Bibel

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Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography

Spätestens seit meiner Israel-Reise fasziniert mich Jerusalem. Keine Stadt der Welt eignet sich besser als Studienobjekt in Sachen Religionssoziologie. Als die New York Times Montefiores monumentale Geschichte der Stadt zu den besten Sachbüchern des letzten Jahres zählte, landete sie sofort auf meinem Lesetisch. Seit Anfang des Jahres las ich immer wieder Abschnitte daraus. Ich schicke vorweg, dass ich aufgrund des Umfangs und der Stofffülle das Buch nicht komplett las. Am meisten interessierte mich die Antike, weshalb ich kein Kapitel über die alttestamentarische Geschichte bis hin zur Zerstörung des Temples im Jahr 70 unserer Zeitrechnung ausließ. Weitere Schwerpunkte meiner Lektüre waren die Kreuzzüge sowie das moderne Jerusalem ab dem ersten Weltkrieg.

Montefiores Buch hat große Stärken und große Schwächen. Zu den Vorzügen zählen nicht nur die furiose Bewältigung einer riesigen Menge an Stoff, sondern vor allem auch sein Schreibstil. Diese Geschichte Jerusalems liest sich wie ein historischer Roman. Er beschreibt das beteiligte Personal lebendig, die Geschichte anschaulich und spart Brutalitäten und Grausamkeiten nicht aus. Wer wissen will, was „Krieg“ oder die „Eroberung einer Stadt“ wirklich bedeutete, dem wird Montefiore mit unglaublichen Details die Augen öffnen. Dieser unakademische Stil ist gleichzeitig aber auch Montefiores größte Schwachstelle. Ich hätte mir an vielen Stellen historische und methodologische Reflexion gewünscht. Zwar gibt es einen riesigen Fußnotenapparat, wo man vieles zu seinen Quellen nachlesen kann. Bei der Lektüre hat man trotzdem oft den Eindruck, dass er unkritisch mit den Quellen umgeht, speziell mit dem Alten Testament und dem Neuen. Er erwähnt natürlich einige Probleme, das aber nur am Rande. Aus akademischer Sicht kann man dem Autor vorwerfen, dass er sehr populistisch und wenig explizit reflektiert schreibt.

Das ändert freilich nichts an seinem großen Verdienst, eine hervorragend lesbare Geschichte einer der wichtigsten Städte der Welt geschrieben zu haben. Wer sich für alte Geschichte, Religion, Israel oder den Nahen Osten interessiert, wird viele Kapitel mit großem Interesse lesen.

Simon Sebag Montefiore: Jerusalem. The Biography (Weidenfeld & Nicolson)

[Deutsche Ausgabe: Jerusalem. Die Biographie]

Das Neue Testament als Twitterlektüre

Wegen der großen Resonanz fasse ich hier meine Lektüre des Neuen Testaments der letzten beiden Tage auf Twitter zusammen:

Heutzutage wären Jesus‘ Jünger übrigens Mitglieder des Bauernverbands.

Zählt man alle Quellen zusammen, gibt es sieben unterschiedliche letzte Worte von Jesus. Abschreiben kann also auch nicht jeder.

Wüßten alle Christen, was jeder Theologe über die Herkunft der Bibel weiß, dann wäre wohl für viele Schluss mit dem Unfug.

Die Hirten verbergen dieses Wissen natürlich vor ihren Schafen. Aus gutem Grund!

Es spricht viel dafür, dass es die ersten organisierten Religionen waren, welche dieses perfide Wissensmanagement erfanden.

„Evangelium“ heißt übersetzt ja „Gute Nachricht“ und kann angesichts der Weltuntergangsprognosen in ihnen nur ironisch gemeint sein.

Jesus hat übrigens aus einem simplen Grund keine Dämonen ausgetrieben: Es gibt keine.

Amüsant im Markus-Evangelium sind die Jünger-Gespräche, wer von ihnen im kommenden Gottesreich am mächtigsten sein wird. Karrieresorgen…

„Augen auf der Berufswahl“ wäre auch damals schon ein guter Ratschlag gewesen!

Judas war ein großer Skeptiker, der Respekt verdient.

