Choderlos des Laclos

Choderlos des Laclos: Gefährliche Liebschaften

Anzügliche Literatur war zur Zeit der französischen Aufklärung nichts Ungewöhnliches, kaum ein Buch erreichte allerdings den Bekanntheitsgrad der Gefährlichen Liebschaften. Das Anzügliche ist bei des Laclos nämlich nur eine Beigabe zu einem beißenden Gesellschaftsporträt der Aristokratie des Ancien Regime. Der Briefroman erschien 1782 anonym und wurde mit erfolgsversprechender Entrüstung aufgenommen. Die 175 Briefe des Romans zeigen als zentrale Figuren hoch intelligente Adlige, welche ihren Intellekt ausschließlich zu zwei Zwecken einsetzen: Maximierung ihres Sexuallebens und dem Schaden ihrer Mitmenschen. Diesen amoralische Zynismus setzt Laclos höchst spektakulär ins Werk: Da werden ebenso Mädchen vergewaltigt und hörig gemacht wie die Karrieren Pariser Offiziere durch erotische Fallen ruiniert. Wenn man an die New Yorker Abenteuer des Dominique Strauss-Kahn denkt, scheinen die Franzosen ja immer noch eine Vorliebe für derartige Geschichten zu haben.

Die beiden Schurken des Romans sind die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont. Beide tauschen sich in ihrer Korrespondenz in erfrischender Offenheit über ihre erotischen und intriganten Heldentaten aus. Die Marquise hat es durch intelligente Schauspielkunst erreicht, dass sie der Pariser Gesellschaft als tugendhafte Witwe gilt, während sie im Hintergrund als eine Art weiblicher Don Giovanni reüssiert. In diese Schublade passt auch der Vicomte, dem wir gerne einen Leporello als Assistent in Sachen Damenbuchhaltung zur Seite stellten. Traut man der sehr gut lesbaren neuen Übersetzung des Wolfgang Tschöke werden diese Taten in klassischem Hochfranzösisch beschrieben, was natürlich einen hübschen Kontrast zum Inhalt bildet.

Am besten sind die Briefe der beiden Hauptfiguren zu lesen. Es sind selbstverständliche auch jene Schreiben vom fiktiven Herausgeber abgedruckt, welche die Intrigen weitertreiben. Beim x.ten Liebesbrief des Vicomte an die Tugendapostelin de Tourvel kann sich allerdings Ermüdung einstellen. Aber Überblättern ist ja immer erlaubt.

Gefährliche Liebschaften wirft ein kaltes Licht auf adelige Moral und ist als Roman viel komplexer als es den ersten Anschein hat. Misanthropen werden seinen Zynismus schätzen, Mentalitätshistoriker das Fehlen jeglicher Moral und Fortschrittsfreunde finden viele Gründe für die Französische Revolution. Aber so ist das nun mal bei Klassikern.

Pierre-Ambroise-Francois Choderlos des Laclos: Gefährliche Liebschaften oder Briefe gesammelt in einer Gesellschaft und veröffentlicht zur Unterweisung einiger anderer (Carl Hanser)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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