
Musikalisch wird wenigstens meisterhaftes Belcanto geboten. Mir persönlich ist die Stimme des Antonino Siragusa etwas zu „metallisch“, weshalb sie auch nicht optimal mit der von Pertusi harmonierte. Das Wiener Staatsopernorchester ist passabel in Form, und es ist immer noch eine positive Überraschung, wenn einmal eine Dirigentin ans Pult tritt.

Donizetti: Lucia di Lammermoor

Staatsoper 15.5.
Dirigent: Paolo Arrivabeni
Regie: Boleslaw Barlog
Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo
Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy

Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und „Lucia di Lammermoor“ bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen.

Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim „Fliegenden Holländer“. Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert.

Donizetti: La Favorite

Wiener Staatsoper 1.2.
Regie: John Dew
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Léonor de Guzman: Luciana D’Intino
Fernand: José Bros
Alphonse XI: Eijiro Kai
Balthazar: Ain Anger

Die französische Urfassung dieser Oper wird selten gegeben, lange wurde vor allem die italienische Version des Stücks aufgeführt. Der Stoff war zur Entstehungszeit heikel: Ein Mönch verlässt aus Liebe das Kloster, nicht wissend dass die Auserwählte die Favoritin seines Königs ist. Enttäuscht kehrt er am Ende ins Kloster zurück, wo es zur großen Versöhnung kommt.

Musikalisch wird hier vorzügliches Belcanto geboten, was auch für diese Aufführung gilt. Ein harmonisches Ensemble lieferte eine gute Leistung ab. Die Inszenierung läßt sich mit zurückhaltend modern beschreiben. Durchaus empfehlenswert.

Donizetti: Roberto Devereux

Staatsoper 16.9.
Regie: Silviu Purcarete
Musikalische Leitung: Friedrich Haider
Elisabetta I., Königin von England: Edita Gruberova
Duca di Nottingham, Herzog von Nottingham: Roberto Frontali
Sara, seine Frau: Sonia Ganassi
Roberto Devereux, Graf von Essex; Joseph Calleja

Seit einigen Jahren arbeite ich mich in Sachen Opernrepertoire von sogenannten „schweren“ Stücken (Wagner, Richard Strauss, viel 20. Jahrhundert) zum italienischen Belcanto vor. Eine ausführliche Beschäftigung mit Verdi panierte den ästhetischen Weg zu „kulinarischeren“ Belcanto-Opern.

Ein musikalisch besonders gelungenes Exemplar dieser Gattung ist „Roberto Devereux“, weniger bekannt als etwa „Lucia di Lammermoor“, aber durchaus ebenbürtig (wenn nicht überlegen). Freunde delikater Melodien und italienischer Opernkunst kommen hier voll auf ihre Kosten.

Speziell wenn die Besetzung so vorzüglich ist, wie in dieser Aufführung. Es gab vokal keine einzige Schwachstelle. Edita Gruberova überzeugte auch schauspielerisch in der artifiziellen Anlage ihrer Figur.

Die Handlung braucht hier nicht nach erzählt werden und besteht im wesentlichen aus einer Klatschgeschichte aus dem britischen Königshaus. Die Inszenierung war dem Stück nicht gewachsen. Sie setzte keine Akzente, störte aber immerhin die Darbietung nicht. In Summe ein höchst erfreulicher Abend.

The House of Mirth

Donizetti: Lucia di Lammermoor
(Deutsche Grammophon 1993)
London Symphony Orchestra / Ion Marin / Cheryl Studer / Placido Domingo

Filmcasino 28.10.
Regie: Terence Davies

Eine Oper und ein Film? Die beiden haben wenig Gemeinsames und waren doch der Anlass für ein paar allgemeine Gedanken über Ästhetik, genauer über die künstlerische Darstellung von starken Gefühlen. Im Film melodramatische Momente hervorzurufen ist nicht schwer, spezielle Kunstmittel werden dazu nicht benötigt, die Rezeption diverser Leidenschaften setzt keine besondere Vertrautheit mit Kunst voraus.

Anders bei der Oper. Hier wird dem Zuhörer die Kenntnis einer anspruchsvollen Kunstsprache, eines raffinierten ästhetischen Zeichensystems, abverlangt. Fehlt diese Erfahrung, werden auch die aufwühlendsten Opernszenen kühl und verständnislos rezipiert. Der Erregung großer Gefühle steht also eine komplexe Formensprache gegenüber, die im Laufe der Operngeschichte immer weiter verfeinert wurde. Das ist vermutlich die Erklärung dafür, dass ich mit exzessiven Gefühlen in Opern weniger Probleme habe als in Filmen, weil – auch in Autorenfilmen – oft mit ziemlich plumpen Methoden gearbeitet wird, um gewisse Effekte zu erreichen.

Beinah hätte ich es vergessen: Der Film (nach dem Roman von Edith Wharton) konnte mich nicht überzeugen, die zahlreichen Hymnen in der Filmkritik sind schwer nachvollziehbar. Handwerklich solide gemachtes Kostümkino, mehr war nicht zu sehen. Die Interpretation der Oper ist musikalisch solide. Da ich keine Vergleichseinspielungen präsent habe, will ich es bei dieser Feststellung belassen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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