Schon bei Jesus hat das mit dem Beten nicht funktioniert. Aber aus Fehlern lernen ist in religiösen Weltbildern nicht vorgesehen.

Dreimal zu Papa Gott gebetet und dreimal den göttlichen Mittelfinger gezeigt bekommen.

Der einzige (!) im ganzen Markus-Evangelium, der Jesus als angeblichen Sohn Gottes erkennt, ist ein dummer und brutaler römischer Soldat.

Ja, favt Euch nur auf direktem Weg in die Hölle! Ich mag mutige Follower!

Bibellesen mit @philoponus ! Die ideale Sonntagsbeschäftigung für Nachwuchs-Heiden!

Das Christentum entstand, weil wenige gut gebildete Hellenen zynisch die Geschichten von ein paar ungebildeten Juden auszunutzen verstanden.

Verglichen mit der Kopierwut der Evangelisten erscheint selbst Ex-Doktor Guttenberg als ehrenwerter Autor.

Der Ghostwriter der Evangelisten wird zwar Q genannt, hat aber nichts mit Star Trek zu tun.

Und das Beste: Die Christen müssen mich alle gern haben! Was aus ihren Tweets allerdings nicht immer sofort erkennbar ist… #Nächstenliebe

Die Moslems wissen sehr gut, warum sie keine Textkritik am Koran zulassen: Ihr heiliges Buch zerbröselte philologisch bibelschnell.

Am besten begabt beim Textbasteln war Matthäus. Zu Beginn gleich die Genealogie gefälscht und die Geburt immer hübsch analog zu Moses.

Jesus Nächstenliebe reichte nicht mal bis zu den Pharisäern, eine der kulturgeschichtlich best gemobbten Gruppen.

Der Nächstenliebe predigende Jesus hasst die Pharisäer, weil sie nicht lebten, was sie predigten. Hochgradig komisch eigentlich.

Im Johannes-Evangelium wird Jesus gar nicht geboren. Konnte sich wohl nicht zwischen den widersprüchlichen Geburtserfindungen entscheiden.

Johannes porträtiert Jesus als Semiotiker: Ein Zeichen jagt das nächste.

Bei Johannes lässt Jesus Lazarus absichtlich sterben, damit er danach mit seiner Auferweckung angeben kann.

Erzählt mir nichts von Kontext. Ich bin ein Hellene, der versehentlich im 20. Jahrhundert geboren wurde.

Jesus zwang seine Jünger ihre Kinder zu verlassen, die deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verhungert sind. Aber er gilt als Kinderfreund.

In der Hölle muss man übrigens eine Ewigkeit lang ohne Unterbrechung Tweets schreiben und hat nur Zeugen Jehovas als Follower.

Bibel: Altes Testament

Diese Notizen schrieb ich in der ersten Hälfte 2006 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Pentateuch

Konkreter Anlass, mir (endlich) die Bibel wieder vorzunehmen, ist einmal mehr die bevorstehende Israel-Reise. Ziel ist es, zumindest die Geschichtsbücher des AT durchzuarbeiten. Was den Pentateuch angeht, handelte es sich teilweise um die dritte Lektüre. Zwei Perspektiven stehen bei meiner Lektüre im Mittelpunkt: die literarische und kultur/religionsgeschichtliche.

Literarisch hat gerade der Pentateuch meiner Meinung nach sehr viel zu bieten.
Bibelwissenschaftler unterscheiden drei verschiedene Quellen für diese fünf Bücher, die im Text auszumachen sind: J, D und P. J ist dabei der “Literat”, der für die meisten “klassischen” Geschichten verantwortlich ist. Gott tritt bei ihm in einer mehr oder weniger personifizierten Form auf, die an andere antike Götter erinnert. Ich halte den Gott des AT überhaupt für eine der brillantesten bösen Figuren der Weltliteratur. Die Kombination der beschrieben Eigenschaften Gottes (Bosheit, Rachsucht, Gehässigkeit, Sadismus, Rechthaberei, Brutalität, Gewissenlosigkeit) wie er sich an vielen Stellen zeigt, läßt viele Bösewichte bei Shakespeare als blutige Anfänger erscheinen. Die einzelnen Episoden sind oft plausibel kombiniert, und die häufige Verwendung von typologischen Szenen (etwa Mann begegnet Frau an Brunnen) geben der Lektüre einen interessanten Rhythmus. Harold Bloom hat übrigens der J Quelle in seinem “The Book of J” ein eigenes Buch gewidmet.

Die Historizität des Pentateuch hält sich in engen Grenzen. Während viele Szenen offenbar mythologischer Natur sind (Paradies etc.) gibt es bisher für die anderen Erzählungen (Stammväter, Exodus etc.) keine plausiblen archäologischen Belege. Immerhin scheinen einige Grundzüge auf einer historischen Basis zu beruhen. So gehen die meisten Fachleute heute davon aus, dass die alten Israeliten aus Mesopotamien nach Palästina eingewandert sind. Das würde zur Reisetätigkeit Abrahams passen.

Kulturgeschichtlich ausgesprochen interessant sind die langen Gesetzespassagen, der Kern der jüdischen Tora. Diese werden der P-Quelle zugeschrieben, wobei “P” hier für Priester steht. Weiß man, dass diese Passagen von Priestern bzw. ihnen nahe stehenden Kreisen geschrieben wurden, stellt man verblüfft fest: Man kann sehr vieles durch deren Eigeninteressen erklären. Wenige Beispiele mögen das erläutern: Die Einrichtung des Tempels, Arbeitsplatz und Wohnung der Gottesarbeiter, muss nicht nur mit den edelsten Materialien ausgestattet werden, sondern auch die gewünschten Kunsthandwerker werden genannt. Die vorgeschriebene Kleidung für Priester wird auf mehreren Seiten beschrieben, auch alles am oberen Ende der Skala der altorientalischen Kleiderordnung. Für Wohnung und Kleidung ist also auf höchstem Niveau gesorgt. Es fehlen noch passende Nahrungsmittel. Für einen ständigen Zufluss von Feinkost sorgen die Opfervorschriften. Wie bei den Griechen werden bevorzugt die weniger genießbaren Teile geopfert, der Rest diente als Verpflegung. Es wird explizit verlangt, dass Schenkel und Brust der Tiere die Priester bekommen. Weite Teile der Gesetze lassen sich also als großes Wohlfühprogramm für die israelische Priesterklasse verstehen. Bei den Ägyptern und Griechen war das nicht viel anders.

Die aktuelle (modifizierte) Lutherübersetzung ist gut lesbar, verschleiert aber oft spachliche Metainformationen, welche das hebräische Original bietet. Das läßt sich gut am Verkauf des Erstgeburtsrecht Esaus an Jakob demonstrieren. Esau verwendet im Dialog ausschließlich “primitive” Vokabeln etwa (wörtlich überzeugt) “rotes Zeug” für das Gericht, während sich Jakob höfisch-juristischer Termini wie “Erstgeburtsrecht” bedient. Das hebräische Original bedient sich also sprachlicher Charaktisierungsmittel, die in den meisten Übersetzungen verloren gehen. (Dieses Beispiel stammt von der Bibelwissenschaftlerin Amy-Jill Levine.)

Buch Josua, Buch der Richter, Buch Rut

Die dieses Wochenende brennenden europäischen Botschaften in Beirut und Damaskus bestärken mich einmal mehr in der Auffassung, dass Religionen als Dummheitskatalysatoren bisher unübertroffen sind. Nachdem das Religionsbedürfnis aber anthropologisch ein solides Fundament aufzuweisen scheint, ist ein Ende dieser Emanationen geistiger Schlichtheit leider nicht absehbar.

Ein Grund mehr, sich adäquat mit religiösen Texten zu beschäftigen. Das kann nur heißen sie kritisch als literarische Werke zu verstehen, die auch einen gewissen historischen Quellenwert besitzen. Letzterer ist im Buch Josua und im Buch der Richter allerdings vergleichsweise bescheiden. Man bekommt einen literarischen Eroberungsmythos präsentieren, der mit den tatsächlichen Ereignissen nur wenige Grundzüge gemein hat. So besteht ein weitgehender Konsens in der Gelehrtenwelt, dass die Israeliten langsam nach Palästina eingewandert sind. Eine heroische Eroberung des Landes gab es nicht, nur eine langsame nomadische Diffusion. Dafür gibt es auch in der Bibel Indizien, etwa wenn nach der angeblichen Eroberung des Landes eine Reihe von Städten aufgezählt werden, die noch in Heidenhand sind. Dass die gut befestigten Städte die eigentlich Machtzentren waren, versteht sich von selbst. Archäologische Untersuchungen ergaben, dass Jericho zum Zeitpunkt der angeblichen Einnahme bereits lange Zeit unbewohnt war. Die zweite Eroberungsgeschichte betrifft Ai. Der Name läßt sich frei mit “Ruinenstadt” übersetzen.

Selbstverständlich hält Josua die Gesetze des Heiligen Krieges ein, und läßt jeweils die gesamte Bevölkerung im Auftrag Gottes niedermetzeln. Das Buch Josua wird übrigens wie die folgenden dem Deuteronomisten (Quelle D) zugeschrieben, der die Geschichte Israels nach 586 v.u.Z rekonstruiert habe.

Im Buch der Richter wird dieser mythologischer Eroberungsfeldzug fortgeführt. “Richter” waren militärische Führer, die zum Teil in rascher Abfolge wechselten. Am bekanntesten wohl Simson, dessen seltsam unkluges Verhalten man beinahe als Satire auf andere Heldengeschichte lesen könnte. Gegen Ende findet man eine der brutalsten Stellen des Alten Testaments. Es mag manchen überraschen, aber in dieser heiligen Schrift werden Frauenleichen zerstückelt und per antiker Post verschickt:

Als er nun heimkam, nahm er ein Messer, faßte seine Nebenfrau und zerstückelte sie Glied für Glied in zwölf Stücke und sandte sie in das ganze Gebiet Israels.
[Richter, 19,29]

Es sei ergänzt, dass ein wesentliches Motiv dieses Buches darin besteht, das vormonarchische Chaos des Landes zu beschreiben. Damit wird rhetorisch der Grundstein für die entstehende Monarchie gelegt.

Bücher Samuel

Traditionell nahm man an, die Bücher Samuel wurden von Samuel selbst geschrieben. Diese Verwechslung von genitivus objectivus und subjectivus konnte man bereits beim Pentateuch beobachten “Bücher Mose” kann ebenso “Bücher über Mose” als “Bücher von Mose” bedeuten. In Zeiten vor der Bibelkritik wurde letzte Bedeutung als Selbstverständlichkeit angesehen.

Die philologische Lage ist bei diesen beiden Schriften leider nicht so eindeutig wie bei anderen des AT. Die diversen Widersprüche deuten auf einen langen und komplexen Entstehungsprozess hin. Als Beispiel möge dienen, dass die Monarchie sowohl gelobt als auch kritisiert wird. Samuels Kritik ist zitierenswert:

Eure Söhne wird er nehmen für seine Wagen und seine Gespanne, und daß sie vor seinem Wagen her laufen […] Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird der den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben […]
[1Sam 8,11ff.]

Das spiegelt das seit Jahrtausenden im Nahen Osten herrschende Misstrauen der unabhängigen Nomadenstämme gegen feste staatliche Strukturen. Kein Hindernis für Samuel allerdings, kurz darauf Saul zum ersten israelischen König zu salben, “der war ein junger schöner Mann, und es war niemand unter den Israeliten so schön wie er, eines Hauptes länger als alles Volk.” [1Sam 9,2] Eine weitere Qualifikation wird nicht genannt. Es folgen die üblichen heroischen Eroberungen.

Nun tritt eine weitere prominente literarische Figur auf: David. Als Samuel auf Anordnung Gottes die Söhne des Isai aus Bethlehem zur Musterung antreten läßt, muss der kleine David erst vom Schafehüten geholt werden. Wir wissen ja seit Kain und Abel, dass Gott eine Schwäche für nomadischen Lebenswandel hat. David wird als Belohnung für seine Siege über die Philister (der heimtückische “Sniper”-Mord an Goliath!) am Hof Sauls aufgenommen. Aufgrund der irrationalen Eifersüchteleien des Königs bricht ein Konflikt zwischen den beiden aus. David soll mehrmals ermordet werden und schenkt dafür als “Belohnung” mehrmals Saul sein Leben.

Im zweiten Buch Samuel erobert David als König Jerusalem und läßt die Bundeslade dorthin bringen, womit diese Stadt zum ersten Mal als Zentrum der jüdischen Religion beschrieben wird. Nach den ersten Schlachten, scheint David kurzfristig das Interesse für diese Beschäftigung zu verlieren, was sich so liest:

Und als das Jahr um war, zur Zeit, da die Könige ins Feld zu ziehen pflegen, sandte Joab und seine Männer mit ihm und ganz Israel, damit sie das Land der Ammoniter verheerten und Raaba belagerten. David blieb in Jerusalem. [2Sam 11,1ff.]

Damit nicht genug. Nicht nur, dass er als König in Jerusalem bleibt, wo es doch seine Berufsobliegenheit wäre, um diese Jahreszeit wie alle tüchtigen Monarchen ins Feld zu ziehen. Er verbringt seine Zeit statt dessen im Bett mit Batseba, was ihm anscheinend so gut gefällt, dass er ihren Ehemann elegant auf den Schlachtfeld ermorden läßt. Selbstverständlich gibt es eine Art moralisches “happy end”: Nach einer literarischen Strafpredigt seines Propheten Nathan wird anständig bereut.

Buch der Könige

Das erste Buch der Könige enthält einige der berühmtesten Geschichten der Bibel: Den Werdegang des Königs Salomo (samt Weisheit und Urteil), den Bau des ersten Tempels, den Besuch der Königin von Saba. Gegen Ende schließlich hat Prophet Elia seinen Auftritt.

Die Bibelforschung zählt die Königsbücher ebenfalls zum deuteronomistischen Geschichtswerk und nimmt eine redaktionelle Bearbeitung des Textes während der Exilzeit an, speziell in Hinblick auf die Prophetenerzählungen. Das „Editionsprinzip“ ist dasselbe wie bei den vorherigen Büchern. Ziel ist die Führung eines theologischen „Beweises“, nämlich dass das Fehlverhalten des jüdischen Volkes zu den einschlägigen späteren Katastrophen führte. Diese Intention sollte man bei der Lektüre stets im Hinterkopf behalten: eine historische „objektive“ Darstellung ist weder intendiert noch nach damaligen Maßstäben überhaupt ein intellektueller Wert.

Besonders hübsch im ersten Buch ist der religiöse Wettkampf zwischen Elia und knapp tausend Propheten des Baal und der Aschera. Elia ist der Initiator und möchte einen Gottesbeweis antreten. Man versammelt sich auf dem Berg Karmel und bereitet zwei Opfer mit jungen Stieren vor. Kunstgerecht werden die Tiere zerlegt und auf geschlichtetes Holz gelegt. Die Spielregeln:

Und ruft ihr den Namen eures Gottes an, aber ich will den Namen des Herrn anrufen. Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott.
[1. Kön 18,24]

Die Propheten rufen nun Baal an. Sie beten und beten und beten, und fügen sich in religiöser Verzückung Wunden zu. Nichts geschieht. Elia fängt an, sich in bester Manier über sie lustig zu machen: Vielleicht schlafe ihr Gott gerade oder er sei beschäftigt? Man braucht kein Bibelkenner zu sein, um das Ergebnis zu erraten: kein Feuer. Nun kommt des Elias große Stunde. Das Opfer wird noch mit zwölf Eimer Wasser begossen. Ein Gebet an den richtigen Gott und „da fiel das Feuer des Herrn herab“.

Interessant finde ich bei derartigen Geschichten immer, dass versucht wird, mit rationalen Methoden Irrationales zu rechtfertigen. Es handelt sich ja um ein handfestes empirisches Experiment. Geistesgeschichtlich spannend wird es, bedenkt man die Geschichte des wissenschaftlichen Experiments. Anstalten, welche diese Bezeichnung verdienen, gab es in der Antike eigentlich erst bei den alexandrinischen Naturphilosophen. Die klassischen Griechen führten keine Experimente durch. Es könnte also sein, dass diese Art von „Gedankenexperimenten“ wie hier im Alten Testament den realen Experimenten vorausgingen. Es lohnte sich zweifellos, dem einmal näher nachzugehen.

Ohne auf das zweite Buch Könige noch ausführlich einzugehen, will ich eine ebenso aparte wie lehrreiche Episode nicht verschweigen, nämlich die Kinderliebe des Elisa (dem Nachfolger des Elia). Als er einmal nach Bethel spazierte wurde er von vielen kleinen Knaben als „Kahlkopf“ verspottet. Das kann man sich als Prophet naturgemäß nicht gefallen lassen:

Und er wandte sich um,und als er sie sah, verfluchte er sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerissen zweiundvierzig von den Kindern.
[2. Kön 2, 24]

Da hat wohl einer der Herren Redakteure aus der Exilzeit seine eigenen Spotterlebnisse kreativ verarbeitet.

Antikes Autorenkollektiv: Bibel (Modifizierte Lutherübersetzung)

Neues aus dem Qumran Wadi

Ein dänischer Archäochemiker (das gibt es wirklich) hat anscheinend eine Methode gefunden, die berühmten Schriftrollen genauer zu datieren. Das berichtet Politiken. Die Archäologie ist das Feld, wo Natur- und Geisteswissenschaften derzeit am engsten zusammenarbeiten. Es findet sich dort auch ein Link zu einem zwölfminütigen Audio-Interview zum Thema.

Bart Ehrman: Jesus Interrupted

Wer Fakten über das Neue Testament oder das Frühchristentum wissen will, ist mit Bart Ehrman bestens aufgehoben. Das zeigte Misquoting Jesus und bestätigt auch sein neues Buch. Es richtet sich in erster Linie an seine amerikanischen Landsleute deren Religiösität bekanntlich indirekt proportional zu Ihrem Wissen über religiöse Angelegenheiten ist. Mit „Jesus Interrupted“ will Ehrman Aufklärungsarbeit leisten. Er beschreibt pointiert die Erkenntnisse der historischen Bibelforschung und vernachlässigt dabei nicht die Geschichte des Frühchristentums. Wer sich bereits mit der Materie beschäftigt hat, wird allerdings nichts Neues erfahren.

Schwerpunkt der Darstellung sind die gerne übersehenen zahlreichen Widersprüche im Neuen Testament und der Unmöglichkeit, den meisten von ihnen mit Hilfe hermeneutischer Verrenkungen beizukommen. Wie alle Bücher von Bart Ehrman ist auch dieses sehr empfehlenswert.

Sehe eben, dass es inzwischen wenigstens eines seiner Bücher auf Deutsch gibt: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist .

Bart Ehrman: Jesus Interrupted. Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them)

Biblische Werte

There is not one word in the Bible in praise of intelligence.

Bertrand Russell

Empfehlungen: Bart Ehrman

Ehrman schreibt exzellente Bücher über Religionsgeschichte. Er informiert ohne religiöse Voreingenommenheit über aktuelle Erkenntnisse der Bibelforschung und zeigte bereits in mehreren Büchern – angesichts der textlichen Überlieferungsgeschichte – die Naivität derjenigen auf, welche die Bibel für bare Münze nehmen.

Nun gibt es ein neues Buch von ihm, Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them).

Meine Notiz zum letzten Buch von Ehrman findet sich hier.

Israel, Ende Februar – Ein Kulturbrief [2006]

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine „pleasant“, sondern „a safe journey“. Willkommen im Nahen Osten.

Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.

Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel „The Olive Tree“ liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein „Welcome in Jerusalem“ zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.

Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.

Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.

Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.

Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das „Christian Information Center“ beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie „Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt“ (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt. Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.

Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte. An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.

An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus‘ ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.

Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).

An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.

Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen.

Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.

[Literatur und Kritik Mai 2006; © Christian Köllerer]

Bart Ehrman: Misquoting Jesus

Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch „las“. Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Great Courses bekannt.

Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind.

Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen.

Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält.
Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele.

Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden…

Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden.

Bart Ehrman: Misquoting Jesus. The Story Behind Who Changed the Bible and Why

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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